Regnaud, Jean: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen

von Teresa Scheubeck

Es ist Jeans erster Schultag. Alle Kinder in der Klasse sollen sich vorstellen und erzählen, was ihre Eltern beruflich machen. Da gerät der Junge in Panik: Dass sein Papa Chef ist, kann er den anderen natürlich sagen, doch was soll er über seine Mama erzählen? Er weiß fast nichts über sie. Eine preisgekrönte Graphic Novel für Kinder ab zehn Jahren.

Regnaud, Jean und Bravo, Émile: Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Carlsen, Hamburg 2009.
18 Seiten. 17,90 €
ISBN 978-3-551-77790-4
Empfohlen ab 10 Jahren.

 Inhalt

Jean lebt zusammen mit seinem jüngeren Bruder Paul, seinem Vater und dem Kindermädchen Yvette im Frankreich der 1960er oder 1970er Jahre. Die Mutter der beiden Brüder wohnt schon lange nicht mehr bei ihnen. So lange, dass Jean sich kaum noch an sie erinnern kann. Sein Papa spricht ohnehin wenig und erst recht nicht über die Mutter, die Großeltern sind alt und traurig, aber genaueres lassen sie Jean auch nicht wissen und auch sonst erklärt ihm niemand, warum seine Mutter nicht mehr da ist. Er muss sich mit Andeutungen und mitleidigen Blicken begnügen. Da liest ihm eines Tages das einige Jahre ältere Nachbarsmädchen Michèle – nachdem sie sich erkundigt hat, ob Jean in der Schule nun wirklich immer noch nicht lesen gelernt hat – eine Postkarte vor: Seine Mutter schickt ihm viele Grüße aus Spanien. In den folgenden Wochen kommen immer mehr Postkarten über Michèle bei ihm an: Mal hat seine Mutter in der Schweiz eine Kuckucksuhr gekauft, mal hat sie in Amerika Buffalo Bill getroffen. Als der Schulpsychologe Jean eines Tages in sein Büro bittet und ihn Farbkleckse deuten und natürlich auch über seine Mutter erzählen lässt, berichtet der Junge sogleich, was er durch die Postkarten von seiner Mutter weiß. Schließlich steht Weihnachten vor der Tür, Jean und sein Bruder Paul freuen sich auf die Geschenke und vor allem auch auf den Weihnachtsmann.

Wie so oft hecken sie wieder einen Streich aus: Sie stibitzen von ihrem Papa heimlich die Polaroidkamera und legen sich auf die Lauer, um den Weihnachtsmann zu fotografieren. Leider werden sie erwischt und auf ihrem Foto ist nur der Weihnachtsbaum zu sehen – und die Schuhspitze des Weihnachtsmanns. Begeistert zeigt Jean dem älteren Nachbarsmädchen das Foto vom Weihnachtsmann. Die reagiert jedoch völlig unerwartet: Sie ist weder begeistert noch beeindruckt, sondern meint nur ganz abgeklärt: "Den Weihnachtsmann GIBT ES GAR NICHT!" und – weil sie sich dann ohnehin schon in Rage geredet hat – "DEINE MUTTER IST TOT!!".

Weinend läuft Jean nach Hause zurück, erzählt dort jedoch nur, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt. Als ihm sein Papa widerspricht, es gebe den Weihnachtsmann, aber eben nur, wenn man klein ist und an ihn glaubt, überträgt Jean das erst später allein im Bett auf seine Mutter: "…Ich bin jetzt zu groß, um an sie zu glauben …" murmelt er sich versöhnlich in den Schlaf. Nach den Ferien bekommen die Kinder eine neue Lehrerin. Die will natürlich auch wieder, dass jeder in der Klasse sich vorstellt – allerdings dürfen diesmal alle einfach nur ihren Vornamen sagen, nach dem Beruf der Eltern wird nicht mehr gefragt.

Kritik

In detailreichen und humorvollen Zeichnungen illustriert Émile Bravo die von Jean Regnaud warmherzig erzählte Geschichte vom kleinen Jean und der Suche nach seiner Mutter. Die Erzählung ist in 14 Kapitel gegliedert, die jeweils eine Figur aus Jeans Umfeld - und somit zugleich auch immer eine Episode – in den Fokus stellen. Mal ist es die strenge, kurz vor dem Ruhestand stehende Lehrerin Madame Moinot, die von Jean und seinen Mitschülern erwartet, dass sie am ersten Schultag vom Beruf ihrer Eltern erzählen; mal ist es der Schulpsychologe, mit dem Jean sich über seine Mutter unterhalten soll; mal ist es Oma Edith, die den Winter über bei Jeans Familie wohnt und sehr großzügig zu Jean und seinem Bruder ist, jedoch auch vor allem in Ruhe Bücher lesen und rauchen möchte. So wird das Problem der verschwundenen Mutter und der Sprachlosigkeit der Erwachsenen in kurzen Episoden von verschiedenen Seiten – oft auch sehr humorvoll – beleuchtet.

Erzählt wird dabei im gesamten Textverlauf homodiegetisch durch den kindlichen Erzähler Jean. Mit den klaren Worten eines Kindes werden die Geschehnisse zu Hause und in der Schule beschrieben, wobei auch häufig Einblick in seine Gefühlswelt gewährt wird: "Ich fange an, in meine Socken zu schwitzen. Ich will nicht an die Reihe kommen. Ich will, dass die Zeit stehen bleibt.", ist beispielsweise zu lesen, als Jean in der Schule darauf wartet, von der Lehrerin aufgerufen zu werden. Dadurch, dass die gesamte Geschichte im Präsens erzählt wird, wird der Eindruck der Unmittelbarkeit des kindlichen Erlebens noch verstärkt. Während der geschriebene Text also ganz klar Jeans Perspektive transportiert, gelingt es durch die Bilder diese Sichtweise geschickt zu relativieren und auf unterhaltsame Weise auch zu demontieren: Während der Erzähler Jean in einem der Textfelder noch ganz begeistert die "Schuhspitze vom Weihnachtsmann" auf dem Polaroidfoto entdeckt zu haben glaubt, erkennt der Leser der Graphic Novel auf dem zugehörigen Bild neben dem Weihnachtsbaum schon den Schuh des Vaters.

Während innerhalb der Textfelder immer wieder Jeans Freude darüber im Vordergrund steht, dass seine Mutter ihm aus verschiedenen Ländern Postkarten schickt, sieht der Leser auf einem der zugehörigen Bilder schon bald eine Postkarte aus San Francisco, auf der die Schrift einer Grundschülerin mit zahlreichen Rechtschreibfehlern zu lesen ist. Neben dieser humorvoll spielerischen Wirkung haben die Bilder jedoch durchaus auch illustrierende Funktion. Besonders die Farbigkeit unterstützt dabei sehr gekonnt Jeans Gefühlslage:

Die Episode über Madame und Monsieur Ossard, ein altes Ehepaar, das ab und zu auf Jean und seinen Bruder aufpasst und dabei in der Trauer um deren Mutter sogar vor den Kindern weint, dominieren düstere, dunkle Farben, besonders grau, braun, schwarz und  olivgrün. Dies wird sogar explizit im Text beschrieben: "Im Haus ist es ganz grau und traurig. Es ist, als hätte das auf die Ossards abgefärbt." Text und Bild sind hier – wie an vielen anderen Stellen – sehr eng verknüpft. Im Epilog, in dem nach den Ferien die neue Lehrerin in die Klasse kommt und endlich nicht mehr nach den Eltern gefragt wird, ist die Farbpalette hingegen deutlich aufgehellt. Warme Farben bestimmen die Szenerie und im Textfeld ist dann auch Jeans Erleichterung zu lesen: Die neue Lehrerin "sieht sehr nett aus".

Fazit

In dieser Graphic Novel wird ein sehr schwieriges Thema aus der Perspektive des Kindes humorvoll, aber auch ernsthaft und empathisch erzählt. Das erdrückende Nicht-Wissen des kleinen Jean und das zähe Schweigen seiner Umgebung kommt in den Bildern zum Ausdruck. Der Text beschreibt aus der Sicht des Jungen ohne Umschweife und sehr erfrischend nicht nur die Suche nach der Mutter, sondern auch zahlreiche Abenteuer, die Jean mit seinem Bruder erlebt – Raufereien, heimliches Fernsehen, Kissenschlachten und vieles mehr. Für Kinder – ab etwa acht Jahren –  bietet dieses im Jahr 2010 mit dem Jugendliteraturpreis in der Kategorie Kinderbuch ausgezeichnete Buch eine Möglichkeit für die Begegnung mit deutungsoffenem Erzählen und dabei auch eine ernsthafte, aber eben auch nicht zu ernste Möglichkeit für die Auseinandersetzung mit einem sehr schwierigen Thema.

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