Von Hadassah Stichnothe

Zwei Jungen, ein Hund namens Adolf und ein in seiner Heimat gesuchter Schriftsteller, die sich auf einen "Spaziergang" über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien aufmachen. Im Sommer 1941 ist das jedoch kein harmloses Abenteuer, sondern bitterer Ernst. Rüdiger Bertram schildert in Der Pfad auf anschauliche Weise die Flucht deutscher Exilanten vor den Nazis.

Bertram, Rüdiger: Der Pfad. Die Geschichte einer Flucht in die Freiheit.
cbj, München 2017.
240 Seiten. 12,99 €
ISBN 978-3-570-17236-0
Empfohlen ab 12 Jahren

Inhalt

Marseille 1941: Rolf und sein Vater Ludwig Kaiser sind vor den Nazis nach Frankreich geflohen. Als Schriftsteller, der sich immer wieder gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hat, steht Ludwig auf einer der "schwarzen Listen" der Nazis und muss in Deutschland um sein Leben fürchten. Nun, da die Deutschen immer näher rücken, ist auch der unbesetzte Teil Frankreichs nicht länger sicher. Rolfs Mutter Katja ist bereits nach Amerika emigriert und dorthin wollen auch Ludwig und Rolf so schnell wie möglich gelangen. Da der direkte Weg bereits versperrt ist, entschließen sich Ludwig und Rolf, den Fußmarsch über die Pyrenäen nach Spanien zu wagen. Von dort aus wollen sie sich bis nach Lissabon durchschlagen, von wo es eine Schiffsverbindung nach New York gibt. Ausgestattet mit gefälschten Papieren und einer Kontaktadresse machen sich die beiden auf den Weg. Mit von der Partie ist auch Katjas geliebter Terrier, dessen Name Adi (für Adolf) allerdings ein ums andere Mal für Probleme sorgt. In Banyuls-sur-Mer werden Rolf und Ludwig von einem österreichischen Paar aufgenommen, das sie mit dem Nötigsten für die Flucht ausstattet und ihnen außerdem Manuel vorstellt. Der spanische Junge hat schon viele deutsche Flüchtlinge über die Pyrenäen geführt und soll auch Rolf und seinen Vater sicher auf die spanische Seite bringen. Allerdings macht er es zur Bedingung, dass die beiden Adi zurücklassen, da der Hund in den Bergen ein unkalkulierbares Risiko darstellt. Rolf will sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden und es gelingt ihm, den mit Whiskey ruhiggestellten Adi solange in einer Tasche verborgen zu halten, bis es für eine Umkehr zu spät ist. Als die Flüchtenden jedoch auf eine Gruppe deutscher Soldaten trifft, geschieht das Unglück: Adi verrät die Flüchtenden und Rolfs Vater wird verhaftet. Nun sind Rolf und Manuel auf sich allein gestellt. 

Kritik

Rüdiger Bertram gelingt es, die zum historischen Verständnis notwendigen Informationen in den Text einfließen zu lassen ohne dass diese den Lesefluss stören oder gar belehrend wirken würden. Der jugendliche Lesende erfährt auf diese Weise viele Dinge über die Lage der deutschen Flüchtlinge in den 1940er Jahren, die nicht unbedingt Teil des Schulunterrichts sind. Insbesondere die Situation der Intellektuellen, Künstler und Schriftsteller wird anschaulich geschildert, aber auch auf die in Deutschland verbliebenen Künstler verwiesenen. Unter ihnen wird besonders Erich Kästner hervorgehoben, dessen Roman Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee als Lieblingsbuch des Protagonisten eine wichtige Rolle in Der Pfad spielt. Durch diese Form markierter Intertextualität wird zudem der Bogen zur Kinderliteratur des Handlungszeitraums geschlagen.

Der Hauptteil des Romans ist umrahmt von zwei Comicseiten, die als visueller Pro- bzw. Epilog der Diegese dienen. Auf den ersten Seiten wird so die politische Lage in Deutschland und Frankreich 1941 dargestellt. Am Schluss des Romans erfährt der Lesende schließlich, wie es mit Rolf und Manuel weitergeht.

Der Autor erzählt sparsam, Figuren und Handlungsschauplätze werden meist mit wenigen Worten skizziert. Während dies zum einen den Roman davor bewahrt, in Betroffenheitskitsch abzurutschen, ist diese Erzählökonomie an anderer Stelle so reduziert, dass der Handlungsablauf fast schematisch wirkt. Einzelne Gegenstände, aber auch Figuren werden von Bertram in der Regel nur erwähnt, wenn sie eine bestimmte, klar erkennbare narrative Funktion haben: Die Whiskeyflasche des Vaters dient dazu, Adi zum Schlafen zu bringen, damit Rolf ihn unbemerkt auf den Weg nach Spanien mitnehmen kann. Ein Schwarm Bienen inspiriert Manuel zwangsläufig dazu, Honig holen zu wollen, der wiederum unweigerlich einen einäugigen Bären anlockt usw. Die Begegnung mit der Partisanin Esther wiederum dient dazu, Manuel die Information zu geben, dass seine Eltern –, die ihr selbstverständlich bekannt sind, – noch leben und als Widerstandskämpfer regelmäßig nach Lourdes kommen.

Die Reduzierung der erzählten Welt auf narrative Funktionselemente geht so letztlich auf Kosten des "Wirklichkeitseffekts", der sich erst dann einstellt, wenn auch für die Handlung überflüssige Details Erwähnung finden.

Im Fokus der Handlung steht die Flucht der beiden Jungen, die beide auf der Suche nach ihren Eltern sind und beide schwierige moralische Entscheidungen treffen müssen. Das "gut oder böse"-Spiel, bei dem Rolf und sein Vater zu erkennen versuchen, ob ein zufällig ausgewählter Mensch "gut" oder "böse" ist, wird im Verlauf des Romans immer fragwürdiger. Ist es am Anfang ein spielerischer Umgang mit der lebensnotwendigen Fähigkeit, Nazis rechtzeitig zu entdecken, wird schließlich die Unzulänglichkeit dieses simplen Dualismus deutlich:

"'Das ist ein Guter.' Rolf zeigte auf einen alten Mann, der tief gebeugt vorbeilief und im Gehen ein Buch las.
'Woher willst du wissen?', fragte Manuel.
'Er hat ein Buch dabei', erwiderte Rolf.
'Gibt böse Bücher auch. Buch beweist gar nichts.' Manuel deutete auf einen Polizisten, der ein Notizbuch in der Hand hielt und eine alte Frau zusammenstauchte, die mit ihrem Handkarren den Weg versperrte. 'Böse.'
'Stimmt, aber das war auch kapital leicht.'
'1:0 für mich. Ich mag Spiel obwohl dumm.'
'Warum?'
'Weil nicht alles gut oder böse nur', erklärte Manuel. 'Manchmal Mensch gut und dann selbe Mensch auch böse. Und umgekehrt. Nicht immer einfach zu sagen, wer böse. Schwierig zu sagen.'" (S.187/188)

Rolf muss schließlich erkennen, dass Manuel Recht hat. So hat dieser ihn zwar belogen, dies aber nicht aus niederen Beweggründen getan, sondern in der Hoffnung, auf diese Weise seine Eltern wiederzufinden. Trotz einiger Schwächen, zu denen auch der klischeehaft wirkende Akzent von Manuel gehört, vermittelt der Roman auf spannende Weise ein Stück Zeitgeschichte. Dazu gehört auch, dass es für die Protagonisten kein restlos glückliches Ende gibt. Es gehört zu den Qualitäten dieses Romans, dass er seinen Leserinnen und Lesern diese Erkenntnis nicht erspart.

Fazit

Der Pfad bietet einen fundiert Einblick in die Lage deutscher Flüchtlinge in Frankreich und diskutiert die Fragen von Schuld und moralischer Verantwortung, wobei die ästhetische Gestaltung etwas in den Hintergrund tritt. Ein Roman für historisch interessierte Leserinnen und Leser ab 12 Jahren, denen ein realistisches Zeitporträt wichtiger ist als ein glattes Happy End.

Diesen Roman können Sie im Rahmen unserer Adventskalender-Aktion bei einer Verlosung gewinnen. Schreiben Sie uns hierzu eine eMail mit Ihrem Namen, Ihrer Adresse und dem Titel des Buches am 10.12. an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

Erstveröffentlichung: 28.11.2017


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