von Kirsten Kumschlies

Boudewijn, genannt Bou, trauert in einem 'Nicht-Tagebuch' um seine verstorbene Mutter. Ein glanzvoller innerer Monolog eines verzweifelten Jungen, der nicht zerbricht, sondern am Ende wieder aufsteht. Erna Sassen ist ein jugendliterarischer Text gelungen, der zutiefst berührt.

Sassen, Erna: Das hier ist kein Tagebuch.
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2015.
179 Seiten. 17,90 €.
ISBN 978-3-7725-2861-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

6. März: "WARUM MUSSTEST DU DICH UNBEDINGT UMBRINGEN? DUMME, EGOISTISCHE KUH!" (S. 81), 7. März: "Müde Müde Müde Nichts gemacht Nicht an dem Ultimatum gearbeitet" (S. 82) – Auszüge aus Boudewijns Tagebuch: Nein, nein, dies ist kein Tagebuch, das betont der Ich-Erzähler Bou deutlich von Anfang an. Sein Vater hat dem depressiven Jungen aufgetragen, zu schreiben. Eigentlich will Bou nicht schreiben, eigentlich will Bou überhaupt nichts mehr. Seine Depression und Verzweiflung kommen mit fünf Jahren Verspätung. Da hat sich die manisch-depressive Mutter umgebracht – ein wahnsinniger Schock, den der damals Zwölfjährige zunächst gar nicht an sich heranlassen konnte und wollte. Gerade die Wut über den Selbstmord der Mutter scheint ihn zu lähmen. Er ist voller Ängste und schläft nachts im Bett seiner neun Jahre jüngeren Schwester, die Fussel genannt wird, um nicht alleine sein zu müssen. Im Rückblick berichtet Bou von den Ereignissen seit der Krankheit und dem Tod der Mutter, von seiner Familie, Tante Marjan, die für alle kocht, der Verzweiflung des Vaters, von der Beerdigung und seinem Leben danach, in dem er Pauline kennenlernte – seine erste Liebe. Pauline hat immer Verständnis für ihn, aber Bou kann sich nicht öffnen. Als Pauline den Wunsch andeutet, Sex mit ihm haben zu wollen, beendet der Protagonist die Beziehung und zerbricht daran beinahe. Die Trennung ist der Auslöser für Bous Zusammenbruch. Erst jetzt kann er sich langsam dem Schmerz und der Trauer öffnen – und benutzt das Tagebuch als Reflexionsmedium und Verarbeitungshilfe. Eine ähnliche Funktion übernehmen Musikstücke: Neben dem Tagebuch hat der Vater ihm Stücke von Sting, Giovanni Battista Pergolosi, Sergei Wassiljewitsch Rachmaninow und Arvo Pärt gegeben. So hört Bou Musik und schreibt – schreibt sich frei, kämpft mit seinen Gefühlen, Wut, Trauer und Verlust, bis er es schließlich schafft, Pauline einen Brief zu schreiben und in die Beziehung zu gehen. Auf der letzten Seite hält er fest: "War eigentlich gar keine so schlechte Idee von meinem Vater. Kein Tagebuch zu führen. Morgen kaufe ich ein neues. (Oder nächstes Jahr)" (S. 179).

Kritik

Ergreifend, aufrüttelnd, herzzerreißend – der Leser wird in Bous Geschichte in medias res hineingezogen und ist sofort ergriffen und berührt. Die hohe Kunst des Erzählens zeigt sich hier insofern, als es sich um einen Text handelt, der das Thema Depression verhandelt, aber darum kein depressives Buch ist. Das liegt an der wunderbar minimalistischen Sprache, den redundanten Sätzen, mit denen der Protagonist seine Umwelt beschreibt, gleichsam an den sensiblen und glaubwürdigen Figurenkonzeptionen. Insbesondere Bous Beziehung zu seiner kleinen Schwester Fussel ist äußerst feinfühlig geschildert. Die Liebe, die Bou für sie empfindet, ist für den Leser unmittelbar spürbar:

"Und dann musste ich weinen. So schlimm, dass es mir Angst machte. Ich hörte und hörte nicht auf; es gab kein Ende. Über Fussel. Die liebe Fussel. Dieses erstaunlich selbständige siebenjährige Kind, das sich in seiner Haut so wohlzufühlen scheint. Das so ernsthaft ist, so sorgsam und so bereit, es anderen recht zu machen" (S. 157).

Deutlich wird in dieser Passage auch, dass es vor allem die kleine Schwester ist, die dem großen Bruder Halt gibt. Durch die Tagebuch-Struktur des psychologischen Jugendromans gelingt dem Text der konsequente Blick ins Innere des Protagonisten. Die Leser werden Zeugen eines ergreifenden inneren Monologs, durch den die Handlungsmotive und Gefühle des Ich-Erzählers transparent und nachvollziehbar werden. Durch diese Konzeption wird Bou zu einer Identifikationsfigur, die er sogar dann noch bleibt, als er verstörend und irrational handelt, indem er die liebevolle und sympathische Pauline vor den Kopf stößt und verletzt. Es ist eine Besonderheit, dass Bou dadurch nicht an Sympathie einbüßt, die deshalb gelingt, weil seine Gefühle so nachvollziehbar beschrieben sind. So lässt Erna Sassen ihren Erzähler im Nicht-Tagebuch reflektieren:

"Sie ist natürlich unheimlich sauer. Und sie wird mir nie zurückschreiben. Ich bin auch ein dummer Idiot. Was hatte ich erwartet? Dass sie aus Dankbarkeit für ein Lebenszeichen meinerseits sofort das gemästete Kalb schlachten würde? ICH BIN EIN RIESEN-ARSCHLOCH" (S. 166).

Narratologisch anspruchsvoll ist der Roman nicht zuletzt durch die intermedialen Bezüge in Form von zahlreichen Musikzitaten, die sich in den Tagebucheinträgen Bous finden und die ihm ebenfalls helfen, seine verzweifelte Lage zu reflektieren – sowie durch eine kunstvolle Verschränkung der Zeitebenen. Erzählzeit und erzählte Zeit gehen zuweilen ineinander über und verschmelzen am Ende, als Bou sich Pauline wieder annähert, endgültig.

Fazit

Der erste Jugendroman der niederländischen Autorin Erna Sassen, von Rolf Erdorf feinfühlig ins Deutsche übertragen, vermag sowohl auf inhaltlicher als auch auf sprachlicher und narratologischer Ebene komplett zu überzeugen. Es verwundert nicht, dass der Text im Jahr 2016 sowohl von der Kritiker- als auch von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Sassen ist ein hochanspruchsvoller, wertvoller Roman über ein schweres Thema gelungen. Er ist kunstvoll und spannend erzählt, und sei jugendlichen Lesern ab 14 Jahren, die bereit sind, sich auf die Themen Depression, Verlust und Trauer einzulassen, wärmstens empfohlen.


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