von Kjara von Staden

"Und sie lebten vergnügt bis an ihr Ende…". So schließt das Grimmsche Märchen Dornröschen. Doch was passiert, wenn Dornröschen für den Prinzen, der sie wachgeküsst hat, keine Gefühle hegt? Und wenn sie aufwacht und feststellt, dass die Welt nach hundert Jahren Schlaf ganz anders ist als in ihrer Erinnerung? Davon erzählt Rhiannon Thomas im ersten Teil der Märchenadaption-Reihe Ewig. Wenn Liebe erwacht.

Thomas, Rhiannon: Ewig. Wenn Liebe erwacht
Sauerländer, Frankfurt 2017.
392 Seiten. 16,99 €
ISBN 9783737354691.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Aurora erwacht aus einem hundertzweijährigen Schlaf und versteht buchstäblich die Welt nicht mehr: Niemand, den sie kennt, lebt noch, ein völlig fremder junger Prinz küsst sie und behauptet, er habe sie von einem Fluch erlöst und sie müsse nun seine Frau werden. Auch die Eltern des Prinzen, die neuen Herrscher über Auroras Königreich Alyssinia, sind alles andere als gütig und sanftmütig: Sie sperren Aurora ein und verlangen von ihr, eine stille und demütige Prinzessin zu werden, die dem Volk von Alyssinia die Magie ins Land zurückbringt – denn so besagt es die Legende um die schlafende Schönheit. Doch Aurora hat genug davon, in Einsamkeit zu leben. Das musste sie schließlich schon, seitdem sie als Baby von der Hexe Celestine verflucht wurde. Und so schleicht sie sich nachts heimlich aus dem Palast. Dabei muss sie erkennen, dass die Menschen nicht mehr wie in ihrer Erinnerung in Frieden und Glückseligkeit leben, sondern Hunger und Not leiden. Bestürzt stellt sie die diktatorische Politik ihrer Schwiegereltern immer mehr in Frage und weiß nicht mehr, wem sie vertrauen und glauben soll. Dem Kellnersjungen Tristan, der sich als Mitglied einer Rebellengruppe gegen den König entpuppt? Ihrem Verlobten Rodric, der die Taten seines Vaters nie in Frage stellen würde? Oder dem arroganten und undurchschaubaren Prinzen Finnagan aus einem Nachbarstaat Alyssinias?

Quelle: Fischer

Kritik

Ewig. Wenn Liebe erwacht basiert lose auf Charles Perraults Die schlafende Schöne im Walde (1696) und übernimmt den von den Walt Disney Studios im Film Sleeping Beauty (1959) eingeführten Namen Aurora für die Königstochter. Zudem spinnt diese Märcheninterpretation die Geschichte um Aurora weiter und offenbart zusätzlich Details über ihr einsames Leben im Turm und ihren Wunsch, die Welt zu entdecken. Dabei können die Leser auch miterleben, wie Aurora mit der Tatsache kämpfen muss, ein ganzes Jahrhundert nicht erlebt zu haben und dementsprechend die Gesellschaft, in der sie nun lebt, nicht mehr verstehen zu können.

Die Interpretation bringt auch märchenhafte Merkmale mit. So handelt es sich bei Alyssinia um einen konkret benannten, aber fiktiven Spielplatz der Handlung. Alyssinia ist zudem eindimensional gestaltet, die Bewohner dieses Landes empfinden die Anwesenheit von Magie, Drachen und anderen Fabelwesen als alltäglich. Auch die Antagonistin Celestine erscheint zunächst märchentypisch ganz und gar böse:

"Die Hexe Celestine, eine kaltherzige, mächtige Frau, die tief im Wald in einem Turm lebte und das einzige Geschöpf war, das die Menschen von Alyssinia fürchteten." (S. 34).

Erst zum Ende des Romans wird die flächenhafte Gestaltung der Figur aufgebrochen und der Leser bekommt zumindest einen kleinen Einblick in die Motivation und Gefühle der Zauberin.

Die Figur des Prinzen wird in dieser Weitererzählung des Märchens in zwei verschiedene junge Männer aufgespalten: In den alyssianischen Prinzen Rodric, der Aurora wachküsst und in Finnegan, einen Prinzen aus dem Nachbarstaat Alyssinias. Während Rodric mit seiner steifen und schüchternen Art die sanft- und gutmütige Seite eines Prinzen repräsentiert, steht Finnegan mit seiner arroganten und selbstbewussten Ausstrahlung für die Macht eines Thronfolgers. Aurora ist jedoch noch von einem dritten Mann umgeben, dem aufopferungsvollen und sympathischen Kellner Tristan, der allerdings durch den Verlust seiner Familie verbittert ist und voller Hass gegen die Regierung steckt: ",Ich habe schon vor langer Zeit begriffen, dass man von niemandem Hilfe erwarten kann. Einfach nur rumsitzen und aufs Beste hoffen ändert nichts." (S. 87). Die Leser bekommen mit diesen drei jungen Männern verschiedene Charaktere geboten, wobei alle einzelne Eigenschaften eines Märchenprinzen abbilden.

Eine große Schwäche des Romans ist jedoch die Gestaltung von Aurora. Obwohl der Leser Zugang zu ihren Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen erhält, kann dennoch nur sehr schwerlich eine Identifikation mit ihr stattfinden. Aurora wirkt sehr unentschlossen, distanziert von sich selbst und kann erst kurz vor Ende der Geschichte Mut und Stärke beweisen. Ihre Persönlichkeit ist zudem nicht greifbar, weshalb gerade jugendliche Leser Schwierigkeiten damit haben könnten, Aurora und ihr Handeln zu verstehen und auf sich selbst zu beziehen. Die Autorin hätte an dieser Stelle das Thema Rebellion stärker ausgestalten müssen; genug Potential, um die Bürger von sich zu überzeugen, hat Aurora aufgrund der Legende, sie werde das Land wieder erblühen lassen. Und dass das Auflehnen gegen ungerechte gesellschaftliche Zustände bei jugendlichen Lesern auf große Zustimmung stößt, beweisen nicht zuletzt Erfolge dystopischer Trilogien wie Die Tribute von Panem, Die Bestimmung oder aktuell die Fantasy-Reihe Das Juwel.

Fazit

Ewig. Wenn Liebe erwacht ist eine interessante Märcheninterpretation für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren, aus der aber noch mehr herausgeholt hätte werden können. Die Ansätze und das Weiterspinnen der Handlung sind gut überlegt, aber gerade das geringe Identifikationsangebot durch die Protagonistin könnte die Leser vom Kauf des zweiten Bandes abhalten.


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