von Christin Kowalewski

Zwei Brüder auf der Flucht vor ihrer Tante, ein Dieb in einer schwarzen Vogelmaske, ein Mann ohne Namen mit einem mysteriösen Auftrag und ein magisches Karussell: Cornelia Funke versetzt die Leser in ihrem Buch in ein Venedig voller Magie und Abenteuer.

Funke, Cornelia: Herr der Diebe.
Dressler, Hamburg 2005.
391 Seiten. 17,90 €
ISBN 3-7915-0457-6
Empfohlen ab 10 Jahren.

 Inhalt

Prosper und sein kleiner Bruder Bo haben vor kurzem ihre Mutter verloren. Um ihrer furchtbaren und äußerst strengen Tante Esther Hartlieb zu entfliehen, die in Bo einen kleinen Engel sieht, Prosper aber in ein Internat abschieben will, flüchten die beiden nach Venedig. Dort schließen sie sich einer Gruppe Waisenkinder an, bestehend aus dem Mädchen Wespe und den Jungen Mosca und Riccio, sowie Scipio, der sich selbst der, "Herr der Diebe" nennt. Sie leben in einem leerstehenden Kino, dem "Sternenversteck", und bestreiten ihren Lebensunterhalt indem sie Diebesgut, das Scipio ihnen beschafft, an den gierigen Antiquitätenhändler Barbarossa verkaufen. 

Eines Tages erhält Scipio einen Auftrag von einem mysteriösen Mann, der sich selbst nur "der Conte" nennt: Er soll für viel Geld einen hölzernen Flügel stehlen. Die Kinder sind sofort Feuer und Flamme und nehmen den Auftrag an. 

Der Privatdetektiv Victor Getz, den Esther mit der Suche nach Prosper und Bo beauftragt hat, erfährt indes, dass Scipio in Wahrheit gar kein Waisenkind, sondern vielmehr der Sohn des reichen und angesehenen Dottor Massimos ist, der seinen Sohn jedoch eher als lästig ansieht und stark vernachlässigt. Auch das "Diebesgut’" ist keine echte Beute, sondern besteht aus Dingen, die er im Haus seiner Eltern gestohlen hat. Als die anderen Kinder Victor kurz darauf im Sternenversteck überwältigen und gefangen nehmen, erzählt er ihnen von seiner Entdeckung. Wütend und enttäuscht wenden sie sich von Scipio ab und beschließen, den Auftrag des Conte ohne ihn zu erfüllen. 

Am Abend des Einbruchs soll Bo mit Prosper zurückbleiben, doch er schleicht den anderen nach und so ist auch Prosper gezwungen, am Raubzug teilzunehmen. Im Haus, in dem der Flügel sich befinden soll, treffen sie auf Scipio, der trotz allem ebenfalls den Auftrag erfüllen will. Als ein Streit im Dunkeln ausbricht, wird die Hausherrin Ida Spavento wach und erwischt die Kinder. Anstatt jedoch die Polizei zu rufen, erzählt ihnen Ida, was der hölzerne Flügel wirklich ist: Er ist Teil eines magischen Karussells, das denjenigen, der auf ihm reitet verjüngen oder altern lassen kann. Ida und die Kinder beschließen, dem Conte nach der Übergabe des Flügels heimlich zu folgen und das Karussell zu finden. 

Während Wespe und Bo im Sternenversteck zurückbleiben, folgen Ida und der Rest der Bande dem Conte zur "Isola Segreta" Bevor sie diese aber betreten können, werden sie von Gewehrschüssen und lautem Hundegebell zur Umkehr gezwungen. Zurück im Sternenversteck müssen sie mit Erschrecken feststellen, dass Esther Bo gefunden hat und Wespe in einem Waisenhaus gelandet ist. Außerdem stellt sich heraus, dass der Conte die Kinder mit Falschgeld bezahlt hat. Als Prosper nachts vor Kummer nicht schlafen kann, wird er von Scipio überredet, erneut zur Isola Segreta zu fahren. Scipio will mit dem Karussell fahren, um erwachsen zu werden und seinem Vater zu entfliehen. Er schlägt Prosper vor, es ihm gleichzutun und so die Möglichkeit zu erhalten, Bo allein aufzuziehen. 

Ida und Victor posieren derweil als Wespes Patentante und deren Rechtsanwalt und holen sie so aus dem Waisenhaus. Bo benimmt sich inzwischen bei seiner Tante so schlecht, dass sie ihn nicht weiter bei sich haben will und dementsprechend auch keine Anstalten macht, ihn zurückzuholen, als es ihm erneut gelingt, zu fliehen. Bo kann zurück in das Sternenversteck entkommen, wo er von Victor abgeholt und in Idas Haus gebracht wird.

Indes werden Scipio und Prosper zum – nun deutlich verjüngten – Conte gebracht, der zustimmt, sie auf dem Karussell fahren zu lassen. Scipio nimmt das Angebot an und wird durch den Zauber erwachsen, Prosper entscheidet sich jedoch dagegen. Bevor die beiden aber auf das Festland zurückkehren können, taucht plötzlich Barbarossa auf, der von dem Auftrag gehört hat und in seiner Gier auch auf die Insel gekommen ist. Als er ebenfalls auf dem Karussell fährt, steigt er zu spät ab, wird zu einem kleinen Jungen und zerstört gleichzeitig das Karussell.

Zurück in Venedig stellt Bo fest, dass der kleine Barbarossa genau die Manieren hat, die Esther an Bo fehlen und es gelingt Ida, sie zu überzeugen, ihn statt Bo zu adoptieren. Zum Schluss verlassen die Hartliebs Venedig mit ihrem neuen Schützling. Die beiden Jungen Mosca und Riccio beschließen, weiterhin allein zu leben, Prosper, Bo und Wespe bleiben bei Ida Spavento und der nun erwachsene Scipio wird Victors neuer Assistent.

Kritik

Cornelia Funkes Jugendroman greift viele verschiedene Motive auf, im Vordergrund steht die Gegenüberstellung vom Kindsein und Erwachsensein, der Kinderwelt und der Erwachsenenwelt. Dies wird vor allem durch einen häufigen Perspektivwechsel des personalen Erzählers erreicht, der mal über Prospers, mal über Victor Getz' Schulter schaut. 

Aber es werden nicht einfach nur Gegensätze zwischen den beiden Welten aufgezeigt, sondern auch innerhalb dieser: So steht in der Kinderwelt der kleine Bo naiv, unschuldig und mit kindlichem Vertrauen seinem Bruder Prosper gegenüber, der wiederum versucht sich in einer Welt von Erwachsenen zurechtzufinden, Verantwortung zu übernehmen und der stets einen weitaus ernsthafteren und realistischeren Blick behält. In der Welt der Erwachsenen finden sich Gegensätze beispielsweise zwischen den Hartliebs und Dottor Massimo auf der einen Seite, die beide jegliche Kindlichkeit aus ihrem Denken und Handeln verbannen und Ida Spavento und Victor Getz auf der anderen Seite, die beide auf ihre Art eine gewisse Abenteuerlust und Offenheit gegenüber Kindern behalten. 

Des Weiteren treffen Vorstellungen, die Kinder vom Erwachsenenleben haben, auf die Realität der Erwachsenenwelt. Dies zeigt sich am deutlichsten an Scipio, für den das Erwachsensein zunächst eine Art Freiheit voller Abenteuer und  der Weg aus seiner unglücklichen Familiensituation zu sein scheint. Nachdem er mit dem Karussell gefahren ist, muss er jedoch feststellen, dass auch Erwachsene nicht völlig frei sind und nicht jedes Problem einfach so verschwindet. Dass er sich am Ende dennoch in einer Arbeit, die ihm gefällt wiederfindet und sich in Scipio 'Fortunato', den vom Glück begünstigten, umbenennt, verhindert jedoch eine zu trübe Perspektive auf das Erwachsenenleben und zeigt, dass Erwachsene vielleicht nicht völlig ohne Probleme oder übermächtig sind, aber auch nicht trostlos und ohne Träume.

Die Familie ist ebenfalls ein wichtiges Motiv der Geschichte und auch hier zeigen sich verschiedene Facetten. So sind die Beziehungen von Prosper und Bo, sowie die der Waisenkinder untereinander von Zusammenhalt, Liebe und Geborgenheit gekennzeichnet. Auch in Ida Spaventos Haus findet sich ein ähnliches Klima wieder und selbst der etwas mürrische Victor Getz entwickelt im Laufe der Geschichte eine – wenn auch widerstrebende – Zuneigung zu den Kindern. Dem gegenüber stehen die strenge Esther Hartlieb, die nicht den kleinsten Verstoß gegen Regeln und Manieren duldet und Scipios Vater, Dottor Massimo, der seinem Sohn mit Unverständnis, Gleichgültigkeit und Gefühlskälte begegnet und für den Kinder allenfalls lästig sind. Auch wird deutlich, dass der Begriff "Familie" nicht nur auf tatsächliche Verwandte begrenzt sein muss, sondern dass auch starke Freundschaften eine andere Art von Familie darstellen können.

Cornelia Funke erzählt ihre Geschichte in ebenso kurzen wie kurzweiligen Kapiteln, deren Sprache stets verständlich bleibt: 

"In einer Kirche sollte man ebenso wenig eine Maske tragen wie einen Hut", sagte eine raue Stimme, die wie die eines sehr alten Mannes klang. 

"In einem Beichtstuhl sollte man auch nicht über Diebstahl sprechen", antwortete Scipio, "Und das wollen wir doch, oder?"

Prosper glaubte ein leises Lachen zu hören. "Du bist also wirklich der Herr der Diebe", sagte der Fremde leise. "Nun gut, behalte die Maske auf, wenn du dein Gesicht nicht zeigen möchtest. Ich sehe auch so, dass du sehr jung bist." (S. 83)

Durch kleine Illustrationen, die von der Autorin selbst stammen, eine Karte von Venedig und eingestreute italienische Wörter, die im Glossar am Ende des Buchs wiederzufinden sind, fällt es dem Leser zudem leicht, sich in die Magie der schwimmenden Stadt hineinzuversetzen. Dabei sind die fantastischen Elemente der Erzählung subtil gesetzt, sie bleiben stets hinter der Schwelle der Isola Segreta und sind eher Beiwerk zur Exploration des Kindheits-Erwachsenenthemas anstatt im Fokus zu stehen. 

Ein weiteres schönes Detail sind die von der Autorin geschaffenen, teils sprechenden Namen und Orte, die auf Äußerlichkeiten oder Eigenschaften hinweisen. So klingen beispielsweise die 'Hartliebs' wohl kaum nach besonders liebenswerten Personen und die "Isola Segreta" trägt ihre geheimnisvolle Atmosphäre bereits im Namen. Jedoch sind nicht nur die erfundenen Namen vielsagend, sondern auch beispielsweise Venedig, die Stadt des Karnevals, ist als Schauplatz des Geschehens eine interessante Wahl. Denn Verkleidungen und Masken, reale und metaphorische, spielen im Laufe des Buchs eine tragende Rolle. So versteckt sich Scipio hinter der Maske des Herrn der Diebe, um seinem Leben als reicher, aber einsamer Junge zu entfliehen. Die Verkleidung ist also gleichsam seine zweite Identität und eine Rüstung vor der Unsicherheit und Verlorenheit, die die Missachtung seines Vaters den Jungen empfinden lässt. Dann ist da noch der Conte, dessen Verkleidung darin besteht, dass er sich nur einen Titel und keinen richtigen Namen gibt und bis zum Ende, als Prosper und Scipio auf die Isola Segreta fahren, ein Mysterium bleibt. Aber auch die übrigen Charaktere nutzen diverse "Masken" wie beispielsweise Victor Getz' falscher Schnauzer, Bos mit Tinte gefärbte Haare oder Idas Verkleidungen als Waisenhausschwester und Wespes Patentante. Sie dienen somit einerseits (im Falle von Bo, Victor und Ida) einer schlichten Verschleierung der eigenen Identität, andererseits einer gänzlichen Löschung bzw. Umänderung dieser (im Falle vom Conte und Scipio). Dies geht auch mit dem Grad der Verkleidung einher, denn Idas, Victors und Bos Verkleidungen sind eher geringfügig, Scipios Kostüm ist mehrteilig und zudem auffällig von seiner 'richtigen' Kleidung abweichend. Der Conte versteckt ebenfalls den Großteil seines Gesichts vor den Kindern und legt im Zug seiner Verkleidung sogar seinen echten Namen ab. Dabei ist der Titel, den er benutzt, auch nicht der seine, da er und seine Schwester einfache Diener waren. Somit "verändert" er seine Identität von allen Charakteren am stärksten und hat dementsprechend auch die komplexeste (wenn auch metaphorische) Verkleidung, gefolgt von Scipio und schließlich Ida, Victor und Bo.   

Fazit

Herr der Diebe ist ein Buch, das nicht nur junge Leser, sondern auch Erwachsene begeistern kann. Die Themen sind besonders für Jugendliche interessant, jedoch können aufgrund der relativ kurz gehaltenen Kapitel und der (im Gegensatz zu späteren Büchern wie Tintenherz oder Reckless) recht freundlich gehaltenen Grundstimmung der Geschichte auch jüngere Kinder, die die Seitenzahl von 389 Seiten nicht abschreckt, großen Gefallen an den abenteuerlichen und fantastischen Elementen der Geschichte finden, daher ist das Buch ab zehn Jahren empfehlenswert.


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