von Dr. phil. Michael Stierstorfer

Eine Romanadaption als Comic? Kann das funktionieren, ohne dass zentrale Handlungsstränge verloren gehen? Diese actionreiche Adaption kommt dem Narrativ der Roman-Serie sogar entgegen und setzt den Fokus auf eine detailreiche Ausgestaltung des spannungsgeladenen Aufeinandertreffens von Halbgöttern mit mythologisch motivierten Fabelwesen und Göttern. Percy und seine Freunde bekommen auch in dem dritten Comic-Band übernatürliche Unterstützung beim Kampf gegen die Schergen des Titanen Atlas und treten dabei eine (Helden-)reise durch Amerika an.

Riordan, Rick: Percy Jackson. Der Fluch des Titanen. Der Comic.
Aus dem Englischen von Harriet Fricke
Adaption Robert Venditti
Zeichnungen Attila Futaki
Farben Greg Guilhaumond
Carlsen, Hamburg 2016
126 Seiten. 12,90 €
ISBN 978-3-551-77563-4
Empfohlen ab 10 Jahren

Inhalt

In der dritten Comic-Adaption eines Abenteuers von Percy Jackson, welche sich in den wichtigsten Handlungssträngen an die gleichnamige Romanvorlage anlehnt, muss der Halbgott die Jagdgöttin Artemis und seine Gefährtin Annabeth aus den Fängen des drakonischen Titanen Atlas und dessen verräterischen Gehilfen Luke retten. Zu Beginn der Handlung begeben sich Percy und Annabeth zu einer Militärschule namens Westover Hall, die in Maine liegt, um dort die beiden neuen Halbblute Nico und Bianca di Angelo vor dem Überfall einer Chimäre zu bewahren und nach Camp Half-Blood, einem Trainingslager, in welchem die halbgöttlichen Helden unter Leitung des Kentauren Chiron zu wehrhaften Kämpfern ausgebildet werden, zu bringen.

Auf dem Weg dorthin schließt sich Bianca den Jägerinnen der Artemis an, die als Kampfexpertin der Olympier alleine aufbricht, um gegen Atlas zu kämpfen, welcher bereits den Sturz der Olympier plant. Unmittelbar danach erscheint der Sonnengott Apollo mit seinem knallroten Sportwagen und beauftragt Thalia, die Tochter des Zeus, die anderen Halbgötter ins Camp zu chauffieren. Dort begegnet Bianca die Orakelpriesterin Pythia. Diese trägt ihr auf, Artemis zur Hilfe zu eilen, da die Jagdgöttin ihren Feinden unterlegen sei. In der Zwischenzeit rettet Percy mit seinem schwarzen Pegasus namens Blackjack einen Ophiotaurus, eine Art Seekuh, die sich später als potenziell gefährliche Waffe im Kampf gegen die Titanen entpuppt.

Nach weiteren Auseinandersetzungen mit dem drakonischen General Atlas und dessen Schergen, welche die Heroen bis nach Washington D.C. führen, wird der olympische Kriegsrat einberufen und die Götter entwickeln zusammen mit Artemis einen systematischen Schlachtplan gegen die Titanen.

Kritik

In diesem Band schlüpft Percy hauptsächlich in die Rolle des Halbgottes Herkules, der neben der Hauptfehde gegen die Titanen vier der Zwölf Heldentaten vollbringt. So findet er die verwundbare Stelle des Nemeischen Löwen heraus und bringt ihn zu Fall, bändigt den Erymanthischen Eber mithilfe des Satyrs Grover und verwendet ihn als Vehikel, überlistet den Drachen aus dem Garten der Hesperiden und nimmt dem feindlich gesinnten Atlas das Himmelgewölbe ab. Im Gegensatz zu den heute bekannten Versionen der antiken Mythen, in denen Herkules zumeist alleine oder mit seinem Gehilfen Iolaos die mythologischen Ungeheuer besiegt, agiert Percy stets in einem mehrköpfigen Team. Durch diese Änderung erfahren Heranwachsende, dass es sich aus moderner Sicht lohnt zusammenzuarbeiten. Als Gegenbeispiel erweist sich hier die eigensinnige Jagdgöttin Artemis, die alleine gegen den Feind ins Land zieht und prompt in Gefangenschaft gerät. Somit wird ein modernes Heldenbild im Sinne von funktionierendem Teamwork konstruiert, das Heranwachsenden womöglich vor Augen führt, dass sich eine effektive Zusammenarbeit zur erfolgreichen Problemlösung bewährt.[1]

Der Plot folgt dem Campbellschen Narrativ [2] dadurch, dass der zunächst ausgegrenzte Percy doch noch eine Heldenreise antritt und am Ende durch seinen selbstlosen Einsatz dazu beiträgt, dass der fiese General Atlas besiegt werden kann. Der Plot weist wie der Roman mehrere Spannungsbögen auf, welche sich dadurch entfalten, dass Percy und seine Freunde immer wieder in unterschiedlichen Teilen Nordamerikas auf mythologische Fabelwesen treffen und von diesen entweder wichtige Hinweise auf ihre bevorstehenden Aufgaben bekommen oder hinterhältig bzw. offensiv attackiert werden. Durch diese linear-sequenzielle Aneinanderreihung von mysteriösen oder kampfgeladenen Situationen erweist sich das Narrativ des Plots als eher flach und vorhersehbar.

Der Reiz dieser Comicadaption liegt hingegen vielmehr in der visuellen Umsetzung der mythologischen Mischwesen – und diese kann m.E. als facettenreich und kunstvoll angesehen werden. So sind der Mantikor, der Nemeische Löwe, der Riese Talos und die Empusen – Mischwesen aus Frauen und Schlangen – bis ins Detail ausgestaltet, sodass man bei dem Mantikor sogar die Stacheln auf seinem Skorpionschwanz erkennt und bei den Empusen die Schuppen auf der Schlangenhaut aufblitzen. Bedrohliche Settings, wie z.B. der Berg Othrys, der Schrottplatz des Talos und der Wald im Camp Half-Blood beim Kampf gegen die Jägerinnen der Artemis werden zumeist sehr dunkel inszeniert. Dagegen erstrahlen liebliche Orte wie San Francisco und der Olymp in helleren Farbtönen. Dadurch findet eine deutliche Dichotomisierung von Gut und Böse statt, die keinen Spielraum für ein ambivalentes Weltbild lässt. Somit wird die Sicht auf die Welt sehr vereinfacht dargestellt, was jungen Rezipienten zur Orientierung in diesem actiongeladenen Plot durchaus entgegenkommt, ältere Leser jedoch unterfordert.

Der Zeichenstil des Comics kann als düster-realistisch im Stil der prominenten Gespenster-Geschichten-Reihe bezeichnet werden. Die Panels zeigen die Protagonisten nicht nur aus der Halbtotalen, sondern auch aus der Nah- und Detailperspektive, sodass der Leser genau deren Gefühlslage mitverfolgen und somit leichter Empathie zu den Figuren aufbauen kann. Bei dynamischen Handlungen erhalten die Panels eine schiefe Linienführung, sodass dadurch rasante Handlungen besser nachzuvollziehen sind. Bei der Gefangennahme von Annabeth durch Atlas wird die Comicseite sogar schwarz eingefärbt, um diesem schrecklichen und hochrangigen Ereignis mehr Brisanz zu verleihen. Zeitgleiche Handlungsstränge werden durch eine geschickte Parallelmontage der Panels visualisiert, wodurch der Rezipient die Chronologie erkennen kann. Die einzelnen Kapitel werden durch magische Gegenstände als Seitenteiler abgetrennt, die dann im darauffolgenden Kapitel eine Rolle spielen und somit proleptischen Charakter erhalten, um ggf. das Interesse der Leser zu wecken. Am Anfang und Ende des Comics finden sich Outtakes von spannenden Panels aus dem Comic, auf dem viele actiongeladene Szenen mit Fabelwesen dargestellt sind und die den Leser auf das bevorstehende Abenteuer einstimmen sollen.

Fazit

Trotz des trivialen Plots, der stets auf die Verteidigung der humanen Olympier gegen die tyrannischen Titanen hinausläuft, kommen Comic- und Percy-Jackson-Fans aufgrund der kunstvollen Bilder und der vielseitigen "Kamera"-Einstellungen auf ihre Kosten. Zudem kommt diese Comic-Adaption aufgrund der motivierenden Bebilderung und des vergleichsweise geringen Textanteils leseschwachen oder weniger leseaffinen Teenagern entgegen, denen die Lektüre der zumeist über 400 Seiten umfassenden Romane der Percy-Jackson-Serie zu mühsam ist. Klar von Nachteil in Bezug auf die Leserführung ist jedoch, dass sämtliche Seiten unpaginiert sind, sodass das Zurechtfinden in der turbulenten Handlung für heranwachsende "Häppchenleser" ab 10 Jahren erschwert wird, die den Comic nicht in einem Zug durchlesen. 


[1] Vgl. zu diesem Themenkomplex ausführlicher: Stierstorfer, Michael: Antike Mythologie in der Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Unsterbliche Götter- und Heldengeschichten? Frankfurt a. M.: Peter Lang: 2017, S. 409f.

[2] Vgl. dazu: Stierstorfer, Michael: Griechisch-römische Mythen als Fundus des Fantastischen. Die Transformation des antiken Monomythos zum leistungsethischen Heldenbild in der postmodernen Kinder- und Jugendliteratur und im Film. In: Interjuli, Heft 1 (2015), S. 23-44.


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