von Sindy Hildebrand

Sam schöpft Wasser so viel er kann. Wieder und wieder. Doch die Sonne steigt höher, trocknet die Haut schnell aus und kein Mensch ist am Strand zu sehen. Großes will der Junge in dieser kleinen australischen Geschichte bewältigen, die Tierliebhaber und Leserratten mitfiebern lässt.  

Scholes, Katherine: Sams Wal.

Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Ravensburger, Ravensburg 2013.
62 Seiten. 5,00 €
ISBN 978-3-473-54407-3
Empfohlen ab 9 Jahren.

Inhalt

Als Sam und seine Hündin Lucy am frühen Morgen zum Strand hinunterlaufen, finden sie einen dunklen Hügel. "Der Schwanz und die kleine Rückenflosse, das sah aus wie bei einem Delfin. Der schräg abgeflachte Kopf sah aus wie bei einem Haifisch. Das Tier lag auf der Seite, dort, wo die Brandung auslief. Seine dunkle Haut schimmerte in der Morgensonne." (S. 11) Plötzlich wird die Stille durch ein Röcheln und Schnaufen unterbrochen. Erfreut stellt der Junge fest, dass der kleine Wal lebt und unverletzt ist, aber große Angst hat. Sam gießt Wasser über dessen Haut, legt Seetang auf seinen Körper, baut ein Segeldach, redet ihm aufmunternd zu – das Brennen der Sonne aber ist nicht aufzuhalten. Doch weder Sams Kraft, noch die kommende Flut werden reichen, um den Wal wieder hinaus in den Ozean zu bewegen. Sam schickt Lucy mit einer Nachricht los, um den Naturforscher Angus zu holen.

Ein trauriges Walauge beobachtet jede Bewegung Sams, der sich erschöpft an den Rücken des Tiers lehnt, dessen Herz er pochen hört. Sam denkt: "Wie einsam und verlassen muss er sich fühlen? Er ist mein Wal und ich werde ihm helfen!" Als sich ein Boot nähert, erschrickt Sam, denn er erkennt die zwei Fischerbrüder, die es auf Walzähne abgesehen haben. So lässt er die große in der Sonne funkelnde Klinge nicht aus den Augen, die einem der Trophäensammler unheilvoll am Gürtel schaukelt, als köpfe sie Wellen… 

Kritik

Die in Tansania geborene und in Tasmanien lebende Schriftstellerin Katherine Scholes wirft mit ihrer kleinen Geschichte einen Blick auf die Begegnung eines Jungen mit einem Wal, der zur seltenen Art der Zwergpottwale gehört. Wie sie in der Vorbemerkung vermittelt, können diese bis zu drei Meter lang und einhundert Kilogramm schwer werden. Eines Tages findet Sam einen gestrandeten Zwergpottwal, dessen Leiden er zu lindern versucht, indem er erste Hilfe leistet. Weil die empfindliche Haut der Wale an Luft schnell austrocknet und ihre isolierende Fettschicht an Land zu Hitzestaus führt, hält der Junge das Tier feucht und schützt es, so gut es geht, vor der prallen Sonne. Dieses bedachte Handeln, durch das Sam emotionale Nähe zum Wal aufbaut, verrät, dass er einiges über Wale weiß. So erfährt der Leser auch, dass das Blasloch wasserfrei und unbedeckt bleiben muss und die Kolosse nicht gern an ihren Flossen berührt werden wollen. Klar ist, dass der Meeressäuger schnellstens wieder ins offene Wasser muss, doch allein kann der Junge das schwere Tier nicht bewegen. Wale leben in einer Welt der Schwerelosigkeit, das Wasser trägt sie, weshalb sie kein Skelett besitzen, das ihre Körpermasse stützt. Strandet ein Wal, kann ihn sein eigenes Gewicht erdrücken. 

Zudem muss Sam das wehrlose Tier vor den gewieft-gefährlichen Higgs-Brüdern verteidigen, die dieses wegen seiner Zähne begehren. Als das Brüderpaar am Strand anlegt, versetzen ihn Erinnerungen an deren ungeheuerliches Seemannsgarn und ihre beeindruckende Sammlung an Walüberresten in Angst. Sam gerät in einen hastigen Dialog mit den Fischern. Die Reglosigkeit des Wals wollen diese als Zeichen für seinen Tod bzw. sein baldiges Ableben verstehen. Doch Sam wehrt sich verbal, führt die lebenserhaltenden Maßnahmen an, die er geleistet hat, verweist auf den Naturwissenschaftler Angus, der bald kommen und helfen wird. Dieses Spannungsmoment, das im vierten Kapitel eröffnet wird, verbindet sich mit einem Fokalisierungswechsel des heterodiegetischen Erzählers: Beginnend mit dem ersten Kapitel verfolgt er das Geschehen zunächst mit der Figur des Jungen, Sams Handeln und Gedanken werden einsichtig gemacht sowie seine Worte, die das Tier beruhigen sollen. Nachdem die Brüder den Wal begutachtet haben, tritt die Figur Sams kurzweilig in den Hintergrund und der Leser wohnt einem Gespräch zwischen den Fischern bei, die den Jungen vom Wal weglocken wollen. Das siebte und letzte Kapitel fokussiert die kräftezehrenden Handlungen und Dialoge zwischen dem Forscher und Sam.                     

Es ist vor allem das engagierte, hoffnungsvolle Tun und Denken des Kindes Sam, das sein Einfühlungsvermögen und seine aufrichtige Sorge um das Wohlergehen des hilflosen Wals ausdrückt. Dass diese nicht allein kindlicher Tierliebe zuzuschreiben sind, vermittelt der zur Hilfe eilende Forscher Angus, dessen Interesse an der Natur, ihren Bewohnern und Phänomenen ihn in den Augen der Einheimischen zu einem Sonderling machen. Kontrastiert werden die Zuneigung zum Tier und die Ehrfurcht vor dem Leben durch das Verhalten und die Worte der groben Fischerbrüder, denen das Leben nicht-menschlicher Lebewesen nichts zu bedeuten scheint, auch weil der Tod eines solchen ihren Profit begründet und ihre Besitzgier stillt.

Diese kleine Begegnungsepisode zwischen Mensch und Tier inszeniert Scholes sprachlich klar und schnörkellos, was das eigenständige flüssige Lesen von Leseanfängern begünstigen dürfte. Die überwiegend parataktisch gehaltene Erzählung überzeugt auch, weil an keiner Stelle Handlungen, Reden oder Beschreibungen unauthentisch dramatisiert werden. Das Kraftvolle dieser kurzen Geschichte liegt gerade in der schlichten, aber doch Mitgefühl vermittelnden und hervorbringenden Darstellung eines an sich bereits außergewöhnlichen Ereignisses. Unterstrichen wird diese Schlichtheit durch die textbegleitenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen des Illustrators Quint Buchholz, die u. a. prägnant die vorwiegend menschenleere und für den Wal einsame, bedrohliche Strandatmosphäre wiedergeben. Neben der bildlichen Unterstützung dürfte auch die unaufdringliche Vermittlung von interessanten Informationen über (Zwergpott-)Wale und von angemessenen Verhaltensweisen ihnen gegenüber in Notsituationen nicht nur jüngere Rezipienten zum Lesen anregen. 

Fazit

Scholes erstes Kinderbuch, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt 1986 im australischen Original (The Boy and The Whale, Ersterscheinung 1985) den Whitley Book Award, den die Royal Zoological Society of New South Wales für Publikationen vergibt, die die Tierwelt der Region Australasien beleuchten. Bis heute wird Sams Wal als Lektüre im Deutschunterricht an Grundschulen empfohlen und eingesetzt, zahlreiche Unterrichtsmaterialien sind im Printformat oder im Internet bereits verfügbar. Doch diese Geschichte ist nicht nur wegen ihrer Kürze zur Leseförderung geeignet oder dazu eine Projektarbeit zu Walen und ihrem Lebensraum zu eröffnen. Sams Wal zeigt vielmehr, wie hilflos Tiere in der Welt der Menschen sein können, auch wenn sie an Größe und Gewicht diese übertreffen mögen, und wie wichtig menschliche Hilfe für ihr Überleben sein kann. Vor allem vermittelt die Erzählung, ob vorgelesen oder ab dem neunten Lebensjahr selbst gelesen, Achtung vor dem Leben, die sich nicht auf die eigenen Artgenossen beschränken sollte.

 

 

 

 

 

 

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