von Sebastian Koch, M.A.

Der zweite Teil der Seiten der Welt steht seinem Vorgänger in nichts nach. Tiefgreifende Figuren, spannungsgeladene Konstellationen zwischen den Charakteren und neue Bedrohungen aus der Dunkelheit machen Nachtland zur Unterhaltung für Leserinnen und Leser ab 10 Jahren.

Meyer, Kai: Die Seiten der Welt, Bd. 2: Nachtland
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2015
592 S., 19,99 €
ISBN: 978-3841421661
ab 10 Jahren
 

Inhalt
Sechs Monate sind vergangen, seit sich Furia Faerfax und die Agentin Isis Nimmernis dem Widerstand der Exlibri angeschlossen haben und gegen die adamitische Akademie kämpfen. Ihr gemeinsames Ziel ist es, den geheimen Weg ins Sanktuarium zu finden, von dem aus die drei großen Häuser Cantos, Himmel und Lohenmut das Geschick der magischen Welt bestimmen, um es zu zerstören. Dabei stellen sich ihnen Marduk, ein bibliomantischer Exlibro, und Atticus Arbogast, ein Agent der Akademie und Isis' ehemaliger Mentor, in den Weg. Auch die Mitglieder der drei großen Häuser haben großes Interesse daran, Furia und ihre Freunde, den Mitgliedern des Widerstands, aufzuhalten.

Aber nicht nur das erbarmungslose Regime der drei Häuser stellt eine Bedrohung für die kleine Gruppe Freiheitskämpfer dar. Aus den Tiefen zwischen den Seiten der Welt erheben sich die Tintlinge: schwarze Monster, die aus den Nachtrefugien stammen – jenem verbotenen Land, das das Sonnenlicht nie erreicht und in das die Gruppe um Furia Severin Rosenkreuz verbannten, ihr Vorfahre, der sich selbst den Namen Siebenstern gab. Was haben die Tintlinge vor? Welche Gefahr geht von Ihnen aus? Und vor allem: Wie kann Furia sie besiegen?

Kritik
Häufig haben Fortsetzungen den Ruf, dass sie nicht an die Qualität und die Geschichte des ersten Teils heranreichen. Die Seiten der Welt – Nachtland beweist, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Mit einem ganzen Schwung neuer Charaktere schafft es Kai Meyer, frischen Wind in die Geschichte um die jugendliche Zauberin zu bringen. Dabei beschränkt er sich nicht auf die sympathischen Protagonisten des Buchs. Neben Summerbelle, einer Bibliomantin aus gutem Hause, und Patience, dem Exlibro aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, schließt sich Nassandra, die Kallista, die aus einem vergrabenen Seelenbuch wuchs und sich nun jede Nacht in einen Baum verwandelt, dem Widerstands an. Doch auch neue Antagonisten bereichern die Geschichte: Die Familie Himmel versucht, die adamitische Akademie und damit die Macht über die komplette bibliomantische Welt an sich zu reißen. Die Eltern von Furias Freundin Catalina hatten ihre Tochter aufgrund ihres fehlenden bibliomantischen Talents verstoßen. Nun sind sie zwischen der Liebe zu ihr und dem Bestreben nach politischem Einfluss hin- und hergerissen. Und das Feuerwesen namens Fornax, das die Große Bibliothek in Alexandrien zerstörte, will einfach nur alles verbrennen, was sich ihm in den Weg stellt.

Aber ebenso, wie der Autor neue Figuren in das Buch einzuführen weiß, so versteht er sich darauf, sie herauszuschreiben. Da er nicht zögert, bedeutende Hauptfiguren sterben zu lassen, kann der Leser sich zu keinem Zeitpunkt in Sicherheit wiegen, dass die Helden bis zum Ende des Buchs überleben. So bleibt über den gesamten Lauf der Geschichte ein gewisses Maß an Grundspannung erhalten.

Wie sein Vorgänger schafft es Nachtland nicht, dieses Maß an Spannung über seine Dramaturgie aufzubauen. Dies ist u. a. dem häufigen Wechsel der Erzählperspektive geschuldet: Zu oft springt die Handlung zwischen Furia und Isis, zwischen Finnian und den Geschehnissen in der Residenz hin und her. Aufgrund der Vielzahl an Handlungssträngen ist es dem Leser kaum möglich, ein kohärentes Level an Spannung zu erleben. Denn gerade, wenn sich eine Szene ihrem Höhepunkt nähert, springt der Erzähler zur nächsten Handlung und lässt den Leser in der Luft hängen. Weil dieser bei jedem Szenensprung gezwungen ist, sich neu zu orientieren, verlieren die Geschichte ihren übergreifenden Spannungsbogen, obwohl jeder Erzählstrang für sich durchaus spannend ist. So erlebt der Leser zu Ende der Geschichte – wie im ersten Teil – ein unvermitteltes, dafür aber umso actionreicheres Finale.

Auch die Darstellung des bibliomantischen Bücherzaubers schöpft ihr Potential nicht voll aus: Obwohl Furia laut den ersten Sätzen im Buch "auf dem besten Weg [ist], eine erstklassige Bibliomantin zu werden", beschränkt sich ihr magisches Repertoire (ebenso wie das der meisten anderen Zauberer) auf kaum mehr als Druckwellen, die sie auf ihre Feinde schleudert. Dies ist einerseits keine große Veränderung zum ersten Teil der Serie und andererseits auch eine enttäuschende Präsentation einer Magie, die anscheinend in der Lage ist, ganze Welten zu erschaffen und die Vergangenheit zu verändern.

Im Gegensatz zum ersten Band endet Nachtland mit einem Cliffhanger: Furia ist verschwunden. Ihren Freunden ist nicht einmal bewusst, ob sie überhaupt noch lebt. Ob sich die Geschichte noch eine gute Wende nehmen kann, wird sich erst in der Fortsetzung herausstellen.

Fazit
Die Seiten der Welt – Nachtland ist eine gelungene Fortsetzung in die fantastische Welt des Bücherzaubers und der magischen Refugien. Auch wenn der Aufbau der Geschichte der Handlung nur bedingt gerecht wird, so macht die Vielfalt der Figuren sowie die elaborierte, ausgeschmückte Hintergrundgeschichte eines jeden einzelnen Charakters auch den zweiten Teil von Kai Meyers Bibliomantik-Trilogie zu einem Genuss. Wie im ersten Band sind manche Teile der Geschichten (z. B. der Tod einiger Protagonisten) nicht für die allerjüngsten Leser geeignet. Daher ist das Buch für Kinder ab 10 Jahren zu empfehlen.


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