von Michael Fassel 

Manuel weiß weder, wo er sich befindet, noch wer er eigentlich ist. Zunächst alleine mit einer merkwürdigen Computerstimme, die ihm nur wenige Fragen beantworten kann, taucht sein Vater auf – als Avatar. Durch einen Unfall sei Manuel ins Koma gefallen, könne aber in der virtuellen Welt überleben, behauptet der Vater. Doch das wirft neue Fragen auf. Ist der Mann überhaupt sein Vater? Und wer ist Manuel?

Olsberg, Karl: Boy in a White Room.
Loewe, Bindlach 2017.
283 Seiten. 14,95 €
ISBN 978-3-7855-8780-5.
Empfohlen ab  16 Jahren.

Inhalt

Als Manuel in einem weißen Raum aufwacht, ist er desorientiert und weiß nicht, wer er eigentlich ist. Lediglich die Computerstimme Alice hat Kontakt zu dem hilflosen Jungen. Durch das Internet eröffnet sie ihm Einblicke in eine Welt, die Manuel für die reale Welt hält. Für ihn sind die geistigen Ausflüge, die er mittels einer Drohne unternimmt, nur ein ablenkender Zeitvertreib. Stärker beschäftigt ihn die Frage, wer er ist und wie er hierher gekommen ist. Ein Mann namens Henning Jaspers, der sich als Avatar für seinen Vater ausgibt, erzählt Manuel die Vorgeschichte: Er sei bei einem Überfall so schwer verletzt worden, dass er ins Koma gefallen ist. Sein Geist habe sich vom Körper getrennt und kann nun mittels hochmoderner medizinischer Technik virtuell überleben.

Sein vermeintlicher Vater jedoch verstrickt sich in Widersprüche, so dass Manuel misstrauisch wird. Offenbar ist der Mann, der sich als sein Vater ausgibt, ein Programmierer, der eine Schnittstelle zwischen Hirn und Computer entwickelt. Manuel hinterfragt die Aussagen dieses Mannes kritisch und sucht in jenen Menschen, zu denen er über das Internet Kontakt gefunden hat, Verbündete, die ihm helfen, endlich seine Identität zu finden. Zusammen mit dem ehemaligen Kollegen Jaspers‘ und Programmierer Marten Raffay sowie mit Julia will er das virtuelle Gefängnis endlich verlassen. Doch bald wird ihm klar, dass auch dieser Fluchtversuch nichts anderes als eine Simulation ist.

Völlig enttäuscht wacht Manuel wieder im weißen Raum auf. Eine Wissenschaftlerin schafft endlich Klarheit: Manuel ist kein Mensch, sondern eine Maschine, die durch künstliche Intelligenz mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet worden ist. Nun erfährt er auch, dass er sich im Jahre 2057 befindet, in einer Zeit, in der die Maschinen, die sogenannten Titanen, die Welt beherrschen. Manuel soll mit seinen künstlich konzipierten Eigenschaften die Verbindung zwischen der biologischen und der digitalen Welt herstellen.

Kritik

Von der ersten Seite an schafft Autor Karl Olsberg, der über das Thema künstliche Intelligenz promoviert hat, eine beklemmende Atmosphäre, die die Hauptfigur Manuel umgibt. Desorientiert wacht der Protagonist in einem weißen Raum auf und kann sich an nichts erinnern. Manuel ist zugleich der Ich-Erzähler der Handlung, so dass die Leser/innen die beklemmende Stimmung, die ihn umgibt, unmittelbar miterleben:

"Ich durchmesse den Raum mehrmals mit gleichmäßigen Schritten – es sind gerade mal fünf von einer Seite zur anderen –, doch obwohl sich die Distanz nicht verändert, bleibt der Eindruck, dass ich immer weniger Platz habe. Der Sauerstoff scheint knapp zu werden" (S. 12).

Die interne Fokalisierung hat in diesem Roman insofern einen Mehrwert, als wir mit Manuel die Lügen und die Simulation einer vermeintlich realen Welt geradezu hautnah mitempfinden. Auch versucht man als Leser/in mit den gelieferten Puzzleteilen Stück für Stück Manuels Vergangenheit und Identität zu klären. Nachdem klar ist, dass der Verstand des Ich-Erzählers virtuell gelenkt wird und dass selbst die konstruierte Vorgeschichte nur eine Lüge ist, kommen große Zweifel auf. Für die Leser/innen entpuppt sich der jugendliche Protagonist zunehmend als unzuverlässiger Erzähler, der um die neu gewonnenen Erkenntnisse betrogen wird. Es handelt sich dabei insofern um unzuverlässiges Erzählen, als Manuels Aussagen nicht der Realität entsprechen: Alle angenommenen Ausflüge, die er innerhalb seines virtuellen Gefängnisses unternimmt, sind – wie sich letztendlich herausstellt – auch nur Simulationen. Insofern haben wir es mit der Simulation in der Simulation zu tun. Dies erfordert eine aufmerksame Lektüre der spannenden, aber anspruchsvollen Geschichte mit erkenntnistheoretischem Gehalt. Ein Zitat von Descartes wird dem Haupttext vorangestellt, womit der Handlungsverlauf insofern antizipiert wird, als Manuel später tatsächlich glaubt, der Descartessche Dämon existiere wirklich und täusche eine Welt vor, die es gar nicht gibt. Dieses Zitat von 1641 ist in Olsbergs dystopischem Jugendroman aktueller denn je, da es tatsächlich möglich ist, Menschen per virtueller Steuerung zu täuschen. Manuel scheint sich dieser Täuschung bewusst zu sein:

"René Descartes beschloss, alles anzuzweifeln, und stellte sich dafür einen allmächtigen Dämon vor, der ihm die Welt nur vorgaukelte. Doch er glaubte nicht, dass es wirklich so war – für ihn war es nur ein Gedankenspiel. Für mich ist es dagegen bittere Realität" (S. 137).

Allmählich kristallisiert sich Manuels Ausweglosigkeit aus der Welt der Lügen heraus. Er erlebt eine Enttäuschung nach der anderen. Die größte wartet jedoch am Ende des Romans auf ihn, denn Manuel entpuppt sich als Kopie eines verstorbenen Menschen, die man mit menschlichen Eigenschaften versehen hat. Erst in den letzten vier Kapiteln wird sowohl Manuel als auch den Leser/innen der zeitliche Kontext – das Jahr 2057 – offenbart: Die Maschinen sind dank ihrer künstlichen Intelligenz so selbstständig, dass sie von den Menschen nicht mehr kontrolliert werden können. Dieses apokalyptisch anmutende Szenario wird nach einem ohnehin komplexen Handlungsverlauf für jugendliche Leser/innen zu schnell abgehandelt. Auf den letzten 35 Seiten herrscht eine immense Informationsdichte, die es zu verarbeiten gilt, bevor die Handlung abgeschlossen wird. Zudem gibt es Verweise auf Darwins Evolutionstheorie und auf das Mooresche Gesetz:"'Gordon Moore […] hat es 1965 formuliert' , gebe ich Wissen wieder, von dem ich immer noch keine Ahnung habe, wie es in mein Gedächtnis kommt. 'Demzufolge verdoppelt sich die Dichte der Elemente eines integrierten Schaltkreises bei gleichbleibenden Herstellungskosten alle ein bis zwei Jahre.'" (S. 249) Spätestens hier ist eine enorme literarische Verstehenskompetenz gefragt, um den Roman bis zur letzten Seite folgen zu können.

Am Ende fragt man sich als Leser/in, ob der Mensch Manuel wirklich einmal existiert hat, wie die Wissenschaftlerin behauptet. Und wird die Welt tatsächlich von Maschinen beherrscht? Schlussendlich bleiben Zweifel, die man nach der Lektüre aushalten muss. Das ist eine Stärke des Romans, der philosophische Fragen wie "Wer bin ich?" im Kern berührt und nicht den heiklen Versuch wagt, auf solche Fragen eine einfache Antwort zu geben.

Fazit

Karl Olsberg gelingt mit Boy in a White Room ein spannender Thriller, der durch eine beklemmende Atmosphäre und einem reflektierten jungen Protagonisten besticht. Aufgrund des sehr anspruchsvollen Handlungsverlaufs und eines komplexen dystopischen Szenarios ist der Roman ab frühestens 16 Jahren geeignet.

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

 


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