von Dr. phil. Michael Stierstorfer

In der magischen Stadt Venedig werden für die Heranwachsenden Prosper und Bo ihre Wünsche nach Eigenständigkeit war. Auf einer kleinen und geheimen Insel vor Venedig findet sich in Funkes Roman ein Karussell, das allegorisch das Rad der Zeit darstellt. Dadurch können nicht nur Erwachsene erfahren, "wie schön es war, ein Kind zu sein" (S. 5), sondern Kinder erfüllen sich auch ihren Traum "endlich erwachsen zu sein" (S. 5). Der spannende Lesespaß mit venezianischem Setting wird für Jugendliche ab 11 Jahren empfohlen.

Funke, Cornelia: Herr der Diebe
Mit Illustrationen der Autorin
Oetinger Taschenbuch, Hamburg 2014 [Erstausgabe im Dresslerverlag, 2000]
391 Seiten, 9,99 €
ISBN 978-3-841-502-940

Ab 11 Jahren

Inhalt

Der zwölfjährige Prosper und der fünfjährige Bonifazius, genannt Bo, fliehen nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter aus Hamburg in die Stadt Venedig, da es der Traum von deren Mutter war, die Stadt mit ihren Kindern aufzusuchen. Zudem möchte deren unbarmherzige Tante Esther Hartlieb zusammen mit ihrem Ehemann Max nur Bo adoptieren und nicht Prosper. Nachdem sich die Kinder nach Venedig durchgekämpft haben, treffen die Brüder auf das kluge Mädchen Wespe, die die beiden mit in ein leerstehendes Kino namens Stella nimmt. Dort werden sie von einer Diebesbande um Scipio, dem sogenannten "Herrn der Diebe", aufgenommen. Dieser gibt vor, Antiquitäten von reichen Venezianern zu stehlen, um seine Bande nach dem Verkauf des Beuteguts mit Lebensmitteln zu versorgen. Er bietet die Antiquitäten dem habgierigen Händler Barbarossa, der seinem Namen gemäß auch einen roten Bart trägt, an. Es stellt sich jedoch heraus, dass Scipio seine Freunde angelogen hat: In Wahrheit ist er der Sohn eines wohlhabenden Grafen aus einer venezianischen Adelsfamilie. Da sich sein Vater jedoch nicht für die Belange des Sohnes interessiert und die Mutter nie da ist, bestiehlt er seine Eltern. Bei dem täglichen Überlebenskampf der Bande ist ihr zusätzlich der Privatdetektiv Victor Getz auf den Versen, den Esther engagiert hat, um ihre Neffen Prosper und Bo ausfindig zu machen.
Als Prosper als neuer Unterhändler der Bande eines Tages das Diebesgut von Scipio für einen gut ausgehandelten Preis an Barbarossa verkaufen kann, wird er vom Herrn der Diebe zu seinem engen Vertrauten gemacht. Bald darauf erhält Scipio von Barbarossa als scheinbaren Mittelsmann den Auftrag, im Namen eines ominösen Conte Vallaresso einen hölzernen Flügel zu stehlen. Um dieses Geschäft einzugehen, trifft sich Scipio mit dem Conte im Beichtstuhl der Basilika von San Marco. Dort erfährt er, dass sich der Flügel bei Signora Ida Spicavero befindet.

Nachdem die Diebesbande bei ihr eingebrochen ist, wird sie jedoch von Ida entdeckt. Die bewaffnete Signora ruft aber nicht die Polizei, sondern berichtet ihnen, dass der gesuchte Flügel Teil eines magischen Karussells ist, das einst dem kirchlichen Orden der Barmherzigen Schwestern gehörte. Diese kunstvolle Attraktion möchte sie selbst wieder entdecken, da das Karussell bereits seit langem verschollen sei. Die Kinder sichern ihr ihre Hilfe zu  und sind gespannt, das Geheimnis zu lüften. Sie übergeben also dem Conte den Flügel gegen Bezahlung, wobei sie ihm sodann auf eine geheime Insel, die sogenannte Isola Segreta, folgen. Dort stellt sich heraus, dass der sogenannte Conte in Wirklichkeit nur ein Diener namens Renzo des einstigen Contes Vallaresso ist. Renzo hat seine Schwester Morosina im Schlepptau, die ebenfalls vor Jahrzehnten eine Dienerin des Grafen war. Auch Barbarossa ist Scipio, Prosper und Bo auf die Insel gefolgt, um sich das Karussell, das die Symbole Venedigs – allen voran den geflügelten Löwen als Symbol des Hl. Markus – als Bestandteile trägt, unter den Nagel zu reißen. Scipio kann Renzo schließlich dazu überreden, dass er auch auf dem Karussell fahren darf. Dies besitzt nämlich die Eigenschaft, Menschen je nach Fahrtrichtung älter oder jünger zu machen. So wird Scipio erwachsen, um sich aus der Vormundschaft seines unbarmherzigen Vaters zu befreien. Die erwachsenen Renzo und Morosina wollen hingegen genau das Gegenteil: Da beide als Kinder dem Conte so viele Dienste erweisen mussten, konnten sie ihre eigene Kindheit nicht genießen. Daher wollen beide mithilfe des Karussells verjüngt werden,  um eine zweite Kindheit zu erleben. Auch der habgierige Barbarossa möchte  mithilfe des Karussells ein paar Jahre weniger haben. Dabei fährt er jedoch auf Veranlassung Prospers ein paar Runden zu viel und wird wieder zu einem unbeholfenen Kleinkind. Bei dieser stürmischen Fahrt geht jedoch der Flügel des Löwen erneut zu Bruch. Am Ende wird der schwererziehbare Barbarossa, der sich jedoch zum Schein gut benimmt, um die potenziellen und reichen Adoptiveltern Esther und Max zu beeindrucken, von Esther aufgenommen. Wespe, Prosper und Bo bleiben bei Signora Ida Spicavero, die einst bei den Barmherzigen Schwestern gearbeitet hat. Scipio emanzipiert sich von seinem Vater und wird Detektivlehrling bei Victor. 

Kritik

Der Roman ist eine Hommage an die urbs serenissima Venedig und kann daher dem florierenden Genre der Urban-Fantasy zugeordnet werden, weil er die Stadt in ein phantastisches Gewand hüllt. So macht es Venedig hier möglich, dass der Protagonist Scipio und weitere Venezianer ihren Alterungsprozess steuern. Darüber hinaus werden diverse Statuen des Dogenpalastes aus Prospers Innenperspektive anthropomorph inszeniert:

Wie wunderbar waren die Löwen ihm erschienen, als er sie das erste Mal wirklich gesehen hatte – nicht durch die Augen seiner Mutter, sondern mit seinen eigenen. Er hatte hochgeblickt zu ihnen, wie sie auf Säulen und zwischen den Sternen standen, hatte mit den Fingern über den kühlen Stein gestrichen und sich vorgestellt, wie sie die Wunder Venedigs bewachten. Und ihn. Als er mit Bo die Treppe der Riesen hinaufgestiegen war, drinnen im Hof des Dogenpalastes, und dort oben gestanden hatte, zwischen den gewaltigen Figuren, hatte er sich so sicher gefühlt wie ein König in seinem Reich, beschützt von Löwen und Drachen und vom Wasser, das ihn umgab. (S. 284)

Im Zentrum dieser magischen Inszenierung von Venedig steht jedoch das Karussell. Es spiegelt als magischer Mikrokosmos den Makrokosmos der Stadt wider. So besteht es aus dem geflügelten Löwen von San Marco, einem Hippocampus, einem Wassermann, einer Seejungfrau und einem Einhorn. Diese sind alles mythische Fabelwesen, die – mit Ausnahme des Löwen und des Einhorns – eng mit dem Element Wasser und damit der Wasserstadt Venedig verbunden sind. Doch auch der Löwe und das Einhorn stehen mit der urbs serenissima in Zusammenhang: Der geflügelte Löwe ist – wie bereits oben erwähnt – der wichtigste Schutzpatron Venedigs und echte Hörner von Einhörnern werden angeblich in der Schatzkammer des Markusdoms aufbewahrt.

Durch die Vignetten, die sich am Anfang eines jeden Buchkapitels finden und die von der Autorin selbst kunstvoll ausgestaltet wurden, wird ein sehr touristisches Bild von Venedig vermittelt, was als problematisch anzusehen ist. So findet sich auch auf der Venedig-Karte am Ende des Romans (S. 392f.) nur der Bahnhof von S. Lucia, jedoch nicht der größere Bahnhof des venezianischen Festlandes namens Venezia Mestre und das venezianische Festland mit dem Lido. Es entsteht somit leicht der Eindruck, dass Venedig nur aus dem touristischen Inselbereich besteht. Insgesamt wird Venedig also für ein heranwachsendes Publikum auf sein touristisches Zentrum reduziert. Dies ist zwar einerseits nachvollziehbar, da dadurch eine Komplexitätsreduktion der ohnehin mehrsträngigen Handlung stattfindet, jedoch hätte die Autorin an einer Stelle noch erwähnen können, dass die Stadt eigentlich vielseitiger ist.

Die kohärente Handlung enthält zwei gut ausgearbeitete Spannungsbögen. Zum einen werden die streunenden Kinder stets von dem Privatdetektiv Victor beschattet, was zu Versteckspielen und Verfolgungsjagden führt. Zum anderen mündet der abenteuerliche Plot in einen Krimi, da die Kinder das Rätsel um das magische und verschwundene Karussell lösen müssen. Beide Stränge werden erst im Laufe des Romans zusammengeführt, indem sich der Detektiv den Kindern anschließt und am Ende sogar Scipio als Lehrling annimmt, da er den Fall um das Karussell gelöst hat.

Das zentrale Motiv des Romans ist jedoch der Wunsch vieler Menschen, das Alter zu beeinflussen. So möchte der junge Scipio erwachsen und der erwachsene Renzo wieder ein Kind werden. Der Wunsch nach einer zweiten bzw. ewigen Kindheit wird jedoch durch den intertextuellen Verweis auf Peter Pan als nicht zielführend entlarvt, da man dann immer von den Erwachsenen abhängig bleibt. Außerdem bekommt Scipio nach seiner Metamorphose in einen Erwachsenen den Beinamen Fortunato (der Beglückte). Daher ist es eine mögliche Lesart des Textes, jugendlichen Rezipienten aufzuzeigen, dass sie keine Angst vor dem Erwachsenwerden haben müssen. Ein Festhalten an der Kindheit ist hingegen weniger sinnvoll, wie am Beispiel Barbarossas gezeigt wird, der dadurch seinen Autonomieraum vollkommen aufgeben muss.

Neben der Handlung sind auch die Figuren wandelbar und vielschichtig gezeichnet. So wird z.B. Scipio für den Protagonisten Prosper vom arroganten Anführer einer Diebesbande zum verantwortungsbewussten Freund auf Augenhöhe. Um das differenziert ausgestaltete Innenleben der Figuren erfahrbar zu machen, gibt der heterodiegetische und allwissende Erzähler die Perspektive oftmals an die Hauptpersonen ab. Zudem ist der Erzähler auch didaktisch funktionalisiert, da er venezianische Besonderheiten und Fachbegriffe, wie z.B. die Vaporetti (S. 52) kindgerecht erläutert. Des Weiteren können Leser, die noch nie in Venedig waren, wichtige Fachtermini (S. 390f.) in einem Glossar nachschlagen, um der Handlung optimal folgen zu können. Dadurch kann eine Wortschatzerweiterung vor allem bei jungen Lesern angebahnt werden. So werden auch alltagsrelevante Wörter, wie z.B. Palazzo und Gondola, erklärt.

Fazit

Trotz der bilateralen und abwechslungsreichen Handlung, die an vielen bedeutenden Orten Venedigs (u.a. Markusplatz, Markusdom, Rialtobrücke und Accademia) angesiedelt ist, erhalten die Leser einen touristischen Eindruck von Venedig. Da dieser Roman jedoch für viele Leser im Allgemeinen und Schüler im Besonderen ein erster Zugang zu der sagenumwobenen Stadt Venedig sein kann – wie Schilcher in einem Praxisversuch demonstriert –, ist dieser verengte Blickwinkel auf Venedig dennoch nachvollziehbar. Der Plot ist insgesamt eine Hybridform aus Abenteuer und Krimi, die mit einer Brise Phantastik gewürzt wurde. Neben unzähligen männlichen Identifikationsfiguren, gibt es auch ein starkes Mädchen als Identifikationsfigur für Leserinnen: Wespe tut sich als kluge Vermittlerin zwischen den sich ständig zankenden Jungs hervor. Aufgrund der durchaus komplexen Bezüge und Handlungsstränge wird der Roman für Jugendliche ab 11 Jahren empfohlen.

Sekundärliteratur
Schilcher, Anita: "Der Herr der Diebe" (Cornelia Funke): Ein intermedialer Zugang zu einem modernen Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. In: kjl&m 07.extra, S. 168-179.


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