von Sabine Planka

Pearl verliert ihre Mutter, die bei der Geburt ihrer Halbschwester Rose stirbt. Für Pearl bricht eine Welt zusammen und es braucht ein Jahr, bis Pearl wieder zu sich findet und ihr Leben weitergehen kann. Ein feinfühliger Roman für Leser ab 14 Jahren.

Furniss, Clare: Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb
A.d. Engl. v. Andrea O’Brien
dtv, München 2016
320 S., 9,95 €
ISBN 978-3-423-62628-6
Ab 14 Jahren

Inhalt
Pearl und ihr Vater sitzen im Auto und sind auf dem Weg zu einer Beerdigung, der Beerdigung von Stella – Pearls Mutter. Sie ist bei der Geburt von Pearls Halbschwester Rose gestorben, die zu früh zur Welt gekommen ist und noch ein paar Wochen im Krankenhaus bleiben muss. Pearl kann mit diesem Verlust nur schwer umgehen: Sie zieht sich zurück, lässt weder ihren Vater, noch ihre beste Freundin Molly, die seit kurzer Zeit einen Freund hat, an sich heran und lässt die Schule schleifen. Sie ist ruppig und kann vor allem Rose nicht akzeptieren, die sie nach dem ersten Besuch in der Klinik als Ratte bezeichnet, wird sie doch durch deren Äußeres an die Geburt der Katzenbabys erinnert:

"Ich hatte es noch vor Augen, das Vorzeigebaby mit dem blonden Flaum und den Grübchen, so, wie ich es mir vorgestellt hatte, als Mum mir von ihrer Schwangerschaft erzählt hatte. Das Baby, für das Molly und ich winzige Schuhe, Kleidchen und plüschige Schlafanzüge mit Teddybärohren ausgesucht hatten.
Stattdessen sah ich sie. Da fiel mir wieder ein, wie es war, als unsere Katze Soot Junge bekam. Damals war ich fünf Jahre alt. Wochenlang war ich total aufgeregt. In der ganzen Schule hatte ich es herumerzählt, und Mum hatte mir extra ein Buch gekauft, wo drin stand, wie man sie pflegen und füttern musste. Jede Nacht sah ich mir vor dem Einschlafen die Bilder von den Kätzchen an: flauschig, die Augen weit. Dann führte Mum mich eines Tages ins Hinterzimmer und zeigte auf die geöffnete unterste Schublade unserer Kommode. Lauter blinde, hautfarbene, runzelige kleine Ratten wanden sich in ihrem Nest, und ich sah Mum entsetzt an, weil ich glaubte, es handelte sich um einen fürchterlichen Irrtum, aber sie stand nur lächelnd da, verstand gar nichts. Ich lief weinend aus dem Zimmer, weil ich die kleinen Tiere so widerlich fand.
Als ich auf die vielen Schläuche hinabblickte, auf die papierdünne, blau geäderte Haut, das knochige außerirdische Wesen in seinem Brutkasten, wurde mir klar, dass nicht der Schock mich zittern ließ. Es war keine Trauer. Es war Hass: mächtig, dunkel und furchterregend. Vor lauter Angst hatte ich das Gefühl zu fallen und wollte mich festhalten, an Dad …
Der aber beugte sich über sie, über das Rattenbaby, den Grund für Mums Tod, konzentrierte sich auf dieses Wesen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt." (S. 19/20)

Dieser Hass auf das Baby hält Pearl am Leben. Sie verkriecht sich, besucht Rose nicht im Krankenhaus und als sie es versucht, erinnert sie der Geruch an den Tod ihrer Mutter und sie flieht aus dem Krankenhaus – was ihr 'Stiefvater' nicht versteht und mit Vorwürfen quittiert. Als Rose nach Hause kommt und sie auf die Kleine aufpassen muss, tut sie das mit Missachtung und Widerwillen, doch langsam nähert sie sich dem Baby an, auch wenn sie Rose weiterhin als 'Ratte' bezeichnet. Die Annäherungen vollziehen sich langsam und jeder kleine Schritt nach vorn scheint mit zwei Schritten zurück in Pearls Leben quittiert zu werden: Sie beginnt, die Schule zu schwänzen, bricht den Kontakt zu Molly ab, die mit ihrem neuen Freund glücklich ist, aber unter der Scheidung der eigenen Eltern zu leiden hat. Doch davon erfährt Pearl zunächst einmal nichts. Zu sehr schottet sie sich ab und gibt sich ihrer Trauer hin, sieht zudem ihre Mutter, mit der sie spricht und die sich ständig in ihr Leben einmischt, jedoch auch neue Seiten zeigt und Pearl 'erlaubt', glücklich zu sein. Doch Pearl will nichts davon hören.

Da tritt Finn in ihr Leben, Enkel ihrer Nachbarin Dulcie, die sie auffordert, sie doch einmal mit dem Baby besuchen zu kommen. Die ersten Dämme brechen bei Pearl. Dann taucht auch noch Pearls Großmutter auf, um ihr und ihrem Sohn beizustehen. Pearls fester Glaube, dass ihr Stiefvater, der immer 'ihr' Dad war, Schuld an dem Tod ihrer Mutter ist, weil er das Baby wollte, beginnt zu wanken, als sie endlich mit ihrem Dad und mit Granny redet. Auch mit Molly redet sie schließlich wieder – und mit Finn lässt sie langsam wieder ein neues Glück in ihrem Leben zu.

Kritik
Furniss' Roman Das Jahr, nachdem die Welt stehen blieb greift thematisch mit dem Tod der Mutter ein Thema auf, das in zahlreichen Jugendbüchern verhandelt wird, zuletzt z.B. in Anne-Laure Bondoux' „Das Glück ist nicht immer gerecht“. Im Gegensatz zu Bondoux' Buch ist die Familienkonstellation eine andere, aber nicht weniger unproblematisch: Pearl muss sich mit ihrem Stiefvater einem Leben ohne ihre Mutter, aber mit dem neuen Baby Rose stellen und mit den neuen Familienkonstellationen klarkommen.

Als homodiegetische Erzählerin lässt Pearl den Leser hautnah an ihrer Gefühls- und Lebenswelt teilhaben, ihre Hochs und Tiefs erleben und die zwiespältigen Gefühle, die Rose in ihr auslösen und sich immer mehr verschieben hin zu einer verantwortungsvollen Schwester. Der Egoismus, der Pearl in den ersten Monaten nach dem Tod ihrer Mutter prägt, weicht zunehmend einem neuen Verantwortungsbewusstsein. Dazu tragen auch die zahlreichen Gespräche mit ihrer Nachbarin Dulcie bei, aber auch die Gespräche mit ihrer Mutter, von der der Leser nicht erfährt, ob Pearl sich ihre Mutter imaginiert oder ob ihr ihre Mutter tatsächlich aus dem Jenseits  erscheint – nicht unüblich in gegenwärtiger Jugendliteratur, z.B. in Jessica's Ghost von Andrew Norriss: Auch hier erscheint ganz selbstverständlich ein Geist im Leben des Protagonisten und hilft ihm in schwerer Zeit über trübe Gedanken hinweg. So ist es auch bei Pearl, der ihr Leben zunächst entgleitet und die alles dafür tut, um sich schlecht und als fünftes Rad am Wagen in der Familie zu fühlen, die ebenso unter dem Verlust der Ehefrau, Mutter und auch Schwiegertochter leidet, wie es Pearl tut.
Der Roman zeigt somit deutlich auf, dass jeder unterschiedlich trauert, dass man jedoch gleichzeitig neben dieser Trauerphase auch Menschen braucht, denen man sich anvertrauen kann. Pearl fühlt sich schlussendlich erleichtert und vor allem bereit, mit Molly ihre Probleme zu besprechen, wozu sie direkt nach dem Tod ihrer Mutter nicht in der Lage war. Sie öffnet sich nach und nach und kann auch wieder Glück und auch Liebe in ihrem Leben zulassen, Gefühle, die sie mit Finn erlebt, der vieles dazu beiträgt, um sie aus ihrem Tief herauszuholen.

Den finalen Wandel vollzieht Pearl jedoch, als sie zu ihrem leiblichen Vater James flieht und hier auf eine geradezu gespiegelte Familienkonstellation schauen kann, die sie selbst gerade erlebt: James ist selbst Stiefvater, hat er doch eine Frau mit einem Kind geheiratet und ist selbst noch Vater geworden. Pearls Blick von außen auf die bekannte und doch fremde Familie, kombiniert mit dem Verständnis, das ihr James entgegenbringt, macht ihr klar, dass ihre Familie sie ebenso braucht wie sie ihre Familie.

Der Aufbau des Buches führt den Leser – ganz titelorientiert – in zwölf Monaten durch Pearls Leben. Jedes Kapitel ist mit einem Monat überschrieben, so dass der Leser in der Tat das komplette Jahr nach Stellas Tod erlebt und Pearls Entwicklungen begleiten kann.

Ähnlich wie in Bondoux' Jugendroman blitzen auch in Furniss' Roman tiefgründige Ansichten und Feststellungen auf, die den Leser zum Nachdenken anregen:

"[Finn] schiebt sich die Haare aus dem Gesicht. 'Es ist schwer, einem geliebten Menschen beim Altwerden zuzusehen.' 'Es ist schwer, nicht zu erleben, wie ein geliebter Mensch älter wird.'" (S. 246)

"'Er hat gesagt, dass es Leute gibt, die beim Verlust eines geliebten Menschen ebenfalls sterben. Auf diese Weise bleiben sie diesem Menschen verbunden. Sie hören einfach auf zu leben.'" (S. 306)

Diese Gespräche helfen Pearl, mit sich und auch mit ihrer Mutter ins Reine zu kommen und sich nach ihrem Tod mit ihr auszusöhnen, so dass sie das andere Leben akzeptieren und weiterleben kann.

Fazit
Das Jahr, nachdem die Welt stehen bliebt zeigt Lesern ab 14 Jahren feinfühlig, wie Pearl ihr Leben entgleitet, wie sie es sich aber Stück für Stück in einem schmerzhaften Prozess zurückerobert und lernt, mit dem Tod der Mutter umzugehen und die neue kleine Schwester zu akzeptieren. Oszillierend zwischen Nähe und Distanz, zwischen Liebe und Hass muss sich Pearl ihren Weg suchen, den sie schließlich auch findet und zu gehen bereit ist, um wieder glücklich werden zu können.

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