von Adienne Karsten

Martin Schäuble entwickelt in Endland ein spannendes und zugleich beklemmendes Gedankenspiel: Was wäre, wenn eine nationalistische Partei die Wahlen gewinnen würde? Wie sähe dieses Deutschland aus? Was würde mit Flüchtlingen geschehen? Aus drei verschiedenen Perspektiven schildert der Autor dieses dystopische und frappierenderweise nicht unrealistische Szenario.

Schäuble, Martin: Endland.
Hanser Verlag,München 2017.
224 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-446-25702-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

In Deutschland bildet die rechtsnationale Partei "Nationale Alternative" die Regierung, die Schulpflicht und die Arbeitslosenhilfe wurden abgeschafft, konservative Rollenbilder bestimmen die Gesellschaft und die Atomkraft ist wieder auf dem Vormarsch. Soldaten beschützen die Grenzmauer, die das Land vor "Invasoren" abschirmt. 

Einer dieser Soldaten ist Anton, der sich mit den Zielen der Regierungspartei stark identifizieren kann. Sein bester Freund Noah, der mit ihm in einer Truppe ist, hinterfragt jedoch die rückständigen und menschenfeindlichen Ideen. Bei einem nächtlichen Einsatz am Grenzzaun schießt Noah nicht, wie es der Befehl eigentlich vorsieht, auf eine Gruppe von Flüchtlingen, sondern zielt auf die Baumkronen über ihnen. Spätestens jetzt wird Anton klar, dass Noah ein doppeltes Spiel spielt. Tatsächlich gehört Noah einer geheimen, linken (Hacker-)Gruppe an.

Als beide am Wochenende auf Heimaturlaub sind, bekommt Anton mitten in der Nacht einen Anruf von seinem Offizier. Er wurde von ihm ausgewählt, eine besondere Mission zu erfüllen, als Belohnung winkt eine Dienstverlängerung. Bei der Einführung in die Geheimaktion ist auch ein Funktionär der "Neuen Nationalen Alternative" involviert. Ihm ist die Vorgehensweise der Nationalen Alternative zu lasch, statt ewiger Diskussion müssten Taten folgen. Anton scheint ihm der Richtige für die Umsetzung dieser Ideen zu sein: Er soll sich als Flüchtling ausgeben und ins letzte noch bestehende Aufnahmelager eingeschleust werden. Anton, dessen Mutter Alkoholikerin ist und dessen Vater die Familie verlassen hat, scheint das richtige Bauernopfer für diese Mission zu sein, freut er sich doch nur auf seine Beförderung und hinterfragt die Methoden seines Offiziers und des Funktionärs scheinbar nicht.

Der Junge wird über das Ziel dieser Aktion weitgehend im Dunkeln gelassen und erfährt nur etappenweise vom weiteren Vorgehen. Die aufmerksamen LeserInnen ahnen jedoch bereits, dass Anton an dem im Prolog geschilderten Attentat beteiligt ist, bei dem es 150 Verletzte und 94 Tote geben wird. Als Ukrainer getarnt, landet er bei seiner "Flucht" in einem Kühltransporter, eingepfercht mit zahlreichen Flüchtlingen, ohne Wasser und Nahrung. Hier trifft Anton auf Fana, eine junge Frau aus Äthiopien. Ihr tritt er zunächst sehr skeptisch gegenüber, ist aber froh über ihre Hilfe. Mit dieser Begegnung beginnt Antons Wandlung und es entstehen bei ihm zunehmend Zweifel an den Vorurteilen gegenüber "Invasoren". Fana berichtet von ihrem Wunsch, in Deutschland Arbeit zu finden und erzählt von der Klimakatastrophe und der daraus resultierenden Hungersnot, die ihr Heimatland heimgesucht haben. 

Peu à peu erfährt Anton mehr über das Ziel seiner Operation: Ein ukrainischer Flüchtling (also Anton selbst) soll einen Anschlag verüben und so viele Menschen wie möglich mit in den Tod reißen. Dadurch könne man, so sein Offizier, die Lager komplett schließen und das Grundrecht auf Asyl abschaffen – man wisse ja spätestens jetzt, dass Flüchtlinge tickende Zeitbomben seien. Hierzu bedürfe es jedoch einer Änderung des Grundgesetzes und für dieses Vorhaben müsse man die Altparteien ins Boot holen. Der Offizier hat Anton in der Hand und erpresst ihn mit geheimen Aufnahmen, die zeigen, wie er und Noah sich küssen.

Gemeinsam mit Fana, in der Anton nun eine Verbündete gefunden hat, entwickelt er einen Plan, um die Explosion zu verhindern. Doch es kommt anders als geplant, und die Bombe geht zu früh los, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte. Dennoch gelingt es Anton und Fana, den wahren Drahtzieher bloßzustellen. Es gibt Neuwahlen, bei denen der Großteil der Bevölkerung die Nationale Alternative nicht länger unterstützt. Noah und Anton gelten nach dem gefakten Attentat als Staatsfeinde, sie müssen fliehen und landen mithilfe von Noahs Hacker-Netzwerks in Äthiopien, wo sie so schnell niemand vermuten wird. 

 

Kritik

Die Idee, ein Deutschland nach dem Wahlsieg einer rechtsnationalen Partei zu skizzieren, ist äußerst spannend und bietet den idealen Stoff für ein politisches Jugendbuch. Das Buch zeigt, wie es beispielsweise in totalitären Regimen zugegangen wäre, wenn moderne Kommunikationsmethoden zur Verfügung gestanden hätten, zum Beispiel Drohnen oder Handy-Ortung während des Kalten Kriegs an der deutsch-deutschen Grenze.

Der Journalist Martin Schäuble, Jahrgang 1978, setzte sich u.a. in Black Box Dschihad (2011) mit einem extremen politischen Milieu auseinander und ist für seine exakten, vielseitigen Recherchen bekannt. Auch für Endland sprach er mit Sympathisanten der AfD und von Pegida, mit Flüchtlingen, Menschenrechtsaktivisten, Medizinern, einem Hacker des Chaos Computer Clubs, reiste nach Addis Abeba und verschaffte sich vor Ort einen Überblick über die dort herrschenden Probleme. 

Die Schilderung der Handlung aus drei Perspektiven, denen von Anton, Noah und Fana, macht das Werk sehr lebendig und ermöglicht den LeserInnen die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen, oft disparaten Ansichten. Dabei fällt auf, dass über Fana, der wir im Buch zuerst begegnen, am lebendigsten sind, auch wenn die Beschreibung der äthiopischen Lebenswelt ein wenig farblos bleibt. 

Antons Gefühlswelt hingegen bleibt oft hinter den Schlagworten der nationalen Gesinnung verborgen. An einer Stelle greift Anton das Vorurteil auf, dass Flüchtende ihr Land im Stich ließen: "Die meisten, die aus Syrien kommen, das sind junge Männer. Das wären doch gute Soldaten. Wieso hauen die ab? Wieso lassen die ihr Volk im Stich? Die Syrer haben doch ihr Syrien! Die sollten ihre Heimat verteidigen." (S. 59) In diesen Streitgesprächen mit Noah sind die Rollen ganz klar verteilt: Antons Meinung ist schwarz, Noahs weiß, und dies wird schnell eintönig.

Auch in der Schilderung der Liebesbeziehung zwischen den beiden, hätte man sich  mehr Leidenschaft und Zerrissenheit gewünscht – schließlich widerspricht Homosexualität dem Bild von Familie, wie es die Nationale Alternative propagiert. So sagt Antons Offizier beispielsweise, dass eine Familie "nicht aus zwei Vätern [und] nicht aus zwei Müttern" bestünde. Dies sei "nicht normal" und es handle sich dabei um "kranke Ideen" (S. 149).

Oftmals erdrücken die Bezüge zur Realität auch die Handlung: etwas Nationalsozialismus und Kalter Krieg, eine Prise AfD hier, ein paar Fake News da, Leaks, Edward Snowden, russische Spione, Lügenpresse, der abgeschaffte Euro, die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen und die deutsche Leitkultur. Teilweise wirkt das so, als habe der Autor eine Liste an aktuellen Themen und Schlagwörtern abhaken wollen. So zum Beispiel Phrasen wie das "links-rot-grün-verseuchte 68er-Deutschland" (S. 92) oder die Ausführungen über "Gutmenschen": "Die haben ein totales Helfersyndrom. Sie schreien immer: 'Willkommen! Willkommen!' Aber weiter denken die nicht. Gutmenschen eben." (S. 141). Dies ist leider zu schwarz-weiß und hierunter leidet dann wiederum die Entwicklung der Figuren, wodurch besonders Anton recht blutleer und eindimensional daherkommt. 

Was das Lesevergnügen, neben sprachlichen Mängeln, etwas stört, sind die zahlreichen Absätze auf einigen Seiten. Natürlich soll durch dieses Mittel die Schnelligkeit und Spannung gefördert werden, jedoch kann es auch einfach abgehackt, bzw. das Werk aufblähend, wirken. 

In einem Interview sagte Martin Schäuble, dass er mit diesem Jugendbuch diejenigen erreichen möchte, "die bei den populistischen Bewegungen in Europa und den USA ein komisches Gefühl haben", vor allem aber diejenigen, "die dieses Gefühl nicht haben" (https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/endland/978-3-446-25702-3/#fivequestions). Letztere aber werden sich von der Schwarz-Weiß-Darstellung vermutlich kaum ernstgenommen fühlen.

Fazit

Endland ist – mit ein paar Abstrichen – ein spannendes Jugendbuch, das viele Themen aufwirft, die politisch interessierte LeserInnen ab 14 Jahren bewegen, und das in hohem Maße zur Diskussion und zum Nachdenken über das aktuelle politische Geschehen anregt.

 

 


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