von Pauline Reinhardt

Thomas ist tot. Seine Freundin Orphee lebt. Wie sie und andere Menschen, die der 15-jährige liebt und die ihn lieben, mit der Trauer umgehen, beschreibt der flämische Autor Jan De Leeuw einfühlsam in seinem neuen Roman. Vergangenheit und Gegenwart, Familie und erste Liebe, geschildert aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Toten machen Eisvogelsommer zu einem Jugendbuch der besonderen Art.

de Leeuw, Jan: Eisvogelsommer

Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Gerstenberg, Hildesheim 2016.
256 Seiten. 16,95 €
ISBN 978-3-8369-5481-7
Empfohlen ab 13 Jahren.

Inhalt

Thomas ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Vom frisch gesäten Getreide im Frühling bis zum ersten Schnee des Jahres begleitet der 15-jährige Tote seine Freundin Orphee, die Mutter, den Großvater, manchmal auch den besten Freund Bram und den Vater in ihrer Trauer. Er wechselt in seiner Erzählung unvermittelt zwischen Vergangenheit – meist Episoden, die von den zaghaften Anfängen seiner Beziehung zu Orphee erzählen – und Gegenwart. 

So verschieden die Charaktere sind, so verschieden gehen sie auch mit dem Verlust um. Orphee will sich von den Erinnerungen an Thomas trennen, die Mutter vom Vater. Letzteres führt auf Umwegen zu einer erneuten Annäherung von Mutter und Großvater. Der beste Freund Bram scheint ähnlich wie, aber doch ganz anders als der alte und kranke Großvater in seiner eigenen Welt zu leben.

Thomas‘ einsamer Großvater erzählt immer düsterer werdende Märchen über die Vergangenheit, egal ob ein noch lebendiger oder schon verstorbener Enkel zuhört. Die Schriftstellerambitionen des 15-jährigen werden durch diese Geschichten, in denen sich Erinnerungen an prügelnde Väter mit fantastischen Bildern von halbmenschlichen Schwänen vermischen, geweckt. 

Der Roman ist nicht nur an dieser Stelle reich an Anspielungen auf die griechische Mythologie. Wie in einer Tragödie werden immer mehr große Fragen gestellt und letztendlich geschieht eine Katastrophe. Doch alle lernen, dass es nicht funktioniert, getrennte Wege zu gehen. Thomas sieht ihnen dabei zu.

Kritik

"Können tote Augen sehen? Kann ein Herz, das nicht mehr schlägt, noch brechen?" (S. 7) So poetisch beginnt De Leeuws neuer Roman Eisvogelsommer. Zumindest die erste Frage ist schnell beantwortet, denn Thomas beobachtet genauestens, was in der Welt seiner Hinterbliebenen vor sich geht. Er beschreibt Vergangenheit und Gegenwart mit einer großen Liebe für das Kleine, beispielsweise vorbeilaufende Ameisen und Rasierklingen, die an Schneepflüge erinnern. 

Dass auch Jugendliche sterben, ist spätestens seit John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter ein bekanntes Thema der Jugendliteratur. Wie die Hinterbliebenen jedoch weiterleben, "verknüpft Jan De Leeuw raffiniert mit den Verlusterfahrungen der Eltern, Groß- und Urgroßeltern von Thomas und entwickelt so ein Panorama der Bewältigung von Trauer", heißt es in der Jurybegründung für die Nominierung zum deutschen Jugendliteraturpreis 2017.

Die unterschiedlichen Reaktionen auf Thomas‘ Tod machen den Roman so interessant und zeigen, dass es keine eindeutige Antwort auf die Frage, wie ein Leben nach dem Tod des Sohnes, Enkels und Freundes möglich sein kann, gibt. Verdrängung, Suizidversuch, Gleichgültigkeit, Abhängigkeit und Konfrontation werden beschrieben.

Der Autor geht aber noch einen Schritt weiter, indem er den verstorbenen Jungen selbst zu Wort kommen lässt und durch die ungewöhnliche Perspektive zeigt, dass niemand gerne vergessen werden möchte. Dabei wird De Leeuw nie zu konkret; er wagt sich nicht an religiöse oder träumerische Darstellungen eines Lebens nach dem Tod oder gar an die Szene des Verkehrsunfalls mit vorbeiziehenden Erinnerungen, einem hellen Licht und allem, was - dem Klischee nach - dazugehört. Der kommentierende Beobachter Thomas ist einfach ein Teil der Geschichte. Er zwingt seine zurückgelassenen Liebsten zum Erinnern, genauso wie ein schwarzer Hund, der immer wieder bei seinem Kreuz am Straßenrand erscheint. Dieser ist vom britischen Volksglauben an den todbringenden "Schwarzen Hund" inspiriert.

Ansonsten bezieht sich De Leeuw vor allem auf die griechische Mythologie. Orpheus, der talentierte Sänger und Dichter, wie auch Thomas einer sein will, versteckt sich nicht nur vom Namen her in dessen Freundin Orphee. Als Symbol für die Rückkehr von den Toten und eine unsterbliche Seele begleitet er die Leserinnen und Leser durch den Roman. Wie der flämische Maler Jan Brueghel der Ältere Ende des 16. Jahrhunderts "Orpheus in der Unterwelt" malte, so wird auch Orphees Schicksal geschildert: Dunkel und grausig, aber einen zweiten Blick auf die Details der Umgebung wert. Besonders in den Geschichten des Großvaters lassen sich unzählige Anspielungen, beispielsweise auf Leda, eine Frau, der sich der verliebte Zeus in Schwanenform näherte, finden. Dabei werden häufig Männer- und Frauenrollen vertauscht. 

Weil Thomas tot ist, können wir sein Leben in – von ihm nicht vollständig akzeptierter – Abgeschlossenheit betrachten. Das böte dem Autor die Chance von den schönsten und schlechtesten Stunden des Heranwachsens vom Kleinkind bis zum Jugendlichen zu erzählen. Er beschränkt sich aber auf Thomas‘ letztes Lebensjahr. Um zu zeigen, dass am Ende längst nicht alles zählt? Weil ein ganzes Leben, selbst solch ein kurzes, mehr als einen Roman füllt? Oder weil Thomas in diesem Jahr seine erste Liebe kennenlernt? Denn es wird schnell deutlich, dass Orphee für Thomas im Mittelpunkt steht.

"Es ist eiskalt, ein Novembertag, an dem alle Farben aus der Welt getropft sind. Du sitzt im Schneidersitz auf einem Baumstamm inmitten der Waldlichtung, eine rauchende Nymphe" (S. 186) In der griechischen Mythologie sind Nymphen Naturgeister. Auch Orpheus‘ angebetete Eurydike ist ein solcher. Hier wird aber die glorifizierte Orphee angesprochen. Sie ist nicht nur das einzige lyrische Du des Romans, lediglich ihr erscheint Thomas, manchmal sprechend, manchmal stumm, aber immer unpassend. Das Mädchen möchte mit der Beziehung abschließen, doch Schuldgefühle beherrschen ihr Denken und Handeln und wie Orpheus, der seine Ehefrau heldenhaft aus der Unterwelt retten will, kann sie nicht anders, als zurückzuschauen und dadurch viel Leid zu verursachen. Orphees manchmal graue, manchmal blutig-rote Trauer scheint sich von den Erlebnissen der anderen Figuren abzuheben. Unter anderem deswegen handelt es sich bei dem Roman nicht um miteinander verwebte Lebensgeschichten, wie es der Klappentext beschreibt. Am Ende muss zwar niemand allein sein, aber untrennbar verbunden ist nur Thomas mit allen anderen. De Leeuw lässt hier den Egoismus des Verstorbenen zu Wort kommen.

Und mit was für einer Sprache er das vollbringt! Der Autor verbindet die grauen Gefühle seiner Figuren gerne mit schlechtem Wetter. „Es regnet. Die Welt trauert.“ Oder "Die frische Narbe an ihrem Handgelenk, ein rotes Armband, ist die einzige Farbe in diesem fahlen Tag." (S. 137) Das klingt gut und trifft mitten ins Herz, aber eigentlich hat De Leeuw solch einfallslose Metaphern gar nicht nötig, ist er doch auch in der Lage Alltagsbeobachtungen, wie folgt, zu schildern: "Die Art, wie sich die Türen von Intercityzügen öffnen, ist ein kleines Wunder. Die beiden Türhälften schieben sich zwanzig Zentimeter vor und falten sich dann langsam und elegant wie Vogelschwingen vor die Flanken des Zuges. Die Reisenden merken nichts von diesem elektronischen Ballett." (S. 42)

Die Leserinnen und Leser können kurz das Trauern vergessen, wenn Thomas‘ Großvater eine seiner Geschichten erzählt. Sie lassen sich als einen Einblick in längst vergangene Zeiten lesen oder in den Kontext der Handlung einbetten. Der Roman wird mit seinem schwer zu definierenden Erzähler, mit den vielen Rückblenden, aber vor allem durch diese intradiegetischen und teils repetitiv erzählten Märchen zu einem Paradebeispiel für die vielseitigen Kategorien der Erzähltheorie nach Genette. Trotzdem wirkt er nicht konstruiert, sondern richtet sich nach Thomas‘ Art zu erzählen. Der 15-jährige hat meistens nur Augen für Orphee, widmet sich aber auch - ganz der nun nicht mehr angehende Schriftsteller - den Familiengeheimnissen. Eisvogelsommer erzählt von mehreren Generationen, die Schmuck und Geschichten weitergeben.

Der Autor kommt aus dem flämischsprachigen Teil Belgiens, der mehrfach ausgezeichnete Rolf Erdorf übersetzte diesen, wie auch schon vorhergehende Romane De Leeuws ins Deutsche. "Wir sprechen alle unsere eigene Sprache, wir zwängen uns in Worte, versuchen, uns dem anderen zu übersetzen, aber in der Übersetzung verlieren wir uns. Verstehst du das? Nein, natürlich nicht." (S. 51) sagt die Mutter des Verstorbenen. Damit meint sie sicherlich nicht die deutsche Fassung dieses Buches. Das Verständnis aber, das die Leserinnen und Leser für die verschiedenen Figuren entwickeln, kann nur eine gelungene Übersetzung vermitteln, an der einzig und allein zu bemängeln ist, dass sie so spät kam: 2012 erschien die Originalausgabe unter dem Titel Vijftien wilde zomers

"Fünfzehn wilde Sommer" hat Thomas erlebt, doch längst nicht alle werden erzählt, besonders weil er seine Mutter nicht zu Wort kommen lassen will. Im Roman erlebt er sein Verlangen als "fünfzehn wilde Sommer der Sehnsucht in einem einzigen Moment" (S. 102). Der "Eisvogelsommer" hingegen zieht sich durch das ganze Buch, es ist eine der vielen Geschichten seines Großvaters, die Thomas für Orphee nacherzählt. Dass der sagenumwobene Vogel darin Herzen gefrieren lässt, bringt Orphees eisige Schutzschicht zum Schmelzen – ein wichtiger Moment in Thomas‘ Leben. Und in der griechischen Mythologie leben die kleinen Vögel mit dem hübschen Gefieder so, wie es sich auch Thomas von seiner Freundin wünscht: Sie sind einander treu, bis über den Tod hinaus. Vielleicht ist mit dem Romantitel an dieser Stelle sogar eine Übersetzung, die besser ist als das Original, geschaffen worden.

Fazit

Eisvogelsommer ist für Jugendliche ab 13 Jahren empfehlenswert und ein Buch für jeden, egal ob alt oder jung, der sich mit dem Tod auseinandersetzen will oder muss. Ein guter Roman, der sich mit einem wichtigen Thema beschäftigt ohne von einer allzu didaktischen Sprache Gebrauch zu machen. Die Gefühle des Ich-Erzählers, der loslassen will, aber nicht kann, sind gut nachzuvollziehen, sodass man sich beim Lesen unweigerlich den eigenen oder anderen Tod vorstellt.

Trauer heißt "rouw"“ auf Flämisch, grau ist "grauw" und Liebe bedeutet "liefde" Klingen die ersten beiden Worte rau und bitter, so ist die Möglichkeit von Liebe ein heller Lichtstrahl. Wenn der Autor mit seinem vielstimmigen Roman so etwas wie eine Botschaft vermitteln möchte, dann rät er uns wohl auf diesen Unterschied zu achten.

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert wurden, finden Sie hier. 


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