von Philipp Schmerheim

Wenn das Chaos im eigenen Kopf überhand nimmt, sind es oft Worte, die einen im Leben festhalten, ob im vertrauten Gespräch mit anderen Menschen, durch Poesie oder Musik: Tamara Ireland Stones Mit anderen Worten: Ich ist ein mitreißendes, literarisch wie psychologisch komplexes Portrait eines Teenager-Mädchens, das im Kampf mit Zwangsstörungen nicht nur die Liebe zum Dichten, sondern auch zu einem Jungen entdeckt.

Tamara Ireland Stone: Mit anderen Worten: ich.
Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina.
Magellan Verlag, Bamberg 2016.
336 Seiten. 16,95 €
ISBN 978-3-7348-5021-9.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Die in einer nordkalifornischen Stadt lebende 16-jährige Samantha McAllister lebt schon immer mit Zwangsstörungen, die sie mithilfe ihrer Eltern und einer vertrauensvollen Therapeutin einigermaßen unter Kontrolle hat. Dennoch hat sie ihre Ticks. Beispielsweise dreht sich ihr Alltag um die Zahl 3: Wenn sie sich unwohl fühlt, kratzt sie sich zwanghaft drei Mal im Nacken, ihre Runden im Schwimmbad dreht die passionierte Schwimmerin nur auf der dritten Bahn, ihre Musik-Playlisten sind mit Drei-Wort-Sätzen betitelt und ihr Auto stellt Sam erst dann ab, wenn die letzte Ziffer des Kilometerzählers eine "3" anzeigt.

Weil Sam sich zunehmend in ihrer an der Schule populären Freundinnenclique und dem daraus entstehenden Gruppenzwang unwohl fühlt, versucht sie auf Anraten ihrer Therapeutin Sue, neue Freundschaften zu schließen. Schon am ersten Tag des neuen Schuljahres lernt sie Caroline kennen – ein einfühlsames, unorthodoxes Mädchen, das sich nicht schminkt und statt schicker Klamotten Wanderstiefel und Motto-T-Shirts mit Sprüchen wie "Bevor Du fragst: Nein!" trägt. Bei Caroline kann Sam zu ihrer eigenen Überraschung ihr Herz ausschütten und sogar über ihre Krankheit sprechen. Caroline führt sie auch in die "Dichterecke" ein, eine Gruppe von Schülern, die sich heimlich zweimal pro Woche in einem unter der Schultheaterbühne versteckten Raum treffen, um einander Gedichte vorzulesen und ihre Sorgen zu teilen. An der Wand des Raumes, einer zweckentfremdeten Abstellkammer, hängen die Gedichte, die während der Treffen vorgetragen werden. Wenngleich sie ihre Unsicherheit nicht gänzlich ablegen kann, fühlt sich Sam immer geborgener unter ihren neuen Dichterfreunden, nicht zuletzt, weil sie hier dem nachdenklichen AJ näher kommt und schließlich mit ihm eine Beziehung beginnt. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Sam "das Gefühl, normal zu sein" (230) – bis sich in einer dramatischen Wendung herausstellt, dass mit Caroline nichts so ist, wie Sam bisher geglaubt hat. Sam muss sich nun einigen unbequemen Wahrheiten über sich selbst stellen, um die Kontrolle über ihr Leben zu behalten.

Kritik

Mit anderen Worten: ich beginnt so harmlos wie manch anderer Jugendroman über die Irrungen und Wirrungen der Teenager-Zeit: Für eine Valentins-Benefizaktion bindet die Ich-Erzählerin zusammen mit ihrer Freundinnen-Clique anonyme Liebespostkarten an Rosen, während die Mädchen den aktuellen Schultratsch untereinander austauschen. Doch was so blümchentapetenhaft beginnt, schlägt bereits auf der zweiten Seite in ein Psychodrama um, denn als Samantha das Rosenschnippeln übernehmen soll, überkommt sie der zwanghafte Gedanke, mit der Schere alles zu zerschneiden, was ihr in die Hände kommt:

Wenn ich jetzt anfange zu schneiden, kann ich nicht mehr aufhören, das weiß ich. Dann grabsche ich mir eine Rose nach der anderen und schnipple drauflos, bis nichts als ein riesiger Haufen aus Stängeln, Blättern und Blütenfetzen übrig ist.
Und danach zerhäcksle ich die zuckersüßen, so liebevoll verfassten Kärtchen. Jedes einzelne.
Oh Mann, das ist sowas von krank.
Und irgendwann nehme ich Olivias Pferdeschwanz und schneide das Zopfgummi einfach durch.
Verdammt. Denk an was anderes. Denk an was anderes.
"Ich brauche mal ein Glas Wasser", sage ich und stehe auf, in der Hoffnung, dass niemandem die Schweißperlen auf meiner Stirn auffallen." (8-9)

Sam verschwindet aus dem Zimmer, bricht in der elterlichen Küche unter ihrer Panikattacke zusammen und muss von ihrer Mutter beruhigt werden. Die perfekten Freundinnen, das wird schon an dieser Stelle klar, dürfen nichts von Samanthas Zwangsstörungen wissen; und wenngleich sie diese mithilfe von Medikamenten sowie einer verständnisvollen Familie und Therapeutin einigermaßen im Griff hat, beschleicht Samantha ein Gedanke: "Was ist, wenn ich verrückt bin?" (12)

Was vordergründig wie ein klassisches Teenager-Drama beginnt, entpuppt sich somit schnell als literarisch komplex inszenierte psychologische Charakterstudie. Tamara Ireland Stone zieht ihre Leser mit ihrem dritten Roman tief hinein in die Gedanken- und Gefühlswelt einer mit sich selbst kämpfenden jungen Frau. Die Geschehnisse werden, intern fokalisiert, konsequent aus der Sicht von Sam wiedergegeben, die als Ich-Erzählerin nicht nur von ihren Erlebnissen berichtet, sondern diese kontinuierlich und sich selbst kommentierend mit einem inneren Monolog begleitet. Dementsprechend dynamisch liest sich die Erzählung, die von Passagen mit teils panischen, schier endlosen, wasserfallartigen Gedankenströmen bis hin zu reflektierten, ruhigen Beobachtungen Sams reicht.

Die Figur der Samantha ist von einem Mädchen aus Stones Freundeskreis inspiriert – das merkt man Mit anderen Worten: ich an, zumal Stone laut eigener Aussage auf Erfahrungsberichte Betroffener und wissenschaftliche Studien zurückgegriffen hat. Dennoch liest sich der Jugendroman nicht wie ein typischer Vertreter der Sick-Lit-Welle der vergangenen Jahre: Sicherlich steht Sams Leben mit Zwangsstörungen im Zentrum der Handlung, aber Mit anderen Worten: ich ist vor allem die Geschichte eines Selbstfindungsprozesses, den eine "außergewöhnliche, intelligente, authentische, mutige und starke" (Jugendjury des Jugendliteraturpreises 2017) junge Frau durchläuft.

Zentral für diesen ist die Macht der Sprache, lernt Sam doch im Laufe der Zeit, sich nicht nur ihrer Therapeutin und ihrer Familie im Gespräch anzuvertrauen, sondern auch, ihre Erlebnisse und Gefühle in Gedichten auszudrücken und dadurch zu verarbeiten. Sprache wird somit zu einem Rückzugs- und Schutzraum, manifestiert in dem unter der Schultheaterbühne versteckten Zimmer, in dem die Mitglieder der Dichterecke ("poet's corner") buchstäblich umgeben sind von den an die Wand geklebten Gedichten. Das Motiv eines Dichterclubs als Außenseiter-Refugium vor dem Alltagshorror des High-School-Lebens ist populärkulturell spätestens seit Tom Schulmans Drehbuch für Dead Poets Society (Der Club der toten Dichter, Peter Weir, 1989) verankert, wird von Stone aber eigenständig variiert.

Nicht nur ist Sprache zentrales Motiv der Erzählung, die komplexe sprachliche Gestaltung des Romans als solches kann in dieser Hinsicht überzeugen. So findet Stone sprachlich-strukturelle Entsprechungen für Sams Zwangsstörungen, exemplarisch sichtbar an der Zahl Drei als zentraler Bestandteil von Sams obsessiven Gedankengebäuden: Der englischsprachige Originaltitel Every Last Word besteht ebenso aus drei Wörtern wie die Kapitelüberschriften, und auch im eigentlichen Text tauchen immer wieder Satzeinheiten aus drei Wörtern auf. Die Übersetzerinnen Sandra Knuffinke und Jessika Komina (die bereits viele erfolgreiche Jugendbücher wie Halbe Helden und Mitternachtsclowns übersetzt haben) haben in ihrer schönen Übersetzung Stones sprachliche Prägnanz wunderbar ins Deutsche übertragen; der deutsche Buchtitel bricht das konsequente Dreiermuster aber leider auf. Überhaupt spiegelt der Titel Mit anderen Worten: ich die Ambivalenz des Originaltitels Every Last Word nur unzureichend wieder, der sich sowohl als "Jedes einzelne Wort" (die Bedeutung von Sprache betonend) als auch "Jedes letzte Wort" (auf den Suizid-Subplot anspielend, auf den Sam im Laufe der Geschichte stößt) übersetzen lässt.

Solche Beispiele und die generelle Neigung Stones zu prägnanten, sentenzenhaften Formulierungen verweisen auf ihre Berufserfahrung im Journalismus und Marketing. So hat die Nordkalifornierin in den 1990er Jahren an der mittlerweile legendären Apple-Marketingkampagne "Think Different" (Denke das Andere) mitgearbeitet. Die Grundidee von Every Last Word, dass Menschen wie Sam nicht so sehr 'verrückt' sind als vielmehr schlicht die Welt anders sehen, weil ihre Gehirne nun einmal anders arbeiten, variiert Aussagen des bekannten Werbespots, in dem es unter anderem heißt: "Here's to the crazy ones. The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes. The ones who see things differently."

Samantha McAllister sieht die Welt nicht nur anders, sie ist auch eine starke Frauenfigur, die ihre Welt erkennbar aus weiblicher Perspektive erlebt. In dem Ende der Erzählung, als Sam letztendlich alle Bausteine in der Hand hält, um ihr Leben eigenständig zu gestalten, verbirgt sich auch eine Programmatik der Autorin, die an anderer Stelle betont: "All my books have one thing in common: My female lead characters save themselves in the end. Always." Die Dominanz der weiblichen Perspektive macht Mit anderen Worten: ich aber nicht zu einem geschlechtsspezifischen Jugendroman, ganz im Gegenteil: sowohl Mädchen als auch Jungen werden viel Freude daran haben. Das liegt auch daran, dass Stone einzelne Szenen oder Interaktionen zwischen den Figuren oft vordergründig so anlegt, als ob sie den Schemata romantische Jugendromane folgen würden, dann aber ostentativ selbstreflexiv – bereits im ersten Kapitel – genau diese Leser-Erwartungen bricht.

Fazit

Mit anderen Worten: ich ist ein großartiger, gelungen übersetzter Jugendroman, der die Grenzen der Sick-Lit-Genrenische sprengt und nicht nur Leserinnen und Leser ab 14 Jahren, sondern auch Erwachsenen gefallen wird. Kein Wunder, dass Tamara Ireland Stones Erzählung für den Buxtehuder Bullen und für Preis der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 nominiert wurde.

 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017 nominiert wurden, finden Sie hier.

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