von Kirsten Kumschlies

"Halte dich fern von Einhorn und Adler, das Blut ist nicht deins..." Magisch-spannender Kriminalfall im italienischem Siena. Der neue Jugendthriller von Ursula Poznanski entführt die geneigten Leser in ein rasant erzähltes Verwirrspiel, das man erst wieder loslassen kann, wenn man die 425 Seiten bewältigt hat. Das geht schnell und macht Spaß – ganz typisch Poznanski eben.

Poznanski, Ursula: Aquila.
Loewe, Bindlach 2017.
425 Seiten. 16,95 €
ISBN 979-3-7855-8613-6.
Empfohlen ab 14 Jahren.

 Inhalt

In medias res: Austauschstudentin Nika wacht nach einer durchgefeierten Nacht in ihrer Wohnung in Siena auf, wo sie ein Auslandssemester verbringt, und weiß nicht mehr, was war. Eine krasse Form von Gedächtnisverlust, die Nika sich überhaupt nicht erklären kann. Sie erinnert sich daran, mit ihrer Mitbewohnerin am Samstagabend ausgegangen zu sein, aber weder an exzessiven Alkoholkonsum noch an die Einnahme von Drogen, die ihren jetzigen Zustand erklären würden. Außerdem ist ihre Mitbewohnerin Jenny spurlos verschwunden. Eine erschreckende Erkenntnis jagt die nächste: Nika ist in der Wohnung eingeschlossen und hat keinen Schlüssel, das Handy ist weg, ebenso der Akku von ihrem Notebook. Auf dem Badezimmerspiegel steht in verschmierten Buchstaben: „Letzte Chance!“ In ihrer Hosentasche findet sie eine Liste mit unverständlichen, offenbar zusammenhanglosen Halbsätzen, die sie, der Schrift nach zu urteilen, selbst  geschrieben hat, aber die sie auch nicht ansatzweise versteht:

"Weihnachten voller Angst

Halte dich fern von Einhorn und Adler

Cor magis tibi sena pandit

Das Blut ist nicht deines..." (S. 19)

Als Nika angesichts dieser Befunde völlig verstört den Fernseher anschaltet, nimmt sie fassungslos zur Kenntnis, dass es schon Dienstag ist. Ihr fehlen tatsächlich zwei ganze Tage! So sehr sie sich auch anstrengt und um Erinnerungsfetzen ringt, der Gedächtnisverlust bleibt. Mithilfe des Hausmeisters entkommt die Protagonistin schließlich der Enge der Wohnung – und es beginnt eine atemlose Jagd nach dem verlorenen Gedächtnis durch das italienische Siena. Was um Himmels Willen ist geschehen? Nikas Mitbewohnerin Jenny ist wie vom Erdboden verschluckt, dafür lernt sie aber Stefano kennen, der ihr hilfreich zur Seite steht und vor allem auch für Nika dolmetscht. Denn erschwerend kommt für die Studentin hinzu, dass sie kaum Italienisch spricht. Auch bei Gesprächen mit der Polizei ist sie wegen ihrer mangelnden Sprachkenntnisse auf Hilfestellung angewiesen. Der Leser rast mit Nika und Stefano durch Siena – und die Ereignisse spitzen sich immer mehr zu.

Kritik

Dieser Jugendthriller ist rasant und packend erzählt, wie man es von Ursula Poznanski gewohnt ist. Der Plot und die Handlung sind so raffiniert konstruiert, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Dabei spielt die blasse Figurenkonzeption keine große Rolle, denn bei so einem klassischen Pageturner ist es allein die aktionsgeladene und schnelle Handlungsstruktur, die wichtig ist – und nicht die Frage, ob es realistisch ist, wenn ein junges Mädchen in einer derartigen Situation nicht gelähmt ist vor Angst, sondern mit relativ kühlem Kopf und mit kriminalistischem Gespür die Ereignisse zu rekonstruieren versucht. Die Spannung speist sich vor allem aus der schnell erzählten Handlung, der leichten Sprache und dem Umstand, dass bis zum Schluss unklar bleibt, wem die Protagonistin vertrauen kann und wem nicht – und dass die Lösung des verzwickten Falls sich lange nicht erschließt. Ursula Poznanski stellt einmal mehr unter Beweis, dass sie eine Meisterin ihres Faches ist. Mit Aquila schließt sie an die Erzählkraft ihrer populären jugendliterarischen Unterhaltungsthriller Erebos, Saeculum, Elanus und Layers an, wobei wir es hier zum ersten Mal mit einer weiblichen Hauptfigur zu tun haben und es weniger um Technik geht als in den vorherigen Romanen. Freilich greift die Wiener Autorin stets auf bewährte Schemata zurück, die sie aber gekonnt neu miteinander zu kombinieren weiß. Das Motiv des Gedächtnisverlustes der Hauptfigur ist spätestens seit dem Unterhaltungsroman Lauf Jane, lauf der britischen Autorin Joy Fielding sehr bekannt und wurde von Poznanski bereits in den Layers genutzt. Die Autorin zeigt, wie gut diese Variation, die durch konsequent interne Fokalisierung getragen ist, auch im Sektor der unterhaltenden Jugendliteratur funktioniert. Und so schickt sie ihre Leser auf eine wahnsinnig spannende Reise durch das toskanische Siena, ein Handlungsraum, der das schlichte Lesevergnügen zusätzlich erhöhen kann, einmal mehr, wenn der Leser vielleicht schon mal in Siena war. Die sehr einfachen, kurzen Sätze machen das Buch, wie alle anderen Poznanski-Romane auch, zu einer sehr leichten Lektüre, die sicherlich geeignet ist, um die Lesemotivation junger Leser zu befördern. Der Handlung ist leicht zu folgen, zumal sie chronologisch erzählt ist und alles überwiegend auf das äußere Erleben von Nika zentriert ist – keine langen inneren Monologe oder Selbstreflexionen, die Darstellung des Innenlebens fokussiert sich auf die Anstrengungen und den Willen der Protagonistin, die Ereignisse zu rekonstruieren, womit die Handlung sehr nah an einem Kriminalroman bleibt, mit dem Unterschied, dass es hier die eigene Erinnerung ist, die gefunden werden muss und nicht allein der Tathergang aufzudecken ist. Die kryptischen Notizen, die Nika selbst geschrieben hat, fungieren hierbei als Spuren, die Leser und Hauptfigur helfen, auf die richtige Fährte zu gelangen, Verwirrungen und Fehltritte natürlich inklusive:

"Der Zettel befand sich immer noch in ihrer Hosentasche, und obwohl sie genau wusste, was darauf stand, holte sie ihn nun hervor. Sie musste einen Grund gehabt haben, diese merkwürdigen Sätze aufzuschreiben. Vielleicht hatte sie geahnt, dass sie eine Gedächtnisstütze brauchen würde. Eine, die außer ihr niemand entschlüsseln konnte." (S. 145)

Dieser literarische Entschlüsselungsprozess macht Spaß – er sei allen jugendlichen Lesern empfohlen, die Freude an spannend erzählten und leicht zu lesenden über 400Seiten-Pageturnern haben, den eingefleischten Poznanski-Fans sowieso.

Fazit

Atemlose Spannung und Unterhaltung bester Art. Ein idealer Schmöker für alle lesenden Anhänger ab 14 Jahren der populären Wiener Autorin Ursula Poznanski und solchen, die es mit Aquila werden können und wollen. Ein herrlich einfach erzähltes Lesevergnügen zum Abtauchen und Umwelt-Vergessen, bis man endlich weiß, was der Studentin Nika in Siena geschehen ist.


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