Ende, Michael: Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch

von Carsten Dohr

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen! Diese Lektion müssen auch der geheime Zauberrat Beelzebub Irrwitzer und seine Tante Tyrannja Vamperl lernen, als die beiden am Silvesterabend einen Besuch vom höllischen Gerichtsvollzieher bekommen.

Ende, Michael: Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch.
Thienemann, Stuttgart 1989.
240 S., 14,95 €
ISBN 3-522-16610-8

 

 

 

 

Inhalt
Der Gerichtsvollzieher ist damit beauftragt, die beiden Hexer aufgrund nicht eingehaltener Verpflichtungen, die die beiden seinem Chef gegenüber haben, zu pfänden. Unter ständiger Überwachung durch zwei Spione des hohen Rats der Tiere, den Raben Jakob Krakel und den Kater Maurizio di Mauro, haben Tyrannja Vamperl und Beelzebub Irrwitzer nun die letzte Chance, ihr Pensum bis Mitternacht doch noch zu erfüllen – ansonsten ist es um sie geschehen.

Glücklicherweise kann Tante Tyrannja mit einem Geheimrezept aufwarten, das die Lösung all ihrer Probleme bedeuten könnte: Mithilfe des satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsches könnten sich die bösen Magier sämtliche Wünsche erfüllen. Die Herstellung des Trankes kann jedoch nur mit der Unterstützung ihres Neffen erfolgen. Ein Unterfangen, das den notorisch misanthropischen Egoisten einiges abverlangt. So beginnt ein Rennen gegen die Zeit, in dessen Verlauf die Hexe und der Zauberer lernen müssen, zusammenzuarbeiten – genauso wie Kater Maurizio und Rabe Jakob, die versuchen, die Menschheit vor den bösen Folgen des Wunschpunsches zu bewahren.


Kritik
Michael Endes modernes Märchen schafft es durch eine kreative Geschichte, deren Spannungsbogen logisch und stetig voranschreitet, und eine originelle Erzählperspektive zu begeistern. So wird dem Leser der Handlungsverlauf nicht nur aus den Perspektiven von Hexe Tyrannja und Zauberer Beelzebub präsentiert, sondern zu gleichen Teilen aus der Sicht des Katers Maurizio und des Raben Jakob geschildert. Als einzige Schauplätze der Handlung fungieren Irrwitzers Wohnsitz, die Villa Alptraum, und das angrenzende Münster. Hier bemühen sich die beiden Magier, den Punsch zu brauen, während die beiden Tiere verzweifelt versuchen, die Fertigstellung des Punsches zu verhindern.

Bei der Verfolgung ihrer gegensätzlichen Ziele zeigen die beiden Zweierteams deutliche Unterschiede in Vorgehensweise und Verhalten. Weder die Tiere noch die Menschen trauen zunächst einander – und das aus guten Gründen: Die einen sind natürliche Feinde ("Aber natürlich nur dann, wenn die Lage natürlich is'. In unnatürlichen Lagen sind natürliche Feinde manchmal Kollegen.", S. 54.) und die anderen haben in langen Jahren gemeinsamen Zusammenlebens gelernt, sich zu misstrauen. Im Verlauf der Geschichte schaffen es der chronisch pessimistische Rabe Jakob und sein verwöhnter, vom Luxusleben geblendeter Partner Maurizio jedoch, über sich hinaus zu wachsen und als Team zusammenzuarbeiten, während die Hexe und der Zauberer am Ende an der eigenen Arroganz und der Gier nach der Macht des Punsches scheitern.

Der Roman zeichnet am Beispiel der Figuren Vamperls und Irrwitzers ein kritisches Bild von Wirtschaft, Wissenschaft und akademischer Bildung. Die Wand in Irrwitzers Wohnzimmer ist mit Auszeichnungen und Urkunden verschiedener diabolischer Schulen und Instituten geschmückt, Zeugnisse einer akademischen Laufbahn, die den Zauberer eingebildet und arrogant auf Menschen und Tiere herabblicken lassen. Tyrannja trägt stets einen Handtaschensafe bei sich, in jedem Augenblick betont sie die Kosten ihres Unterfangens. Ihre Gier lässt sie sich selbst im Angesicht des Todes noch an ihrem Geld festklammern.

Obwohl die Hexe und der Zauberer stets als hässliche, unsympathische und böse Charaktere beschrieben werden und sich mit monströsen Unternehmungen wie der Ausrottung ganzer Tierarten beschäftigen, schafft es Ende durch die Einflechtung von kleinen Gedichten, Liederstrophen und absonderlichen Auszügen aus dem Wunschpunschrezept, die Stimmung immer wieder aufzulockern und nicht ins vollends Düstere kippen zu lassen. In gleicher Weise ist das Buch mit einer Vielzahl versteckter Wortspiele und Andeutungen gespickt. So spritzen sich Irrwitzer und Tyrannja etwa im Laufe des Brauvorgangs Luzifers Salto Dimensionale - eine Droge -, um eine nur so erreichbare Zutat aus der vierten Dimension zu holen.

Daneben lässt Ende immer wieder kleine Seitenhiebe in den Text einfließen, etwa gegen das "Büchernörgele", womit er – Regina Kehns Illustration macht dies deutlich – auf Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki anspielt. Ob man sich an den versteckten persönlichen Einschüben stört oder sie unterhaltsam findet, hängt dabei ganz vom jeweiligen Leser ab.

Die Sprache ist zum größten Teil einfach gehalten und für Kinder geeignet. Nur gelegentlich beigemischte Fremdwörter, archaische Ausdrücke und erfundene Fachbegriffe müssen unter Umständen von den jungen Lesern mit den Eltern geklärt werden.

Hörbuchfassungen
Zu dem Buch existieren zwei verfügbare Hörbuchfassungen: Eine aktuelle, ungekürzte Fassung, gelesen von Rufus Beck, und eine ältere, von Michael Ende selbst bearbeitete und gelesene Fassung. Beide Versionen sind empfehlenswert, wobei die gekürzte Fassung von Michael Ende besonders hervorzuheben ist.

Die gekürzten Passagen und Absätze tragen in der Regel nicht zur eigentlichen Geschichte bei, oft wurden explizite Charakterisierungen gestrichen. So wurde z. B. die sich über eine ganze Buchseite erstreckende Aufzählung aller Ehrendoktorwürden Irrwitzers auf einen einzigen Satz verkürzt. Trotzdem bleibt genügend implizite Beschreibung vorhanden, um sich eine Vorstellung von den Charakteren machen zu können. Durch das Fehlen der Illustrationen sind Phantasie und Vorstellungskraft des Hörers in noch höherem Maße gefordert.

Fazit
Aufgrund der Thematik, der bösartigen Protagonisten und der Zungenbrechergedichte ist Michael Endes Roman für absolute Leseempfänger nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Etwas ältere Leser (Kinder ab der dritten Klasse) werden mit dem Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch aber ihren Spaß haben und so Lust aufs Lesen bekommen.

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