von Adienne Karsten


Timo F. gerät im Alter von 14 Jahren in die Neonazi-Szene. Wenngleich er sich mit den politischen Zielen kaum identifizieren kann, fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben aufgehoben. Es gelingt ihm innerhalb kürzester Zeit, ein Netzwerk aufzubauen. Doch als der Staatsschutz auf ihn aufmerksam wird, stellt Timo seinen Lebensweg infrage. Der autobiografische Roman Neonazi ist ein packendes Zeugnis über die Radikalisierung eines Jugendlichen und den gelungenen Ausstieg aus einer extremen Szene.

F., Timo: Neonazi.
Arena Verlag, Würzburg 2017.
232 Seiten. 9,99 €
ISBN 978-3-401-60294-3.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt
Timo F.s junges Leben ist geprägt von Unsicherheit, fehlender Anerkennung, positiven Gefühlen und Erfolgserlebnissen. Vor allem aber auch vom großen Mangel an Sicherheit und Liebe der Menschen, von denen man es eigentlich am meisten erwarten würde.

Rechter Gesinnung begegnet Timo bereits am Küchentisch, denn  Timos Mutter macht sich keine Mühe, ihre fremdenfeindliche Einstellung zu verheimlichen. Die Familie feiert den Geburtstag des "Führers", Timos Mutter "vererbt" ihrem Sohn verfassungswidrige Rechtsrock-CDs aus ihrer Jugend und schwelgt in Erinnerungen an ihre Zeit in der rechten Szene.

Timo ist beseelt von der plötzlichen Zuneigung seiner Mutter. Dies ist das Initiationsereignis, denn er beginnt nun, immer mehr über die rechte Szene in Erfahrung zu bringen. Endlich haben die beiden eine Ebene gefunden, auf der sie sich verstehen.

Timo ist besessen von dem dunklen, verbotenen Reich, das sich ihm plötzlich eröffnet. Er brennt rechte Musik, informiert sich über die Codes der Szene, trägt ihre Kleidung und landet schon bald auf seiner ersten NPD-Demo. Das, was er zu Hause nie bekommen hat, findet er nun in der Neonazi-Szene. Weiter geht es mit dem Aufbau einer kleinen Gruppe vor Ort, deren Anführer Timo wird, der Teilnahme an einem Wehrsportlager und einer nächtlichen illegalen Plakatier-Aktion. Hierbei wird Timo erwischt und plötzlich steht der Staatsschutz vor seiner Tür. Zu diesem Zeitpunkt ist Timos anfängliche Begeisterung bereits abgeflacht, hat er doch längst gemerkt, dass sich die großen Werte wie ewige Kameradschaft und Zusammenhalt der Gruppe als Irrtum erwiesen haben. In den rechten Kreisen ist sich jeder selbst der Nächste.

Gemeinsam mit einem Aussteigerhelfer gelingt es Timo, den Kontakt zu seinen vermeintlichen Freunden abzubrechen und – und dies ist wohl am wichtigsten – sich von seiner Mutter zu lösen.


 

Kritik
Beim Lesen von Timo F.s autobiografischem Roman wird man den Kloß im Hals nicht los. Das mulmige Gefühl begleitet die LeserInnen bis zur letzten Seite, bei der man endlich aufatmen kann. Der teils ironische, flapsige Ton Timos, der das Geschehene natürlich rückblickend distanzierter bewertet, kann stellenweise ein wenig lapidar wirken, hilft aber auch über das ungute Gefühl, das man beim Lesen hat, hinweg. Zum Beispiel, in dem Moment, als Timo in eine Auseinandersetzung mit linken Jugendlichen gerät: "Ich nickte schockiert. Aber insgeheim dachte ich: ‚Glück gehabt? Wir haben doch ordentlich ein drauf bekommen.‘ Mir jedenfalls tat mein ganzes Gesicht weh. Anscheinend war das Leben als Nationalist eine ziemlich heikle Angelegenheit."

Timos Kindheit und frühe Jugend ist alles andere als unbeschwert. Das Gefühl der Einsamkeit und des Zurückgelassen-Seins von den Menschen, die einen am meisten lieben sollten, sogar absolute Vernachlässigung, prägen Timos Kindheit. Es ist ein vererbtes Gefühl der Trostlosigkeit, das sich in Timos Familie breitgemacht hat.

Die kalten und herabwürdigenden Erziehungsmethoden von Timos Mutter und deren Mutter erinnern sehr an die nationalsozialistische Pädagogik einer Johanna Haarer. Deren Ideale, die sich teils bis zur heutigen Zeit in moderaterer Form gehalten haben, bestanden beispielsweise darin, den "anarchischen" Säugling zu disziplinieren und ihn keinesfalls zu verwöhnen. Das Kind muss abgehärtet werden, die Mutter den Machtkampf gegen das Kind gewinnen. Diese Schilderungen, wie Timos Mutter mit ihren Kindern umgeht, wenn sie Timo zum Beispiel als verweichlichte "Heulsuse" tituliert, sind sehr schmerzhaft, doch das Wissen, dass Timo den Ausstieg geschafft hat, erleichtert das Lesen.

Das Werk zeigt zudem auf eindringliche Weise die Mechanismen, die auch in anderen extremen (Jugend-)Organisationen funktionieren, mit denen Menschen radikalisiert und verändert werden können. Dies alles geschieht ganz ohne drastische Darstellungen rechter Gewalt oder Brutalität, wie man sie beispielsweise von vergleichbaren Jugendbüchern der 1990er-Jahre, wie "Zerschlag dein Spiegelbild" von Josef Rauhenberg, oder Filmen wie "American History X" oder "Kriegerin" kennt.

Interessant ist, dass den acht Kapiteln kurze Kommentare von Ausstiegshelfern vorangestellt sind. Leider nehmen diese oft die Handlung des folgenden Kapitels vorweg und entziehen diesen damit ein wenig die Spannung. Zugleich sind diese Hintergrundinformationen für die Verwendung des Buches im Unterricht aber auch sehr hilfreich.  Im Anhang finden sich Adressen zu Aussteiger-Organisationen und es gibt sehr umfangreiches Material zur Unterrichtsgestaltung als Download auf der Verlagshomepage.

Die Cover-Idee ist zwar nicht ganz neu, das Motiv – Nazi von hinten – wurde vielfach von anderen Kinder- und Jugendbuchverlagen verwendet, allerdings sticht das Buch dank der unverkennbaren Farben der rechten Szene – schwarz, rot, weiß – auch sehr ins Auge und auch der Titel deutet natürlich unmittelbar auf den Inhalt hin, es macht sehr neugierig.

Fazit
Das Werk hebt sich von anderen Büchern dieser Art ab. Nicht nur, weil es autobiografisch und der Protagonist noch sehr jung ist (Timo F. ist Jahrgang 1994). Es liefert damit eine ideale Identifikationsfläche für LeserInnen ab 13 Jahren. Zugleich findet man mit dem Protagonisten nicht den klassischen Mitläufer vor, sondern einen aktiven, intelligenten jungen Mann, der es geschafft hat, aus der Szene auszusteigen.

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