von Sindy Hildebrand

"Ich war eifrig damit beschäftigt, meine Intelligenz und meinen Scharfsinn hervorzuheben. Sie versuchte ihre Schönheit und ihre Beliebtheit zu betonen." (S. 54) So urteilt Ian über sich und seine Schwester Libby, die nach dem x-ten Umzug wieder einmal ihren Platz an einer neuen Schule finden und behaupten müssen. Werden sie dabei dem Mainstream folgen oder Schikanen entgegentreten, um zu erkennen, wer sie wirklich sein wollen?

Kropp, Paul: Platz den Spinnern dieser Welt!

Aus dem Amerikanischen von Cornelia Krutz-Arnold.
Unionsverlag, Zürich 1997.
160 Seiten. antiquarisch erhältlich
ISBN 978-3-293-21005-9.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Was der eine nicht will, will die andere umso mehr: Die fünfzehnjährige Libby McNaughton hat für die neue Schule den Plan gefasst, 'etwas aus sich zu machen', das heißt: eines der beliebten Mädchen zu werden. Vorbei die Zeiten, als man als intellektueller Spinner verschrien wurde, wie ihr meditierender Vater Rick, der eigenwillig seinen kleinen Buchladen führt – oder wie ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Ian, der sich selbstbewusst als Außerirdischer versteht. Nicht ganz ungewollt eckt Ian aufgrund seiner Hochbegabung und Scharfzüngigkeit bei seinem Mitschüler Donald an, dem er den Spitznamen 'Fehlendes Glied' verpasst. Der Ärger mit diesem ist vorprogrammiert und erreicht an Halloween einen ersten Höhepunkt. Während Libby diese Nacht des grausigen Kostümierens mit der angesehensten Mädchen-Clique der Schule ausgelassen alkoholisch feiert, kann ihr Bruder sich und das Familienhaus vor Donald und seinen Freunden gruselig erfolgreich verteidigen. Diese haben auch vor Ricks alternativem Buchladen nicht Halt gemacht, so dass Ian mit seinem Freund namens RT eine Antwort auf die verbrecherischen Angriffe vorbereiten muss. Bevor die beiden Jungen ihren ausgeklügelten Plan umsetzen können, verbringen Ian und Libby Weihnachten bei ihrer Mutter Sharon, die zwecks Selbstfindung nach Kalifornien geflohen war und dort Karriere gemacht hat. Besonders Libby fragt sich nach diesem Urlaub, ob sie ihrem Vater und Bruder den Rücken kehren soll, um bei ihrer Mutter zu leben – eine Option, die Ian für sich selbst ausschließt. Vielmehr feiert er nach seiner Rückkehr begeistert den Wiederaufbau des väterlichen Buchladens.

Pure Fassungslosigkeit tritt für die Geschwister ein, als ihr Vater wegen Verbreitung sittenwidriger Literatur verhaftet wird. Libby fällt deshalb bei ihrer Clique in Ungnade und denkt über eine Flucht nach Kalifornien nach. Ihr Bruder hingegen sieht nun die Zeit gekommen, um Donald und Co. in einem unterirdischen Tunnelsystem zu bestrafen. Dieses Unternehmen nimmt für alle Beteiligten dramatische Ausmaße an. Ian fühlt sich danach selbst wie ein Verbrecher. In dieser Phase der Selbstzweifel steht Libby ihrem Bruder bei, von dem sie sich während des Schuljahres so auffällig distanziert hatte. Um das Erlebte zu verarbeiten, entscheiden die Geschwister, Ians Schulprojekt zusammen in Form eines Romans zu gestalten.

Kritik

Dieses geschwisterliche Romanprodukt liegt dem Leser unter dem Titel Platz den Spinnern dieser Welt! vor, das in 24 Kapiteln kontinuierlich abwechselnd Libbys bzw. Ians Sicht auf das neue Schuljahr preisgibt. Erscheinen ihre Erzählstränge zunächst chronologisch folgerichtig, offenbart erst das von Ian verfasste Schlusskapitel, dass der gesamte Roman ein doppelter Rückblick auf all das ist, was er und seine Schwester an der neuen Schule, mit Freunden und Familie erlebt, durchlebt und überlebt haben. Vor allem die durchweg verwendete Ich-Perspektive schafft hier eine Unmittelbarkeit und Involviertheit in das Erzählte und Reflektierte, derer sich der Leser nicht zu entziehen vermag – und aufgrund der dialogreichen, lebendigen sprachlichen Gestaltung auch nicht entziehen will. Intelligent-geistreich, witzig und spritzig, vor allem aber glaubwürdig konzipiert der Autor Paul Kropp seine Protagonisten und den Plot, trotz der großen philosophischen Fragen, die das Buch aufwirft: Es geht um das Sein und Werden, um den oft beschwerlichen Weg der Identitätsfindung, um den angemessenen, menschlich vertretbaren Umgang mit den Anderen.

In einer schulischen Umgebung, in der (geistige) Faulheit scheinbar Beliebtheit und Sympathie fördert, versteht Ian seine Neugier und Begabung eher als Behinderung, für die er verachtet, verlacht und malträtiert wird. Doch beim Leser entsteht der Eindruck, dass Ian seine moralische und intellektuelle Überlegenheit genießt, die ihn zum sozialen Außenseiter macht. Seine ebenso geistreiche Schwester hingegen ist gewillt, dieses Stigma abzuwerfen, aus dem Kokon der sozialen Armut zu schlüpfen und in die Reihen der wohlsituierten, hochnäsigen und selbstbezogenen Mädchen aufzusteigen. Die Frage nach Zugehörigkeit ist nicht nur für Jugendliche hochbrisant, sondern für all jene, die die Angst vor dem Außenseitertum umtreibt, da gesellschaftliche Anerkennung sich heute häufig mit Schönheit, Modernsein und Wohlstand verbindet, die medial als erstrebenswert "gehypet" werden.

Gerade dieser diktierten NORMalität kann und will sich Ian auch in der neuen Schule nicht beugen, weshalb er fortwährend mit seinen Mitschülern im Clinch liegt. Sie übergießen Intelligenz mit Spott und Hohn, 'lösen' kleine und größere Bagatellen sofort mit dumpfer Gewalt – und glauben sich dabei überlegen. Andersheit können sie nicht akzeptieren und müssen zerstören, einfach weil diese sie in ihrem eigenen Selbstverständnis zu irritieren vermag. Kropp gelingt es nicht nur, das Thema Mobbing unter Schülern anzusprechen, sondern auch jenes unter Erwachsenen, erinnert sei hier an die Anfeindungen gegen Vater Rick.

Doch der Roman bleibt nicht einseitig, er stilisiert keine Täter und Opfer. Auch Ian lehrt seinen Verfolgern Angst zu haben. Hier zeigt sich einer der dramatischen Höhepunkte des Romans, der nicht im epischen Präteritum verfasst ist, sondern durch die Verwendung des Gegenwartstempus den Leser direkt in die Chronologie der brutalen Szenerie hineinzieht. Gewalt, die einst gegen Ian gerichtet war, ist nun auch sein Antrieb und Werkzeug geworden, wenn er gestehen muss, dass er Macht, Rache und Terror genossen hat. Er vergleicht seine Taten mit Kreuzrittern und Nazis – und fühlt sich klein und abscheulich: "Denk immer daran", sagt er zu RT, "[n]iemand hat so etwas verdient (…) Niemand sollte die Macht haben, uns so tief sinken zu lassen, auf ein so niedriges Niveau herabzuwürdigen". (S. 147) Diese Einsicht verbindet sich für Ian mit dem schmerzvollen Erkennen der eigenen Identität:

"Die Menschheit! Was kann ich über diese seltsame Spezies sagen, die auf zwei Beinen auf der Erde     herumläuft und ihre wilden Träume träumt, während sie durch die Tretmühle des täglichen Existenzkampfes stampft? Wie kann ich ihre schrecklichen Ausschweifungen entschuldigen – ihre     Kriege und Pogrome, den Haß und die Gewalt –, außer mit dem Hinweis, daß diese Spezies auch zur Hilfsbereitschaft, zur Zivilcourage und Liebe fähig ist? Kein vernunftbegabtes Wesen aus dem Weltall, das Signale von Fernsehsendungen empfängt, kann das verstehen. Kein vernunftbegabtes Wesen auf Erden kann das alles hinnehmen, aber dieser Widerspruch liegt im Wesen der Menschheit begründet. Und auch ich gehöre dieser Spezies an. Es ist mir sehr schwer gefallen, das einzugestehen." (S. 144)

Libby, die so eifrig dem Leben ihrer Glamour-Freundinnen nachzueifern versucht hatte, durchlebt nach der Verhaftung ihres Vaters eine harte Zeit und wird zur Außenseiterin gemacht. Doch anstatt zu ihrer Mutter zu flüchten, stellt sie sich nach Ians Pyrrhussieg ihren Peinigern und kann deren verbale Verletzungen überzeugend scharfsinnig parieren. Sie legt nicht nur deren Angst vor dem Anderen offen, sondern auch den stumpfsinnigen Glauben an die eigene NORMalität und Urteilsüberlegenheit. Dadurch findet sie als selbstbestimmtes, kritisch und modern aufgeschlossenes Individuum nicht nur zu sich selbst zurück, sondern auch zu ihrem Bruder und Vater.

Dass sich beide Geschwister ihren Dämonen stellen – den eigenen im Kopf und Herzen sowie jenen der Außenwelt – und nicht alles hinschmeißen und abhauen, wie es Ian einst Libby vorgeworfen hatte, zeugt von einer großen Persönlichkeitsentwicklung. Aus ihrem gemeinsamen Roman kristallisiert sich denn auch ihre kritische Selbsterkenntnis heraus, sich in ihrem selbstbehaupteten Anderssein ihren Zeitgenossen, die gleichermaßen anders sind, zu stellen – jedoch auf menschenwürdige Weise, auch wenn es stets mühsam und konfliktvoll ist. Gerade in dieser Hinsicht bietet die Erzählung viele Denkanstöße, wie mit der Andersheit der Anderen umgegangen wird bzw. umgegangen werden sollte, wollen wir als Menschen den Respekt vor diesen und uns selbst bewahren.

Platz den Spinnern dieser Welt! überzeugt nicht nur wegen seines klar strukturierten und glaubwürdigen Plots und seiner frischen Protagonisten, die weibliche wie männliche Leser gleichermaßen ansprechen dürften. Auch die neben den Haupthemen randständig berührten Sujets wie Verliebtheit, Drogenkonsum und Homosexualität erweisen sich als durchaus nicht nur für Jugendliche relevant und diskussionswürdig. Angenehm ist ebenso, dass, trotz aller thematischer Ernsthaftigkeit, der Roman mit leichter, nicht leichtfertiger Feder verfasst ist und von einer Witzigkeit getragen wird, die durch treffsichere Wortwahl in Dialogen wie Gedankenberichten sowie durch komische Situationen oder Figurenbeschreibungen allgegenwärtig ist.

Als wenig aussagekräftig und Neugierde weckend erweist sich dagegen der Klappentext zur deutschen Übersetzung, die, aus dem Amerikanischen von Cornelia Krutz-Arnold getätigt, wiederum als sehr gelungen bezeichnet werden kann.

Fazit

Der US-amerikanische Autor Paul Kropp vermag durch Libby und Ian den Leser zum Nachdenken über das Selbst- und Fremdverständnis anzuregen. Gerade diese Reflexionsebene hebt den Roman über eine bloße Darstellung eines amerikanischen High-School-Lebens heraus, das dem deutschen Rezipienten durch audiovisuelle Medien häufig klischeehaft übermittelt wird. Dabei setzt das Ineinandergreifen von Ernsthaftem und Heiterem, das nie dominant ins Parodistische gleitet, einen Leser voraus, der humorvoll, neugierig, geistig rege und sprachgewandt ist. Der Roman kann daher ab dem dreizehnten Lebensjahr empfohlen werden. Der anspruchsvolle Leser wird auch die Aktualität der Erzählung zu erkennen wissen: Angesichts anhaltender Migrationsströme, die zunehmend multikulturelle Gesellschaften entstehen lassen, sowie blutdürstender fundamentalistischer Identitätsbewegungen, die Angst und Schrecken verbreiten, ist es notwendiger und dringender denn je, eine humane Antwort auf die Frage nach dem angemessenen Umgang mit dem Anderen anzubieten.


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