von Sabine Planka

Indien: Uma ist mit ihrem 5-jährigen Sohn Manu und ihrer gerade geborenen Tochter Sanjana vor ihrem Mann und dessen Familie geflohen, weil Töchter in Indien nichts  wert sind - Sanjana drohte der Tod. Ihren 9-jährigen Sohn Anish muss Uma widerstrebend bei ihrem Mann zurücklassen. Als der Vater stirbt und Anish seine Mutter und seine Geschwister aufsucht, verändert sich das Leben aller.

Carolin Philipps: Tanz auf Scherben
Ueberreuter, Berlin 2016
155 S., 12,95 €
ISBN 978-3-7641-7041-7

Ab 16 Jahren

Inhalt
Manu muss mit seiner gerade geborenen Schwester Sanjana und seiner Mutter Uma den Vater verlassen. Umas Schwiegereltern haben bereits zwei Mädchen umgebracht, da Mädchen in der indischen Gesellschaft nichts zählen. Manu soll fortan, während die Mutter arbeitet, seine Schwester beschützen und auf sie aufpassen. Sie wächst mehr oder weniger behütet im Slum Dharavi von Mumbai auf und träumt davon, Tänzerin in einem Bollywoodfilm zu werden. Diesen Traum teilt ihre Freundin Chandni und beiden gelingt es, kostenlose Tanzstunden von Talentscouts zu erhalten, die in den Slums auf der Suche nach neuen Talenten sind, um bei einem Fest mitzutanzen.

Als eines Tages Anish – nach dem Tod des Vaters – unvermutet in Dharavi auftaucht, ändert sich das Leben aller. Anish ist von den Träumen Sanjanas nicht begeistert und setzt alles daran, dass sie das Leben führt, das ihr, bedingt durch das indische Kastensystem, in das Menschen hineingeboren werden, qua Geburt vorgegeben ist. Er wird zunehmend zum Einzelgänger und sondert sich von der Familie ab.

Kurz vor der Tanzaufführung von Sanjana und Chandni soll Manu die beiden Mädchen zur Generalprobe begleiten, doch er kommt zu spät. Als er zu Hause eintrifft, sind die Mädchen bereits aufgebrochen – und kommen doch nicht bei der Probe an. Stattdessen findet die Familie Sandjana, ohne Haare, kahlgeschoren, verletzt und geschlagen unter Plastikbergen im Slum. Chandni ist und bleibt erst einmal verschwunden. Manu macht sich auf die Suche nach den Tätern, bei denen es sich Sanjana zufolge um Männer mit Büffelmasken handelt, die bereits in der Vergangenheit Frauen überfallen, misshandelt, vergewaltigt und ihnen anschließend die Haare geschoren haben. Nach und nach und mit Hilfe einer Gruppe engagierter Frauen, die sich ihrem Schicksal stellen und ebenfalls öffentlich machen wollen, dass sie vergewaltigt wurden, kommt er den Tätern auf die Spur. Manu deckt eine schockierende Wahrheit auf, vor der nicht nur Sanjana Angst hat, sondern auch Chandni, und vor der selbst Uma ihre Augen verschließt. Denn auch Anish ist in die Sache verwickelt…

Kritik
In Rückblenden und aus wechselnden Perspektiven berichtet eine multiperspektivisch angelegte Erzählinstanz aus dem Leben der indischen Familie, deren Schicksal hervorgeht aus den traditionellen Strukturen der indischen Gesellschaft, in der Frauen keinen Wert haben: "Mädchen großzuziehen ist wie den Garten des Nachbarn zu gießen" (S. 31), lässt der Erzähler Umas Schwiegervater sagen. Damit ist auch schon das Kernthema des Buches benannt: das Geschehen um Sanjana und deren Freundin, das exemplarisch für das Schicksal vieler Frauen in Indien steht: Fehlende Wertschätzung und Vergewaltigungen, denen Frauen in allen Kasten ausgesetzt sind, und der daran anknüpfenden Verstoßungen durch ihre und aus ihren Familien. Gleichzeitig zeigt Philipps, dass unterschiedliche Ansichten innerhalb der Gesellschaft vorherrschen: Ein Teil der Gesellschaft ist den alten Traditionen und Vorstellungen verhaftet, während sich der andere Teil aufgeschlossener zeigt und für eine Suche nach Tätern plädiert und damit gleichzeitig für Gerechtigkeit für die Frauen, die es als Opfer anzusehen und anzuerkennen gilt. Verknüpft wird dies mit mangelnder Kommunikation, die sich intergenerationell ebenso zeigt wie zwischen den Geschwistern selbst, die jeder für sich mit dem Geschehen umzugehen versuchen.

Die Handlung selbst setzt in der Gegenwart ein, als das schreckliche Ereignis – der Überfall auf Sanjana und ihre Freundin Chandni – schon geschehen ist und rollt die Ereignisse rückblickend auf. Die Rückblenden heben sich durch kursivierte Schrift von der normal gesetzten Schrift ab und eröffnen dem Leser Stück für Stück die ganze Wahrheit, bis schließlich die ganze Tragweite offengelegt wird. Die Figuren, aus deren Perspektive das Geschehen dargestellt wird – mal autodiegetisch, mal heterodiegetisch mit interner Fokalisierung –, überzeugen in ihrer Konzeption, auch wenn man sich als Leser zurecht die Frage stellen darf, ob deren Entscheidungen tragbar sind. Allerdings verliert der Erzähler nie das indische Setting aus den Augen – immer wieder werden Bezüge zum Alltagsleben und der Verknüpfung zu Glaube und Kultur hergestellt und mit dem Familienleben verknüpft –, so dass der Leser diesen Hintergrund immer im Blick hat und bei seinen Überlegungen berücksichtigen kann. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang das anhängliche Glossar, das wichtige Begriffe und kulturelle Festivitäten erläutert und so die Handlung kontextualisiert. Dabei wird das indische Kastensystem ebenso eingebettet in die Handlung wie die indische Küche, die Rolle der Frau in Indien und Aspekte des Glaubens und der daraus hervorgehende Kommerz: Die langen Haare, die die Frauen ihren Göttern opfern, werden verkauft und u.a. zu Haarteilen und Perücken für Käuferinnen der europäisch-westlichen Welt verarbeitet. Das alles erzeugt ein realistisches Bild von Indien, spezieller von Dharavi, einem der größten Slums in Mumbai.

Fazit
Carolin Philipps ist ein Roman gelungen, der durch Konzeption und Struktur überzeugt und sich eines Themas annimmt, das in den letzten Jahren ins Bewusstsein der Menschen auch außerhalb Indiens gerückt ist: Misshandlungen und Vergewaltigungen von Frauen, die in der indischen Gesellschaft keine Rechte haben und von geringem Wert sind. Behutsam nähert sich Philipps der Thematik, lässt alle Akteure zu Wort kommen und konstruiert eine Geschichte, die Leser ab 16 Jahren für sich einnimmt und nachdenklich zurücklässt.


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