von Stefanie Groß

Das Leben könnte so einfach sein. Für den siebzehnjährigen Phil ist es das aber ganz und gar nicht. Er hat vor allem unter seiner schrägen Verwandtschaft zu leiden: So hat seine Mutter eindeutig zu viele Männer in ihrem Leben und seine Zwillingsschwester Dianne ärgert sich schon mal, wenn sie jemanden beim Messerwerfen nicht ins Herz trifft. Und dann gibt es da noch Phils erwachende Neigung zum männlichen Geschlecht … Mit Die Mitte der Welt hat Andreas Steinhöfel einen ungewöhnlichen Coming-of-Age-Roman geschrieben.

Steinhöfel, Andreas: Die Mitte der Welt.
Carlsen, Hamburg 2004.
480 S., 8,95 €
ISBN 978-3551353153

Inhalt

Andreas Steinhöfels Roman erzählt die Geschichte des siebzehnjährigen Phil, der zwischen Familiengeheimnissen und dem eigenen Erwachsenwerden seinen Platz in der Welt sucht. Dass die ungewöhnliche Familiengeschichte aus der Perspektive Phils geschildert wird, verleiht dem Leseerlebnis eine intensive Unmittelbarkeit.

Zusammen mit seiner Zwillingsschwester Dianne lebt Phil bei seiner alleinerziehenden Mutter am Rande eines kleinen Dorfes. Ihren Vater kennen die Geschwister nicht und die Mutter Glass weigert sich, über diesen zu sprechen. Stattdessen unterhält die Mutter sich diverse wechselnde Männerbekanntschaften, die sich in anbetracht der notwendigen Reparaturarbeiten am alten Haus Visible bisweilen als durchaus praktisch erweisen. So ist die Kindheit der Zwillinge geprägt von der Sehnsucht nach dem unbekannten Vater, dessen Platz auch Onkel Gable, der Seefahrer und Abenteurer, nicht einzunehmen vermag. 

Überhaupt handelt es sich um eine ungewöhnliche Familie: Die Mutter Glass hat die Zwillinge mit achtzehn Jahren zur Welt gebracht, sie lässt sich von diesen mit ihrem Vornamen ansprechen und verliert kein Wort über den Grund der Trennung vom Kindsvater.

Phils Schwester Dianne hütet mehr als ein Geheimnis, hat eine magisch anmutende Beziehung zu Tieren und eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Sie ist distanziert und erfüllt von stiller Wut, die auch die Beziehung zu ihrem Zwillingsbruder auf eine harte Probe stellt.

Die beste Freundin der Mutter, die lesbische Tereza, ist ebenso Teil von Phils Leben wie seine beste Freundin Kat, die unbändige Tochter des Schuldirektors.

Die Bewohner der Stadt meiden die ungewöhnliche kleine Familie und begegnen ihr mit Hass und Misstrauen. Als Phil sich immer mehr zu seinem Klassenkameraden Nicholas, dem schönen Läufer, hingezogen fühlt, trägt dies nicht unbedingt dazu bei, sein Leben einfacher zu machen. Doch zu einem einfachen Leben hat Glass ihre Kinder ja auch nicht erzogen …

Cover von Andreas Steinhöfel: "Die Mitte der Welt"

Kritik

Phil, der Protagonist des Romans, widerspricht in mancherlei Beziehung dem Bild eines klassischen Antihelden: Homosexuell, ein wenig still und meist eher passiv, ist er doch ein durchweg sympathischer Charakter, der die Identifizierung leicht macht. Der Umgang mit seiner Sexualität erfolgt dabei auf erfrischend unaufgeregte Weise, die sexuelle Veranlagung spielt eine eher untergeordnete Rolle. Durch den sogenannten "Tuntentest" ist für Glass und Tereza ohnehin schon früh klar, dass Phil homosexuell ist.

Immer wieder fließen Anekdoten und Kindheitserinnerungen Phils in den Handlungsverlauf mit ein, die Auskunft über dessen Charakterentwicklung geben und zur Auflockerung der Erzählung beitragen. Zudem wird offenbar, welchen Status die Erinnerungen für die Entwicklung des jungen Phils haben.

Phil ist in vielfacher Hinsicht auf der Suche: er sucht nach seinem Vater, nach dem Geheimnis seiner Familiengeschichte und nach sich selbst, nach seiner sexuellen Identität und der Liebe. Schließlich unternimmt er auch den Versuch, seiner so verschlossenen und rätselhaften Schwester wieder näherzukommen. So muss sich Phil dem Abenteuer des Erwachsenwerdens stellen.

Dass dabei Verletzungen und Enttäuschungen nicht ausbleiben, ist selbstverständlich. Doch auch das bringt das Erwachsenwerden mit sich: Enttäuschungen zu überwinden, Schwächen der anderen zu akzeptieren und geliebte Menschen auch gehen zu lassen.

Ein weiteres zentrales Thema in Die Mitte der Welt stellt die Loslösung von der eigenen Familie und der vertrauten Umgebung dar. Phil lernt im Verlauf der Geschichte, dass damit immer auch Verletzungen und seelische Narben einhergehen.

Glass ist eine ungewöhnliche Mutterfigur, die ihre Kinder zu trotzigem Stolz erzieht und sie somit stark macht für eine Welt, die ihnen so oft feindselig entgegentritt. Gegen Ende des Romans stellt Phil fest: "Es gibt nichts, wovor ich mich fürchten müsste."

Steinhöfel idealisiert keine seiner Romanfiguren. Sie alle haben ihre Schwächen, auch die erwachsenen Charaktere bilden keine Ausnahme. Trotzdem sind die innige Verbundenheit und Sympathie, welche der Autor zu seinen Figuren hegt, an jeder Stelle des Romans spürbar. Anstelle von Stereotypen treten individuelle Charaktere, selbst die skurrilen Einwohner der Stadt, etwa die verrückte Annie, sind mit Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet.

Der Autor bedient sich dabei einer poetischen Sprache, welche aber niemals in den Bereich des Kitsches abrutscht. Eine Vielzahl von Metaphern sorgt für eine dichte Atmosphäre, die bisweilen bittersüß anmutet.

Die Sprache des Romans bewegt sich auf durchweg hohem sprachlichem Niveau, was sich bisweilen in recht komplexen Satzkonstruktionen äußert. So richtet sich das Buch eher weniger an unerfahrene Leser.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wohldosiert eingesetzt tritt er besonders in den Kindheitserinnerungen zu Tage.

Die Mitte der Welt entzieht sich gängigen Gattungszuweisungen. Steinhöfel selbst hält die Bezeichnung des Bildungsromans bezogen auf sein Buch für noch am ehesten zutreffend. Mittlerweile erscheint der Roman in der neunten Auflage und ist Bestandteil des Schulkanons geworden.

Der Roman bearbeitet klassische Themen und Motive der Jugendliteratur. Es geht um die Pubertät, die Zeit der Selbstfindung, die erste Liebe, den ersten Sex und den ersten Liebeskummer. Weitere zentrale Themen sind auch die Abnabelung von der Mutter, Probleme innerhalb der Familie, besonders auch die der erschwerten Kommunikation oder mitunter der fehlenden Kommunikation.

Gleichzeitig baut Steinhöfel auch Märchenmotive in seinen Roman ein, die er geschickt mit dem realen Geschehen verknüpft und die der Erzählung damit einen ganz besonderen Zauber verleihen. So erscheint das große verfallende Familienhaus Visible als magischer Ort, von dem die Kinder in der Vergangenheit überzeugt waren, dass Dornröschen und ihr Prinz in einem der vielen Zimmer gewohnt haben müssen. Gleichzeitig fungiert Visible als Schwellenraum zur feindlich gesinnten Stadt.

Fazit

Mit Die Mitte der Welt erzählt Andreas Steinhöfel eine Geschichte, die auf eindringliche Weise ihre Wirkung entfaltet. Auf 480 Seiten begleitet der Leser den Protagonisten Phil auf seinem bisweilen steinigen Weg durch die Pubertät, auf dem er neben Gefühlen der Freude und Liebe auch die Erfahrung von Schmerz, Trauer, Wut und Enttäuschung durchlebt.

Am Ende des Romans bricht Phil nach Amerika auf, um seinen Vater zu suchen. Die Mitte seiner Welt bleibt dabei aber immer sein familiäres Umfeld und sein Lebensmittelpunkt im Haus Visible.

Steinhöfels Roman ist für Leser ab 14 Jahren geeignet.

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