von Sindy Hildebrand

Neugier hatte ihn angetrieben. Es kribbelte ihn förmlich in den Fingern das berühmte Goldbarrenlager in Kentucky der Lächerlichkeit preiszugeben. Er tat es – einfach, weil er es konnte. "Mit den fast fünftausend Tonnen Gold in seinem Tresor hat sich Fort Knox den Ruf erworben, der sicherste Platz unserer Erde zu sein. Das heißt bis vor Kurzem." (S. 20)

Whyman, Matt: Inside the cage.

Aus dem Englischen von Michael Kohlhammer.
Gulliver von Beltz & Gelberg, Weinheim/Basel 2011.
384 Seiten. 8,95 €
ISBN 978-3-407-74250-6
Empfohlen ab 16 Jahren.

Inhalt

Sie kommen wie aus dem Nichts, auf dem Weg zum College. Carl Hobbes trifft es wie ein Schock. Polizeibeamte weisen ihn still und heimlich als Staatsfeind aus. Doch nicht ein Cent aus dem Tresor von Fort Knox interessierte Carl. Es ging ihm schlicht darum, das beste Sicherheitssystem der USA zu knacken:

"Was ich tat, hat keinem Menschen Leid zugefügt. Mein Verbrechen hat keine seelischen oder körperlichen Schäden verursacht, bei niemandem. Einige Leute wurden dabei sogar richtig reich, glaube ich. Man spricht davon, dass Millionen Dollars verschwunden sind. Jetzt zeigt man mit dem Finger auf mich, ich bin schuld. Ich habe sogar Gerüchte gehört, dass meine Taten Folgen gehabt hätten: Waffenhandel, Drogenhandel, ganz zu schweigen von hoch profitablen Mafiageschäften mit Essen auf Rädern und was nicht noch alles an Verbrechen und Ordnungswidrigkeiten. […] Kann ja sein, dass meine [Computer-] Anweisungen die Tore zu Amerikas legendärer Schatzkammer geöffnet haben, aber ich denke trotzdem nicht, dass ich ein Bankräuber bin – und ein feindlicher Kämpfer erst recht nicht." (S. 7)

Tausende Meilen von zu Hause entfernt, wird Carl in das Gefangenenlager Camp Twilight am Polarkreis gesteckt. In einen der stählernen Käfige, Scharfschützen und blutrünstige Hunde um und über ihm. Dort, wo allein schon die Kälte tödlich ist und Pistolenschüsse, brutale Verhöre oder Folter einen umbringen können. Carl, siebzehnjähriger Student der Computer-Wissenschaft – inmitten von Schwerverbrechern, Terrorverdächtigen und Serienmördern. Wie den weltweit meist gesuchten Söldner Christian McCoy, der Schmerz sowie Aufmerksamkeit genießt und bei dem Goldbarrengeschäft im Netz mitgemischt hat, oder dessen rätselhafter Gegenspieler Thomas Grimstad, der sich bei einem Black-Metal-Konzert in Norwegen in die Luft sprengen wollte. 

Als Carl mit dem Mädchen Beth Nelson, die der Mittäterschaft in der Goldbarrenaffäre bezichtigt wird, im gegenüberliegenden Käfig Kontakt aufnimmt, wird auch er misshandelt, obwohl die Geheimdienstagenten ihm Unversehrtheit versichert hatten. An eine schnelle Rückkehr in sein normales Leben ist nicht mehr zu denken. Die Lage scheint aussichtlos. Sie spitzt sich zu, als McCoy seinem Käfig entkommen und das gesamte Gefangenenlager unter seine Gewalt bringen kann. Carl und Beth sind entschlossen, den Terrorist aus Leidenschaft für immer unschädlich zu machen. Wird es ihnen gelingen, aus dem Käfig auszubrechen, Horror, Blutbad und ewiges Eis hinter sich zu lassen?

 Kritik

Teenager-Hacker, Gefangenlager, Terror ohne Ende: Inside the cage von Matt Whyman ist ein packender Thriller, der vorgibt auf wahren Begebenheiten zu beruhen: Vermeintliche Verbrecher in orangefarbenen Overalls werden auf Geisterflügen in zivilisationsferne extralegale Gefängnisse gebracht, in Käfige gepfercht und Folter jeglicher Art ausgesetzt. Sie haben kaum eine Chance auf Anhörung, Rechtsprechung oder Freilassung. Auch wenn diese von Staaten angeordneten Gesetzesverletzungen kaum an die breite Öffentlichkeit gelangen, so rufen die im Roman beschriebenen Figuren, Handlungen und Räumlichkeiten Assoziationen mit dem wohl bekanntesten Gefangenlager der Gegenwart und den dortigen Haftbedingungen hervor: GTMO – Guantánamo, das zum Marinestützpunkt der US Navy in der gleichnamigen Bucht auf Cuba gehört. Das Ursprungslager Camp X-Ray bestand tatsächlich aus von allen Seiten einsehbaren, in der prallen Sonne stehenden Käfigen, die den Inhaftierten jegliche Privatsphäre nahmen (engl. X-Ray: Röntgenstrahlen). 

Whyman, britischer Schriftsteller und Kolumnist für Jugendmagazine, verortet die fiktionale black site [Geheimgefängnis außerhalb der Rechtszone] genau ins entgegengesetzte Extrem: arktische Eiseskälte, wo die Sonne selten über den Horizont steigt. Der britische Jugendliche Carl landet in Camp Twilight, weil ihm seine Leidenschaft zum Verhängnis geworden ist: Um seine Fähigkeiten auszuloten und Regeln wie Verbote zu überschreiten, knackt er mit seinem PC Sicherheitscodes. Wie die meisten Hacker will er damit weniger anderen schaden, als zeigen, wie durchlässig, unmenschlich oder überflüssig Sicherheitssysteme sein können. Doch während seines digitalen Einbruches in das hochgeschützte US-amerikanische Goldlager Fort Knox verschwinden tausende Goldbarren. Minutiös und schonungslos beschreibt Carl seinen Weg in die weiße Hölle und die Zeit im Lager. Gleich welcher Tat sie beschuldigt werden, gleich welchen Alters oder welcher Herkunft sie sind, alle Inhaftierten werden unzumutbaren Bedingungen ausgesetzt, grausam und unwürdig von Wärtern behandelt, die durch ihr Verhalten nicht weniger verbrecherisch sind als die vermeintlichen Gewalttäter selbst. Durch die Ich-Perspektive, das Erzählpräsens sowie die klare, vom Wortballast befreite Sprache zieht Whyman den Leser direkt in das Romangeschehen hinein: 

 

"Mir ist ganz übel, wenn ich meine Situation hier so betrachte. Noch vor Stunde habe ich damit gerechnet, mit der nächsten Maschine nach Hause zu fliegen. Jetzt werde ich den Gedanken nicht los, dass ich hierbleiben muss, bis ich verfaule. Einer der Wärter selbst hatte gesagt, dass ich quasi tot sei. […] Das unerträglich starke Licht und die Schreie aus dem Nebenzimmer bewirken, dass ich völlig desorientiert bin. […] Das und die brutalen Lichtblitze, die jetzt in immer schnelleren Abständen in einer Stärke auf mich einprasseln, dass sie mir wie Scherben in die Augen schneiden, machen mir klar, dass dieses Schreckensszenario mich zerbrechen soll." (S. 223-226)

 

Die brutalen und entwürdigenden Behandlungen, die Carl physisch wie psychisch selbst erfährt, beobachtet und reflektiert, werden so unerträglich hautnah spürbar. Die rasante Aufeinanderfolge krasser, aber doch glaubwürdig geschilderter Ereignisse – in 44 Kapiteln werden knapp fünf Tage erzählt – wird durch Rückblenden, Verhörsituationen und Momente der Reflexion entschleunigt, wobei sich die Spannung, die der Autor zu schaffen weiß, bis zum Romanende nicht verliert. Dieses selbst bleibt offen und lässt den Leser mit der Frage zurück: Wie wird man unter so unwirtlichen Verhältnissen auch outside the cage, weit ab von der Zivilisation, überleben können?

Fazit

Inside the cage (engl. Ersterscheinung 2007) überzeugt nicht nur durch das außergewöhnliche Setting, die straffe Handlungsführung und die angemessene Ausgestaltung dubioser Charaktere, es stößt auch an, über Menschlichkeit, Menschenwürde und Schuld nachzudenken sowie über Sicherheits- und Bestrafungsmaßnahmen, die nicht nur von diktatorischen Systemen im mehr oder weniger Stillen und Dunklen unterhalten werden. Matt Whymans Jugendbuch muss man in einem Zug lesen, um die Rasanz und Tragweite der Ereignisse fassen zu können. Da an Brutalitäten und Grausamkeiten nicht gespart wird, kann der Roman frühestens ab dem 16. Lebensjahr empfohlen werden. Wer wissen möchte, wie es mit dem Hacker Carl weitergeht, dem liegt mit Goldstrike seit 2010 der Fortsetzungsroman in deutscher Übersetzung vor.


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