von Dr. phil. Kirsten Kumschlies

Romeo als Neonazi und Julia als syrisches Flüchtlingsmädchen: Peer Martin entwirft in seinem fulminanten jugendliterarischen Debüt die ungewöhnliche Liebesgeschichte von Calvin und Nuri, die in einem sozialen Brennpunktviertel auf Rügen aufeinandertreffen. Ein All-Age-Roman, lehrreich und dicht an politischen, gesellschaftlichen und historischen Informationen, und ebenso spannend von der ersten bis zur 525. Seite!

Martin, Peer: Sommer unter schwarzen Flügeln.
Hamburg, Oetinger 2015.
527 Seiten. 19,99 €
ISBN 978-3-7891-4297-0.
Empfohlen ab 14 Jahren.

 Inhalt

Calvin wächst mit zwei jüngeren Halbbrüdern in einem sozialen Brennpunkt auf der Insel Rügen auf und ist – wie sein leiblicher Vater, der schon lange nicht mehr bei der Familie lebt – überzeugter Nationalsozialist. Ohne Schulabschluss, ohne wirkliche berufliche Perspektive fokussiert sich sein ganzes Leben auf die Rechtsradikalen-Clique, die ihm Halt und Orientierung gibt. Vor allem richtet er sich nach den Vorgaben des Anführers Pascal. Der Hass der Jugendlichen wendet sich gegen das Asylantenheim, das direkt in ihrem Wohnviertel liegt. Und ausgerechnet dort lebt das syrische Flüchtlingsmädchen Nuri, in das Calvin sich verliebt. Die beiden lernen sich bei der pensionierten Sozialarbeiterin Frau Silbermann kennen, die Calvins jüngeren Brüdern vom Sozialamt finanzierte Nachhilfe erteilt und die fließend Arabisch spricht. Nuri kann wunderbar erzählen, Calvin kann nicht anders, als ihr fasziniert zu lauschen, wenn sie beginnt, ihm Geschichten aus ihrer syrischen Heimat zu erzählen. Auf diese Weise entfaltet sich Nuris Geschichte, die mit dem Arabischen Frühling in Syrien beginnt und mit der Flucht der Familie nach Deutschland endet: Ein Bruder stirbt im Krieg, die Mutter ist dem Selbstmord nahe, Damaskus und Homs zerstört – Nuri flieht vor den "schwarzen Flügeln" des brutalen Bürgerkriegs.

Durch die Begegnung mit Nuri verändert sich Calvins Weltbild mehr und mehr. Verzweifelt kämpft er gegen seine Gefühle für das Mädchen an, denn sie gehört doch zu den Asylanten: "Die haben keine richtige, anständige Sprache, keine Schrift, die irgendwer lesen kann. Sie essen mit den Händen, auf dem Fußboden. Sie sind wie Tiere“"(S. 47) – so lautet die feste Meinung von Pascal und der Clique. Doch Calvin ist zu fasziniert von Nuri und ihren Erzählungen aus Syrien. Heimlich versucht er, Arabisch zu lernen – und dann lässt er sich doch auf eine Beziehung mit Cindy, dem "mit Abstand hübschesten Mädchen" (S. 45) der rechten Clique ein, um seine Gefühle zu Nuri zu verdrängen. Es nützt nichts – seine emotionale Bindung an Cindy bleibt oberflächlich, und er muss immer an Nuri denken. Und auch Nuris Zuneigung zu Calvin ist ungebrochen bzw. verstärkt sich immer mehr.

Doch Calvins Verhältnis zu Nuri fliegt auf. Was folgt, ist der verzweifelte Kampf eines Jugendlichen, der aus der Neonazi-Szene aussteigen will. Ein schier unmögliches Unterfangen, denn schnell wird klar: Pascal und die Clique scheuen auch vor Mord nicht zurück. Sowohl Nuri als auch Calvin sind nun im Visier der Rechtsradikalen. Und diese fassen einen perfiden Plan: Das Asylantenheim soll brennen. Gemeinsam versuchen Nuri und Calvin, die Pläne und Vorbereitungen aufzudecken und zu stoppen. Zwischenzeitlich mimt Calvin seinen alten Freunden gegenüber Reue und versucht ihnen vorzutäuschen, seine Beziehung zu Nuri sei gescheitert und er habe seine nationalsozialistische Gesinnung wiedergefunden. Doch als Pascal ihm Nuri zur Massenvergewaltigung "vorlegt", fliegt die Täuschung auf: Calvin befreit Nuri und verletzt Pascal mit einem Messer. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, bei der der Leser immer wieder denkt, nun habe das letzte Stündchen der Protagonisten geschlagen, doch Nuri und Calvin können entkommen, bis schließlich das Asylantenheim doch in Flammen aufgeht.

Kritik

Peer Martin rekurriert in seinem jugendliterarischen Debüt auf Erfahrungen mit jahrelanger sozialpädagogischer Arbeit mit rechtsradikalen Jugendlichen in Berlin, Brandenburg und Vorpommern – der authentische Bezug ist dem Roman und seinen Charakteren deutlich anzumerken. Die Schilderungen des rechtsradikalen Milieus wirken äußerst glaubwürdig – nachvollziehbar wird die Perspektivlosigkeit und Beziehungslosigkeit der Jugendlichen, die sie in einen verzweifelten Hass transferieren, der ihnen eine Identität liefert, die sie sonst nicht finden würden. Der Autor gestaltet hier eine packende Milieustudie, die den Leser massiv in ihren Bann zu ziehen vermag. Die Spannung speist sich einerseits aus der Authentizität, andererseits aus der geschickt konstruierten Handlung, die die Spannungsstruktur eines guten Thrillers aufweist: Cliffhanger und überraschende Wendungen sorgen für ein packendes Leseerlebnis. Einerseits fiebert der Leser mit Calvin und Nuri um ihren Kampf mit den Rechtsradikalen, andererseits ist es ebenso spannend, Calvins inneren Kampf mitzuerleben – die Hinwendung zu Nuri geht einher mit der Abwendung von den gewohnten Freunden und Überzeugungen:

"Calvin dachte wieder an das Mädchen, das noch nicht lange hier war, vielleicht ein paar Wochen. Er versuchte, sich die Wohnung vorzustellen, in der sie wohnte. Er stellte sich vor, dass es Teppiche gab, auf dem Boden, und dass sie dort mit ihrer Familie saß und Tee trank."Wie die Wilden", murmelte er. Er ging ein paar Schritte auf den Block zu, unentschlossen. Wo steckte Pascal, verdammt? Und die anderen? Er brauchte ein Bier, besser noch mehrere, besser noch was Härteres. Aber was sollte er zu ihnen sagen? Ein Mädchen mit beinahe schwarzen Augen hat mich gerettet, und jetzt ist mein Kopf voll mit ihren Worten, als hätte sie mich mit einer Krankheit angesteckt?" (S. 30)

Das Buch überzeugt aber nicht nur wegen seiner Spannung, sondern auch wegen seiner hochaktuellen Thematik. Der Leser erfährt viel über den syrischen Bürgerkrieg und die Gründe, weshalb die Menschen aus dem Land fliehen (müssen). Zum Weiterdenken und Recherchieren regen Zitate aus Internetquellen an, die sich am Ende jedes Kapitels finden – diese betreffen sowohl den Bürgerkrieg in Syrien als auch politische Slogans und Parolen der NPD bzw. Auszüge aus dem Wahlprogramm der rechtsradikalen Partei.

So ist auch Sommer unter schwarzen Flügeln (wie die Train Kids von Dirk Reinhardt) ein realistischer All-Age-Roman mit brandaktueller Thematik, der von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2016 nominiert wurde (vgl. http://www.djlp.jugendliteratur.org/preis_der_jugendjury-5/artikel-sommer_unter_schwarzen_fl-4050.html). Peer Martin ist es gelungen, einen atemberaubenden Thriller zu schreiben, der Spannung von der ersten bis zur letzten Seite verspricht (was bei 525 Seiten schon eine Kunst ist!) und dabei auch noch hochinformativ ist. Die tragische Geschichte von Calvin und Nuri sensibilisiert enorm für die Themen Flucht und Fremdenhass, beleuchtet verschiedene Facetten und zeigt Hintergründe – der Autor hat brillant recherchiert.

Kritisch anzumerken ist aber der offensichtliche Konstruktcharakter des Romans. Die Idee, dass sich ein Neonazi in ein syrisches Flüchtlingsmädchen verliebt, ist originell, funktioniert aber auf der literarischen Ebene nicht durchgängig. Es wirkt unglaubwürdig, dass Calvin und Nuri sich bei Frau Silbermann begegnen und sie dort plötzlich und unvermittelt zu erzählen beginnt – am Anfang fungiert Frau Silbermann, deren Vergangenheit als KZ-Insassin sich später offenbart, als Übersetzerin. Gegen Calvins Willen erzählt sie:

"'Der Geruch der Weintrauben…' 'Sie müssen hier überhaupt nicht übersetzen!' zischte Calvin. 'Hören Sie auf damit. Ich interessiere mich einen Scheiß für Weintrauben. Ich gebe Benji und Tom noch drei Minuten. Dann gehe ich.' Doch das Mädchen sprach weiter, mit kleinen, stockenden Verzögerungen, ähnlich wie Benji, wenn er las." (S. 16)

So zwingt Nuri Calvin ihre Erzählungen aus der syrischen Heimat quasi auf, obwohl dieser sie nicht hören will. Den Schilderungen von Nuris Syrien haftet eine gewisse Klischeehaftigkeit an, wenn sie ständig von Weintrauben, blühenden Orangen und Aprikosen spricht. Die Beschreibung des rechtsradikalen Milieus, in dem Calvin sich bewegt, gelingt deutlich besser – was angesichts der sozialpädagogischen Erfahrungen des Autors mit Jugendlichen aus entsprechenden Brennpunktvierteln nicht verwundert. Authentisch und mit Blick ins Innere des Protagonisten gewährt der Erzähler Einblick in die Spiralen der Gewalt, in denen sich Calvin, aber auch Nuris Bruder Kamal befindet.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Syrien formuliert der Autor in der Danksagung, es wäre ihm lieber gewesen, das Buch wäre nicht so aktuell geworden (S. 525). Zudem räumt er ein, dass er das Buch vielleicht nicht geschrieben hätte, wenn er nicht mit seiner Frau nach Kanada gezogen wäre. Er wisse vor der Angst der Journalisten vor der Szene und von "Hausbesuchen" der NPD – all dies stimmt sehr nachdenklich! Denn im Grunde ist uns die tragische Geschichte von Nuri und Calvin doch allen ganz, ganz nah!

Fazit

Ein Roman, der die Flucht-Ursachen beleuchtet, wenig über Flucht selber erzählt – somit mehr ein Thriller über den Ausstieg aus der Neonazi-Szene und eine ergreifende Liebesgeschichte. Hochaktuell, unglaublich spannend und sehr lesenswert – für Jugendliche aber 14 Jahren, die einen opulenten Roman von 525 Seiten bewältigen können und wollen und mehr über Syrien und Rechtsradikalismus in Deutschland erfahren wollen.

Literatur

 


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