von Kjara von Staden

Vier mögliche Thronfolger und zwanzig Mädchen, die in einem Wettbewerb um die Hand der Männer buhlen und herauszufinden versuchen, wer der echte Prinz ist. Wer sich hier zunächst ein wenig an das amerikanische Format The Bachelor erinnert fühlt, sollte sich jedoch nicht von dem Ruf der trashigen TV-Show abschrecken lassen. Denn in Valentina Fasts Royal. Ein Königreich aus Glas, das die ersten beiden Teile der Reihe in einem Taschenbuch vereint, geht es nicht um Rosen und Zickenkrieg, sondern um eine dystopische Welt, in der die Protagonistin Tatyana alles andere als nach der Hand des Prinzen strebt.

Fast, Valentina: Royal. Ein Königreich aus Glas
Carlsen, Hamburg 2017.
448 Seiten. 9,99 €
ISBN 978-3-551-31635-6.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die siebzehnjährige Tatyana (Tanya) nennt Viterra, ein Königreich unter einer riesigen Glaskuppel, ihr Zuhause. In ihrem Leben gibt es wenig Aufregendes. Sie lebt seit dem Tod ihrer Eltern bei ihrer aufmerksamkeitssüchtigen Tante und ihrem gutmütigen Onkel und erledigt dort fast ausschließlich die Hausarbeit. Tanyas größter Traum ist es jedoch, bei ihrer älteren Schwester Katja und deren Ehemann zu wohnen und in der Schmuckschmiede der beiden zu arbeiten. Ausziehen darf sie allerdings erst, wenn sie verheiratet ist. Eine aussichtslose Situation, denn Tanya fühlt sich noch lange nicht bereit, eine Ehe einzugehen.

Doch dann wird die Auswahl angekündigt – eine alle paar Jahrzehnte stattfindende Veranstaltung, bei der der (dem Volk unbekannte) Prinz von Viterra seine zukünftige Braut finden will. Zwanzig der schönsten und klügsten Mädchen des Landes werden dazu auserwählt, um in einem Wettbewerb den Thronfolger für sich zu gewinnen. Dieses Mal sind die Umstände jedoch etwas andere: Der Prinz will eine Frau finden, die sich tatsächlich nur für ihn und nicht für die Krone und die damit einhergehende Macht und den Reichtum interessiert. Deshalb werden vier Männer als mögliche Prinzen zur Auswahl geschickt – und die Kandidatinnen müssen selbst herausfinden, wer der echte Thronfolger Viterras ist.

Für Tanya ist dies nichts weiter als eine geschmacklose Inszenierung. Für ihre Tante ist es wiederum die Gelegenheit, zu Ruhm und Ehre zu gelangen. Deshalb schlägt sie Tanya eine Abmachung vor: Sie wird an der Auswahl teilnehmen und sich Mühe geben, bei dieser voranzuschreiten. Als Gegenleistung darf sie danach bei ihrer Schwester leben. Mit gemischten Gefühlen nimmt Tanya diese Gelegenheit wahr und wird tatsächlich als erste für die Auswahl ausersehen. Ihre Reise in den Palast Viterras beginnt sie nun mit dem unbedingten Willen, sobald wie möglich aus der Show auszuscheiden und denkt nicht einmal daran, sich zu verlieben. Als sie jedoch die vier jungen Männer kennenlernt und entdeckt, dass einige von ihnen alles andere als selbstsüchtige Monarchen sind, muss sie ihre Meinung noch einmal überdenken.

 

Kritik

Royal ist nicht die erste dystopische Reihe, die sich mit einer Casting-Show beschäftigt, in der eine Vielzahl von Mädchen versucht, den Prinzen von sich zu überzeugen. Einigen Lesern wird die erfolgreiche Selection-Trilogie von Kiera Cass in den Sinn kommen, wenn sie die Inhaltsangabe von Royal lesen. An einigen Stellen ähneln sich die beiden Reihen tatsächlich. So ist die Protagonistin in beiden Romanen nicht aus freien Stücken bei der Auswahl und verliebt sich eher wider Willen in den angehenden König. Auch verknüpfen beide Autorinnen den Wettbewerb mit einer dystopischen Monarchie. Doch hier hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Denn während bei Selection Maxon der einzige Sohn des Königs ist und auch als dieser das Casting antritt, werden in Royal vier Männer, die fernab der Öffentlichkeit aufgewachsen sind, als Prinzen eingeführt. Somit haben die Leser mehr Auswahl, wen sie für einen geeigneten Partner für Tanya halten. Des Weiteren leben die Bewohner von Illéa (dem dystopischen Amerika in Selection) nicht von der Außenwelt abgeschottet wie die Landsleute Viterras. Zudem wird kein gesellschaftskritisches und den Leser Ungerechtigkeit empfinden lassendes Kastensystem kreiert.

Nichtsdestotrotz schafft auch Valentina Fast eine interessante antiutopische Welt. Die Autorin entwickelt nämlich zunächst eine alternative Vergangenheit, in der sich einige Wissenschaftler und Architekten nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenschließen. Ihr Ziel: ein sicheres Land erbauen. Die Lösung dessen ist ein mehrere Hektar großes Stück Gelände im Herzen Russlands, das vollständig von einer Glaskuppel umschlossen wird. Diese Kuppel soll die Bewohner bei einem möglichen nächsten Krieg vor atomarer Strahlung, Schadstoffbelastung und Sprengkörpern schützen. Bürger des futuristischen Staates werden die Angehörigen der am Projekt Beteiligten und ausgewählte Familien. Die dystopische Zukunft beginnt nur Jahrzehnte später, indem der dritte Weltkrieg tatsächlich ausgelöst wird. Während jedes Lebewesen infolgedessen stirbt, bleibt das Volk Viterras dank der schützenden Glaskuppel von alldem verschont. 

Die Gesellschaft Viterras wirkt in den ersten beiden Teilen von Royal allerdings bei Weitem nicht so negativ ausgestaltet wie beispielsweise in Die Tribute von Panem oder Die Bestimmung. Eine strenge Unterteilung der Bevölkerung in ärmere oder reichere Gesellschaftsschichten oder eine Klassifizierung nach festen Gruppen liegt nicht vor. Es wird jedoch sehr schnell klar, dass die Grundsätze von Viterra (Freiheit und Sicherheit) zwar nach außen hin gelten, aber das Königreich voller Geheimnisse steckt, die die Regierung vor dem Volk versteckt halten will. So beobachtet Tanya schon im ersten Teil der Geschichte Leben außerhalb der begrenzenden Kuppel und wird im zweiten Band Zeuge eines Luftangriffes auf Viterra. Und das, obwohl dem Volk erzählt wird, es gäbe keine Überlebenden des dritten Weltkrieges. Diese Aspekte der Geschichte werden in den ersten beiden Teilen jedoch eher weniger thematisiert.

Die Reihe konzentriert sich zunächst nur auf den Auswahlprozess und baut vor allem Spannung über das Rätselraten auf, wer der echte Prinz, ist. Jedem der vier jungen Männer werden dazu "königliche" Charaktereigenschaften verliehen, sodass der Leser für sich selbst entscheiden muss, wen er als möglichen Thronfolger in Betracht zieht. Und obwohl die Männer bisweilen etwas stereotypisch erscheinen, macht das die Geschichte nur noch interessanter, da man hinter die Fassaden der Männer blicken will.

Authentisch ausgestaltet ist hingegen die Protagonistin Tatyana. Sie entwickelt sich im Laufe der ersten beiden Bände der sechsteiligen Reihe von einem wohlbehüteten Mädchen, das die Außenwelt nur spärlich kennengelernt hat, zu einer selbstbewussten und willensstarken jungen Frau. Tanya vereint Teenagersorgen wie die erste Liebe und Heimweh nach der Familie mit einem starken Charakter. Obwohl sie von den anderen Kandidatinnen der Auswahl aus Neid gemieden und teilweise sogar gequält wird, zweifelt sie deshalb nie an sich. Und gerade weil sie sich nicht verstellt, kann sie die Freundschaft und Zuneigung aller vier Männer gewinnen. Valentina Fast schafft somit eine Protagonistin, mit der sich viele Jugendliche identifizieren können. Zusätzlich lernen diese aber auch, dass Ehrlichkeit und Natürlichkeit wichtige Eigenschaften in Bezug auf die Erringung von Freundschaft und Liebe darstellen.

Etwas undurchsichtig sind dagegen die Nebenfiguren. Außer Claire, Tanyas Mitbewohnerin in der Auswahl, die aufgrund ihres leidenschaftlichen und überdrehtem Temperaments für viel Witz sorgt ("Ich freue mich so sehr, dich kennenzulernen. Wir sind jetzt Freundinnen. Du bist eine Berühmtheit. Und wir sind Freundinnen. Das ist so aufregend!" (S.121)), wird keine weitere Kandidatin genauer beleuchtet. Stattdessen wirken alle Mädchen überheblich, oberflächlich und gänzlich auf die Krone fixiert. An dieser Stelle wäre es vielleicht noch interessant gewesen, die Charakter und Lebensgeschichten einiger Mitstreiterinnen näher zu beleuchten.

Fazit

Alles in allem kann Valentina Fast mit Royal. Ein Königreich aus Glas überzeugen. Die Darstellung der dystopischen Welt ist glaubhaft und nachvollziehbar und die Enthüllungen machen jugendliche Leser ab vierzehn Jahren neugierig auf die nächsten Teile der Geschichte. Einzig die Persönlichkeiten der Nebenfiguren hätten an einigen Stellen etwas genauer herausgearbeitet werden können.

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