von Christin Kowalewski

Wer bin ich? Wo ist mein Platz in der Welt? Warum lachen wir? Warum fühlen wir uns allein? Diesen und anderen Fragen stellen sich die Protagonisten in Benjamin Alire Sáenz’ Jugendroman. Sáenz’ schlichter und doch poetischer Schreibstil schafft es dabei, die Gefühls- und Gedankenwelt der beiden Hauptcharaktere sehr authentisch und realitätsnah wirken zu lassen und macht dies zu einem sehr berührenden Buch für Leser ab 14 Jahren. 

Sáenz, Benjamin Alice: Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums.

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.
Thienemann, Stuttgart 2014.
384 Seiten. 16,99 €
ISBN 978-3-522-20192-6
Empfohlen ab 14 Jahren.

 Inhalt

""Ich heiße Dante", sagte er. Ich musste noch lauter lachen. "Entschuldige", sagte ich.

"Schon okay. Alle lachen über meinen Namen."

"Nein, nein", beruhigte ich ihn, "Es ist nur, weißt du,  ich heiße Aristoteles." (S. 22)

So verläuft die erste Begegnung zweier mexikanischer Jungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dante Quintana ist menschenoffen, sehr gebildet und interessiert sich für Kunst und Poesie. Aristoteles "Ari" Mendoza ist introvertiert und verschlossen, sein Vater wurde vom Vietnamkrieg so mitgenommen, dass er kaum spricht und sein Bruder Bernardo sitzt wegen Mordes im Gefängnis. Im Laufe des Sommers wachsen die beiden schnell zu besten Freunden zusammen und unternehmen verschiedene Dinge. Eines Tages wird Dante beinahe von einem Auto überfahren. Ari schubst ihn aus dem Weg und rettet ihm das Leben, verletzt sich dabei jedoch beide Beine sehr schwer.

Dann jedoch erhält Dantes Vater ein Angebot für eine vorübergehende Arbeitsstelle in Chicago und die Familie zieht für ein Jahr fort. Ari und Dante bleiben über Briefe in Kontakt und probieren sich getrennt voneinander in verschiedenen Bereichen aus. Beide versuchen Drogen und Alkohol und sammeln ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen. Dante beginnt zudem zu erkennen, dass er eher an Jungs, als an Mädchen interessiert ist. 

Als Dante schließlich zurückkommt, überredet er Ari zu einem Kuss, um herauszufinden, ob es sich besser anfühlt, einen Jungen anstatt ein Mädchen zu küssen. Er stellt fest, dass es sich für ihn besser anfühlt, Ari erwidert jedoch, dass er nichts dabei gefühlt habe, als er Dante geküsst hat.

Einige Zeit später wird Dante von einer Gruppe Jungen angegriffen, als er gerade mit einem Jungen namens Daniel ausgeht. Letzterer flieht und Dante wird brutal zusammengeschlagen, weshalb er ins Krankenhaus gebracht wird. Als Ari ihn dort besucht und den Zustand seines Freundes sieht, verprügelt er den Anführer der Verantwortlichen und bricht ihm dabei die Nase. Seine Eltern stellen ihn daraufhin zur Rede, da sie sich Sorgen machen, er könne wie sein Bruder Bernardo werden. Dieser hatte in seiner Wut zwei Menschen zu Tode geprügelt. Nachdem Ari seinen Eltern von Dante erzählt hat, trösten sie ihn jedoch. Zudem bricht sein Vater sein Schweigen über den Vietnamkrieg und seine Mutter erzählt ihm, wie Bernardo war, bevor er die Morde beging.  

Ari besucht Dante im Krankenhaus und verbringt auch nach seiner Entlassung zunächst wieder viel Zeit mit ihm, doch als dieser eines Tages Besuch von Daniel erhält, wird Ari wütend, ohne zu wissen weshalb. Schließlich setzen sich seine Eltern mit ihm zusammen und erklären ihm, dass er in Dante verliebt sei und das auch der Grund sei, weshalb er ihm damals das Leben gerettet habe. Ari streitet dies zunächst ab, doch nach einer Weile gibt er zu, dass er sich nur seiner Gefühle schämt. Seine Eltern versichern ihm daraufhin, dass es dazu keinen Grund gebe und raten ihm, vor seinen Gefühlen nicht wegzulaufen. 

Ari fährt mit Dante hinaus in die Wüste und gesteht ihm seine Gefühle. Das Buch endet mit einem Kuss der beiden unter dem Sternenhimmel. 

Kritik

Die beiden Hauptmotive in Sáenz Jugendroman sind das der Selbstrealisierung und das des Heranwachsens. Die Handlung des Buchs spannt sich über ein Jahr von Aris Leben und fokussiert sich auf seinen Alltag, in dem er sich mit verschiedenen Fragen beschäftigt, die sowohl seine Identität als auch seine Sexualität und die Welt der Erwachsenen betreffen und die sich viele junge Menschen stellen. Dabei nimmt die Akzeptanz seiner Sexualität zu Ende des Buches noch einmal einen besonderen Punkt ein, da seine Gefühle für Dante dem Leser erst dort explizit offenbart werden.

Auch Aris Wut, auf sich selbst, seine Eltern, Dante, oder die Welt ist etwas, das vielen Teenagern vertraut ist, da sie auf ihrer Suche nach einem Platz in der Gesellschaft auf Konflikte in dieser, sowie in ihrem direkten Umfeld stoßen und dies zu Frustration führen kann. 

Aber nicht nur Ari, auch Dante hat mit einigen Problemen zu kämpfen. So fühlt er sich beispielsweise aufgrund seiner helleren Haut nicht als "echter" Mexikaner und obwohl er sich selbst mit seiner Sexualität wohlfühlt, muss er die schmerzhafte Erfahrung machen, dass sie nicht überall akzeptiert wird. Der Wunsch, dazuzugehören und einen Platz in der Welt zu finden ist ebenfalls ein Thema, mit dem sich die meisten Heranwachsenden und sogar manche Erwachsene noch beschäftigen, besonders im Kontext von Homosexualität oder anderen nicht-heterosexuellen Orientierungen. 

Weitere wichtige Motive sind das der Freundschaft, das sich in der Beziehung zwischen Ari und Dante widerspiegelt und aus dem schließlich Liebe wird, und das der (hispanischen) Familie. Letzteres wird auf zwei unterschiedliche Weisen betrachtet: Auf der einen Seite steht Aris Familie, die gekennzeichnet ist von Aris Nähe zu seiner Mutter und der etwas schwierigeren Beziehung zu seinem Vater und der Abwesenheit seines Bruders. In Dantes Familie auf der anderen Seite werden Liebe und Zuneigung offener gezeigt als bei Ari. 

Das Buch wird durchgehend aus Aris Sicht erzählt. Der Ich-Erzähler trägt zum introspektiven Ton des Buches bei und bedient sich dabei einer einerseits sehr direkten, andererseits teilweise gar bildhaften Sprache, die dennoch leicht verständlich ist:

 "Als ich durch das Teleskop schaute, erklärte Dante mir, was ich vor mir sah. Ich hörte kein Wort. Irgendetwas passierte in mir, als ich in das weite Universum blickte. Durch dieses Teleskop war die Welt näher und größer, als ich sie mir je vorgestellt hatte. Alles war so schön und überwältigend und – ich weiß nicht – es machte mir bewusst, dass etwas in mir von Bedeutung war." (S. 49)

Da sich ein großer Teil der Handlung um Aris Gefühlswelt dreht, ist das Geschehen nicht besonders ereignisgeladenund mag aufgrund der teils recht ernsten Themen hier und da melancholisch erscheinen. Dies wird jedoch  permanent durch Aris selbstironischen Tonfall ausgeglichen, sodass dennoch keine Langeweile entsteht. Auch die kurze Kapitellänge, die im Durchschnitt drei bis vier Seiten beträgt, verhindert, dass die 384 Seiten zu langatmig erscheinen.

Ein wenig enttäuschend ist das Buchcover des Thienemann Verlags, das im Gegensatz zum ansprechenden englischen Titelbild sehr minimalistisch und wenig aussagekräftig gestaltet ist und nur einen simpel gezeichneten Jungen beim Rückenschwimmen zeigt.

Fazit

Insgesamt lässt sich sagen, dass das Buch besonders für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet ist, da diese sich ebenfalls mit Fragen der Identität, Sexualität und Selbstverwirklichung beschäftigen. Das Buch zeigt anhand von Ari und Dante verschiedene Lebensweisen und Arten, mit diesen Fragen umzugehen auf, ohne dabei belehrend oder bevormundend zu wirken. Das Alter der beiden Hauptfiguren und ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten erleichtern zudem die Identifikation der Jugendlichen mit diesen. Der schöne Schreibstil macht das Buch zudem auch für Erwachsene zu einem wertvollen Leseerlebnis.

 


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