von Dr. phil. Michael Stierstorfer

I’m on the highway to hell – Im Alter von sechzehn Jahren findet Amber heraus, dass ihre Eltern Teufelsanbeter sind und sie gerne verspeisen möchten. Seitdem flieht die Halbdämonin mit ihrem Beschützer Milo auf der sagenumwobenen Demon Road und reist dabei durch Nordamerika. Auf der fantastisch konzipierten Demon Road warten auf die Protagonisten neben Serienkillern auch Hexen, Vampire und Dämonen. Dieser Roman, der eine sehr düstere Thematik fokussiert, wird für Jugendliche ab 18 Jahren empfohlen. Der Autor Derek Landy dürfte Fantasy-Fans durch seine international erfolgreiche und vielfach prämierte Reihe Skullduggery Pleasant ein Begriff sein, in der ein Skelett als Elementarzauberer und Detektiv zusammen mit seinem weiblichen Lehrling Stephanie gegen unterirdische Mächte kämpft, um die Menschheit vor Versklavung zu bewahren.

Landy, Derek: Demon Road. Hölle und Highway.
Aus dem Englischen von Ursula Höfker
Loewe, Bindlach 2016
477 S., 19,95 €
ISBN 978-3-7855-8508-5

ab 18 Jahren 

Inhalt
Im Alter von 16 Jahren erfährt Amber Lamont von ihrer Tante Imelda, dass sie sich in einen Dämon verwandeln kann. Zudem hätten ihre Eltern Betty und Bill einen Pakt mit dem Leuchtenden Dämon, einer Art Teufelsfigur, geschlossen, in dessen Rahmen sie ihre Tochter opfern müssen: Sie müssen sie verspeisen und mehrere Becher mit ihrem Blut füllen, das sie dem Dämon als Opfergabe anbieten. Als Gegenleistung bekommen sie Unsterblichkeit verliehen. Da Ambers Tante Imelda diesen blutrünstigen Pakt nicht mehr erträgt, verhilft sie Amber zur Flucht und stellt ihr als Bodyguard den bewaffneten Verkehrsrowdy Milo zur Seite, der bereits über vierzig Jahre alt ist.

Da Ambers Eltern sehr einflussreich sind und Amber unbedingt finden wollen, bricht sie mit Milo in einem Dodge Charger nach Miami auf, das sich als menschenfressendes Auto entpuppt. Dadurch können ihm Amber und Milo während der Reise gefährliche Verbrecher, die sie zuvor besiegt haben, zuführen, sodass diese dann von dem Auto verdaut werden. Die beiden fahren auf der sogenannten Demon Road, einem geheimen Highway, der Normalsterblichen unbekannt und voll von Monstern und Serienkillern ist und zugleich eine Anbindung zu allen Städten Amerikas ist. Bei ihrer Flucht sind ihnen Ambers Eltern stets dicht auf den Fersen. In Miami ruft Amber den Leuchtenden Dämon herbei, mit dem ihre Eltern paktieren, und verspricht ihm, einen Mann namens Gregory Buxton ausfindig zu machen, der einst den leuchtenden Dämon geprellt haben soll. Dazu hat sie drei Monate Zeit. Sollte Amber die Frist nicht einhalten können, wird ihre Seele vom Dämon geholt. Um herauszufinden, wo sich Alastair aufhält, muss sie den Serienkiller Dacre Shanks kontaktieren, der als einziger seinen geheimen Rückzugsort kennt. Amber macht sich mit Milo auf den Weg nach Wisconsin. Auf dem Weg dorthin schließt sich ihnen der Tramper Glen an, der ein dämonisches Todesmahl an seinem Körper trägt, das er nur in einer bestimmten Bar namens Zur dunklen Treppe wieder loswerden kann, damit er nicht stirbt. Dadurch hat Amber zwar einen weiteren Unterstützer auf ihrer gefahrvollen Reise, der ihr beim Kampf gegen böse Mächte hilft. Gleichzeitig gerät sie jedoch unter doppelten Zeitdruck, da sie nicht nur ihre Frist, sondern auch Glens Ultimatum, das wesentlich kürzer ist, berücksichtigen muss.

In Wisconsin stellt sich heraus, dass die Tochter des dortigen Sheriffs namens Heather den Mörder Shanks durch die Anwendung von Magie in eine Puppe verwandelt und in ein Puppenhaus gesperrt hat. Mithilfe eines magischen Schlüssels gelangt Amber ebenfalls in das Miniaturhaus, wobei Shanks durch eine geöffnete Tür fliehen kann und so wieder seine normale Körpergröße erhält. Amber und ihre Freunde können den Mörder durch den Gebrauch einer Schusswaffe überlisten und erfahren anschließend den Aufenthaltsort von Gregory Buxton, der in der Stadt Colorado leben soll. Zur Strafe sperren sei den Mörder in den Kofferraum ihres menschenfressenden Autos, in dem er nach und nach verdaut werden soll. Sodann macht das Trio einen Zwischenstopp in Salt Lake City, wo Glen seinen Fluch weitergeben kann. Somit konnte das Ableben von Glen vorerst verhindert werden. Auf dem weiteren Roadtrip erfahren sie, dass sich der Teufelspreller Gregory angeblich auch in einen Dämon verwandeln kann und sich in New York versteckt hält. Nachdem das Trio im Rahmen von weiteren Zwischenstopps gegen menschenhäutende Hexen und Blut saugende Vampire gekämpft hat, stirbt Glen unverhofft an den Folgen eines Vampirbisses. Amber und Milo machen sich voller Trauer auf den Weg nach New York und finden dort Gregory, der ihnen klar macht, dass sich der Leuchtende Dämon nicht an Abmachungen hält. Gregory verspricht ihnen, dass er ihnen im Kampf gegen den Dämon hilft, und Amber und Milo nehmen Gregory als neuen Verbündeten auf.

Kurz darauf wird Amber von ihren Eltern, die sie über die ganze Strecke hinweg verfolgt haben, gefunden, jedoch opfert sich ihre Tante Imelda für sie, die ihr heimlich gefolgt ist. Nachdem Betty und Bill Imelda bei lebendigem Leibe verspeist haben, rächt sich Amber, indem sie einen männlichen Komplizen der Eltern tötet und ebenfalls auffrisst. Am Ende kann Amber den leuchtenden Dämon durch einen Trick überlisten und sie erhält von dessen Diener einen Trank, der ihr Blut ungenießbar macht. Somit können ihre Eltern sie nicht mehr verspeisen und dem Dämon opfern. Zur Vergeltung hetzt der leuchtende Dämon jedoch seine Höllenhunde auf Amber und Milo, sodass sie weiter auf der Demon Road flüchten müssen. Ihr Ziel ist nun eine abgeschottete Kleinstadt in Alaska namens Desolation Hill, wo angeblich der einzig sichere Ort für sie ist. 

Kritik
Demon Road  beschreibt eine klassische Heldenreise nach Campbell im Horror-Gewand: Amber entwickelt sich von einer Schulversagerin zu einer mächtigen Heroin, die ihre dämonischen Kräfte nach und nach zu kontrollieren lernt. Zudem reift sie anhand von unterschiedlichen Questen und lernt mit ihrem Fluch, sich in eine Dämonin verwandeln zu können, umzugehen und ihn für ihre Vorteile zu nutzen. Dabei wird der Einfluss der früheren Tätigkeit Landys als Drehbuchautor für Gruselfilme deutlich. So hat Landy 2005 das Drehbuch zu der Teenie-Splatter-Horrorkomödie Boy eats Girl (FSK 18) geschrieben, bei der mehrere Teenies nach einem Voodoo-Zauber von einer Horde Zombies angefallen und aufgefressen werden. Ähnlich blutig geht es auch in Demon Road zu mit dem Unterschied, dass dieses Buch in Jugendbuchabteilungen auch Jugendlichen unter 18 Jahren zugänglich sein wird, was durchaus problematisch ist.

Insgesamt erweist sich die Handlung als Bricolage aus diversen erfolgreichen Horrorfilmen. Aus Stephen Kings Christine (1983) ist das Motiv des Menschen mordenden Autos entlehnt, aus Drag me to Hell (Raimi 2009) das Motiv eines höllischen Fluchs und aus  Dead End (Andrea und Canepa 2003) das Motiv des dämonischen und endlosen Highways, der eine Parallelwelt zur real intendierten Welt darstellt. Bei ihrem düsteren Roadtrip begegnen Amber, Milo und Glen an mehreren Stationen Antagonisten, die sie zumeist kaltblütig ermorden oder (im Fall von Amber) sogar auffressen. Dabei werden die eindimensionalen Hauptfiguren wie schemenhafte, statische Grotesken gezeichnet: Ihre Charakterzüge werden nur rudimentär ausgearbeitet: So erfährt man von Amber im Wesentlichen nur, dass sie früher eine schulische Außenseiterin war und jetzt eine blutrünstige Dämonin ist. Dennoch wird bei Amber eine gewisse Wandlung von einer unsicheren Schülerin zu einem selbstbewussten Teenager ersichtlich. Sie akzeptiert im Laufe der Reise nicht nur ihre dämonische Seite, sondern setzt diese auch ein, um ihre Ziele kompromisslos durchzusetzen. Auch Milo bleibt in dem Stereotyp eines Highway-Rasers und Serienkillers nach dem Vorbild von Stuntman Mike aus Tarantinos Death Proof (2007) verhaften, der wie Mike ein ähnlich auffälliges Rennauto aus den 1970er Jahren fährt. Unterhaltsam für den Leser ist der Umstand, dass Milo für jede Lebenslage einen flotten Spruch parat hat und zudem sein menschenfressendes Auto gerne mein Biest nennt.

Darüber hinaus wird die Romanhandlung im Wesentlichen auf äußere Handlungsstränge, die zumeist aus sehr brutalen Auseinandersetzungen bestehen, reduziert. Problematisch aus ethisch-moralischer Sicht in Bezug auf ein jugendliches Publikum sind die unzähligen kannibalistischen Episoden, die das ganze Buch durchziehen (vgl. S. 23, 59, 159, 330, 440, 449 und 462). So beißt Amber ihren Gegnern mehrmals die Finger ab und verspeist diese bisweilen genüsslich. Exemplarisch soll an dieser Stelle die Szene angeführt werden, als Ambers Eltern ihre Tante verspeisen, weil sie Amber bei der Flucht geholfen hat:

Dann stöhnte Imelda leise und Amber schlug die Hand vor den Mund, als die Dämonen begannen, Imelda die Kleider vom Leib zu reißen. Mit Klauen und Zähnen rissen und rupften sie Stücke aus ihrem Fleisch. Das Blut floss in Strömen bei ihrem Gelage. Ein Klagelaut entwich Amber, als Imelda den Kopf in ihre Richtung drehte, die Augen noch immer offen, als könnte sie Amber in ihrem Versteck in der Dunkelheit sehen. Sie verspeisten sie bei lebendigem Leib. Erst als Bill ihr das Herz herausriss, starb sie. (S. 440)

Der Kannibalismus wird dabei mit einer derartigen Detailfreude zelebriert, dass man eher das Gefühl hat, der Roman wäre ein einziges Plädoyer zum Verspeisen von Menschenfleisch. Untermauert wird das Ganze durch die Tatsache, dass Amber im Rahmen ihrer Reise herausfindet, dass es ihr Unmengen an Energie gibt, wenn sie andere Menschen verzehrt. Dabei fehlt jedoch der homodiegetischen Erzählinstanz – der Roman wird aus Ambers Sicht in der dritten Person erzählt – eine deutliche Distanzierung von derartigen Handlungen. Zudem ist keine kritische Reflexionsebene vorhanden, was anhand folgender Textstelle verdeutlicht wird, bei der Amber ein Stück Fleisch aus dem Körper des Komplizen ihrer sadistischen Eltern Alastair beißt:

Heißes Blut sprudelte in ihren Mund. Sie schluckte es instinktiv, auch dann noch, als Alastair nach hinten wankte. Amber hatte sich festgebissen. Er versuchte verzweifelt, sie loszuwerden, wurde jedoch mit jedem Moment  schwächer. Dann fiel er auf die Knie, Amber verlor das Gleichgewicht und er landete auf dem Rücken. Mit einem Ruck drehte Amber den Kopf zur Seite und hatte plötzlich einen Brocken Fleisch im Mund. Sie schluckte auch den. Ein kleiner Teil von ihr fuhr entsetzt zusammen, doch sie ignorierte ihn. Der Geschmack war zu gut. Der Geschmack war fantastisch. Sie riss noch einen Brocken heraus. Die gurgelnden Geräusche, die Alastair von sich gab, hörte sie nur mit halbem Ohr. Sie kaute und schluckte und holte sich mehr. Der Geschmack war besser als alles, was ihr je untergekommen war. Das Blut war aufgeladen mit Energie, mit roher Kraft. (S. 449)

Amber genießt es hier sehr, sich mit Menschenfleisch zu stärken. Die geringe Unsicherheit, die am Anfang des Zitats geschildert wird, verschwindet schnell und Amber geht in einen genüsslichen Blutrausch über. Die Handlung zeigt mindestens ein Blutbad pro Kapitel/Highway-Stop und verliert somit bald an Attraktivität. Auch in Bezug auf die Genderrollen verfestigt das Buch traditionelle Konzepte. So ist Amber trotz ihrer häufigen Verwandlungen in einen Dämon keineswegs selbsttätig, sondern ist immer an den highwaykundigen und starken Macho Milo angewiesen, der sich als einziger auf der höllischen Demon Road auskennt, deren Konzeption als Allegorie für das christliche Fegefeuer interpretiert werden könnte: Auf diesem dunklen Highway sind ausschließlich todgeweihte Verbrecher oder Menschen unterwegs, die einen Pakt mit dem Teufel eingegangen sind. Diese müssen sich unterschiedlichen Questen stellen. Nur wenn sie diese Lösen werden sie von ihrem Leid erlöst. Dauerhafte Sicherheit erfahren die Büßer jedoch erst, wenn sie in Desolation Hill, einer Art Elysium, das hier in Alaska angesiedelt ist, ankommen.

Fazit
Dieser von expliziten Gewaltszenen gespickte Roman, der vom Verlag als Jugendroman vermarktet wird und sich in Vorankündigungen bereits unter dieser Rubrik findet, ist aus pädagogischer Sicht wenig für Jugendliche unter 18 Jahren geeignet. Auch wenn Heranwachsende in Zeiten des Internets stets Zugriff auf diverse Horrorfilme haben, überschreitet dieser Roman die Grenzen des Tolerierbaren. Er kleidet die Adoleszenz der Protagonistin in das Gewand des Kannibalismus ohne dies zu problematisieren, sondern zelebriert vielmehr explizite Gewaltorgien unvorstellbaren Ausmaßes. Daher trifft folgendes Prädikat, das der Verlag dem Roman aus verkaufsstrategischen Gründen verleiht, weniger zu: "Demon Road ist irrwitziger Roadtrip, eine außergewöhnliche Coming-of-Age Geschichte und zugleich eine großartige Hommage an das amerikanische Horrorgenre." Summa Summarum weist das Buch weder vielschichtig konzipierte Protagonisten noch eine mehrdimensionale Handlung auf, die in erster Linie Ekel erregende Blutorgien fokussiert. Der Roman ist – wenn überhaupt – nur für (erwachsene) Splatter-Fans, die keinen Wert auf literarischen Anspruch legen, geeignet. Band zwei der geplanten Trilogie soll im September 2017 erscheinen.

Internetquelle
http://www.loewe-verlag.de/titel-0-0/demon_road_hoelle_und_highway-7869/

Erstveröffentlichung: 16.09.2016


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