von Kirsten Kumschlies

Schulischer Leistungsdruck, dramatisierende Eltern, verzweifelte Lehrer und Amok laufende Schüler: Susanne Giebeler zeichnet in ihrem Romandebüt, das von intertextuellen Bezügen, ironischen Übertreibungen und symbolischen Verweisen durchzogen ist, ein düsteres Bild des deutschen Bildungssystems, und wirft einen bewusst überzeichneten Blick auf das Leben an einem Gymnasium...

Giebeler, Susanne: Gymnasium
Tradition GmBH, Hamburg 2017.
291 Seiten. 14,99

ISBN 978-3-7345-8215-8.

Empfohlen ab 15 Jahren.

 Inhalt

Der Neuntklässler Alex zieht mit seiner alkoholkranken Mutter Sabine nach der Trennung vom Vater von Düsseldorf nach Bochum. Ein Ziel ist für ihn klar: Er will unbedingt das renommierte Goethe-Gymnasium besuchen, das ihn schon aufgrund seines imposanten Gebäudes mit dem steinernen Löwen vor dem Eingang beeindruckt: Hier zeigen sich für den Protagonisten Aufbruch und Neuanfang. So erhaben wie Harry Potters Zauberschule Hogwarts kommt es Alex hier vor – und ihm ist vor allem wichtig, dass er gute schulische Leistungen erbringt, denn insgeheim glaubt er, dass seine Eltern sich wegen seiner schlechten Noten getrennt haben. Jeder Streit, den er mit angehört hatte, entzündete sich doch schließlich an diesem Thema. Doch die Wahrheit liegt viel tiefer, der Leser ahnt es schnell. Da ist der Alkoholismus der Mutter Sabine, die hinter autoritärem Verhalten versteckte Unfähigkeit des Vaters, sich seinem Sohn emotional zuzuwenden. Doch im Roman geht es noch um viel mehr. Alex hat von Anfang an keine Chance in der neuen Schule, denn hier kämpfen die Bildungseliten der Stadt gegeneinander. Birgit Bürgelmann, Arztgattin und Mutter der gleichsam intriganten wie beliebten Leonie, hält im Elternverein die Fäden in der Hand. Nachdem es zu körperlichen Auseinandersetzungen zwischen Leonie und Alex gekommen ist, für die eigentlich Leonie zur Rechenschaft zu ziehen wäre, nimmt nimmt Birgit sie sich vor, den Jungen, der nicht aus einem Akademikerhaushalt stammt, wieder aus der Schule zu entfernen. Massiv setzt Birgit Klassenlehrerin Eva Jägersberg, Anwärterin auf den Schulleiterposten, unter Druck. Ein starkes Druckmittel hat sie: Heimlich konnte sie beobachten, dass die Deutschlehrerin, die vor allem mit privaten Problemen beschäftigt ist, sich mit einem Callboy namens Joe trifft. Hier ist ein weiterer Handlungsstrang angesprochen, der das Privatleben von Lehrerin Eva in den Fokus rückt. Nach einem Schlaganfall sitzt ihr Ehemann Hartmut nur noch apathisch zu Hause. Eva sucht Trost bei "Frau Heinevetters Männern" und verliebt sich in Joe, der später im Goethe-Gymnasium als Hausmeister zu arbeiten beginnt. Ein weiterer Handlungsstrang folgt der Elternvertreterin Birgit Bürgelmann in ihre frustrierende Ehe mit dem erfolgreichen Arzt Karsten, dessen Klinik schließlich pleite geht, weil ihm ein Schönheitschirug, dessen Tochter Sharzad selbstverständlich ebenfalls in eine Klasse mit Alex und Leonie geht, bei der Bochumer High Society den Rang abläuft. Birgit verlässt ihren Ehemann rechtzeitig, um eine Beziehung mit einem einflussreichen Politiker einzugehen. Von alldem ahnt Alex nichts. Verzweifelt bemüht er sich um gute Leistungen, versucht tapfer dem Druck standzuhalten, was von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Am Ende des Schuljahres, das im Rahmen der erzählten Zeit konform geht mit dem Ende des Romans zusammenfällt, legt Lehrerin Eva ihm den Wechsel auf eine Gesamtschule nahe. Doch die Katastrophe, die sich innerhalb der Schülerschaft anbahnt, ist viel größer und gewaltiger....

 

Kritik

"Hanne Christ liebte ihr Kind und Birgit liebte ihres. Alle liebten ihre Kinder und wollten sie vor dem Niedergang bewahren, vor einem Dasein als Klempner, als Krankenschwester oder kaufmännische Angestellte," so heißt es im Klappentext von Susanne Giebelers Roman-Debüt Gymnasium, womit die Erwartungshaltung geweckt wird, hier gehe es nur um schulische Themen. Weit gefehlt! Giebeler spannt den Bogen weiter auf, indem sie eine multiperspektivische Erzählanlage wählt, durch die dem Leser ein Blick ins Innere nicht nur von Schülern, sondern auch von Lehrern und Eltern gewährt wird. Nicht das Schulleben und der gymnasiale Leistungsdruck stehen im Zentrum des Erzählten, sondern die zutiefst privaten Lebensgeschichten und -entwürfe der Protagonisten. So treten sie alle als individuelle Charaktere mit ihren ureigenen Ängsten und Nöten auf. Besonders augenfällig ist die Geschichte der Deutschlehrerin Eva Jägersberg, die sich weniger mit pädagogischen oder bildungspolitischen Fragen beschäftigt, obwohl sie den Schulleiter-Posten anstrebt. Stattdessen fokussiert sie sich auf, als mit ihrer sexuell-amourösen Beziehung zum Callboy Joe, der im Laufe der Handlung seine Existenz als zu mietender Mann aufgibt und Eva nachfolgt, indem er der neue Hausmeister des Goethe-Gymnasiums wird. Die multiple Fokalisierung verleiht dem Roman einen an Kurzgeschichten erinnernden Stil, was durch die eingängigen, häufig parataktischen stakkatoartigen Sätze unterstrichen wird: "Alex schaute zum Löwen hinüber. Grau und groß und dunkel lag er auf seinem Sockel und brüllte in die Luft." (S.29). Die Kapitel sind kurz, sodass die unterschiedlichen Figurenperspektiven und die sich entfaltenden Geschichten in rascher Folge aufeinandertreffen. Schnell wird deutlich, dass die Figuren alle in Beziehung zueinander stehen und sich immer wieder an verschiedenen Orten, auch außerhalb der Schule, begegnen: So arbeitet etwa Alex’ Mutter Sabine als Krankenschwester in der Klinik von Karsten Bürgelmann, dem Vater von Leonie. Was aus lebensweltlicher Perspektive betrachtet, unglaubwürdig erscheinen mag, macht im Rahmen der Diegese durchaus Sinn, denn es sind gerade diese Verstrickungen und Querverbindungen der Figuren untereinander, die den Reiz des Textes ausmachen und auch durchaus für Spannung sorgen. Darüber hinaus finden sich viele intertextuelle Bezugnahmen, etwa wenn in der Perspektive von Alex Analogien zu Harry Potter gezogen werden oder wenn Eva Jägersberg sich auf die Iphigenie beruft, wenn sie ihr Verhalten gegenüber Alex vor sich selbst rechtfertigt:

"Die Schule war nicht Taulis, Joe nicht der Skythenkönig und Axel (sic!) Haase kein Menschenopfer. Und vielleicht war die Iphigenie doch nur eine Träumerin und Pylades im Recht – man konnte in einer Welt ohne Moral, in der die Birgit Bürgelmanns die Fäden zogen, seine Ziele nicht durch moralisches Handeln verwirklichen. Aber Bildung war immer noch ein Freiheitsversprechen." (S. 219)

Der Roman verweist mit seinem Geschichtengeflecht auch auf die innere Logik unseres Bildungssystems, das von seiner Anlage her die Existenz unterschiedlicher sozialer Schichten stützt und manifestiert – und auf die damit verbundenen Antinomien des Lehrerhandelns: 

"Die Ungerechtigkeit des Apparats tat ein Übriges. Die meisten Kinder auf dem Goethe-Gymnasium hatten in ihren Eltern gute Advokaten, denn Vater oder Mutter oder beide hatten das System erfolgreich durchlaufen, es jahrelang studiert und waren nun fachkundige Anwälte ihrer Kinder. Jungen und Mädchen, die ohne Rechtsbeistand auf die Unabhängigkeit der Gerichtsbarkeit vertrauen mussten, waren chancenlos" (S. 155).

Vor dem Hintergrund dieser Bestandsaufnahme konzentriert sich Eva Jägersberg auf ihr Privatleben, mit dem sie alle gesellschaftlich gestellten Erwartungen an die akademische Mittelschicht unterläuft, indem sie sich in einen tätowierten Callboy verliebt. Das lässt sich lesen als ein subversiver Ausbruch aus dem Zwang, in der Schule sowohl als dem System verpflichtete Richterin als auch als Anwältin der Schüler agieren zu müssen. Unter Druck gesetzt beugt sie sich den Forderungen Birgit Bürgelmanns, die selbst geschickt zu verbergen weiß, dass sie keine Akademikerin ist. Summa summarum liegt hier eine höchst unterhaltsame Anklage unseres Bildungssystems vor, das in dem Bild vom steinernen Löwen vor dem Goethe-Gymnasium symbolisch verdichtet ist:

"Der Löwe vor der Schule war verwundet. Er brüllte seinen Schmerz nach Westen heraus. Seine verletzte linke Seite konnte man von der Straße aus nicht sehen." (S. 5).

Dabei war es ja gerade dieser Löwe, von dem Alex sich eingangs angezogen fühlte.

Fraglich bleibt aber, ob es sich hier um einen Jugendroman handelt. Für einen solchen kommt die Schülerperspektive zugunsten des Einblicks in die seelischen Tiefen von Eltern und Lehrern vielleicht etwas zu kurz. Insofern ist paratextuelle Gestaltung, die sich in Cover und Aufmachung spiegelt, wieder stimmig: Auch diese verweist eher auf einen Roman, den man der Allgemeinliteratur zuordnen würde, denn auf intentionale Jugendliteratur.

Fazit

Ein fulminantes, lesenswertes und spannendes Romandebüt, das durch multiple Fokalisierung auf viele Facetten unseres fragwürdigen Bildungssystems aufmerksam macht. Unterhaltsam, gut zu lesen und voller symbolischer Kraft – ob dies auch schon für Jugendliche ab etwa 15 Jahren gilt, sei dahingestellt.

 

 

 

 


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