von Sabine Planka

Die Schwestern Mado und Patty haben ihre Eltern durch einen Autounfall verloren. Nachdem sie sich einigermaßen mit den neuen Lebensumständen abgefunden haben, wird Patty schwanger. Ein Roman über das Erwachsenwerden, über ungewollte Schwangerschaft, über das Wunder des Lebens – und den Wunsch, Kind sein zu dürfen für Leser ab 14 Jahren.

Bondoux, Anne-Laure: Das Glück ist nicht immer gerecht
A.d. Frz. v. Maja von Vogel
dtv, München 2016
236 S., 9,95 €
ISBN 978-3-423-71690-1
Ab 14 Jahren

Inhalt
Seit die Eltern der 15-jährigen Mado und der 20-jährigen Patty bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind, hat sich das Leben der Schwestern gravierend verändert: Patty als die Ältere hat die Vormundschaft für die jüngere Schwester übernommen. Dabei zeugt Pattys Verhalten nicht immer von Reife:

"Ich beobachte Patty beim Kaugummikauen. Ihr Mund öffnet, schließt und verzieht sich. In der Stille der Wohnung zeigt das schmatzende Kaugeräusch die vergehende Zeit an wie das Ticken einer Uhr. Sie sitzt auf dem Sofa, ein Bein unter dem Po, das andere auf dem Couchtisch. Um mich nicht zu stören, hat sie die Kopfhörer an den Fernseher angeschlossen. Sie starrt auf den Bildschirm und wartet darauf, dass ihr Nagellack trocknet. Das Fläschchen steht auf dem Tisch, neben ihren Zehen mit den hellblau lackierten Nägeln. Patty nimmt niemals roten Nagellack wie alle anderen. Sie findet Rot blöd. Überhaupt macht Patty nichts wie alle anderen." (S. 7)

Schon der Anfang des Buches zeigt im Ansatz, was die Geschichte langsam in ganzer Breite entfaltet, nämlich die Gegensätzlichkeit der Schwestern und vor allem die 'Unkonventionalität' Pattys, die sie auch am Ende des Buches nicht verloren hat. Die ältere Patty verdient den Lebensunterhalt für sich und ihre Schwester, hat aber – und das wird auch im Laufe der Geschichte deutlich – an Schule kein Interesse, hatte dafür aber schon viele Freunde und Beziehungen. Ihre Schwester ist das genaue Gegenteil: Sie macht sich Gedanken um das Leben und lernt für die Schule, erreicht auch gute Noten, hatte jedoch noch nie einen Freund und weiß auch gar nicht, wie sie das anstellen soll. Dass sich beide Schwestern gegenseitig um die 'Fähigkeiten' der jeweils anderen beneiden, beichten sie sich erst später.

Das komplizierte Leben der beiden, in dem die Eltern mehr als einmal fehlen, wird noch komplizierter, als Patty unverhofft für ein Wochenende von Paris nach Amsterdam reist und Mado allein lässt. Erst als sie wieder zu Hause ist, eröffnet sie Mado, dass sie schwanger ist und eigentlich in Amsterdam das Kind hatte abtreiben lassen wollen, es nun aber austragen will. Und da der Geburtstermin erst im September ist, reisen die Schwestern gemeinsam in das Ferienhaus, das ihre Eltern zu Lebzeiten gekauft hatten.

Dort treffen sie auf die niederländische Nachbarsfamilie und die beiden Brüder Daan, 19 Jahre alt, und Sander, 16. Beide Schwestern verlieben sich sofort in die Brüder. Was sich bei Patty und Daan als Urlaubsflirt entpuppt, entwickelt sich bei Mado und Sander zu einer echten Liebesgeschichte: Beide schreiben sich und telefonieren, bis Sander Mado zu sich nach Hause einlädt.

Doch bevor es zu dem Besuch kommt, müssen Patty und Mado einige Hürden überwinden, denn der Geburtstermin des Kindes, den Patty Mado genannt hat, ist nicht September: Patty bekommt das Kind im Urlaub – und ist so überfordert, dass sie erst beschließt, das Kind zur Adoption freizugeben, schließlich jedoch alles stehen und liegen lässt, Mado und das Baby, das Mado Robinson tauft, und abhaut. Zum Glück erscheint Luigi, der Vater des Kindes, der zu allem Überfluss nichts von der Vaterschaft wusste, auf der Bildfläche. Eigentlich wollte er Patty zurückgewinnen, doch nun muss er Mado und Robinson zurück nach Hause bringen. Und vor allem Patty finden, um ihr die Idee mit der Adoption auszureden…

Kritik
Aus der homodiegetischen Perspektive der 15-jährigen Ich-Erzählerin Mado entwirft die französische Schriftstellerin Anne-Laure Bondoux ein wahres Tableau an Gefühlen und beschreibt einen turbulenten Alltag zweier Schwestern, die mit dem Tod der Eltern einen herben Verlust verarbeiten müssen. Bondoux driftet dabei nicht in Kitsch oder schwülstiges Erzählen ab, sondern legt einen Roman vor, der bei aller Tragik realistisch erscheint und die alltäglichen Sorgen und Nöte ebenso schildert wie die unglaublichen Fähigkeiten der Schwestern, das Leben zu meistern. Feinfühlig und gleichzeitig glasklar in ihrer Wahrnehmung lässt sie Mado feststellen, als sie nach dem Tod der Eltern das erste Mal auf ihre Freundinnen trifft: "Da wurde mir klar, dass ich ab sofort ständig auf der Hut sein musste, um den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Ich hatte traurig und zermürbt auszusehen, und damit basta. Ein anderes Verhalten kam nicht in Frage." (S. 21) Sie lässt Mado über sich reflektieren, ohne dass sie dabei altklug wirkt. Es sind ihr Realismus, ihre Klarheit und das Feststellen schlichter Tatsachen, die den Roman prägen – und den Roman dabei teilweise unglaublich philosophisch wirken lassen, was den Leser wiederum zum Nachdenken anregt:

"Wenn ich in den letzten Monaten noch etwas Wichtiges gelernt habe, dann, dass das eigene Unglück den anderen Angst macht." (S. 19)

"Wenn man sich fünf Minuten Zeit nimmt, um darüber nachzudenken, ist es doch seltsam, welche Wirkung unsere Gefühle auf die Wahrnehmung lebloser Dinge haben. Ob man auch einen hässlichen Ort ins Herz schließen würde, eine Fabrik zum Beispiel oder ein Stück Niemandsland voller Müll, nur weil man dort seiner Liebe begegnet ist?" (S. 86)

"Zucker, Diäten … Verrückt, wie belanglos einem all das vorkommt, wenn plötzlich der Tod dazwischenfunkt. Was uns so ungeheuer wichtig erschienen ist, wird auf einmal unbedeutend. Vielleicht sogar der Glaube an Gott?" (S. 163)

"Auch wenn das Leben manchmal furchtbar schwer ist, lohnt es sich durchzuhalten!" (S. 233)

Spannend sind die Personenkonstellationen: Obwohl Patty sich als die Ältere um die jüngere, sich mitten in der Pubertät befindende Mado kümmern muss, sieht die Realität anders aus und es ist Mado, die sich um Patty – und später auch um Robinson – kümmert. Sie liest sich aus Büchern das Wissen an, um ihrer Schwester bei der Entbindung des kleinen Robinson zu helfen – und wächst so über sich hinaus. Am Ende – und das kann hier schon gesagt werden – sind es beide Schwestern, die sich verändern: Patty wird zusehends ernster und übernimmt mehr Verantwortung (siehe S. 223), während Mado mehr Kind sein darf.

Dass Mado daran oft verzweifelt, ist nachvollziehbar, und wird von Bondoux zum einen durch entsprechende Reflexionen der Protagonistin verdeutlicht, die sie zum einen in Briefen an ihre toten Eltern festhält, zum anderen aber für sich selbst feststellt: "Wenn Patty weint, ist das schlecht. Ganz schlecht. Denn mit meinen fünfzehn Jahren schaffe ich es nicht, die richtigen Worte zu finden, um jemanden zu trösten, der untröstlich ist." (S. 27), oder: "Ich muss an meine Schulfreundinnen von früher denken. Judicaëlle, Maude, Olivia, Sabrina … Warum dürfen sie ein normales Leben führen und ich nicht? Warum?" (S. 125) Zum anderen finden sich zahlreiche humoristische Einlagen, die Mados konträre Gefühlswelt verdeutlichen:

"Ich bleibe so reglos sitzen, als wäre ich mit dem Wohnzimmerteppich verschmolzen. Meine Schwester ist schwanger und das Einzige, woran sie denkt, ist ihr Bauchnabel-Piercing, auf das sie verzichten muss?! Hab ich’s nicht gesagt? Gehirnschwund!" (S. 33)

Und dann sind da auch noch die Gespräche der Schwestern, die in ihrer ganzen Breite feinfühlig die Nähe und die schwesterliche Verbundenheit zeigen.

Beide Schwestern sind dabei in ihrer Konzeption keineswegs eindimensional angelegt, sondern zeigen unterschiedliche Facetten. Während Mado auf der einen Seite pflichtbewusst für die Schule lernt und Verantwortung übernimmt – für ihre Schwester, für das Baby, für sich –, zeigt sich doch oft auch ihre Überforderung mit der Situation, so dass sie alles hinschmeißen und ihrem Leben entfliehen möchte. Patty hat einen regelmäßigen Job und sorgt somit pflichtbewusst für den Unterhalt für sich und ihre Schwester, hält aber von Schule und lernen und lesen nicht viel: "'Pff…', macht sie. 'Glaubst du wirklich, ich lese das?' Sie blättert die fünfhundert Seiten durch und verzieht das Gesicht. Nein, Patty wird das Buch natürlich nicht lesen. Sie hat noch nie irgendetwas gelesen. Sie schafft es gerade mal, das Fernsehprogramm zu entziffern." (S. 38) Schließlich kommt sie mit der Situation nicht klar und verliert sich in Zweifeln und Tagträumen, aus denen sie schließlich hart erwachen muss.

Diese beiden so konträr angelegten Charaktere oszillieren im Laufe der Geschichte zwischen Nähe und Verständnis auf der einen und Unverständnis und Distanz auf der anderen Seite. Die Beziehung der Schwestern ist geprägt von Nähe und Distanz: erste zeigt sich in Gesprächen, zweite durch Unverständnis besonders bei Problemen und beim Umgang mit ihnen. Während Mado so gut, wie sie es kann, versucht, rational an die Sachen heranzugehen, reagiert Patty oftmals emotional und unüberlegt und handelt aus 'Gefühlsduseleien' heraus, die sie später bitter bereut.

Thematisch fährt Bondoux ein ganzes Potpourri an Problemen und Konflikten auf und verzahnt sie geschickt miteinander: Der Tod der Eltern und die damit verbundene Frage der Vormundschaft wird verknüpft mit der ungewollten Schwangerschaft von Patty. Die sich daraus ergebenden Probleme mit dem Sozialamt und dem Vormundschaftsgericht versuchen die beiden zu entfliehen, indem v.a. Patty ein Lügengerüst aufbaut, damit man ihr die Vormundschaft für die kleine Schwester nicht entzieht und Mado bei ihr bleiben kann. Als kleiner Lichtblick entpuppt sich in diesem Chaos für Mado Sander, an den sie immerzu denken muss und den sie schließlich auch in Holland besuchen darf.

Der Roman ist in seiner Homogenität und Konsistenz zweigeteilt: Im ersten Teil, während das Leben der Schwestern geschildert wird, lässt Patty gegenüber ihrer Schwester die Bombe platzen und eröffnet ihr, dass sie schwanger ist. Sie reist aber noch mit ihr in den Urlaub, wo sie dann – für Mado überraschend – ihr Kind zur Welt beginnt. Was sich dann im zweiten Teil des Buches anschließt, ist mit einer Roadnovel vergleichbar, lässt Patty doch ihr Kind und ihre Schwester im Stich und verschwindet, während Mado und Luigi, der Vater des Kindes, auftaucht und mit Mado und dem Baby quer durch Frankreich fährt – erst, um die beiden nach Paris zurückzubringen, dann aber auch, um Patty zu finden. Schilderungen von Mados Alpträumen und ihre Briefe an ihre toten Eltern sowie Pattys Briefe an Mado, die sich kursiv vom restlichen Text abheben, durchbrechen die chronologisch angelegte Handlung, deren Kapitel zum Teil mit Datumsangaben überschrieben sind.

Fazit
Mit Das Glück ist nicht immer gerecht hat Anne-Laure Bondoux einen beeindruckenden Roman vorgelegt, der von Maja von Vogel kongenial ins Deutsche übersetzt wurde und dessen Akteure ebenso überzeugen wie die sich stringent und logisch entwickelnde Handlung, die Leser ab 14 Jahren an keiner Stelle verliert, sondern mitzieht und teilhaben lässt an den alltäglichen und nicht so alltäglichen Problemen, Sorgen und Nöten und vor allem Gedanken der Akteure. Gleichzeitig schafft es der Roman durch kleine eingestreute und fast schon als philosophisch zu benennende Fragen den Leser zur Reflektion über das eigene Handeln und über eigene Gedanken anzuregen.


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

November 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 1 2 3