von Kirsten Kumschlies

Das Wunderreich von Nirgendwo reist als Ladengeschäft durch Raum und Zeit – voller Geheimnisse und bevölkert von magischen Schaustellern. Eine herrliche Kulisse für den Außenseiter Daniel Holmes, der hier als Lehrling aufgenommen wird und sich plötzlich in einer Welt voller Abenteuer und Zauber wiederfindet. Der britische Autor Ross Mackenzie rekurriert mit diesem Kinderroman auf klassische Texte der kinderliterarischen Fantastik und wurde dafür bereits mit dem Blue Peter Best Story Award 2016 sowie dem Children´s Book Award im selben Jahr ausgezeichnet.

Mackenzie, Ross: Das Wunderreich von Nirgendwo.

Aus dem Englischen von Anne Brauner.
Stuttgart, Freies Geistesleben 2017.
366 Seiten. 19,00 €
ISBN 978-3-7725-2799-9.
Empfohlen ab 11 Jahren.

Inhalt

Wie Bastian Balthasar Bux in Michael Endes Unendlicher Geschichte stolpert Daniel Holmes auf der Flucht vor einer Bande in einen magischen Laden in Glasgow. Genau wie Karl Konrad Koreander liest der Ladeninhaber in einem Buch – aber, und das ist der Unterschied zum intertextuellen Verweis, er ist ein hübscher Mann und außerdem freundlich zu Daniel, dessen Geschichte sich nun nach und nach durch Analepsen aufrollt. Von dem Laden und dem Buch fühlt er sich wie magisch angezogen, und schon bald entfaltet sich deren Magie in vollen Zügen und dominiert den Handlungsrahmen des Kinderromans. Es handelt sich bei dem mysteriösen Geschäft um das titelgebende Wunderreich von Nirgendwo, bei dem Buch, das der Ladenbesitzer liest, um das "Buch der Wunder". Der Ladeninhaber heißt Lucien Silver und er erschafft tagtäglich neue Räume, reist mit seinem Geschäft durch Raum und Zeit, ist mal im Glasgow der Gegenwart, mal im Venedig von 1854. Bevölkert ist das wundersame Reich von magischen Schaustellern, die Blut aus Tinte haben. Der Laden verschwindet von heute auf morgen, und niemand kann sich im Nachhinein an ihn erinnern – mit Ausnahme von Daniel, denn dessen Erinnerung versagt sonderbarerweise nicht. Aus diesem Umstand schließt der Magier Lucien Silver, dass es sich bei dem Jungen um etwas Besonderes handeln muss, weshalb er ihn kurzerhand als Lehrling im Wunderreich aufnimmt. So beginnt auch für den Protagonisten eine magische Reise durch Raum und Zeit, bei der Daniel ein geisterhaftes Mädchen namens Ellie kennenlernt, das ihm zur Weggefährtin wird. Doch die Schatten der Vergangenheit werfen ihr unheimliches Licht auf das Wunderreich. Ein böser Antagonist aus Lucien Silvers Vergangenheit taucht auf und verfolgt Daniel und Ellie. Ein paralleler, analeptischer Handlungsstrang erzählt die Ereignisse aus Lucien Silvers Kindheit und Jugend und erklärt, warum das Wunderreich und seine Bewohner in tödlicher Gefahr sind...

Kritik

Der fantastische Roman folgt einem typischen Muster, das man aus der fantastischen KJL kennt. Der Text operiert mit einem klassischen Zwei-Welten-Modell von realistischer und fantastischer Ebene, wie es aus Klassikern wie der Unendlichen Geschichte oder Harry Potter bekannt ist – der intertextuelle Bezug zur Unendlichen Geschichte ist schon durch die Eingangsszene im ersten Kapitel deutlich erkennbar:

"'Wie bist du hereingekommen? Wir haben geschlossen!' 

Daniel zuckte zusammen. In der hintersten Ecke stand ein mächtiger Schreibtisch, dessen Füße zu Adlerklauen geschnitzt waren und an dem ein kleiner, gut aussehender Mann saß. Er trug einen verstaubten Anzug und die wild zerzausten Locken fielen ihm in die Stirn. Seine Hand schwebte mit einem Füllfederhalter über einem zerlesenen alten Buch, und als er Daniel musterte, hatten seine Augen die Farbe von Gewitterwolken.

'Tut mir leid', sagte Daniel. 'Ich wollte nicht stören, aber ich bin auf der Flucht.' Das Buch auf dem Schreibtisch zog ihn magisch an, zumal es auf dem körnigen dunklen Holz bebte, als wäre etwas in den Seiten verborgen, das unbedingt hinauswollte." (S. 19)

Durch die aufscheinende Intertextualität und durch die anachronistisch erzählte Handlung ermöglicht der fantastische Kinderroman durchaus eine anspruchsvolle Lesart, mit der er zuweilen vom altbewährten Schema abweicht. Viele Analepsen und Zeitsprünge bestimmen den Aufbau der Handlung. So spielt die Geschichte einmal im Glasgow der Gegenwart, in der es sowohl um Ereignisse auf fantastischer als auch auf realistischer Ebene geht, andererseits gibt es einen die Vergangenheit betreffenden Handlungsstrang, der Einblick in Kindheit und Jugend von Lucien Silver liefert und somit nach und nach die Motive des Antagonisten Mr. Sharpe offen legt, der den Protagonisten Daniel in der Gegenwart verfolgt. Hervorzuheben ist zudem die kunstvolle, paratextuelle Gestaltung des Romans. Die kurzen Kapitel sind gerahmt von dunklen, geheimnisvoll wirkenden Illustrationen, die auf ihre Art den Zauber des Wunderreichs von Nirgendwo unterstreichen: Immer wieder ist eine matt leuchtende Straßenlaterne vor einer dunklen Mauer in der Nacht zu sehen. Abschnitte werden unterteilt durch das Bild einer Elster, Inschriften in anderen Schrifttypen abgebildet.

So entfaltet der Roman durchaus eine eigene besondere Gestaltung des discours, während er auf der Ebene der histoire doch eher an Altbewährtes anknüpft und typische fantastische Muster abruft.

Kindern, die fantastische, magische Geschichten mögen, sei das Buch durchaus empfohlen, wobei die Lektüre durch die Anachronien nicht immer leicht ist und dem kindlichen Leser schon einiges an Konzentrationsvermögen abverlangt.

Fazit

Alter Wein in neuen Schläuchen? Bedingt. Ross Mackenzie beschreitet mit Das Wunderreich von Nirgendwo keine neuen, innovativen Erzählwege kinderliterarischer Fantastik, sondern knüpft an Tradiertes an – dies aber in durchaus kunstvoller, spannender und lesenswerter Weise. Ein schönes Leseerlebnis für alle Freunde der fantastischen Kinderliteratur ab 11 Jahren, die bereit sind, sich auf eine anachronistische Erzählweise einzulassen und sich vielleicht auch schon an der Entdeckung intertextueller Bezüge erfreuen möchten und können.


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