Von Hadassah Stichnothe

Wie ist es, seine Heimat hinter sich zu lassen? Und wie gelingt es einem, sich in einer vollkommen neuen Kultur zurechtzufinden? Julya Rabinowich erzählt in ihrem ersten Roman für Jugendliche überzeugend von den vielen schwierigen Schritten zwischen Weggehen und Ankommen.

Rabinowich, Julya: Dazwischen: Ich.
Hanser, München 2016.
256 Seiten. 15,00 €
ISBN 978-3-446-25306-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Madina musste fliehen. Woher sie kommt und wo sie nun ist, erzählt sie nicht so genau. Aber sie berichtet dafür von den wesentlichen Dingen in ihrem Alltag. Wie es ist, in einem Zimmer zusammengepfercht mit der ganzen Familie, einem nervigen kleinen Bruder und einer Tante, die mit allen zerstritten ist, zu leben. Welche Langeweile dort herrscht, welche drückende Enge und die ständige Angst, abgeschoben zu werden. Während die Erwachsenen auf den Radius des Flüchtlingsheims beschränkt sind, eröffnet sich für Madina jedoch eine ganz neue Welt. Sie geht in die Schule, sie lernt Deutsch und sie findet in Laura eine neue Freundin. Leicht ist das alles nicht. Zwar kann Madina schon bald bei Behördengängen für ihre Eltern dolmetschen, aber dafür muss sie mit ansehen, wie ihr Vater zwischen Wut und Demütigung schwankt und sie muss manchmal entscheiden, ob sie alles, was er sagt, richtig übersetzen sollte. Manchmal fragt sich Madina, ob sie durch ihre Freundschaft mit Laura ihrer früheren besten Freundin Mori untreu wird. Doch Mori ist tot und darüber kann Madina nicht sprechen, nur schreiben. Und so vertraut sie sich ihrem Tagebuch an, in dem sie endlich über die Dinge schreiben kann, die sie ängstigen oder wütend machen, wie die Gehässigkeiten einiger Mitschüler oder die Tatsache, dass sie ihrer besten Freundin nichts zum Geburtstag schenken kann.

Aber auch innerhalb ihrer Familie gibt es Konflikte: Madina muss feststellen, dass ihr freundlicher, verständnisvoller Vater auf die neue Unabhängigkeit seiner Tochter erst mit Hilfslosigkeit, dann mit übertriebener Strenge und schließlich mit Wut reagiert.

Je länger Madina zwischen der Welt ihrer Eltern und der ihrer neuen Heimat pendelt, desto sicherer ist sie: Ihre Zukunft liegt hier und sie wird alles dafür tun, dass sie und ihre Familie bleiben können. Doch der Krieg ist nicht so weit entfernt, wie sie gedacht hat und schließlich holen die Ereignisse in der Heimat ihre Familie ein. 

Kritik

Anders als beispielsweise Peter Härtling in Djadi, Flüchtlingsjunge oder Susanne Schmidt in Merjem verzichtet Rabinowich auf konkrete Bezüge zu politischen Konflikten. Madinas Heimatland ist nur vage muslimisch gekennzeichnet und auch über ihre neue Heimat erfährt man lediglich, dass es sich um ein deutschsprachiges europäisches Land handelt. In Verbindung mit einer autodiegetischen Erzählweise entsteht somit beim Lesen eine Mischung aus Nähe zu der Protagonistin, deren Sorgen und Gefühle eindringlich geschildert werden, und der Distanz zu ihrer Biographie, die sich einem zwar auf allgemeiner Ebene eröffnet, im Konkreten jedoch wieder verschließt und letztlich entzieht.

Dazwischen: Ich ist ein Tagebuchroman, was der Leser jedoch erst nach einer Weile erkennen kann. Dadurch ergeben sich allerdings erzähltheoretische Widersprüche. So ist nicht klar, in welcher Sprache Madina eigentlich schreibt, also ob in ihrer Muttersprache oder auf Deutsch. Da sie dieses zumindest am Anfang der Diegese nach eigenen Angaben noch nicht fehlerfrei beherrscht, der Text des Romans jedoch in grammatisch korrektem, stellenweise umgangssprachlichen Deutsch vorliegt, lässt sich hieraus schließen, dass die Ich-Erzählerin in ihrer Muttersprache schreibt, die entsprechend literarischer Konvention in der des Rezipienten wiedergegeben ist. Wenn Madina jedoch umgangssprachliche Ausdrücke ihrer Freundin Laura wie das drastische "scheiß dich nicht an" in ihr eigenes Idiom übernimmt (S. 75/76), scheinen plötzlich die logischen Grenzen dieser literarischen Fiktion auf. Doch diese Spitzfindigkeiten sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sprache des Romans wesentlich dazu beiträgt, dass die Protagonistin und ihre Geschichte so individuell und überzeugend wirken.

Julya Rabinowich gelingt es, ihrer Protagonistin Madina eine individuelle Erzählstimme zu verleihen, die ihren Ängsten und Hoffnungen auf äußerst prägnante Weise Ausdruck verleiht. Ihre schwierige Vermittlerposition zwischen den Eltern, die noch nicht recht in der neuen Heimat angekommen sind – und es durch ihre mangelnden Sprachkenntnisse und ihren beschränkten Aktionsradius auch gar nicht sein können – und der bald immer vertrauter werdenden Fremde, die sich Madina mit ihren Eigenheiten und zum Teil furchterregenden Freiheiten langsam erschließt, ist einer der Grundkonflikte des Romans. Madinas Optimismus angesichts der sich ihr bietenden Möglichkeiten und das Schuldgefühl gegenüber den furchtsam-verständnislosen Eltern wird ebenso geschildert wie deren Ängste und Hoffnungen. Auch die Frustrationen des Lebens im Flüchtlingsheim artikuliert die Erzählerin beinahe schmerzhaft offen:

"Mama hat gefragt, ob ich mich für unsere Familie schäme. Na ja. Für unsere Familie nicht. Aber dafür, wie wir hier leben, schon. Sie hat die Lippen zusammengekniffen, als hätte ich ihr die Schuld daran gegeben. Klar kann sie nichts dafür. Aber es ist mir dennoch unangenehm, die Enge und dass wir uns nichts leisten können und dass Papa sich so benimmt. Dass ich einfach immer herausfalle, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, hineinzukippen in das Leben hier. Scham ist etwas Widerliches, noch widerlicher ist es, wenn man sich sogar für die Scham schämt." (S. 128)

Andererseits stellt Madina bald fest, dass die neue Heimat ihr als Mädchen auch ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Freilich werden ihre zögerlichen Gehversuche in dieser Richtung von ihren alarmierten Eltern wieder unterbunden. Rabinowich schildert überzeugend die Verlustangst der Eltern, denen die Tochter (scheinbar?) zu entgleiten droht. Der Beschluss des Vaters, Madinas kleinen Bruder als ihren "Aufpasser" einzusetzen, überfordert nicht nur beide Geschwister sondern offenbart letztlich nur die Hilflosigkeit angesichts einer nicht kontrollierbaren Situation.

Der Konflikt des Vaters, der alles auf die Flucht in die neue Heimat gesetzt hat und dem es nun nicht gelingt. sich dort zurechtzufinden, findet schließlich am Ende des Romans seinen dramatischen Höhepunkt. Ein Happy End lässt sich bei dieser Konstellation kaum erwarten. Stattdessen endet Rabinowichs Roman so wie er begonnen hat: offen, aber nicht ohne Hoffnung.

Fazit

Ein Roman über die Flucht und das Ankommen in einem neuen Land, der sich politischen Spezifika entzieht und dafür das Universelle der Fluchterfahrung betont. Es ist eine politische Frage, ob es in einer von Pauschalisierungen geprägten Diskussion hilfreich ist, die soziale, politische und religiöse Unterschiede negierende Fiktion einer durch ihre Unbestimmtheit prototypisch anmutenden muslimischen Kultur zu verwenden. Unabhängig davon ist Julya Rabinowich ein psychologisch und ästhetisch absolut überzeugender Roman gelungen, den nicht nur Jugendliche ab 14 Jahren mit Gewinn lesen können.


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