von Sabine Planka

Die 15-jährige Anna lebt im zerstörten Berlin im Jahr 2039 und kämpft ums Überleben. Als plötzlich das Internet wieder funktioniert, wird sie von Ben kontaktiert. Verbotenerweise chatten sie miteinander und treffen sich. Sie beschließen, dem Staatssystem zu entkommen – und müssen fliehen, als sie entdeckt werden. Ein dystopischer Berlin-Roman über Rebellion, Träume und die bittere Realität für Leser ab 14 Jahren.

Rademacher, Nana: Wir waren hier
347 S., 14,99 €
Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2016
ISBN 978-3-473-40139-0

ab 14 Jahren

Inhalt
Das Setting von Nana Rademachers Roman ist dystopisch: Protagonistin Anna lebt im zerstörten und von einer Militärregierung kontrollierten und überwachten Berlin. Die Stadt ist zum Großteil zerstört, die Häuser ruinös, Strom gibt es nur phasenweise, die Heizungen funktionieren gar nicht mehr. Anna und ihre Familie kämpfen ums Überleben, der Hunger ist allgegenwärtig, die Nahrungsknappheit eine Folge der Militärkriege, die die Stadt zerstört haben. Anna sucht – manchmal allein, manchmal mit ihren Freundinnen Luki und Santje – in der zerstörten Stadt nach Lebensmitteln.

Als plötzlich das Internet wieder funktioniert, loggt sich Anna mit ihrem NetBoard ein und schreibt an ihrem Blog, den sie vor der Polizei sicher im Netz versteckt zu haben glaubt. Doch ihr Blog wird entdeckt – von Ben. Beide chatten miteinander und verabreden sich, laufen durch die Stadt und erscheinen fast wie ein normales Paar. Als Annas Eltern schließlich am Hunger sterben, ist es Ben, der sie rettet und versorgt. Doch zwischendurch verschwindet Ben immer wieder und lässt Anna im Unklaren darüber, wo  er hingeht. Als ihr Blog entdeckt wird – Anna findet heraus, dass Ben heimlich ihr NetBoard benutzt hat –, müssen die beiden fliehen. Ben führt Anna zu den 'Tunnelmenschen', die in den unterirdischen Tunneln und Schächten unterhalb Berlins leben und sich hier eine Art Parallelwelt erschaffen haben, in der sie von der Militärregierung unbehelligt leben  – und ihre Widerstands-Aktionen gegen die Regierung planen können.

Doch Ben und Anna wollen nicht bleiben, sondern aufs Land flüchten, um dem Militärregime zu entfliehen. Bei ihrer Flucht werden sie von Soldaten geschnappt und voneinander getrennt. Während Bens Verbleib für Anna unklar ist, wird Anna in ein Mädchenheim gebracht, in der die diktatorischen Machenschaften der Regierung fortgeführt werden: Die Mädchen müssen unter eiskaltem Wasser duschen, müssen arbeiten, bekommen aber immerhin echtes Brot zu essen. In dem Heim versucht man, sie zu gefügigen, der Militärregierung nützlichen Menschen zu erziehen, die dem Staat dienen und ihre Rolle im System einnehmen. Doch Anna kann und will sich dem System nicht beugen – und sie will Ben wiederfinden. Sie plant ihren Ausbruch, mit ungeahnten Folgen…

Kritik
Nana Rademacher hat einen spannenden Roman geschrieben, in dem die Protagonistin aus autodiegetischer Perspektive ihre Geschichte erzählt. Der Aufbau der in einem dystopischen Berlin spielenden Handlung ist dreiteilig: Im ersten Teil berichtet Anna in Blogbeiträgen über ihr Leben in der Stadt, auf das Zusammentreffen mit Ben und über die gesellschaftspolitischen Umstände, die ihr Leben und das ihrer Eltern bestimmen. Der zweite Teil ist in Prosaform gehalten. Anna beschreibt die Geschehnisse, nachdem Ben sie vor dem Verhungern gerettet hat. Ihr Leben, ihre Flucht, ihre Trennung und ihr erneutes Aufeinandertreffen sowie ihre Zukunft werden von ihr geschildert, bis es zu einem Happy End kommt, das auf den ersten Blick gekünstelt wirkt und so gar nicht zu der rauen und von Kriegswirren gezeichneten Handlung passt, da es das idyllische Landleben der Protagonisten zeigt. Der dritte Teil des Buches – und mit einer Seite der kürzeste – ist der wohl überraschendste, der dem Buch ein offenes Ende verleiht. Hätte das Buch mit dem zweiten Teil enden und die Handlung zu einem Abschluss führen können, so hebt der dritte Teil dieses geschlossenen Endes alles bisher Geschriebene wieder auf. Im Anschluss an den letzten Blogbeitrag vom 11. November, den Anna auf dem Dach des Hauses geschrieben hat, in dem sie mit ihren Eltern gewohnt hat, schreibt sie:

12. November – 00:25
Mein 16. Geburtstag.
Ich höre Stimmen auf der Treppe. Sie kommen aufs Dach.
Schneeflocken liegen auf meinem Gesicht.

Die blaue Blume gibt es wirklich. (S. 347)

Das Ende kehrt die ganze Prosahandlung um, es scheint, als habe Anna sich die zuvor erzählte (?) Zukunft phantasiert. Dazu passt – rückblickend – die Passage ihres Eintrages vom 11. November, in der es heißt:

Das schöne Landleben habe ich mir ausgedacht, gegen die Kälte und Dunkelheit und die Angst. Aber das ist vorbei. Mir ist warm und ich bin sehr müde. Mir fallen die Augen zu. Meine Finger sind ganz steif. Seltsam, dass ich noch Strom habe. Die Stadt liegt im Dunkeln. […] Wir hätten früher aufs Land gehen sollen. Damals, als noch Zeit war. Damals, als alle wussten, dass es schlimm werden würde. Aber die blaue Blume gibt es wirklich. Ich schenke sie der Welt, wenn ich jetzt sterbe. (S. 88)

Die blaue Blume rekurriert auf das eingangs zitierte gleichnamige Gedicht von Joseph von Eichendorff, in dem eine blaue Blume gleichgesetzt wird mit dem Glück, das es zu finden gilt, aber vergeblich gesucht wird. Die Hoffnung, diese Blume zu finden, schwindet, je länger die Suche andauert. Dass Anna nun diese Blume gefunden hat, scheint darauf hinzudeuten, dass sie nicht mehr auf der Suche ist, sondern angekommen ist und sich von ihrem bisherigen Leben lösen kann. Sie fürchtet nichts mehr, ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben haben sich nun auf eine andere Art erfüllt.

Die sich überraschend entwickelnde Handlung siedelt Rademacher in einer verständlichen Sprache in einem dystopischen Setting an, das eine dem Leser nahe Zukunft präsentiert – und kann wohl als Near Future Science Fiction klassifiziert werden –, die er vielleicht selbst noch erleben wird. Kriege haben die Gesellschaft, wie der Leser sie kennt, zerstört. Den Beginn dieser Krise markiert die Europakrise (vgl. S. 22) – deren genaue Umstände und Ausformungen nicht näher beschrieben werden –, dann beschreibt Anna Konflikte mit Russland, Ressourcenkriege, Bürgerkriege und schließlich die Militärregierung (vgl. S. 23), die Nahrung und Strom rationiert, während sie selbst über genügen Ressourcen verfügt, um operativ agieren zu können.

Fazit
Nana Rademacher ist ein Buch gelungen, das den Leser zu fesseln vermag und ihm eine Zukunft präsentiert, die es zu vermeiden gilt. Durch Blogbeiträge erlebt der Leser Annas Leben und die Repressionen der Bevölkerung hautnah, so dass der Roman durchaus Sogwirkung entstehen lassen und der Leser eine derartige Zukunft imaginieren kann.

Der Roman wird vom Verlag ab 12 Jahren empfohlen. Aufgrund der Thematik und einiger brutaler Szenen ist der Roman eher für Leser ab 14 Jahren empfehlenswert.


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