von Kirsten Kumschlies

Flucht und Integration, "Flüchtlingskrise", Globalisierung und Bürgerkrieg in Syrien – Nachgefragt ist ein hochaktuelles Sachbuch von enormer politischer und gesellschaftlicher Relevanz, das jugendlichen Lesern ab 14 Jahren Basiswissen über die Migrationsbewegung vermitteln will und gleichzeitig zu Toleranz und Mitmenschlichkeit aufruft.

Schulz-Reiss, Christine: Nachgefragt: Flucht und IntegrationBasiswissen zum Mitreden.
Loewe, Bindlach 2016.
141 Seiten. 6,95 €
ISBN 978-3-7855-8533-7.
Empfohlen ab 14 Jahren.

 Inhalt

"Kein Tag ohne Flüchtlinge – und Fragen über Fragen: Woher kommen sie? Und warum? Wollen die alle zu uns?" (S. 8), so lautet der Einleitungssatz zu Christine Schulz-Reiss' Sachbuch Flucht und Integration, das sich einem hochaktuellen Thema zuwendet, das uns alle tagtäglich beschäftigt und in allen Medien verhandelt wird. In acht Kapiteln bereitet die Sachbuchautorin, politische Reporterin und Redakteurin, die in derselben Nachgefragt-Reihe schon Bände zu Europa, Politik, Menschenrechte und Demokratie publiziert hat, das Thema für jugendliche Leser auf:

  1. Unterwegs (Geschichte und Hintergründe von Vertreibung, Flucht und Migration)
  2. Woher und warum? (zur aktuellen Flüchtlingssituation und den Bedingungen in den Herkunftsländern)
  3. Was hat das mit uns zu tun? (Globalisierung und weltpolitische Konflikte)
  4. Wanderer zwischen den Welten (Erscheinungsformen von Migration)
  5. Du ja, du nein (Rechtslage bei der Aufnahme von Flüchtlingen und bei Asylanträgen)
  6. Die Angst vor dem Fremden (Hintergründe und Erscheinungsformen von Fremdenfeindlichkeit)
  7. Wer sind wir und was uns prägt (Werte, Normen und Kulturen)
  8. Packen wir's an (zur aktuellen Situation in Deutschland).

Die einzelnen Themenkomplexe werden grundsätzlich sehr knapp auf einer Doppelseite verhandelt, sodass es möglich ist, das Sachbuch als Nachschlagewerk zu nutzen, gemäß der in der Einleitung formulierten Empfehlung: 

"Du kannst es von vorne bis hinten lesen oder dir erst mal die Kapitel rauspicken, die dich besonders interessieren. In jedem Fall wirst du dich am Ende besser zurechtfinden im Dschungel von Informationen, Vorurteilen und Ansichten über Flüchtlinge und Integration. Dann kannst du dir deine eigene Meinung bilden und mitreden, wenn es zu Hause, in der Schule, wo auch immer um dieses wichtige Thema geht."(S. 9) 

Als Nachschlagewerk eignet sich das Buch auch deshalb, weil es durch ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis abgerundet wird, das dem jugendlichen Leser hilft, sich im Text zurechtzufinden.

Untermalt sind die jeweiligen Kapitel durch gezeichnete Illustrationen von Verena Ballhaus zu den jeweiligen Themenbereichen und eingefügten Fotos, beispielsweise von zerstörten Wohngebieten im syrischen Homs, dem Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko oder von dem EU-Parlament in Straßburg.

                                 

Kritik

Die Autorin liefert in diesem Buch detailliert recherchiertes Faktenwissen zum Thema Flucht und Migration und beleuchtet viele Facetten, sodass ein sehr umfang- und facettenreiches Bild von diesem komplexen Thema entsteht. Ein hochaktuelles Buch, das nicht nur historische Zusammenhänge in einfacher Sprache erklärt, sondern darüber hinaus umfangreich auf die aktuelle Situation in Deutschland eingeht: Sowohl die Politik Angela Merkels wird erklärt als auch die Gesetzeslage zum deutschen Asylrecht, Fluchtursachen werden beleuchtet ebenso wie psychische Hintergründe von Fremdenhass. Die Sachbuchautorin legt ein klares politisches Bekenntnis vor, indem sie ihre jugendlichen Leser dazu aufruft, sich aktiv an der Integration geflüchteter Menschen zu beteiligen: 

"Schluss mit der Grüppchenbildung auf dem Pausenhof! Nicht hier die alten Cliquen und dort die Flüchtlinge: Geht aufeinander zu und ladet euch ein. Quetscht euch mit Fragen aus. Ihr habt einander viel zu erzählen. Und wenn euch aus Verlegenheit kein Thema für den Einstieg einfällt: Dann fragt oder erklärt einander etwas zum oder aus dem Unterricht. Oder lasst die Flüchtlinge erzählen, wie es bei ihnen in der Schule zuging. Egal, über was: Je mehr und öfter ihr miteinander redet, umso besser lernen die Neuen Deutsch, und umso näher kommt ihr euch. Fangt gar nicht erst mit abgehacktem 'Ausländer-Kauderwelsch', sondern bildet ganze Sätze." (S. 128-129). 

Ein engagiertes, politisches Plädoyer, dem hohe Anerkennung gebührt.

Auch Lob für die Kanzlerin hat in dieser politischen Flammenrede seinen Platz: 

"Besonderes Durchhaltevermögen hat im Flüchtlingssommer und -herbst 2015 und auch danach Bundeskanzlerin Angela Merkel gezeigt [...]. Kritiker und Gegner warfen ihr vor, mit ihren Worten habe sie viele Flüchtlinge überhaupt erst ermuntert, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Die Bundeskanzlerin setzte auf die Solidarität der Deutschen, aber auch der anderen Staaten in der EU. Doch statt zu sagen: 'Wir müssen das schaffen und packen mit an!', duckten sich etliche Regierungschefs weg und ließen sie und die Deutschen im Stich." (S. 86-87)

Deutlich wird hier aber auch der moralisch erhobene Zeigefinger, mit dem die Autorin für ihr ehrenvolles Anliegen an ihre jugendlichen Rezipienten herantritt. So wirken ihre Ausführungen an mancher Stelle allzu pauschal, etwa wenn konstatiert wird, es sei grundsätzlich verkehrt, wenn Erwachsene ihre Kinder dazu anhalten "Bettler, Behinderte, Menschen mit dunkler Haut oder eine Frau mit Kopftuch" (S.106) auf der Straße nicht anzustarren mit der stark vereinfachten Begründung: "Für ein Kind klingt das 'Schau da nicht so hin!' aber wie ein Warnung und löst ungute Gefühle aus. Künftig wird es Personen, die ihm fremd oder anders vorkommen, nicht mehr unbefangen begegnen. Und schon ist eine Schublade gezimmert." (ebd.) Ganz so einfach ist es dann wohl doch nicht! 

Auf der einen Seite arbeitet Schulz-Reiss mit starken Verkürzungen und Klischees, auf der anderen Seite sind einige Ausführungen zu voraussetzungsreich, viele Begriffe werden erklärt, aber zuweilen wird das auch versäumt, z.B. beim Wort "Milizen" (S. 13).

Ob die explizit und eindeutig formulierten Wertungen der Verfasserin (von Wirtschaftsflüchtlingen zu sprechen sei "boshaft und ungerecht", S. 29) in ein Sachbuch gehören, das sich ja eigentlich von der Textsorte her einer eher neutralen Darstellung verpflichtet sieht, darüber lässt sich streiten. Zuzustimmen ist dem politischen Bekenntnis von Schulz-Reiss alle Mal. Die Frage ist nur, ob sie Jugendliche mit ihren Appellen wirklich erreicht. Wünschenswert wäre es sicher, wenngleich die Lektüre des Buches auch so deprimierend wirken kann, dass man das Gefühl hat, angesichts von Ausbeutung und Fremdenfeindlichkeit könnte man eigentlich gleich aufgeben. Das freilich ist nicht der Autorin anzukreiden, macht sie doch nur auf die vielen Kriege, Krisenherde und Keimzellen von Hass und Gewalt in unserer globalisierten Welt aufmerksam. Folglich handelt es sich um ein Buch, das auch auf erwachsene Vermittler angewiesen ist, die mit Jugendlichen über all die bedrohlichen Themen reden (geeignet sind z.B. parallele Lektüren von narrativen Jugendbüchern zum Thema Flucht, Integration und Fremdenhass, z.B. Train Kids von Dirk Reinhardt oder Sommer unter schwarzen Flügeln von Peer Martin). Das Plädoyer von Schulz-Reiss mündet in einen Aufruf zur Mitmenschlichkeit und zur Integration von geflüchteten Menschen. Als Positivbeispiel fungiert am Ende die Willkommenskultur, die in der Stadt Stuttgart etabliert wird.

Fazit

Das Anliegen des Sachbuches Flucht und Integration ist es, "eigene Unzufriedenheit und Vorurteile [...] abzuklopfen, zu überprüfen, was sich eigentlich dahinter verbirgt, sie zu überdenken und möglichst zu korrigieren" (S. 95). Ein ehrenvolles Anliegen, ein klares politisches Bekenntnis, dem sicherlich kein KJL-Rezensent widersprechen möchte – ich auch nicht. Ob die Darstellungsform gelungen ist, darüber lässt sich streiten, über das Anliegen und den Appell nicht: "Macht Augen, Ohren und Arme auf, und eure Welt wird größer." (S. 129). Dem ist nichts hinzuzufügen.


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