von Sabine Planka

Adil, Max, Paula, Kemper: Vier Menschen, vier Schicksale. Verknüpft durch zufällige Begegnungen, die sich im Kern um den Glauben drehen und um die Frage, ob der Glaube Mord rechtfertigt. Ein packender Roman für Jugendliche ab 14 Jahren.

Hammer, Agnes: Nächster Halt: Dschihad
Überarbeitete Neuausgabe des Titels Regionalexpress (2012)
Loewe, Bindlach 2016
160 S., 5,95 €
ISBN 978-3-7855-8304-3
Ab 14 Jahren

Inhalt
Als Max Adil in der Straßenbahn von Köln nach Düsseldorf vor rechtsradikalen Schlägern beschützt, entsteht eine Freundschaft, die den rebellischen, ‚ungläubigen‘ Max in die Moschee zu den Freitagsgebeten führt und ihn sich schließlich durch mehrere Moscheebesuche und das Gefühl des Verstanden werden und des Verstehens radikalisieren lässt. Er konvertiert zum Islam, beginnt Arabisch und zugleich den Koran auswendig zu lernen. Während Max immer mehr im Islam aufgeht und immer stärkeren Anschluss in der Moschee findet, merkt man Adil an, dass er sich zunehmend vom Islam entfernt und zu zweifeln beginnt, v.a. als er Paula, Max' Schwester kennenlernt. Zu Beginn der Geschichte noch strenggläubig, lässt er es zwar zu, dass er sich zu Paula mehr und mehr hingezogen fühlt, hält aber bis zum Schluss an seinem Glauben fest. Es hat den Anschein, als fürchte er, den Halt im Leben zu verlieren, wenn er seinen Glauben aufgibt.

Max und Adil werden schließlich an dem Plan beteiligt, einen – religiös motivierten – Anschlag zu planen und auszuführen. Max stürzt sich intensiv in die Vorbereitungen: Er ist es, der anmerkt, man könne den Sprengstoff zunächst an einem lebenden Wesen ausprobieren und der vorschlägt, Tonka, den Hund des Reitlehrers zu stehlen, in dessen Stall wiederum Paula reitet und aushilft. Er ist es auch, der den Plan hat, bei dem geplanten Anschlag eine Bombe nicht nur in einem Zug, sondern in zwei aneinander vorbeifahrenden Zügen zu zünden. Und er ist es schließlich, der in die Türkei reißt, um dort auf Adil zu warten – der nicht kommen wird. Adil haben immer stärkere Zweifel überfallen und als er mit der Bombe in 'seinem' Zug sitzt und von Umleitungen erfährt, die dazu führen, dass er mitsamt den Zuginsassen sterben wird, wirft er die Bombe aus dem von ihm eingeschlagenen Zugfenster. Doch nicht weit genug: Er krabbelt hinterher und wird durch die Sprengung getötet, was von Max später als Heldentum missinterpretiert wird, so dass er glauben wird, dass Adil sich für den Glauben und das höhere Ziel geopfert habe.

Dieser Handlungsstrang wird unterbrochen durch zwei andere Sichtweisen: Einmal kommt immer wieder Paula zu Wort, die sich in Adil verliebt und schließlich erkennt, dass ihre Liebe nicht erwidert werden wird und erwidert werden kann, da Adil seinem Glauben (noch) treu bleibt, und dann feststellen muss, dass ihr Bruder ein Attentat plant. Entsetzt von dieser Tat, kontaktiert sie Adils Onkel, der wiederum die Polizei informiert – und damit Herrn Kemper, im Buch schlicht Kemper genannt. Er ist Ermittler in einem Einsatzkommando, das Terrorgefahren ausfindig machen und potentielle Attentäter und Verdächtige überwachen soll, darunter den Prediger Mohammad, der plötzlich in Köln und Düsseldorf aufgetaucht ist. Eigentlich ist Kemper ein unglaublich fähiger Beamter, dessen Arbeitswille und Motivation nachgelassen hat, nachdem er und seine Frau in einen Unfall verwickelt waren, bei dem seine Frau gestorben ist. So kommt es, dass seine Aufmerksamkeit getrübt ist und er im Ermittlungsteam die Leitung an einen Kollegen abgeben muss. Er erinnert sich jedoch daran, dass er Burak Altuntas kennt, einen Kommilitonen von der Uni, der wiederum in der Moschee betet, in der Mohammad predigt – und der zufällig Adils Onkel ist, was Kemper nicht weiß. Und Kemper ist es auch, der den richtigen Riecher hat und die Existenz der zweiten Bombe ahnt. Umso erschütterter ist er, als er von seinem neuen Chef erfährt, dass Mohammad ihr V-Mann und damit Informant war und es den Ermittlern so gelungen ist, die Zünder der Bomben an die Attentäter zu schleusen:

Da verstand ich endlich.
„Mohammad war einer von uns?“, fragte ich. „Wir haben ihn eingeschleust?“
„Es war keiner von uns!“, sagte Littkens. „Ein V-Mann, ja.“
„Aber wir haben ihn bezahlt? Haben wir ihm die Zünder gegeben?“
„Sollen diese Verrückten da draußen denn völlig unkontrolliert losgehen und Bomben legen?“, fragte er zurück. „Ist es nicht besser, wenn wir etwas inszenieren und dann möglichst ohne Tote beenden?“
Ich saß da und spürte nichts.
„Ist das nicht besser?“ Er holte tief Luft, so als müsse er sich selbst beherrschen. „Und Mohammad war eine gute Wahl, sehen wir es doch mal so. Die Operation war zu fast jeder Zeit unter unserer Kontrolle, darauf kommt es an.“
„Zu fast jeder Zeit?“, wiederholte ich. […] (S. 145)

Kritik
Agnes Hammer hat  mit Nächster Halt: Dschihad, der eine überarbeitete Neuausgabe ihres Buches Regionalexpress aus dem Jahre 2012 ist, einen Roman für Jugendliche verfasst, der sich mit dem Glauben auseinandersetzt und zeigt, dass nicht immer alles so ist, wie es scheint.

Durch Umkehrungen und eine geschickte Verknüpfung der von ihr gewählten vier Perspektiven und Sichtweisen auf das Geschehen, lässt sie eine komplexe und packende Story entstehen, der der Leser jedoch ohne Probleme folgen kann und die sich am Ende logisch zusammenfügt. Die Sichtweisen von Max, Adil, Paula und Kemper abwechselnd aus der jeweiligen Ich-Perspektive darstellend, gelingt Hammer ein multiperspektivisches Porträt einer Tat, die ab einem bestimmten Zeitpunkt eine Eigendynamik entwickelt und kaum mehr aufzuhalten ist. Alle Beteiligten sind sorgsam konstruiert und weisen Brüche in ihrem Leben auf, die sie zu den Menschen machen, die sie sind, und zu den Handlungen und Taten befähigen, die sie ausführen. Max ist genervt von seinen Eltern, die sich nach dem Aufenthalt der Mutter in der Psychiatrie der Esoterik hingegeben haben, und scheint auf der Suche nach Halt und Klarheit in seinem Leben zu sein, nachdem er seinen eigenen Glauben an Gott verloren hat. Als er dem Prediger Mohammad begegnet und ihn beten hört, ist er gefangen von der Klarheit seiner Aussagen und Ansichten und konvertiert schließlich zum Islam – dem Glauben, an dem Adil zunehmend zweifelt und schließlich beginnt, sich von ihm zu distanzieren. Adils Vater ist ein Trinker und Spieler und in den Augen des Sohnes kein guter Familienvater. Trotzdem ist es erst Paula, die ihn tatsächlich an seinem strengen Glauben zweifeln lässt, den er zu Beginn der Geschichte vor Max noch so verteidigt hat. Paula selbst will ihren Weg gehen und sich nicht von ihren Eltern vorschreiben lassen, was sie tun und lassen will – und befindet sich damit in der gleichen Situation wie ihr Bruder Max, aus er sie jedoch einen anderen Ausweg wählt: Eine Ausbildung, um den Eltern zu ‚entkommen‘ und etwas zu haben, das ihr Halt gibt im Leben. Halt erfährt auch Kemper, als seine Schwester, frisch getrennt von ihrem Mann, mit ihrem behinderten Sohn in sein Haus einzieht und anfängt, sein Leben aufzuräumen.

Wichtige Nebenfiguren wie z.B. Adils Onkel bleiben hingegen flach. Hier hätte eine deutlichere Ausdifferenzierung sowohl der Figur als auch der Geschichte gut getan, um auch die andere Seite der Religion Islam zu zeigen.

Nach und nach lüftet Agnes Hammer die Beziehungen der Personen zueinander. Ihr gelingt es, ein Netz zu weben, durch das alle Beteiligten – z.T. ohne es zu wissen – ganz eng miteinander verbunden sind und deren Schicksale das Leben der anderen nachhaltig beeinflussen. Dabei greift sie in ihrer Geschichte auf aktuelle Geschehnisse zurück, z.B. auf die Sauerland-Gruppe, die einen Terroranschlag geplant hatten, jedoch rechtzeitig enttarnt werden konnten und verknüpft dies mit ihrer Geschichte. Sie lässt ihre Leser Max zunehmende Radikalisierung ebenso miterleben wie die Arbeit der Ermittler, die einen Anschlag verhindern wollen – den sie selbst im Grunde unterstützt haben, was den eigentlichen Schrecken des Geschehens ausmacht.

Hammer zeigt an diesem Punkt, dass nicht immer alles schwarz und weiß ist, sondern sich viele Ereignisse aus einem Grauschleier heraus entwickeln können. Was schade und durchaus problematisch an der Geschichte ist, ist die Tatsache, dass der Islam hier reduziert wird und fast ausschließlich mit Terrorismus und Radikalität in Verbindung gebracht wird. Nur vereinzelt erscheinen Personen, die diese Verknüpfung missbilligen, wie etwa Adils Onkel, der Informationen an die Polizei weitergibt, um den Terror zu stoppen. Aber auch er bleibt flach in seiner Ausgestaltung und kann kaum als Gegenbild gegen die terroristische Seite gesehen werden, um ein anderes Bild des Islam zu zeigen.

Fazit
Mit Nächster Halt: Dschihad ist Agnes Hammer ein Buch für Leser ab 14 Jahren gelungen, das sich eines aktuellen Themas annimmt – Anschläge im Namen einer Religion – und zeigt, wie Menschen von einem System angezogen werden und in ihm aufgehen können, aber auch, was Menschen versuchen, um ein System zu stoppen. Multiperspektivisch angelegt, lässt sie ihre Figuren im Rahmen einer geschickt konstruierten Handlung sprechen und handeln und zeigt zudem Abhängigkeiten auf, die durch das System bedingt sind, die sich aber auch durch dieses selbst ergeben. Obwohl der Islam hier einseitig dargestellt wird, eignet sich das Buch jedoch für den Schulunterricht, um nicht nur aktuelle politische Entwicklungen zu besprechen, sondern auch, um sich umfassend mit dem Islam auseinanderzusetzen

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