von Jessica Günzel

Manchmal sind es nicht nur Arme und Beine, sondern auch Familien, die eingegipst gehören. Auch eine Familie kann zu Bruch gehen, und nicht immer wächst sie wieder zusammen, so wie bei Fitz, Bente und ihren Eltern. An dem Tag, an dem Bente vom Fahrrad fällt und ins Krankenhaus kommt, ist es nicht nur ihr verletzter Finger, der geheilt werden muss, sondern auch Wunden ganz anderer Art. Einfühlsam beschäftigt sich Anna Woltz mit dem Thema Scheidung und zugleich damit, den Glauben an die Liebe nicht zu verlieren. In den Niederlanden erhielt Gips den Gouden Griffel (2016) – einen der wichtigsten niederländischen Literaturpreise für Jugendliteratur.  

Woltz, Anna: Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte.

Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Carlsen, Hamburg 2016.
174 Seiten. 10,99 €
ISBN 978-3-551-55676-9.
Empfohlen ab 10 Jahren.

 Inhalt

Felicia – seit kurzem möchte sie nur noch Fitz genannt werden – ist zwölf Jahre alt. Vor einer Woche haben sich ihre Eltern scheiden lassen. Ihre Wut und Trauer darüber muss sie allerdings für einen kurzen Moment beiseite schieben, denn ihr Vater ist soeben mit ihrer kleinen Schwester Bente vom Fahrrad in den Schnee gestürzt. Die scharfen Kufen vom Schlitten, den sie auf dem Arm trug, haben ihr eine Fingerkuppe abgetrennt. Schnell fahren sie in die Notaufnahme, die Mama treffen sie erst dort, denn ihre Eltern leben nun getrennt und heute waren Fitz und Bente beim Papa in seiner neuen Wohnung. 

In Behandlungsraum 9 ist die vierköpfige Familie wieder vereint – die Familie, die keine mehr ist. Fitz braucht Abstand und wandert durch das Gebäude, auf der Suche nach einem Platz, an dem sie in Ruhe alleine sein kann. Doch stattdessen trifft sie auf Adam, der, genauso wie Fitz, kein Patient ist. Sein neugeborener Bruder liegt auf der Frühchenstation. Außerdem begegnet sie Primula, der Fitz dringend beibringen soll, wie man sich verhält, wenn man nicht krank ist. Denn nach ihrer Herz-OP und dem langen Aufenthalt im Krankenhaus, hat sie Angst nicht mehr zu wissen, wie man sich als normales Schulkind benimmt. Zu dritt wollen sie Yasmin mit Dr. de Gooier verkuppeln, denn die hübsche Krankenschwester ist heimlich in den Oberarzt verliebt. Aber da ist auch noch Bente, die sie braucht, und plötzlich ist auch Papa ein Patient. Mama muss bei Papa bleiben, auch wenn sie ihn nicht mehr liebt und Fitz passt auf ihre Schwester auf. Mit den Gedanken ist sie aber bei ihrem Vater und auch bei Adam, denn er will ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen. Eigentlich möchte sie von Liebe gar nichts mehr wissen, lieber würde sie in einen aktiven Vulkan springen. Oder etwa doch nicht?  

 

Kritik

Fitz steht im Türrahmen vom Behandlungszimmer, in dem Bente darauf wartet, dass ihre Fingerkuppe wieder angenäht wird. Mama ist endlich da und nicht nur sie, auch das Buch Hundertundein Dalmatiner von Oma. Das neunjährige Mädchen liegt mit ihrer Mutter auf dem Bett und bekommt vorgelesen, während der Vater still in der anderen Ecke sitzt. Der Anblick bricht Fitz das Herz. Jemand anderes würde vielleicht denken, sie seien eine glückliche Familie. Aber Fitz weiß es besser. 

Durch die Scheidung ihrer Eltern ist Fitz‘ Welt aus den Fugen geraten. Sie muss sich nun mit all den Veränderungen auseinandersetzen, die mit der Trennung einhergehen. Und dies lässt sie ihre Eltern spüren. Gleichzeitig hat sie den Glauben an die Liebe verloren. Bente und Primula hingegen schwärmen für ihre Ärzte, und Yasmin und Dr. de Gooier brauchen offensichtlich Hilfe, um zueinander zu finden. Zum Glück hat Primula genug Arztserien gesehen und weiß genau, was zu tun ist. Denn in jeder Arztserie geht es nicht nur um die Patienten und ihre Verletzungen und Operationen, sondern vor allem um die Beziehungen der Protagonisten zueinander – es entstehen Freundschaften und Liebesaffären und einer Krankenschwester ist es gestattet sich in den Oberarzt verlieben. Romantik darf in keiner Arztserie fehlen, denn Liebe bedeutet Hoffnung und die brauchen Fitz, Bente, Primula und Adam ganz dringend. Doch Gips ist viel besser als jede Arztserie – mit viel Gefühl, aber ohne Kitsch, schildert Anna Woltz die Geschichte eines Mädchens, das im Wechselbad der Gefühle steckt und mit zwölf Jahren und drei Wochen ein ganzes Stück erwachsener sein muss als mit zwölf Jahren und zwei Wochen. Fitz hat mit ihrer Wut zu kämpfen und macht ihr dadurch Luft, dass sie sich ihren Zorn auf die Stirn schreibt. Am Morgen vor dem Fahrradunfall von Bente und ihrem Vater, hatte sie sich mit dem Permanentmarker, der zum Beschriften der Umzugskartons gedacht war, "MAMA SOLL STERBEN" auf Stirn und Wangen gemalt. Deshalb muss sie auch eine Tigermaske aufziehen, als sie in die Notaufnahme fahren. Damit niemand lesen kann, was ihr – wortwörtlich – im Gesicht geschrieben steht. Symbolisch gesehen, spiegelt das Gesicht die seelischen Empfindungen wider, die Mimik verrät, als zentraler Bestandteil der Körpersprache, die Gefühlslage. Mit dem Satz "MAMA SOLL STERBEN" unterstreicht das Mädchen ihre Wut, denn ihre Mimik alleine reicht nicht aus – beides muss unter einer emotionsneutralen Maske verborgen werden. 

Das Verhältnis zu ihrer Mutter ist stark angegriffen. Fitz wirft ihr vor, dass sie froh sei, ihre Kinder nun drei Tage die Woche los zu sein, um wieder "sie selbst" (S. 37) sein zu können. Ihren Vater hingegen sieht sie eher als Opfer der Trennung. Von beiden Elternteilen fühlt sie sich gleichermaßen im Stich gelassen. Die Maske, die zunächst ihre Schmiererei verdecken soll, entpuppt sich als Schutzpanzer, hinter dem sie sich verstecken kann. Diese unterschiedlichen Gefühlslagen gibt Anna Woltz sehr eindringlich und überzeugend wieder. 

Die erzählte Zeit beschränkt sich auf nur wenige Stunden an einem Wintertag. Hier geht es aber nicht nur um die Scheidung der Eltern oder den Unfall von Bente, sondern auch um Freundschaft, Familie, Wut und Enttäuschungen. Um den Schnee und um das erste Verliebt-sein. Adam fallen nicht nur seine Haare so schön ins Gesicht, er ist auch der erste Junge, mit dem sich Fitz je so lange unterhalten hat. Auch wenn sie es zunächst nicht wahrhaben will, sie hat sich verliebt. Zumindest für einen einzigen Tag und wer weiß, wie der nächste aussieht. Aber das wird fürs erste der Fantasie des Lesers überlassen, denn der Roman endet offen. Das muss jedoch so sein; es erscheint als logische Konsequenz, dass mit Abschluss des Tages die Handlung aussetzt, ohne die/den Rezipient/in dabei unbefriedigt oder mit unbeantworteten Fragen zurückzulassen. 

 Woltz beschreibt und erzählt nicht nur gefühlvoll, sondern stets mit Witz und Charme. Raffiniert geht sie mit Themen um, die eigentlich schwer zu erklären sind.

 "Vorsichtig schaue ich zu Adam. Seine Haare hängen ihm vor den Augen und sein Gesicht ist starr. Vielleicht bekommt man in den höheren Klassen ja sogar Training darin: Wie gucke ich, als wäre mir die gesamte Welt vollkommen egal. In einem halben Jahr bekomme ich bestimmt auch so ein Training. Bis es so weit ist, brauche ich manchmal eine Tigermaske." (S. 84f.)

Scheinbar mühelos bringt die Autorin mit wenigen Sätzen zum Ausdruck wie es ist, wenn man sich am liebsten verstecken und niemanden an sich heranlassen möchte. Gleichzeitig deutet sie diese Fähigkeit als Aspekt der Pubertät. Adam ist einige Jahre älter als Fitz und versteht es bereits, sich hinter einer Maskerade zu verstecken, das zwölfjährige Mädchen braucht dafür noch ein Hilfsmittel – eine tatsächliche Maske. 

Fazit 

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Fitz, Bente und ihre Eltern irgendwie doch noch eine Familie sind. Woltz hat mit Gips ein Kinderbuch geschrieben, das sich dem schwierigen Thema Scheidung widmet und dabei immer genau den richtigen Ton trifft. Mit viel Humor und Authentizität lässt sie die Ich-Erzählerin agieren. Trotz ihrer Wutausbrüche – oder gerade deshalb – fällt es leicht, sich mit ihr zu identifizieren. Einzig an die Faszination für Bentes Wunde, die bisweilen etwas eklig und sehr plastisch erscheint, muss man sich gewöhnen. 

Das Buch ist für Kinder ab zehn Jahren zu empfehlen, aber auch als Erwachsene/r macht das Lesen Spaß. Die Sätze sind kurz und treffend, des weiteren verzichtet der Roman gänzlich auf medizinische Fachbegriffe und erklärt alles kindgerecht. Den Tonfall der Originalsprache hat Andrea Kluitmann gekonnt getroffen, die Übersetzerin erhielt für ihre Arbeit schon vor zehn Jahren den Deutschen Jugendliteraturpreis. Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte wurde bereits mit dem Katholischen Kinder- und Jugendpreis geehrt. Völlig zu Recht gehört Anna Woltz’ Roman auch in die Reihe der Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2017. Die diesjährige Jury begründet diese folgendermaßen und bringt es damit genau auf den Punkt: "[…] eine turbulente und hoch emotionale Geschichte mit vielen Wendungen, an deren Ende die Erkenntnis steht, dass zur Liebe wie zum Leben auch das Risiko der Enttäuschung gehört." 

 


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