von Sindy Hildebrand

"'Diese Chips hätte ich gut vor meiner letzten Mathearbeit gebrauchen können', hatte Emily gesagt als sie am zweiten Tag plötzlich feststellte, dass sie Formeln lösen konnte, von deren Existenz sie bis dahin nicht einmal etwas geahnt hatte. Marvin war völlig aus dem Häuschen, weil er plötzlich wie die anderen drei fließend Englisch, Chinesisch und Russisch sprechen konnte. Perry hatte bei sich zu Hause am Computer schon oft an Flugsimulatoren Raumschiffe gestartet und gelandet. Nun aber war er in der Lage, echte Raumschiffe zu fliegen." (S. 65) Vier Kindern steht eine wichtige, aber gefährliche Mission bevor, deren Beginn der Roman Spacekids erzählt, der für Liebhaber von Science-Fiction-Romanen ab dem elften Lebensjahr empfohlen wird.

Schlüter, Andreas: Spacekids
Umschlagskonzept: Balk & Brumshagen
Umschlagsbild und -gestaltung, Illustrationen: Max Meinzold
dtv, München 2015
272 S., 12,95 €.
ISBN 978-3-423-76124-6

Empfohlen ab 11 Jahren

Inhalt
An einem Sommertag im Jahre 2015 stürzen sich kreischend und jauchzend vier Freunde vom Dreimeterbrett in die Tiefe eines Badesees, Sand wirbelt hoch, Luftblasen blubbern an die Wasseroberfläche – nur Lea, Perry, Emily und Marvin tauchen nicht wieder auf. Sie finden sich in der Kids' Settlement One im Jahr 2200 wieder, einem gigantischen, mit Wissen und Technik der Zukunft ausgerüsteten Raumschiff. Auf diesem empfängt sie ein V.I.U.A. (Very Intelligent Universal Android) und eröffnet ihnen: Sie sollen einen erdähnlichen Planeten – genannt Kids' Planet – erforschen. Dieser liegt 150 Lichtjahre von ihrer Heimat entfernt und soll für die Menschheit bewohnbar gemacht werden, um die durch Ressourcenausbeutung, Klimawandel und Katastrophen geschundene Erde gesunden zu lassen. Falls eine Rückkehr auf diese unmöglich scheint, wird Kids' Planet die neue Heimat der Menschen bleiben. Androiden und Roboter haben auf der Ersatzerde bereits erste Bauwerke errichtet und Lebensmittelvorräte angelegt. Bei der Erfüllung ihrer Mission sollen die vier Freunde von Kindern aus den USA, Russland, Südafrika, Asien und Australien unterstützt werden, die sich ebenso auf dem Weg zum Kids' Planet befinden.

Nachdem Lea, Perry, Emily und Marvin an Mikrochips angeschlossen und im Schlaf zu Astronauten ausgebildet wurden, fliegen sie durch ein Raum-Zeit-Wurmloch zurück ins Jahr 2015 und landen turbulent auf der Ersatzerde. Dort müssen sie nicht nur gegen furchterregende Kreaturen kämpfen, die in der Tiefe des grellbunten Dschungels lauern, als noch gefährlicher erweisen sich zwanzig unerschrockene Kinder, die feindlich im Hinterhalt hocken und weder aus Fleisch noch Blut zu bestehen scheinen. Sie leben wie Ameisen, saugen Zucker in sich hinein, um Energie zu tanken, können Gedanken beeinflussen und zerstören die Nahrungsmittel der Erdkinder. V.I.U.A. findet heraus, dass diese Wesen Venomier heißen, selbst von einem anderen Planeten stammen und durch ferngesteuerte Manipulation versuchen das nächste ankommende Raumschiff, mit den asiatischen Kindern an Bord, am Landen zu hindern.

Doch es steht noch mehr auf dem Spiel. Lea, Perry, Emily und Marvin müssen auf ihren Heimatplaneten zurückkehren, da sich einige Venomier auch auf der Erde einschleusen wollen, um womöglich das Siedlungsprojekt der Menschen zu sabotieren. Als Hauptquartier wollen die Venomier die Schule der vier Freunde nutzen, die nach ihren Sommerferien somit nicht nur jene observieren müssen, sondern auch das Schwimmbad, das den Zugang zur  Zeitröhre ermöglicht. Das Abenteuer in Raum und Zeit, in Gegenwart und Zukunft geht weiter…        

Kritik
Der Autor der erfolgreichen Computerkrimireihe Level 4 (erschienen 1994 bis 2007) Andreas Schlüter versteht es, mit Spacekids, dem Auftaktroman zur gleichnamigen neuen Fantasy-Serie, Interesse für eine Story zu wecken, die den Leser auf eine Zeitreise in die Zukunft mitnimmt. Wie schon in der Level 4-Romanreihe wählt er aufgeschlossene und wissbegierige Mädchen und Jungen als Protagonisten, die von heute auf morgen aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen werden und in einer anderen Umgebung auftauchen. Dort müssen sie sich bewähren, um die schon allein für Erwachsene fast utopisch erscheinende Aufgabe zu meistern, das Überleben der gesamten Menschheit zu sichern. Ein ähnliches Schicksal ließ Schlüter, zusammen mit dem Ko-Autor Mario Giordano, den fünfzehnjährigen Protagonisten aus Pangea - Der achte Tag (erschienen 2008) durchleben, der in eine zukünftige Entwicklungsstufe der Erde entführt wird, um von dort aus zum Retter der Menschheit zu avancieren. In Spacekids werden nun die Geschwisterpaare Lea und Perry sowie Emily und Marvin aus der real-fiktiven Erdwelt von Androiden entführt, um mit ihren verschiedenen Fähigkeiten und gestärkt durch autosuggestives Training ein Raumschiff zu führen und die Besiedlung einer Ersatzerde einzuleiten. Dabei setzen sie sich mit Widrigkeiten im Orbit und auf dem Ersatzplaneten auseinander, wo sie nichtmenschlichen, teils feindlich gesinnten Wesen begegnen. Sie erleben und bestehen Abenteuer, die für einige Spannungsmomente im Roman sorgen und genrebezogen nachvollziehbar wirken.

Das Interesse der Leser wird auch geweckt, weil es dem Autor von Spacekids auf die für ihn typische Weise gelingt, die in sechzehn Kapiteln erzählte Handlung angenehm mit themenrelevantem Fachwissen zu verweben. So werden Natur- und Weltraumphänomene (Sonne, Atmosphäre, Supernova, schwarzes Loch etc.) sowie naturwissenschaftlich-technische Begriffe und Erfindungen (Schwerelosigkeit, Lichtjahre, Zeitmaschine u. ä.) anschaulich und mit wenigen Worten erklärt, entweder durch die beiden Astronomie begeisterten Protagonisten Perry und Marvin oder die nicht weniger wichtigen Figuren V.I.U.A. und Roboterspecht. Auffällig ist ebenso, dass die vier Erdkinder in vielen unvertrauten Situationen oder brenzligen Momenten versuchen, mit dem Wissen, das sie bereits haben, Konsequenzen ihrer Handlungen abzuschätzen oder sich bestimmte Verhaltensweisen zu erklären. Die Protagonisten fungieren hier als Vorbilder für die jungen Leser, Herausforderungen durch Analysieren der Gegebenheiten, Anwenden von Wissen, scharfes Nachdenken und logisches Schlussfolgern zu bewältigen.  

Die Besiedlung ferner Planeten, gerade die Marskolonisierung, ist ein in Science-Fiction-Film und -Roman häufig behandeltes, vielgestaltetes und spannendes Motiv, wie die nicht nur für Jugendliche konzipierte Pentalogie Das Marsprojekt von Andreas Eschbach beweist (erschienen 2001 bis 2008). Da Spacekids jedoch der erste Roman einer Serie ist, der vor allem als ihre Einführung zu lesen ist, steht das Siedlungsprojekt hier noch ganz am Anfang und wird im Erzählverlauf kaum vorangetrieben. In dieser Hinsicht erweisen sich für die Fortsetzungen folgende Fragen als interessant: Wie vermögen Kinder eine Welt für eine ganze Menschheit aufzubauen, auch unter dem Gesichtspunkt, dass Roboter und Androiden sie nur mit grundlegendem und lückenhaftem Wissen ausgestattet haben? Welche für das menschliche Leben und seine Kultur/en wichtige Ausrüstungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werte bringen die noch anzureisenden Kinder mit? Es bleibt abzuwarten, wie das Siedlungsprojekt Gestalt annimmt oder ob es allein als Aufhänger für eine Reihe von Abenteuern fungiert, die Kinder in Raum und Zeit sowie in Auseinandersetzung mit unbekannten Lebensformen erleben. Nicht zuletzt wäre aufschlussreich, ob und wie Schlüter die Frage nach dem Umgang mit der Erde sowie ihrer Funktion als Lebensraum für die Menschheit auch in den Fortsetzungsromanen aufgreift, die ja den Anstoß für das extraterrestrische Siedlungsprojekt bildet. An gegebenen Romanstellen gesellschaftskritisch mit außerfiktionalen Tatsachen umzugehen, könnte dazu beitragen, den Lesern die Augen zu öffnen, die Zukunft der Menschen auf der Erde in Einklang mit der Natur besser zu meistern als Generationen vor ihnen.

Aufmerksame Leser werden durch den Roman nicht nur das vielschichtige Paradox des Zeitreisens an sich erkennen, das in zahlreichen Kinder- und Jugendmedien vielfältig eingesetzt, erzählt und gestaltet wird (vgl. Planka 2014). Sie werden sich ebenso die Frage stellen, wie die ganze Menschheit auf den Ersatzplaneten gebracht werden soll. Bisher können pro Zeitreisedurchlauf nur maximal zehn Kinder dorthin gelangen, die zudem eine Körpergröße von 1,50 m nicht überschreiten dürfen. Allerdings stehen die Steckbriefe und Illustrationen zu den vier Freunden, die in den Umschlagseiten zu finden sind, im Widerspruch zu dieser Angabe.

Ungeachtet dieser Unklarheit, die womöglich dem Illustrator geschuldet ist, spricht der Science-Fiction-Roman durch eine flüssige, gut verständliche Sprache an, die Dialoge sind witzig und dem Alter der Protagonisten gemäß. Ein angenehmes Leseerlebnis wird durch die etwas größere Schrift unterstrichen, zudem ist die Rede des V.I.U.A. in einer 'roboterartig' anmutenden Schriftart gedruckt. Der Covergestaltung nach könnte jedoch in Frage gestellt werden, ob die Protagonisten tatsächlich zwischen elf und dreizehn Jahren sind. Neugierig stimmt die letzte Buchseite durch das Titelbild zum Fortsetzungsroman Attacke aus dem All (erschienen 2016).

Fazit
Für Leser zwischen elf und dreizehn Jahren bietet Spacekids ein amüsantes Weltraumabenteuer, das Kinder-Protagonisten zu potentiellen Helden macht, ohne weder deren Seelenheil noch jenes der Leser in Mitleidenschaft zu ziehen. Der Autor versteht es, in seine Figuren hineinzuschlüpfen und fantastisch gefärbten Lesestoff für Kinder frisch und wissenswert zu konzipieren. Da die Spacekids-Protagonisten zwischen elf und dreizehn Jahre alt sind und Andreas Schlüter bewusst thematisch, erzähltechnisch und sprachlich auch für diese Altersgruppe schreibt, aber auch, weil die Zeitreise- und Weltraumthematik nicht nur durch Filme und Comics breit bekannt ist und teilweise auch an deutschen Schulen in Ansätzen wissenschaftlich vermittelt wird, kann der Roman ab dem elften Lebensjahr empfohlen werden.

Literatur
Planka, Sabine (Hrsg.): Die Zeitreise: Ein Motiv in Literatur und Film für Kinder und Jugendliche. Würzburg: Königshausen & Neumann 2014 (Kinder- und Jugendliteratur Intermedial; Bd. 3)

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