von Anna Fredrich

Die im Diaphanes-Verlag erschienene Buchreihe Platon & Co. widmet sich in bisher 14 Bänden dem Leben von 14 großen Philosophen. Gemäß des Slogans "Philosophie für junge Leser" erzählt jedes Buch aus dem Leben eines Philosophen, dessen wichtigsten Theorien und Ideen werden dabei in die Handlung einer Kurzgeschichte eingebettet. Ergänzt – und teils eigenständig weitererzählt – werden die einzelnen Bände durch Illustrationen. Auf diese Weise meistert die Buchreihe die Herausforderung, Philosophie für Kinder (und deren Eltern) zugänglich zu machen.

Inhalt


Die französische Buchreihe Platon & Co. (Originaltitel: Les petits Platons) erscheint seit 2014 im Diaphanes-Verlag in deutscher Übersetzung. Jeder der 14 Bände à 64 Seiten ist einem anderen Philosophen gewidmet, dessen Leben und zentrale philosophische Theorien jeweils von einem anderen Autor erzählt und wiederum von einem anderen Illustrator verbildlicht werden. Der Verlag will mit der Buchreihe komplexe philosophische Theorien vereinfachen, ohne sie verfälscht darzustellen. Dabei soll Platon & Co. nicht nur für Kinder interessant sein, sondern soll auch Erwachsenen eine "Hintertür in die Weiten des Denkens, Fragens und Staunens" (Zitat auf der Website des Diaphanes-Verlags) eröffnen.

Philosophie und Kinder? Das wirkt auf den ersten Blick nicht sonderlich gut miteinander vereinbar, nicht zuletzt, weil die wissenschaftliche Disziplin auch so manchem Erwachsenen ein Rätsel ist. Sie wissen häufig gar nicht mal so genau, womit sich die Philosophie überhaupt beschäftigt – geschweige denn, was mit bestimmten philosophischen Ansätzen diskutiert werden soll. Die Philosophie ist die Lehre von den Strukturen des Lebens, des Seins und des Wissens. Sie hinterfragt das Gegebene und diskutiert Theorien rund um die Thematik der Existenz.

Tatsächlich sind aber Kinder weitaus sensibilisierter für philosophische Grundgedanken als so mancher Erwachsener, schließlich stellen sie gerne, allzu gerne grundlegende Fragen nach dem wer, was, wie, wo, warum der Dinge. Das kindliche Hinterfragen der Welt hilft ihnen, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden, das Gegebene nicht einfach so hinzunehmen und Zusammenhänge zu begreifen. Dementsprechend findet man auf dem Literaturmarkt eine große Auswahl an philosophischen Kinder- und Jugendbüchern. Diese erklären, wann, wo, wie und warum sich Philosophen für bestimmte Dinge eingesetzt haben, etwa in Jostein Gaarders Sofies Welt oder Michel Puechs Denk dir die Welt, erkunden wie in Antoine de Saint-Exupérys Klassiker Der kleine Prinz existenzphilosophische Probleme in genuin literarischer Form, oder sie beschäftigen sich systematisch mit bestimmten philosophischen Fragen, wie in dem 2012 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Sachbuch Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?. Die Thematik wird hierzu anschaulich aufbereitet und oftmals in eine spannende Erzählung eingebunden.

Mit Platon & Co. erweitert der Diaphanes-Verlag den Markt der philosophischen Kinder- und Jugendbücher um eine innovativ konzipierte Buchreihe. Das Unterfangen, zentrale philosophische Ideen der ausgewählten Denker dem Zielpublikum verständlich und unterhaltsam zu vermitteln, folgt einem den meisten Bänden gemeinsamen Grundmuster: Erzählt wird auf 64 Seiten eine spannende Kurzgeschichte, in der der jeweilige Philosoph die Schlüsselrolle spielt. In dem kleinen Abenteuer wird seine Kernaussage so eingebettet, dass sie interessant verpackt ins Kinderbewusstsein transportiert werden kann. Allerdings widmen sich die Bände bis auf eine Ausnahme zu Hannah Arendt bisher ausschließlich männlichen Philosophen. Eine unterstützende Funktion übernehmen ebenfalls die zahlreichen bunten Illustrationen, die die überwiegend kurzgehaltenen Textpassagen auf den Doppelseiten untermalen. Wie so etwas aussehen kann, soll im Folgenden am Beispiel der Bände zu Sokrates, Immanuel Kant und Karl Marx exemplarisch gezeigt werden.

Übersicht der bisher erschienenen Bände:

2014
• Albert Einsteins Geistesblitze
• Das Gespenst des Karl Marx
• Der Tod des weisen Sokrates
• Der böse Geist des Herrn Descartes
• Diogenes oder der Mensch als Hund
• Ein verrückter Tag im Leben von Professor Kant
• Erasmus und die Narrenschelle
• Laotse oder der Weg des Drachen

2015
Das Lachen des Epikur
• Hannah Arendt auf der Bühne
• Ich, Jean-Jacques Rousseau
• Leibniz oder die beste der möglichen Welten
• Professor Freud spricht zu den Fischen
• Wittgensteins Nashorn

 

Der Tod des weisen Sokrates

Yann Le Bras/Jean Paul Mongin:
Platon & Co.
Der Tod des weisen Sokrates,
Zürich-Berlin 2014.
64 Seiten. 14,95 Euro
ISBN 978-3-03734-656-3

 

 

 

 

 


Der Tod des weisen Sokrates
thematisiert – wie der Titel bereits preisgibt – das Todesurteil gegen Sokrates, den in Platons Dialogen unsterblich gewordenen weisesten Griechen des klassischen Athens. Besonders im Fokus steht hierbei, wie Sokrates mit seinem Schicksalsschlag umgeht – nämlich ganz anders, als erwartet. Jean Paul Mongin erzählt aus dem Leben des Philosophen, der tagein tagaus durch die Straßen Athens schreitet und jeden dazu ermutigen will, sich der Weisheit zu verpflichten. Sein Werben dafür, sich selbst zu erkennen, materiellen Reichtümern den Rücken zuzukehren und sich dem Philosophieren zu widmen, stößt nicht bei all seinen Mitmenschen auf Begeisterung. Vielmehr macht Sokrates sich schnell Feinde, die ihn wegen angeblicher Gotteslästerung und Verführung der Jugend zum Tode verurteilen lassen. Sokrates' Hinterfragen der bestehenden Zustände zielt in der Tat auf eine Revolution der (politischen) Ordnung und Lebensweise ab. Sokrates, in dessen Denken die Fragen nach Gerechtigkeit und dem Guten die wichtigste Rolle einnehmen, stellt sich seinem Schicksal und erwartet es mit offenen Armen – zum Missfallen und Unglauben seiner Anhänger. Aber: Unrecht erleiden ist besser, als Unrecht zu tun. Und so stirbt Sokrates, der überzeugt ist, dass auf gute Seelen auch ein guter Ort wartet, in Einklang mit seinen Überzeugungen.

In diesem Band sind die Texte auf den Doppelseiten eher kurz gehalten und überwiegend als Dialoge zwischen Sokrates und seinen Widersachern oder Freunden gestaltet, in denen es um verschiedene Aspekte der sokratischen Philosophie geht – um die Erkenntnis, nichts zu wissen, um das Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und dem Guten. Dieses formale Konzept orientiert sich an den platonischen Dialogen, in denen Platon ebenfalls Sokrates auftreten lässt, um durch radikales Hinterfragen, eine subversive Wirkung zu erzielen. Inhaltlich lässt sich eine deutliche Verbindung zu Platons Phaidon ausmachen. Die Geschichte lebt von Yann Le Bras' quirligen, bunten Illustrationen, die einen Großteil der Seiten füllen. Sie verdeutlichen das Erzählte und verleihen der Story ihren eigenen Charme: Die Illustrationen lassen das Erzählte weich wirken, sie verniedlichen ihre Ernsthaftigkeit. Le Bras gelingt es so, selbst die Todesfahrt der Seelen und ihr Dasein im Jenseits für Kinder anschaulich darzustellen. Die Kernaussagen Sokrates' werden dabei so mit in die Erzählung eingebunden, dass sie beim Lesen spielerisch mit aufgenommen bzw. verinnerlicht werden können.

 

 Ein verrückter Tag im Leben von Professor Kant

Jean Paul Mongin/Laurent Moreau:
Platon & Co.
Ein verrückter Tag im Leben von Professor Kant,
Zürich-Berlin 2014.
64 Seiten. 14,95 Euro
ISBN 978-3-03734-683-9

 

 

 

 

 


Wer mit den Werken Kants vertraut ist, weiß, dass seine Ansichten und schriftlichen Ausführungen an Komplexität kaum zu übertreffen sind. Nicht umsonst zählt er zu den größten abendländischen Philosophen und ist mit seiner "Kritischen Philosophie" der wohl wichtigste Denker der Neuzeit. Wie kann man seine Erkenntnisse Kindern zugänglich machen, wenn sie selbst für Erwachsene oftmals zu anspruchsvoll scheinen? Ein verrückter Tag im Leben von Professor Kant, wiederum von Jean Paul Mongin geschrieben, löst diese Herausforderung, indem er die Leser einlädt, im Rahmen der Erzählung einen Tag mit Kant höchstpersönlich zu verbringen. Der Professor aus Königsberg wird, während wir von Seite zu Seite seine alltäglichen Rituale verfolgen, von Mongin, unter Rückgriff auf bekannte Anekdoten und Schriften Kants, geschickt als Universaldenker in Szene gesetzt: Nach dem Aufstehen rechnet Kant erst einmal mit einem vermeintlichen Schwindler (dem schwedischen Mystiker Emanuel Swedenbourg) per Brief ab, widmet sich dann mit Freude seinem Astrolab und grübelt über Astrologie, Physik und die Fortschritte der Wissenschaft, bevor er sich zur Universität von Königsberg aufmacht, an der er unterrichtet. Ohne philosophische Fachtermini zu benutzen, erläutert Mongin, indem er Kant zu seinen Studenten sprechen lässt, den Unterschied zwischen Wissen a priori und a posteriori, den Kern der Schrift Was ist Aufklärung?, die Vernunft, die Kausalität in der Natur, den Determinismus und die menschliche Handlungsfreiheit – natürlich alles nur in Grundzügen. Später, als Kant mit zwei Freunden zu Abend isst, erfahren wir dann noch etwas zum höchsten Gut und über den Kategorischen Imperativ als Handlungs- und Verhaltenscodex. Mongin stellt Kant als grüblerischen, sehr kritischen Eigenbrötler dar, der zwar überwiegend pessimistisch erscheint, seinen Zuhörern aber dennoch einen Funken Hoffnung zugesteht. Aufgelockert wird die Erzählung durch die Illustrationen von Laurent Moreau, die auch hier die Seiten überwiegend füllen und farbig gestalten – und durch die Darstellung einer angeblichen Beziehung des notorischen Junggesellen zu Marie Charlotte. Marie Charlotte Jakobi gab es tatsächlich: Sie schrieb ihm insgesamt zwei Briefe, in denen sie ihre Wertschätzung für Kant zum Ausdruck brachte und ihn zu sich nach Berlin einlud. Der Briefwechsel zwischen den beiden gilt somit als historisch nachgewiesen, inwieweit sie sich jemals trafen oder eine wirkliche Beziehung geführt haben, bleibt allerdings fraglich.


 
Das Gespenst des Karl Marx

Ronan de Calan/Donatien Mary:
Platon & Co.
Das Gespenst des Karl Marx,
Zürich-Berlin 2014.
64 Seiten. 14,95 Euro
ISBN 978-3-03734-432-3

 

 

 

 

 


Ähnlich kompliziert wie die Kant'sche Philosophie sind auch die Schriften von Karl Marx. Der deutsche Philosoph, Ökonom und Gesellschaftstheoretiker, der größtenteils für seine gesellschaftskritischen Manifeste bekannt ist, wurde im 19. Jahrhundert zusammen mit Friedrich Engels zum einflussreichsten Denker des Kommunismus und Sozialismus. Die von Marx und Engels thematisierten Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind oftmals nur schwer greifbar – auch für Erwachsene. Ronan de Calan nutzt in Das Gespenst des Karl Marx das bekannteste geflügelte Wort aus dem "Kommunistischen Manifest", um Grundzüge des Marxismus erzählerisch zu veranschaulichen: Aus der Perspektive von Karl Marx, der als Gespenst verkleidet für das Recht der Arbeiter eintritt, erfahren wir etwas über die Auswirkungen des Marktes auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Erklärt wird in diesem Zusammenhang der Klassenkampf anhand eines Beispiels, in dem eine Familie alles aufgrund der Mechanismen des Marktes verliert – den Familienbetrieb, der durch die immer niedrigeren Preise nicht mehr wettbewerbsfähig ist, ihr Haus und in der Stadt dann schließlich auch ihre Perspektive. Nur ihre bloße Arbeitskraft bleibt ihnen und auch die müssen sie in Fabriken unter Wert verkaufen. Wo bleiben die Rechte der Arbeiterklasse? Um die Basis dieses Konfliktes verständlich zu machen, werden ökonomische Grundbegriffe wie Markt, Ware und Kapital anschaulich erläutert. Hilfreich sind dabei vor allem auch die Illustrationen von Donatien Mary, die die Botschaft des Textes gut unterstützen. In der zweiten Hälfte des Buches wird dem Leser dann vorgestellt, wie dieses Dilemma nach Marx gelöst werden könnte. Wenn die ungerechte Verteilung des Eigentums dazu führt, dass Fabrikbesitzer verzweifelten Arbeitern ihre Rechte nehmen können, sollte das Konstrukt des Privateigentums abgeschafft werden – eine sehr radikale Idee, aber die Lösung großer Probleme fordert nun mal ebenso große Veränderungen. 

 

Kritik

Angesichts der Vielzahl an Bänden kann man sich fragen, inwiefern die Buchreihe in toto das Konzept des Verlages erfolgreich umsetzt, Philosophie und Kinder zusammenzubringen. So orientieren sich die Textgestaltung erkennbar an einem Kinder- und Jugendpublikum, denn die Texte sind in der Regel leicht verständlich und relativ kurz gehalten. Auch die Illustrationen dürften diesem Zielpublikum gefallen, ihr erkennbarer künstlerischer Anspruch dürfte allerdings vor allem einem Erwachsenenpublikum entgegenkommen. Auch der Seitenumfang von circa 60 Seiten pro Band ist genau richtig, um einen Überblick zu erhalten – ohne den Eindruck vermittelt zu bekommen, man müsse sich auf eine stundenlange Reise in die Abgründe philosophischer Abhandlungen begeben. Man kann also davon sprechen, dass die Buchreihe mit gängigen Vorbehalten besonders unter Erwachsenen gegenüber der Philosophie aufräumt und versucht eine neue, unterhaltsame Perspektive zu bieten.

Aber eignet sich dieses Konzept auch für Kinder? Jugendliche (ab 12 Jahren), die sich z. B. in der Schule mit Philosophie beschäftigen, lassen sich, ähnlich wie Erwachsene, als eine potenzielle Zielgruppe ausmachen. Diesen bietet Platon & Co. einen Einstieg in die Welt der Philosophie mit ihren Themen und Philosophen. Für Kinder unter 12 Jahren könnte es schwieriger werden, die Ausführungen nachzuvollziehen: Zwar werden Begriffe erklärt, Fragestellungen oftmals metaphorisch aufgearbeitet und alles ansprechend bebildert, dennoch ist fraglich, inwieweit Kinder den tieferen Zusammenhang verstehen.

Stilistisch und inhaltlich unterscheiden sich die Bände allerdings teils deutlich: So ist Der Tod des weisen Sokrates nicht nur inhaltlich leichter verständlich als Das Gespenst des Karl Marx, sondern auch illustrativ einfacher – beinahe schon spielerisch – gestaltet. Die stilistisch-thematische Vielfalt regt zugleich dazu an, sich nicht nur mit einzelnen Bänden, sondern der Reihe als Ganzes zu beschäftigen.

Fazit

Der Buchreihe Platon & Co. gelingt es in der Tat, philosophische Kernaussagen in Kurzgeschichten zu verpacken und mit Illustrationen ansprechend so zu gestalten, dass sich junge wie erwachsene Leser spielerisch philosophisches Wissen aneignen können. Insofern ist die Buchreihe für alle zu empfehlen, die mit der geisteswissenschaftlichen Disziplin warm werden und sich einen Überblick verschaffen wollen. Für Kinder unter 12 Jahren ist die Buchreihe aufgrund der doch relativ hohen thematischen Komplexität nur bedingt zu empfehlen. Eine Alternative könnte allerdings sein, die Bücher gemeinsam mit den Eltern zu lesen und die Inhalte gemeinsam zu erarbeiten.

Alle Bilder sowie weitere Informationen
auf der offiziellen Website der Buchreihe.
 


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