von Sabine Planka

Rashad, Afroamerikaner, will nichts weiter als bei Jerry's Chips kaufen und wird Opfer von brutaler Polizeigewalt. Sein Mitschüler Quinn, weiß, beobachtet das Geschehen – und flüchtet und schweigt. Zunächst. Denn der Konflikt brodelt und zieht weite Kreise. Bis Quinn einfach nicht mehr schweigen kann und Position bezieht. Ein Roman über Rassismus und Polizeigewalt für Leser ab 14 Jahren.

Reynolds, Jason / Kiely, Brendan: Nichts ist okay! Zwei Seiten einer Geschichte
Aus dem Englischen von Klaus Fritz und Anja Hansen-Schmidt
dtv, München 2016
320 S., 14,95 €
ISBN 987-3-423-65024-3
Ab 14 Jahren

Inhalt
Rashad, Schüler der Springfield Central Highschool, begnadeter Zeichner, Mitglied des Junior Reserve Officer Training Corpse, also der Nachwuchsausbildung für künftige Reserveoffiziere, und von farbiger Hautfarbe will sich Freitagabend mit seinen Freunden treffen, um zu einer angesagten Party zu gehen. Als er vorher bei Jerry's Chips kaufen will, stolpert eine andere Kundin über ihn, als er sich bückt, um sein Handy aus der Sporttasche zu ziehen. Officer Paul Galluzzo beobachtet die Szenerie, der Shopbesitzer wird ebenfalls aufmerksam und bezichtigt Rashad des Diebstahls. Galluzzo verhaftet Rashad nicht nur, er verprügelt ihn so sehr, dass Rashad mit Rippenbrüchen und inneren Blutungen ins Krankenhaus muss.

Abgeschottet von der Außenwelt, erfährt Rashad nach und nach, was für Auswirkungen das Geschehen hat, das zufällig von einem Beobachter per Handy gefilmt worden ist: Die Medien des Landes berichten tagein tagaus über ihn, sein Bruder Spooney hat zudem ein Foto von ihm in Kadettenuniform an die Medien gegeben, um der Öffentlichkeit das Bild eines ehrlichen und anständigen Jungen zu präsentieren. Während seine Familie zu ihm steht und ihm seine Version der Geschichte glaubt, zeigen sich die Medien gespalten und liefern Gründe und Argumente für und gegen Rashad und beschuldigen ihn mal des Diebstahls, ein anderes Mal nehmen sie ihn in Schutz.

Während Rashad das Geschehen aus der Abgeschiedenheit des Krankenhauses erlebt, steckt Quinn mittendrin. Er war freitags ebenfalls auf dem Weg zur Party, die auch Rashad besuchen wollte. Auch er wollte mit seiner Clique bei Jerry's einkaufen und hat die Prügelei und die Schläge gesehen – und ist mit Pauls Familie befreundet. Mit Pauls Bruder, den alle nur Guzzo nennen, spielt er im Basketballteam, Paul selbst hat sich um Quinn gekümmert und ihn quasi großgezogen, als Quinns Vater im Krieg gegen die Terroristen nach dem 11. September gefallen ist. Quinn ist schockiert und verdrängt das Geschehen zunächst. Sich selbst immer wieder einredend, dass ihn die Sache nichts angehe, verleugnet er die Tat und sich selbst, bis er selbst langsam feststellt, dass er die Augen nicht mehr verschließen, Paul nicht mehr in Schutz nehmen kann und sich aktiv gegen Rassismus stellen muss (vgl. S. 146 und 191).

Quinn wird aktiv und schließt sich der Demo an, die für Rashad geplant ist – und für alle Afroamerikaner, die rassistisch motivierter Polizeigewalt zum Opfer gefallen sind.

Kritik
Dem Autorenduo Jason Reynolds und Brendan Kiely – ebenfalls halb afroamerikanisch, halb weiß – ist ein Buch gelungen, das berührt und nachdenklich stimmt. Anknüpfend an aktuelle Debatten in den USA über weiße Polizeigewalt an Afroamerikanern, zeichnen sie das Bild einer gespaltenen Gesellschaft, deren eine Seite sich zurückhält und die Augen verschließt vor dem Geschehen und nicht wahrhaben will, dass Rassismus immer noch Teil der Gesellschaft ist, und deren andere Seite dagegen hält, aktiv wird und sich gegen die Gewalt erhebt. Anhand der Erlebnisse zweier Jugendlicher, der eine afroamerikanischer Herkunft, der andere weiß, zeigen sie den Riss, der sich durch die Gesellschaft zieht und noch lange nicht gekittet ist.

Beide Jungen kommen abwechselnd zu Wort und vermitteln den Lesern durch die homodiegetische Perspektive ihre Sicht der Dinge, die geprägt ist zunächst durch Resignation (Rashad) und Schweigen bzw. Verleumdung (Quinn) und sich mehr und mehr wandelt, bis sowohl Rashad als auch Quinn ihre Augen nicht mehr verschließen können und sich gemeinsam der Demonstration gegen (rassistisch motivierte) Polizeigewalt anschließen – und sich beide kaum kennen, obwohl sie in dieselbe Schule gehen und zum Teil sogar denselben Freundeskreis haben.

Die Autoren gehen noch weiter, beziehen auch die Medien mit ein und zeigen die Wirkung, die die medialen Ereignisse auf die beiden Jungen haben. Rashad kann zunächst nicht glauben, dass es in den sozialen Medien inzwischen den Hashtag #RashadFehltHeuteWieder über ihn gibt (vgl. S. 202) und stellt schließlich fest, dass die Cyberwelt und die Realität in einem totalen Durcheinander münden (vgl. S. 280). Und auch die sich immer wieder wiederholenden Fernsehbilder, die das Video der Prügelei zeigen und 'ergänzt' werden durch Erläuterungen durch Politiker etc., werden ihm irgendwann zu viel.

Den Autoren gelingt es auf bedrückende Weise, die emotional aufgeladenen Stimmungen einzufangen und zu transportieren: Besonders deutlich wird dies, als die von Rashads Mitschülern organisierte Demo gegen Rassismus und Polizeigewalt naht, die Polizei mit Panzern anrückt (vgl. S. 289) und die Strecke komplett abgesperrt hat.

Die Straße hinter uns war frei, aber die Polizei hatte die Nebenstraßen entlang der Demostrecke abgeriegelt. Wir saßen in einer Art Tunnel fest. Schöne Scheiße. Okay, sie ließen uns von Jerry’s zur Police Plaza marschieren wie geplant, aber wenn etwas schiefging, saßen wir in der Falle, und zwar zu Tausenden. […] Außer uns waren auch Tausende Polizisten versammelt, zumindest vermutete ich, dass es Polizisten waren. Sie sahen eher aus wie eine Armee von Robocops, mit ihren schwarzen paramilitärischen Uniformen, den Helmen und den automatischen Gewehren. […] Mit den ganzen Polizeipanzern und den vielen Fußtruppen sah die Straße auf einmal nicht mehr wie Springfield aus, sondern eher wie Kabul. Dabei war das hier die Vierte Straße! […] (S. 294/295)

Was die Autoren hier beschreiben, beschwört Szenarien, die dem Leser aus jüngsten Medienberichten bekannt sein dürften, vor allem aus Baton Rouge im Juli 2016, als der Afroamerikaner Alton Sterling bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, was die Proteste der Bewegung Black Lives Matter angeregt, aber auch Morde an fünf weißen Polizisten nach sich gezogen hat (vgl. hier). Bekannt ist vor allem das von Jonathan Bachman gemachte Foto einer Afroamerikanerin, die von schwerbewaffneten weißen Polizisten verhaftet wird und keine Gegenwehr leistet (das Foto findet sich hier).

Die Schilderungen von Reynolds und Kiely scheinen unsichtbar mit diesem Bild zu korrespondieren und es geradezu heraufzubeschwören – und das, obwohl die amerikanische Originalausgabe bereits 2015 unter dem Titel "All American Boys" bei Simon & Schuster erschienen ist. Die Autoren lassen die Bürgerrechtsbewegung ebenso einfließen wie die Rassentrennung vgl. S. 247), die Proteste um Martin Luther King (vgl. S. 204) und Zitate des 1984 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Menschenrechtlers Desmond Tutu (vgl. S. 292). Sie greifen ein dunkles Kapitel aus der amerikanischen Geschichte auf, dessen Wurzeln sich bis in die Gegenwart ziehen und zeigen das Gefühl der Machtlosigkeit einzelner Älterer auf (vgl. S. 217) ebenso wie den Tatendrang der jungen Generation, die Rassismus nicht mehr hinnehmen will und sich engagiert (vgl. S. 219ff.), was zuweilen an Peter Weirs Film Der Club der toten Dichter (Dead Poets Society; 1989) erinnert:

Und er begann zu lesen […]. Also, Tooms ist echt nicht der Typ, der gerne laut vorliest, aber er legte einfach los und las die Worte deutlich und selbstbewusst, dass man es im ganzen Raum gut hören konnte. […] Nachdem Tooms verstummt war, schaute ich zu ihm rüber und merkte, dass er mich ansah. Der Rest der Klasse saß einfach nur da und wartete, dass etwas passierte, und selbst Mrs Tracey war zu verdattert, um etwas zu sagen. Also nickte ich, und obwohl ich auch nicht zu denen gehörte, die gerne laut vorlesen – ich hasse es! –, fuhr ich mit dem nächsten Absatz fort. […] Und dann hörte ich überrascht, wie Nam dort weitermachte, wo ich aufgehört hatte, und nach Nam las Sonja weiter, dann Latrice und dann Alex, und bald war klar, dass die ganze Klasse sich abwechseln würde, denn wie würde man dastehen, wenn man es nicht tat? (S. 220/221)

Das alles – inklusive der intertextuellen Verweise – zeigt, dass das Thema Rassismus ein aktuelles ist, das schwelt und immer wieder an die Oberfläche bricht. Die Autoren halten dagegen und beschwören die Menschlichkeit, die jedem Menschen innewohnt und die man anderen entgegenbringen sollte. Kluge Sätze fallen, die zum Nachdenken anregen:

Manchmal, wenn die Menschen unmenschlich behandelt werden, hilft es ihnen am meisten, wenn man sie einfach wieder als Menschen behandelt und nicht als Opfer. Ich wollte dich nehmen, wie du bist. In erster Linie als Rashad Butler. (S. 246)

Fazit
Dem Autorenduo ist es mit Nichts ist okay! Zwei Seiten einer Geschichte gelungen, eine einzelne Tat mit einem Stück dunkler amerikanischer Geschichte zu verknüpfen und so das Thema Rassismus und Polizeigewalt einer jugendlichen Leserschaft ab 14 Jahren zugänglich zu machen. Zahlreiche intertextuelle und intermediale Verweise eröffnen einen gesellschaftspolitischen Diskussionsraum um ein Thema, das gegenwärtig leider nichts an Aktualität verloren hat und dem man nur aktiv aufklärerisch entgegentreten kann.

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