von Kirsten Kumschlies

Ein einziger, (fast) gewöhnlicher Tag im Leben einer Vierzehnjährigen: Schule, erste Liebe, Trennung der Eltern, auf kongeniale, herausragende Art erzählt von der preisgekrönten Jugendbuchautorin Tamara Bach…

Bach, Tamara: Vierzehn.
Carlsen, Hamburg 2016.
107 Seiten. 13,90 €
ISBN 978-355158359-9.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Es ist der erste Schultag nach den Sommerferien. Beh, 14 Jahre alt, war vor den Ferien krank, hat die Klassenreise versäumt,  und nun gibt es leichte Schwierigkeiten, den Anschluss in der Peergroup wiederzufinden. Aber eigentlich ist das für die Protagonistin in Tamara Bachs neuem Jugendroman kein Problem. Ihre Leistungen in der Schule waren immer gut, und auch unter den Freundinnen war sie stets immer beliebt und als Persönlichkeit anerkannt. Sie fürchtet sich auch nicht vor dem neuen Klassenlehrer, von dem es heißt, er verlange viel. Ein wenig rätselhaft für die Hauptfigur in Tamara Bachs Roman ist es dennoch, worüber die Mitschülerinnen an diesem ersten Schultag reden, denn sie wollen Beh nicht so richtig in ihre Gesprächsthemen einweihen. Sie muss neben der neuen Schülerin Maxima sitzen, denn für Beh "gibt es keinen anderen freien Platz" (S. 27). Aber Jeanette will am Nachmittag mit Beh ins Schwimmbad gehen, wo sie ihren neuen Schwarm trifft. Hinter Jeanettes Rücken macht der sich dann an Beh ran, die den Jungen jedoch abblitzen lässt. Nach und nach wird deutlich, dass Beh sich in den Ferien verliebt hat und geküsst wurde. Von wem, bleibt zunächst offen. Aber das ist nicht das einzige, was die Vierzehnjährige beschäftigt. Großen Raum in ihrem Inneren nimmt die Trennung der Eltern ein. Im Laufe der Handlung, die sich auf diesen einen ersten Schultag zentriert, erfährt Beh, dass die Freundin des Vaters im Januar ein Kind erwartet.

Kritik

So unaufgeregt und unspektakulär die Handlung und der Inhalt von Tamara Bachs schmalem Jugendroman daherkommen, desto spannender und ungewöhnlicher ist der Erzählstil, der discourse, dessen Besonderheit sich schon in den ersten Sätzen zeigt:

"Du schläfst. Du träumst.

Von Elefanten und deiner Oma. Du hast  was vergessen und musst irgendwohin. Und dann eben deine Oma, die da steht und irgendwas über Elefanten sagt, und du fragst: "Welche Elefanten meinst du denn?", und sie sagt: "Jetzt frag doch nicht so dumm, die Elefanten, darum solltest du dich doch kümmern!"" (S. 5)

Mit diesen Sätzen beginnt der mit seinen 107 Seiten recht schmale Roman, und ebendieser Stil wird bis zum Ende durchgehalten. Erzählt wird in der Du-Perspektive, was sowohl für die Kinder- und Jugendliteratur als auch für die Allgemeinliteratur äußerst ungewöhnlich ist. Parataktische, kurze Sätze reihen sich aneinander, aus denen eine besondere poetologische Struktur entsteht. Durch das ungewohnte "Du" springt den Leser die eher langsame und träge Handlung, die kaum Spannungsmomente enthält, unmittelbar an – denn ihm ist, als sei er direkt angesprochen. Vielleicht ist er es? Das legt der Paratext mit der Widmung nahe, die das Buch an dich adressiert: "Für dich. Ja, Dich." Bin ich gemeint, der Leser? Oder will sich die Protagonistin Beh nur hinter dem Du verstecken? Dies scheint so, als von der Deutschstunde erzählt wird:

"Scheut euch nicht davor, ICH zu sagen", sagt die Frau. 

Du hast den Faden verloren.

Warum sollte jemand ein Problem damit haben, ICH zu sagen?" (S.33)

In diesem Buch sagt niemand ich. Und es gibt viele Leerstellen und Unklarheiten, die der Leser ebenso aushalten muss wie dieses irritierende DU. So bleibt vage, welche Krankheit Beh hatte, ebenso lange Zeit, wer sie eigentlich geküsst hat. Aber gerade dieser geheimnisvolle Erzählstil ist es, der das Buch außergewöhnlich interessant macht und auch eine besondere Authentizität erzeugt, mit der hier ein Blick in das Innere eines weiblichen Teenagers geworfen wird. Ein-Wort-Überschriften strukturieren die Handlung, deren erzählte Zeit nur diesen einen einzigen ersten Schultag nach den großen Ferien betrifft: Morgen, Deutsch, Pause, Ethik, Schwimmbad, Papa – Schlagworte und Schauplätze, die für Beh an diesem einen Tag wichtig sind.

Diese besondere Erzählweise verlangt dem Leser einiges ab. Der Zauber der parataktischen Poesie, wie man sie von Tamara Bach schon kennt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick, nicht beim ersten flüchtigen Lesen, sondern er braucht einen zweiten, tieferen Blick. Diesen hat die Jugendjury, die das Buch für den Jugendliteraturpreis 2017 nominierte, offenbar eingenommen, wenn sie in ihrer Begründung für die Nominierung des Buches schreibt: 

"Bach lässt die 14-Jährige eine scheinbar unspektakuläre Geschichte erzählen. Das tut sie so, wie man es von Selbstgesprächen oder Gedanken kennt: In der zweiten Person. Dadurch nimmt sie den Leser mit auf eine besondere Reise, zumal Beh eine genaue Beobachterin ist. Es ist eine kitschfreie Erzählung über eine erste Liebe, die als unsichtbare Energiequelle alles Schwere im Leben etwas leichter macht und eine Art Schutzhülle bildet.
 
Völlig authentisch beschreibt Bach in ihrem stark reduzierten Stil Behs Gefühle und ihre Lebenssituation. Ihre Sprache ist unverkennbar: schnörkellos, pragmatisch und doch poetisch und hintergründig. Dank der vielen Leerstellen ermöglicht der großartige Roman sehr unterschiedliche Lesarten" (http://www.djlp.jugendliteratur.org/preis_der_jugendjury-5/artikel-vierzehn-4077.html)

Aber man muss sich einlassen können auf diese besondere Erzählweise. Verharrt man auf der Ebene der histoire, kann der Text als langweilig, vielleicht auch als anstrengend empfunden werden (so zeigten es erste Leseeindrücke in einem literaturwissenschaftlichen Einführungskurs).

Fazit

Keine Unterhaltungslektüre, kein einfacher Text, sondern ein virtuoses Spiel mit Worten und Sätzen,  mit Leerstellen und Irritationspotenzial, fürauf das sich ein jugendlicher Leser ab etwa 14 Jahren öffnen einlassen können muss. Es lohnt sich, denn hat man das einmal getan, hält auch die sparsame Handlung einen reichen Fundus an Identifikationsmomenten für junge Leser bereit.

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