von Sebastian Koch, M.A.

Das Ende der Bibliomantik steht bevor. Denn aus den Tiefen zwischen den Seiten der Welt erheben sich die Ideen, jene bunte Wolken die alle Refugien zu verschlingen drohen. Und nur Furia Salamandra Faerfax kann sie aufhalten. Mit dem großen Finale der Phantastik-Trilogie Die Seiten der Welt für Leser ab 10 Jahren erfindet Kai Meyer die Grenzen der Jugendliteratur neu.

Meyer, Kai: Die Seiten der Welt, Bd. 3: Blutbuch
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2016
528 S., 19,99 €
ISBN: 978-3841402264

ab 10 Jahren

Inhalt
Das Sanktuarium wurde zerstört. Dennoch ist es um die Zukunft der bibliomantischen Welt nicht rosig bestellt: Aus den Trümmern der adamitischen Akademie droht sich ein neues, noch grausameres Regime zu erheben. Furia wurde von "den Ideen" verschluckt und ist nun in den Nachtrefugien gefangen. Isis Nimmernis ist dermaßen von dem Absolonbuch besessen, dass sie kaum noch zwischen Freund und Feind zu unterscheiden weiß. Und auch die Mitglieder des Widerstands haben mit einigen Gegenspielern zu kämpfen…

In den Nachtrefugien trifft Furia auf Siebenstern, den Autor ihres Lieblingsbuchs und den Erschaffer der Bibliomantik, und auf Phaedra Herculanea, die ebendieser als legendäre Urmutter der bibliomantischen Welt erfand. Diese beiden versuchen Furia wieder zurück in ihre Residenz zu schicken, um die Bücher der Schöpfung zu beschaffen. Dabei scheinen sowohl Siebenstern als auch Phaedra ihre jeweils eigenen Ziele zu verfolgen. Bei ihrem Auftrag entdeckt Furia, dass sie die Fähigkeit besitzt, die Realität zu verändern, indem sie einfach Passagen dieser besonderen Bücher streicht, abändert und ersetzt. Die Folgen, die sie damit lostritt sind jedoch nicht immer direkt ersichtlich. Doch die Notwendigkeit in die Geschehnisse der bibliomantischen Welt einzugreifen steht außer Frage: Der Vater von Furias Freundin Catalina, der machthungrige Politiker Jonathan Marsh, nutzt die Zerstörung der adamitischen Akademie und versucht das Sagen über die bibliomantische Welt an sich zu reißen. Dabei scheint er weder vor der Versiegelung zahlreicher Refugien noch vor dem damit verbundenen Tod zahlreicher unschuldiger Ex Libri und Tintlinge zurückzuschrecken, mit denen sich Furia angefreundet hat. Wird die junge Bibliomantin es schaffen, die Leben der Bewohner der Refugien zu retten, auch wenn der Preis dafür ihr eigenes Ende bedeuten könnte?

Kritik
Rassentrennung, Völkermord, Ghettoisierung, Staatsputsch, Drogenabhängigkeit, Determinismus, Vatermord und ein Autor, der sich selbst in sein eigenes Buch schreibt: Kai Meyer greift eine Vielzahl ernster Themen im letzten Teil der Die Seiten der Welt-Trilogie auf. Dabei gelingt es ihm, durch anschauliches Erzählen und mithilfe der Perspektive durch die Augen der einzelnen Protagonisten des Buchs große Problematiken auch für die jüngere Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen verständlich zu vermitteln. So erfährt der Leser, dass die berüchtigten Nachtrefugien nur zu dem Zweck erschaffen wurden, die Ex Libri wegzusperren und von der bibliomantischen Gesellschaft fernzuhalten. Und wenn es der "neuen adamitischen Akademie" gelingt, viele Refugien zu verschließen, bedeutet das für unzählige Ex Libri nicht nur das Exil, sondern auch die eigene Vernichtung durch die sagenumwobenen "Ideen". So regt der Autor mitunter auch zum Nachdenken an: Was ist ein Lebewesen wert? Zählen die Leben vieler mehr als das eines einzelnen Individuums?

Die Ernsthaftigkeit unterstreicht Kai Meyer in Blutbuch wie schon in den Vorgänger-Bänden der Seiten der Welt durch die realistische Darstellung seiner Phantastik. Die Gefahren, denen sich Furia und ihre Freunde gegenübersehen, sind echt und stellen wahre Bedrohungen für sie dar. Daraus folgt nicht nur, dass sich die Protagonisten während der gesamten Handlung ihres Lebens nicht sicher sein können, sondern auch, dass Furias finale Entscheidung über die Zukunft der bibliomantischen Welt zum Spannungshöhepunkt der gesamten Seiten der Welt-Trilogie wird, der wahrscheinlich jedem Leser kurz den Atem stocken lässt.

Bezüglich der Spannungskurve beweist Kai Meyer in Blutbuch mehr Geschick als bei den vorigen Werken. Trotz der geringeren Seitenzahl scheint die Handlung mehr Raum zu haben, sich zu entfalten: Alle Handlungsstränge, die bisher etwas lose ins Nichts verliefen, werden im letzten Teil der Trilogie aufgegriffen und teilweise sogar zusammengeführt und miteinander verwoben. Die Figuren durchlaufen Krisen und Charakterentwicklungen; selbst eine sich anbahnende Romanze bringt der Autor in der Geschichte unter, ohne dass sie dabei erzwungen oder gewollt wirkt. Die schön aufgebaute Dramaturgie, die den Leser mitzieht und ihn Leid und Freuden der Figuren miterleben lässt, sorgt für ein spannendes Finale, das von einer Hauptfigur gekrönt wird, die sich ihrem Dasein als literarische Figur bewusst ist. Denn Furia weiß, dass mit dem Ende der Seiten der Welt auch ihre Geschichte für den Leser endet. So denkt sie: "Aber wenn dieses Ende auch ein Anfang ist, dann gäbe es keines, das mir lieber wäre." (S. 523)

Fazit
Blutbuch – Die Seiten der Welt 3 schließt die Bibliomantik-Trilogie auf besonders gelungene Weise ab. Mit sozialkritischen und philosophischen Themen verleiht Kai Meyer der fantastischen Jugendliteratur zwar ein gehobenes Niveau. Der Roman eignet sich dennoch für Leser ab 10 Jahren, weil er nichtsdestotrotz stets spannend ist und unterhaltsam bleibt. Die runde Handlung und die ausgearbeiteten Charaktere dieses Buchs sind dabei schon Grund genug, die gesamte Trilogie zu lesen.


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