von Michael Fassel

Jacobs Großvater Abraham erzählt Geschichten über seine Jugend im Zweiten Weltkrieg, die er auf einer Insel bei Wales mit sogenannten besonderen Kindern verbracht hat. Diese sind von Monstern gejagt und vertrieben worden. Im Alter von fünfzehn Jahren hinterfragt Jacob jedoch diese Geschichten – bis Abraham auf eine geheimnisvolle und brutale Weise ermordet wird. Er kann seinem Enkel einen Auftrag mit auf den Weg geben, der ihm einen Einblick in dessen mysteriöse Vergangenheit gibt. Diese Mission erweist sich als ein spannendes und gleichsam gefährliches Abenteuer für Jacob.

Riggs, Ransom: Die Insel der besonderen Kinder.
Knaur, München 2013.
416 Seiten. 12,99 €
ISBN 978-3-426-51057-5.
Empfohlen ab 14 Jahren.


Inhalt

Jacob Portman ist geprägt von den Geschichten seines Großvaters Abraham, die er ihm als Kind erzählt hat. Während des Zweiten Weltkrieges habe dieser auf einer Insel gelebt, da er, wie viele andere Kinder, vor Monstern fliehen musste, so heißt es in den Geschichten. Auf dieser Insel seien Kinder mit besonderen, übernatürlichen Fähigkeiten. Im Alter von fünfzehn Jahren beginnt Jacob zunehmend an den Geschichten zu zweifeln. Als sein Großvater eines Nachts tödlich verletzt im Wald liegt, kann er seinem Enkel mit letzter Kraft noch den Auftrag geben, zu der Insel nach Wales zu reisen, um dort eine gewisse Mrs. Peregrine aufzusuchen.

Um den Schock über den mysteriösen Tod seines Großvaters zu verarbeiten, wird Jacob von seinen Eltern zu dem Psychiater Dr. Golan geschickt. Ihm erzählt er von den phantastischen und teils verstörenden Geschichten aus Abrahams Kindheit. Schließlich kann Jacob sowohl Dr. Golan als auch seine Eltern davon überzeugen, dass ihm eine Reise auf jene Insel gut tun würde. In Begleitung seines Vaters reist er zu der walisischen Insel Cairnholm, auf dem sein jüdischer Großvater auf der Flucht vor den Nazis in einem Waisenhaus gelebt hat.

Auf dieser Insel begegnen ihm geheimnisvolle Kinder wie zum Beispiel das Mädchen Emma, das mit seinen Händen Feuer erzeugen und die sagenumwobene Mrs. Peregrine, die sich in einen Wanderfalken verwandeln kann. Bereits während des Zweiten Weltkrieges hat sie das Waisenhaus geleitet. Jacob freundet sich mit Emma an, die ihn in eine Zeitschleife der Vergangenheit mitnimmt. Mrs. Peregrine besitzt die Fähigkeit, die 24 Stunden des 3. September 1940 immer aufs Neue zu wiederholen: Der Tag startet immer wieder von vorne, bevor das Haus von einer deutschen Fliegerbombe getroffen wird, woraufhin der 3. September erneut beginnt. Auf seiner Reise in die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die damit verbundene Bedrohung durch die deutschen Kriegsangriffe, sind Jacob und die anderen Kinder, mit denen er sich anfreundet, durch die Zeitschleife, die sie eigentlich vor dem Bombenangriff schützen soll, keineswegs sicher: Monster, sogenannte Hollowgasts, die auch seinen Großvater getötet haben, können die Schleife durchbrechen und trachten nach dem Leben der Kinder. Jacob erfährt, dass sein Großvater ebenfalls eines der besonderen Kinder gewesen ist, bis er sich entschieden hat, aus der Zeitschleife zu treten und in den Krieg zu ziehen. Erschrocken ist Jacob schließlich über das Auftauchen Dr. Golans, der als Nahrungsbeschaffer für die Hollowgasts arbeitet. Er entführt Mrs. Peregrine in der Gestalt des Falken, woraufhin es zum Kampf zwischen Dr. Golan, den Hollowgasts und den Kindern kommt. Jacob und seinen Freunden gelingt es, diese handfeste Auseinandersetzung zu gewinnen. Allerdings ist Mrs. Peregrine so angeschlagen, dass sie die Zeitschleife nicht mehr neu starten kann. Den Kindern steht ein neues Abenteuer bevor: Sie müssen jemanden finden, der Mrs. Peregrine helfen kann. Bevor sich die Zeitschleife schließt, verabschiedet sich Jacob von seinem Vater, bevor er sich im Jahr 1940 auf den Weg zum Festland macht.

Kritik

Mit Die Insel der besonderen Kinder ist dem 1979 geborenen Ransom Riggs ein Jugendroman gelungen, der  historische Ereignisse der NS-Vergangenheit mit phantastischen Elementen verwebt, ohne die geschichtlichen Tatsachen während des Zweiten Weltkrieges zu verharmlosen. Mit dem Protagonisten Jacob, der als Ich-Erzähler während des gesamten Romans präsent ist, schafft der US-amerikanische Autor eine Identifikationsfigur für die jugendlichen LeserInnen. Durch die homodiegetische Anlage werden die Emotionen und der Entscheidungsprozess den RezipientInnen nahe gebracht. Besonders intensiv erzählt ist die Beziehung zwischen Jacob und seinem Großvater Abraham. Beide verbindet die schauerlichen Geschichten, die Abraham seinem Enkel über die Zeit seiner Flucht vor den Monstern und seinem Aufenthalt im Waisenhaus auf der Insel Cairnholm erzählt. Abraham untermauert seine Geschichten mit Fotografien. Sie werden nicht nur von Jacob beschrieben und kommentiert, sondern bieten auch den LeserInnen einen Einblick auf die verstörenden schwarz-weißen, fast schon albtraumhaft wirkenden Momentaufnahmen. Dieser Kunstgriff verstärkt die geheimnisvolle Atmosphäre des Textes. Die Stimmung ist darüber hinaus auch insofern gelungen, als das in Grüntönen gehaltene Cover mit einem schwebenden Mädchen sowie das vorangestellte Zitat von Ralph Waldo Emerson für eine mystische Rahmung sorgen. Ausgefeilt sind zudem die detailliert beschriebenen Räume und Orte, wie beispielsweise das Pub, das Jacob in Wales betritt: "Winzige Bleiglasfenster ließen gerade genug Licht herein, um den Zapfhahn zu finden, ohne auf dem Weg dorthin Stühle und Tische umzurennen. Die Tische wirkten so alt und wackelig, dass sie als Feuerholz einen besseren Zweck erfüllt hätten" (S. 85). Die mystische Grundstimmung wird von Beginn an bis zum Ende durch solche und ähnliche Raumbeschreibungen gehalten.

Die phantastische Parallelwelt, die durch die Reise ins Jahr 1940 und damit in die Zeitschleife für Jacob eröffnet wird, ist nicht Teil einer Verdrängung jener Geschichten seines Opas oder eine Art von Eskapismus. Vielmehr wird die Sicht des jugendlichen Protagonisten auf die Gräueltaten des NS-Regimes weiter geschärft: "Ich dachte daran, wie meine Großeltern verhungert waren. Wie ihre abgemagerten Körper dem Verbrennungsofen zum Fraß vorgeworfen wurden, weil Menschen, die sie nicht einmal kannten, sie hassten" (S. 128). Mit diesen drastischen Worten versucht Jacob seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und macht nachvollziehbar, wie sehr er auch als nicht unmittelbar Betroffener darunter leidet: "Alles wegen eines siebzig Jahre alten Schmerzes, der irgendwie an mich weitergegeben worden war wie ein vergiftetes Erbe" (S. 128f.). Mit Jacob hat der Autor eine Figur konzipiert, die bei den LeserInnen Empathie hervorruft. Dies wird durch seine unmittelbare subjektiv beschriebene Gefühlslage ermöglicht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die beachtenswerte Analogie zwischen den Verbrechen der Nationalsozialisten, die Abraham verfolgt haben, und den Monstern, wie im Dialog zwischen Jacob und der Gestaltwandlerin Mrs. Peregrine deutlich wird: "'Unser Leben kann voller Strapazen und Entbehrungen sein. Abes Leben war es auf doppelte Weise, da er in den schlimmsten Zeiten als Jude geboren wurde. Er hat den Völkermord zweifach erlebt: Die Juden wurden von den Nazis verfolgt und wir von den Hollows'" (S. 292f.). Erst hier setzt sich  die Geschichte des Großvaters sowohl für Jacob als auch für LeserInnen vollständig zusammen, deren Glaubwürdigkeit der Ich-Erzähler im Prolog während eines Gespräches mit Abraham noch angezweifelt hat:

"'Aber warum wollten dir die Monster etwas tun?'"
"'Weil wir nicht wie andere Menschen waren. Wir waren besonders'" (S. 11).

Mit der Konzeption der Hollowgasts, die als gefährliche monsterähnliche Kreaturen mit Tentakeln beschrieben werden und nicht zufällig an den Begriff des Holocausts erinnern, spiegelt Riggs das abscheuliche Antlitz des Faschismus wider. Ein durchaus vergleichbares Misch-Genre, in dem historische Elemente eindrucksvoll auf die phantastische Ebene transferiert und gleichsam gebrochen werden, ist bereits dem Regisseur Guillermo del Toros mit dem Kinofilm "Pans Labyrinth" geglückt, in dem das Franco-Regime Spaniens ebenfalls auf der Ebene der Phantastik verstörend übertragen wird. Und doch ist Riggs Jugendroman etwas Anderes und Originelles. Die Sprache und die Elemente der oftmals abgewerteten Phantastik leisten hier mehr als nur kurzweilige Unterhaltung.

Fraglich bleibt allerdings, ob die komplexe Zeitschleifenkonstruktion, die zum einen das Leben der Kinder vor der deutschen Fliegerbombe retten soll, zum anderen aber durchlässig für die Monster ist, überhaupt nötig ist. Eine einfache Zeitreise hätte die Funktion, ein Stück der Vergangenheit des Großvaters zu erleben, genauso gut erfüllen können.

Fazit

Mit Die Insel der besonderen Kinder bekommen jugendliche LeserInnen über phantastische Elemente einen Zugang zu geschichtlichen Hintergründen des Zweiten Weltkriegs, ohne dass diese relativiert oder gar verharmlost werden. Dieser Zugang wird nicht durch ein Übermaß an kalten historischen Fakten geschaffen, sondern durch die Darstellung der außergewöhnlich intensiven, warmherzigen Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler Jacob und dessen Großvater Abraham. Angesichts der Tatsache, dass man diesem Jugendroman durch die Verwebung von historischen und phantastischen Elemente eine Verfälschung der geschichtlichen Wirklichkeit vorwerfen kann, ist der Roman frühestens LeserInnen ab vierzehn Jahren zu empfehlen, die die Handlung nicht nur eindimensional wahrnehmen.


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