von Sindy Hildebrand

"'War es denn tatsächlich möglich, dass sich etwas veränderte nur dadurch, dass man aufhörte, immer das Gleiche zu tun?'" (S. 13) Inspiriert von der geheimnisvollen Botschaft in seinem Zimmer läuft Niko zur Schule. Er nimmt den Weg in entgegengesetzte Richtung und damit die Leser seiner Geschichte auf eine außergewöhnliche Entdeckungsreise, die nur speziellen Wissenschaftlern vorbehalten ist. 

Fernández-Vidal, Sonia: Nicos Reise durch Raum und Zeit.

Aus dem Spanischen von Kristin Lohmann.
Carl Hanser, München 2013.
300 Seiten. 14,90 €
ISBN 978-3-446-24311-8.
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Als Niko auf seinem Schulweg nicht wie gewohnt bergabwärts, sondern -aufwärts läuft, nimmt alles seinen Anfang. Er entdeckt ein altes Haus, eine Stimme bittet ihn, einzutreten. So gelangt er in einen spärlich beleuchteten Raum und meint für einen Augenblick, eine Katze zu sehen. Plötzlich reißt ihn eine riesige Explosion zu Boden. Der Urknall. Aus dem Nichts im leeren Raum entstehen Teilchen aus denen sich alle Materie zusammensetzt. Niko hält den Atem an: Wie in einem Fußballmatch formieren sich zwei Mannschaften – ein Kampf zwischen Materie und Antimaterie. Ihre Zusammenstöße schaffen viele neue Teilchen, die sich zu funkelnden Sternen und bunten Planeten verbinden, welche zu spiral- und kreisförmigen Galaxien zusammenfinden. Unaufhörlich wachsen sie und dehnen sich aus. Was kommt danach? Niko erfährt vom Big Crunch, dem möglichen Zusammenschrumpfen des Universums. "[W]ie bei einem Luftballon, aus dem du die Luft rauslässt" (S. 31), meint der kleine Eldwen, der neben ihm auftaucht, wie ein Elf aussieht und Niko tunneln, also durch Wände schlüpfen lässt. Dabei lernt der Junge die Quantenfee Quiona kennen, die ihn auf dem Rundgang durch ihre Welt begleitet und immer wieder neue Rätsel aufgibt. Im Uhrengeschäft für relative Zeitmessung begegnen Niko und seine beiden märchenhaften Begleiter den Phänomenen Raum und Zeit sowie der Relativitätstheorie von Einstein. In Eldwens Elternhaus spielen Atome Niko einen Streich, er lernt, dass nicht sie oder Protonen und Neutronen die Elementarteilchen sind, sondern Quarks und Leptonen. Wie ein Schatten taucht die schwarze Katze immer wieder auf, um im selben Moment zu verschwinden – Schrödingers Katze, wie Niko erfährt, die gleichzeitig lebendig und tot ist, solange sie im Kasten eingeschlossen bleibt. Superposition macht es möglich, dass beide Zustände simultan existieren.

Nicht lange und Niko und seine neuen Freunde müssen zum Quanten-Geheimdienst, um Rechenschaft darüber abzulegen, warum ein Mensch es gewagt hat, in ihre Welt einzudringen. Denn ein führender übelgelaunter Elf hält jene Menschen für egoistisch und gefährlich, die Quanten-Phänomene verstehen, manipulieren und für sich zerstörerisch ausnutzen. Doch das Tribunal, zu dem Niko und Eldwen durch Teleportation gelangen, erlaubt dem Menschenjungen, sich weiter in der Quantenwelt aufzuhalten. Nikos Bleiben feiern die Freunde in der DIS-Q – der Diskothek, in der Tanzende nur unscharf auszumachen sind, da sie sich sehr schnell bewegen. Quiona spricht von Heisenbergscher Unschärferelation: Man dürfe nicht stehen bleiben, da die Körper sonst zusammenstoßen würden. 

Unerwartet müssen Niko, Eldwen und Quiona die Flucht ergreifen, da Schwarze Spektren auf Niko angesetzt werden. Sie bestehen aus der Essenz Schwarzer Löcher – supermassiven Gebilden, die alles in sich einsaugen –, "das sicherste Gefängnis des Universums." (S. 111) Um Niko zu retten, machen sich die drei auf den Weg zum Labyrinth, das nach Shambla, der Stadt der Feen und Zauberer, führt. Nur von dort aus kann Niko wieder nach Hause gelangen. Im Labyrinth muss er sich verdreifachen – durchläuft Superposition –, um das Rätsel über den Charakter des Lichtes lösen und mit seinen Freunden in Shambla eintreten zu können. Dort verteidigt die Quantenfee die Präsenz des Menschenjungen in ihrer Welt und erlangt dafür feierlich ihre Doktorwürde. Bevor Niko seinen Weg nach Hause antritt, übertragen ihm die weisen Zauberer die Verantwortung dafür, das Gleichgewicht zwischen der klassischen physikalischen und der Quantenwelt zu wahren. 

Nach seiner Rückkehr in die Menschenwelt findet er in seinem Rucksack ein letztes Rätsel von Quiona: "Was ist die stärkste Kraft im Universum?" (S. 172). Die Lösung, denkt und weiß Niko schmunzelnd, geht weit über Materie hinaus.


Kritik 

Der amerikanische Quantenphysiker Daniel M. Greenberger soll einmal geäußert haben: "Einstein hat gesagt, wenn die Quantenmechanik recht habe, sei die Welt verrückt. Einstein hatte recht. Die Welt ist verrückt." [Cohen, Jack; Stewart, Ian: Chaos und Anti-Chaos. Ein Ausblick auf die Wissenschaft des 21. Jahrhunderts, München (dtv) 1997, S. 342] Mit ihrem Jugendbuch Nikos Reise durch Raum und Zeit gewährt die spanische Quantenphysikerin und Autorin Sonia Fernández-Vidal einen ersten Einblick in eben diese verrückte Welt der Quanten. Scharfsinnig, klar und unterhaltsam erzählt sie in 24 Kapiteln eine außergewöhnliche und aufregende Entdeckungsreise, in der Erkenntnisse der Quantenphysik und fantastisch-märchenhafte Elemente gekonnt verschränkt sind. Auf seiner Reise wird der Menschenjunge Niko Zeuge scheinbar unvorstellbarer quantenphysikalischer Phänomene, die ihm durch Elfen, Feen und Zauberer erklärt werden. Dass diese Verbindung von Naturwissenschaft und Fantasy nicht befremdlich wirkt, liegt daran, dass die Quanten-, wie die Fantasy-Welt, als Gegenwelt zur Normwirklichkeit verstanden werden kann. Denn selbst sachkundige Naturwissenschaftler staunen immer wieder über die Seltsamkeiten, die sich auf der Ebene der Elementarteilchen abspielen. Ihr Verhalten widersetzt sich klassischen physikalischen Vorstellungen und Beschreibungen, was ihnen und der damit verbundenen Seinssphäre eine Aura des Surrealen verleiht. Gepaart mit dem Geheimnisvollen zieht sich das Motiv des Fantastischen in Form verschiedener Logikrätsel bis zum Ende des Romans, der angenehm zwischen Sachliteratur und Belletristik oszilliert. 

Vordergründig treibt die Rätselhaftigkeit der quantenphysikalischen Phänomene den Plot der Abenteuergeschichte an, sie sind die Hauptakteure des Romans. Erklärt werden sie klar und präzise, nicht nur durch Analogien zur klassischen physikalischen Welt, auch populärkulturelle Anspielungen, die viele Leser aus der Musik- und Comic-Szene kennen dürften, nutzt die Autorin, um vermeintlich Kompliziertes verständlich darzustellen (Star Trek, X-Men etc.). Das Zauberer-Reich Shambla lässt sich gar mit dem mythischen buddhistischen Königreich Shambhala assoziieren, das sich irgendwo im Himalaya befinden soll und in der westlichen Populärkultur als das fiktive Paradies Shangri La rezipiert wurde. Metaphorisch gedeutet gilt Shambhala als Ort der spirituellen Suche bzw. Bewusstseinswerdung, Shangri La wiederum ist als schöne Utopie zu verstehen, wo Menschen, die sehr alt werden können, in Einklang mit der Natur leben. [Vgl. Zurick, David: "Shangri La on the Edge of Tibet", in: FOCUS on Geography 52 (2009) 2, S. 16.] Shambla weist auch Merkmale des antiken locus amoenus (Wald, Blumen, Wasser, Vogelgesang) auf, der ebenfalls Harmonie symbolisiert. Den Hort der Wissenschaftler zeichnet Fernández-Vidal somit als einen Ort der Idylle, Schönheit und Spiritualität. Damit zeigt Nikos Reise durch Raum und Zeit den Lesern nicht nur die Faszination der Quantenwelt, durch Shambla bringt die Autorin auch zum Ausdruck, wie wunderbar es sein kann, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten. Die Wirklichkeit zu erforschen stellt sie als etwas Magisches und Erfüllendes heraus. Ohne erhobenen Zeigefinger knüpft sie daran eine moralische Botschaft: Wissenschaft heißt nicht nur, ohne Neid und Gier die vielfältigen Rätsel des Universums zu lösen, vor allem sollte sie im Sinne des Fortschrittes und der gesunden Erhaltung von Lebewesen und Umwelt betrieben werden. Nicht umsonst gilt Niko bei einigen Elfen als ungebetener Gast im Quantenreich, haben doch Menschen dessen Wirkzusammenhänge genutzt, um z. B. Atombomben zu bauen und einzusetzen. 

Punkten kann der Roman ebenso durch das als Anhang konzipierte Wörterbuch für Fortgeschrittene. Es umfasst alle wissenschaftlichen Phänomene und Begriffe (von Antimaterie bis Zeitdilatation), denen Niko auf seiner Reise durch die Quantenwelt begegnet, jedoch werden sie in angemessenem Umfang ausführlicher erklärt als in der Erzählung. Während sich der deutsche Titel an andere, ähnliche Publikationen anzulehnen scheint (siehe Fazit) und damit wenig attraktiv wirkt, überzeugt die Gestaltung des Werkes, die das Motiv des Fantastischen, Magischen und Geheimnisvollen aufgreift. Auf dem dunkelblau-schwarzen Hintergrund des Buchcovers fliegt alles Mögliche umher, Kometen, Sterne, Planeten, ein Fußball, Schmetterlinge, offene Bücher, Katzen, Schlüssel etc. Letztere spielen auch im Buchinneren, das vom katalanischen Künstler Oriol Malet gestaltet wurde, eine wichtige Rolle. So zieren eine Reihe weißer Katzen in verschiedenen Umrissen die unteren Partien der ersten und letzten Buchinnen- sowie einiger Kapitelzwischenseiten, im Fließtext tauchen die Katzen als Anspielung auf Schrödingers Katze in schwarzer Variante immer wieder auf. Einige Begriffe und Schlagwörter sind in verschiedenen Schriftgrößen und -arten hervorgehoben. Zudem finden sich unter jeder Kapitelüberschrift drei unterschiedlich geformte Schlüssel. Deren Bedeutung klingt im spannungserweckenden spanischen Originaltitel La Puerta de los tres Cerrojos bereits an, denn die Tür, durch die Niko in die Quantenwelt gelangt, besitzt drei Riegel, die er erst durch ein Rätsel öffnen kann. Rätsel, die im Text teilweise eingerahmt hervorgehoben sind, begleiten ihn auf seiner gesamten Reise, nicht nur, weil die quantenphysikalischen Phänomene als solche erscheinen, auch weil Quiona und Co. ihm immer wieder solche stellen. Diese sind durch Aufmerksamkeit und Logik entschlüsselbar, was Niko nach und nach zu durchschauen vermag. Auf seiner Reise durch die Quantenwelt hat er gelernt, neue, andersartige Denkpfade zu gehen. Letztlich erkennt er, dass die stärkste, über die Materie hinausgehende Kraft im Universum jene ist, die Wissenschaftler, Literaten und Künstler gleichermaßen brauchen, um den Rätseln des Lebens auf die Spur zu kommen. 

Fazit

Sonia Fernández-Vidal, die am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung, Schweiz) geforscht hat, gibt mit Nikos Reise durch Raum und Zeit einen Einblick in die Welt der Quanten, die fantastisch erscheint und doch real ist. Ähnlich wie der Teilchenphysiker Russel Stannard mit Durch Raum und Zeit mit Onkel Albert (dt. Ersterscheinung 1994, Themenfokus: spezielle Relativitätstheorie) oder Lucy und Stephen Hawking mit ihrer Universum-Reihe (Themenfokus: astrophysikalische Phänomene) versteht Fernández-Vidal, naturwissenschaftliche Erkenntnisse stimmig in eine Erzählung zu weben, die unterhält und schmunzeln lässt. Sie regt an, neugierig durch das Leben zu gehen und der Vorstellungskraft keine Grenzen, im Kleinen wie im Großen, zu setzen. Da erste physikalische Modelle des Atoms bereits in Klasse 6 bzw. 7 besprochen werden, wird das Jugendbuch ab dreizehn Jahren empfohlen. 

 

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