von Andreas Wicke

Eigentlich ist Andreas Steinhöfels Rico, Oskar…-Trilogie abgeschlossen. Die Fälle um die Tieferschatten (2008), das Herzgebreche (2009) und den Diebstahlstein (2011) sind gelöst – und geplant war höchstens noch eine kleine Weihnachtsgeschichte. Das Ergebnis heißt Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch, füllt 264 Seiten und bereitet ein riesiges Vergnügen mit Tiefbegabung und Müffelchen. Eine Weihnachtsgeschichte für das ganze Jahr!

Steinhöfel, Andreas: Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch .
Carlsen, Hamburg 2017.
264 Seiten. 14,99 €
ISBN 978-3-551-55665-3 .
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

"Heiligabend, dachte ich, heute ist Heiligabend! Geschenke, Geschenke, Geschenke" (S. 9). Mit diesem Wunsch beginnt Rico seinen Bericht eines außergewöhnlichen 24. Dezembers, um am Schluss zu bemerken, dass vor lauter Aufregung keiner mehr an die Bescherung gedacht hat. Während in Berlin-Kreuzberg die Weihnachtsvorbereitungen in vollem Gange sind, kommt ein Schneesturm auf. Es wird gekocht, Weihnachtsbäume werden gekauft und geschmückt, aber Rico wundert sich auch über seinen besten Freund Oskar. Ein Geschenk für seinen Vater wird er wohl in der Damenabteilung bei Karstadt nicht gekauft haben? Unterbrochen werden die winterlichen Ereignisse von drei sommerlichen Berichten aus dem vergessenen Hof, wo Rico und Oskar ungewöhnliche Freunde finden, wo es aber auch zu einem Streit kommt, der erst an Heiligabend wieder geschlichtet werden kann. Auf dem Höhepunkt des winterlich-weihnachtlichen Chaos kommen statt der erhofften Geschenke im gleichen Haus zwei Kinder zur Welt, Ricos Schwester und das Baby der 'Fundfrau'. Was es mit der allerdings auf sich hat, wird nicht verraten, klar ist nur: Wenn eine Geburt bei Schneesturm stattfindet, spricht man von Schneewehen… 

Kritik 

Rico und Oskar gehören mittlerweile zu den prominentesten Figuren der aktuellen Kinderliteratur. Wer die Romane nicht gelesen hat, kennt die Filme oder Hörspiele, die Kindercomics oder Hörbücher, hat die beiden auf der Theaterbühne oder in der Sendung mit der Maus kennengelernt. Und schon nach wenigen Sätzen ist man wieder ganz drin im wahnsinnig vertrauten und vertraut wahnsinnigen Kosmos der Dieffenbachstraße 93. In Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch löst Steinhöfel sich endgültig von der Form der Detektivgeschichte. Zwar wird eine Schneekugel samt Meerjungfrau gestohlen, viel interessanter ist jedoch, warum Oskar Frauenkleidung kauft und der Hund Porsche im Keller winselt. Warum Essen verschwindet und die Gardine in einer unbewohnten Wohnung wackelt. Doch wie soll Rico, der sich als 'tiefbegabt' bezeichnet, einen Fall lösen, in dem sein hochbegabter Freund eine Hauptrolle spielt? 

Und das, wo ihm schon sein Alltag genug Fragen aufgibt: Wenn er beispielsweise bei IQ an Kühe denkt (vgl. S. 66), sich wundert, warum eine Meerjungfrau Hans Christian heißt (vgl. S. 90) oder ihn die Weihnachtsdekoration an der Fleischtheke irritiert: "Als ob so ein Schnitzel oder ein Steak, wenn es erst mal hier gelandet war, noch einen Grund zum Feiern hätte" (S. 73). Außerdem erzielt auch der neue Band seinen Charme und seine Komik immer wieder aus Ricos Weltsicht in unkommentierter Ich-Perspektive, etwa wenn er eine "funzelige[..] Energiesparbirne[..]" bedauert, "die wahrscheinlich jeden Abend so lange von der anbrechenden Dunkelheit ausgelacht wurde, bis sie vor Scham beinahe die Fassung verlor" (S. 230), oder sich über ein "aufdringliche[s] Rasierwasser" echauffiert, das "roch, als hätte man Porsches Trockenfutter mit Vanille gemischt und in einen Obstsalat gekippt" (S. 233). Klar sind das Kalauer, aber immerhin erklärt Rico in seinen lexikographischen Erläuterungen auch gleich kalauernd, was das eigentlich ist:

KALAUER: Fragwürdiger Witz von minderer Qualität oder von schlechtem Geschmack. Niemand außer dem Witzemacher findet ihn gut. Immer unpassend und ein bisschen peinlich. Der Witzemacher lacht nur heimlich darüber und wenn er allein ist. Dann aber richtig und bis es wehtut. Vor allem, wenn er Karl Auer heißt – ha, ha, ha-ha! (S. 209) 

Auch das Aufbrechen klassischer Geschlechterrollen sieht Rico kritisch, wenn Frau Kessler den Weihnachtsbaum kauft, während ihr Mann kocht, und beides zu suboptimalen Ergebnissen führt: "Ich überlegte, ob ich ihnen sagen sollte, dass daran die üblichen rollenden Geschlechter schuld waren. Denn das war ja wohl mal klar, dass sie alle zu Weihnachten einen größeren Baum und kein angebranntes Essen kriegen würden, wenn ihre Eltern weniger gleichberechtigt wären. Aber ich hielt die Klappe" (S. 41). 

Was Andreas Steinhöfels Texte neben skurrilen Betrachtungen und subtilem Sprachwitz allerdings auch durchzieht, ist das ausgiebige Spiel mit literarischen Verweisen. Hans Christian Andersens Märchen Die kleine Meerjungfrau (1837) spielt schon in seinem Roman Anders (2014) eine wichtige Rolle: "Jeden Tag in der wirklichen Welt geht sie mit ihren nackten Füßen wie auf Messern", wurde der Inhalt dort zugespitzt. "Und sie kann keinem sagen, was sie denkt oder fühlt, weil sie keine Zunge mehr hat". Auch die Figuren in Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch sind hochgradig verletzlich und stehen dem Leben und ihren Mitmenschen mehr als skeptisch gegenüber: Rico hat Bedenken, dass er, seit der Bühl sein Stiefvater und seine Mutter schwanger ist, nicht mehr im Mittelpunkt steht: "Wenn ich vorher gewusst hätte, wie teuer und kinderurlaubsfeindlich so eine Ehe ist, hätte ich dagegen gestimmt" (S. 46). Und Oskar klugscheißert, dass seine "soziale Kompetenz" eingeschränkt ist und in jeder neuen Freundesclique "schon rein statistisch betrachtet mindestens eins der Kinder nicht mit [ihm] klarkommen dürfte" (S. 95). 

Viel trauriger klingt allerdings die Geschichte von Checker, der an Weihnachten zu Hause nicht vermisst wird, weil es kein Zuhause gibt: "Meine Mutter denkt, ich wäre bei meinem Vater, und der denkt, ich wäre bei meiner Mutter. Ich hab frei. So mache ich das immer" (S. 181). Deswegen können Checker, die hochbegabte Soo Min und Rico an Heiligabend auch Der Zauberer von Oz (1939) schauen, wo Dorothy von Kansas "ins Land Oz sturmverwirbelt, wirbelverstürmt oder versturmwirbelt" (S. 184) wird. Während Soo Min nur die Goofs, also die Fehler im Film, findet, bemerkt Rico, dass die Situation Dorothys und ihrer neuen Freunde seiner eigenen gar nicht so unähnlich ist. Nicht nur Sturm und Unwetter verbinden die beiden Welten, es geht auch um die Kraft einer außergewöhnlichen Freundschaft. "Keinen Grips, keinen Mut, kein Herz, o Mann", so hat Steinhöfel Dorothys Freunde in Der mechanische Prinz (2003) charakterisiert, wo der Film ebenfalls eine literarische Brücke schlägt und die fiktiven Außenseiterfiguren – hier wie dort – über Texte, Medien, Sprachen und Zeiten hinweg intertextuell verbindet und verbündet. 

Auch das Motiv einer Geburt bei Schneesturm am Heiligen Abend kommt Steinhöfel-Fans aus der Kurzgeschichte Helle Nacht (2002) nicht unbekannt vor. Außerdem scheint sich mit der 'Fundfrau' der neologistische Kreis zu schließen, der im ersten Kapitel des ersten Bandes, Rico, Oskar und die Tieferschatten, mit einer 'Fundnudel' begonnen hatte.

Fazit

"Schutzlose Wesen müssen beschützt werden" (S. 263), resümiert Rico am Ende seiner Weihnachtsgeschichte – und einen solchen trivialitätsverdächtigen Satz verzeiht man nicht jeder literarischen Figur. Rico allerdings darf das sagen, weil es bei ihm nicht kitschig klingt, sondern zwischen seinen Alltagssorgen und Absurditäten als kindlich-lebenskluge Wahrheit hervorblitzt. Und wirklich gelingen Andreas Steinhöfel auch in diesem Roman – Adorno hin oder her – Reflexionen aus dem beschädigten Leben, die nur minimal moralisch sind: über Kinder, die unter ihren Eltern leiden, und Eltern, die sich in der Welt der Erwachsenen nicht zurechtfinden. All das könnte unglaublich trivial sein, wäre es nicht in eine treffsichere und pointierte Sprache, eine chaotisch-witzige Handlungsführung voller literarischer und filmischer Verweise, eine skurrile Perspektivierung und eine raffinierte Komik eingebettet, die auch sentimentale Momente sofort wieder bricht und reflektiert, ohne sie je der Lächerlichkeit preiszugeben. 

Auf eins kann man sich in allen Texten um Rico und Oskar verlassen, Normalität gibt es hier nicht. Ricos Mutter kommentiert:

"Ihr habt wirklich beide nicht alle Tassen im Schrank." Unter ihrer Decke streichelte Mama dem Baby mit einer Hand über den Rücken. "Hoffentlich wird deine Schwester auch nicht normal." (S. 253) 

Wenn der Verlag das Vomhimmelhoch erst ab 10 Jahren empfiehlt, dann vielleicht, weil er – wie Oskar – Angst hat, die vielen Geburten könnten ein "vorpubertäres Trauma" (S. 259) auslösen. Andererseits kann eine Trilogie, die aus vier Bänden besteht, auch unmöglich mit zwei Geburten enden. Vielleicht besteht ja weihnachtliche Hoffnung, Rico und Oskar über ihre vorpubertären Traumata in weiteren Bänden bis in die Midlife-Crisis zu begleiten – notfalls in die senile Bettflucht.

 

Erstveröffentlichung: 29.09.2017

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