von Nele Cichon

Mit The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian erzählt Sherman Alexie die Geschichte eines jungen Spokane-Indianers, der sein Leben verändern will und dafür von seinem Stamm beschimpft und ausgegrenzt wird. Er stellt sich jedoch gegen seine Widersacher und schafft, wovon andere nur träumen können. Der Roman beschreibt schonungslos die Realität eines Jungen, der von seinem Stamm als Verräter bezeichnet wird und darüber hinaus mit Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen hat.

Alexie, Sherman: The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian.
Little, Brown and Company, New York 2007.
240 Seiten. 12,99 €.
ISBN 0871138018.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Arnold Spirit, genannt Junior, ist 14 Jahre alt, Spokane-Indianer und lebt in einem Reservat in Washington. Er liebt es zu zeichnen und verbringt seine Freizeit mit seinem besten Freund Rowdy. Aufgrund eines angeborenen Hirnschadens hat Junior einen viel zu großen Kopf und viel zu große Hände und Füße. Außerdem stottert und lispelt er stark. Die anderen Mitglieder seines Stammes nehmen dies zum Anlass, um den Jungen regelmäßig zu beleidigen, seinen Kopf in die Toilette zu tunken oder ihn zu verprügeln. Darüber hinaus ist Juniors Familie sehr arm, der Vater ein Alkoholiker und die Mutter eine ehemalige Alkoholikerin. Die Familie hat so wenig Geld, dass der Vater Juniors geliebten Hund erschießen muss, als dieser schwer erkrankt, weil die Familie das Geld für die Arztrechnung nicht aufbringen kann.

Als Junior in die High School kommt, freut er sich sehr, denn er geht gerne zur Schule. Im Geometrieunterricht holt ihn aber schnell die Realität ein: Die Schule im Reservat ist so arm, dass er das alte Schulbuch seiner Mutter ausgehändigt bekommt. Dies bringt das Fass zum Überlaufen. Junior schmeißt das Buch wutentbrannt von sich und trifft dabei seinen Lehrer, Mr. P. Dieser ist nicht böse auf Junior, sondern rät ihm, das Reservat zu verlassen, denn er hat echtes Potential, welches in der Schule auf dem Reservat untergehen würde. Junior möchte Rowdy überreden, die Schule mit ihm zu verlassen, doch der verprügelt ihn und kündigt ihm die Freundschaft, denn er kann Juniors Handeln nicht nachvollziehen.

Von nun an geht Junior auf die Schule in Reardan, eine benachbarte Farmersstadt, in der fast ausschließlich weiße und reiche Menschen wohnen. Dies bekommt Junior auch am ersten Tag auf der neuen Schule zu spüren. Er ist ein Außenseiter und hat mit vielen Beleidigungen und stereotypen Beschimpfungen zu kämpfen.

Nach vielen Anlaufschwierigkeiten gewöhnt sich Junior an sein neues Leben, hat aber mit den Anfeindungen seines Stammes zu kämpfen. Die Menschen auf dem Reservat sehen Junior als Verräter. Auch in Reardan ist er nicht völlig willkommen, wenngleich er sich bei einigen weißen Jungen Respekt verschafft und sogar Freunde gefunden hat. Dies führt zu einem ziemlich starken Identitätskonflikt, der Junior an seine Grenzen bringt. Außerdem gibt es da ja auch noch Rowdy, seinen ehemals besten Freund, den Junior sehr vermisst. Beide spielen nun Basketball an ihren Schulen und treten gegeneinander an.

Im Laufe der Handlung hat Junior viel zu verarbeiten. Mehrere Personen sterben durch Alkoholmissbrauch, er weiß nicht, wohin er gehört und seine Freundschaft zu Rowdy scheint nicht mehr zu retten zu sein. Hinzu kommen noch die typischen Probleme eines Jugendlichen, der den ersten Kontakt mit Mädchen hat...

Kritik

Mit The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian hat der preisgekrönte Autor Sherman Alexie sein erstes Buch für Jugendliche geschrieben. Bekannt ist er u. a. für den Roman The Lone Ranger and Tonto Fistfight in Heaven (1993), in dem er sich mit dem kontemporären Leben auf dem Reservat auseinandersetzt. Auch in Reservation Blues (1995) behandelt er dieses Thema, und den Alkoholkonsum von Indianern. "[...] Alexie's fictional realism in his portrayal of the effects of alcohol on reservation life meets head-on the facts of real Indian existence and experience" (Evans 52). Außerdem schrieb er das Drehbuch für den Film Smoke Signals (1998), ein Independentfilm, der sich ebenfalls mit dem zeitgenössischen Reservatsleben, Alkoholismus und Identitätskonflikten auseinandersetzt. Des Weiteren wurde 2016 sein Bilderbuch Thunder Boy Jr. veröffentlicht, welches sich mit der traditionellen Namensgebung der Spokane Indianer auseinandersetzt.

Alexie selbst gehört ebenfalls dem Stamm der Spokane-Indianer an und wuchs in einem Reservat in Washington auf, genau wie der Protagonist seines Romans (vgl. Samuels 2008). Er wurde ebenfalls mit einem Hydrozephalus (Wasserkopf) geboren, musste mit Anfeindungen, einer ähnlichen Familiengeschichte wie Junior umgehen und besuchte ebenfalls die High School in Reardan (vgl. ebd.). Er selbst war alkoholabhängig, genau wie sein Vater, hat sich aber mit Mitte 20 dazu entschlossen, nicht mehr zu trinken (vgl. Jaggi 2008). Viele Familienmitglieder von Alexie starben durch Alkoholmissbrauch (vgl. ebd.). Neben den stark autobiographischen Aspekten von The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian, ist auch die Wirkung des Buches in den USA nicht außer Acht zu lassen.

Der Roman wurde aus dem Curriculum vieler Schulen gestrichen, weil der Inhalt, z. B. Juniors Nutzung von "filthy words" (Flood 2014), als unangemessen eingestuft wurde (vgl. ebd.). Das folgende Beispiel gibt einen Einblick in Juniors Gedanken und zeigt, dass er kein Problem damit hat, über private Dinge zu sprechen, die zwar normal sind, auf andere Personen jedoch befremdlich wirken können.

"I was fourteen and it was my first day of high school. I was happy about that. And I was most especially excited about my first geometry class. Yep, I have to admit that isosceles triangles make me feel hormonal. Most guys, no matter what age, get excited about curves and circles, but not me. Don't get me wrong. I like girls and their curves. And I really like women and their curvier curves. I spend hours in the bathroom with a magazine that has one thousand pictures of naked movie stars […] Yep, that's right, I admit that I masturbate" (Alexie S. 25 f.).

Dieses Zitat zeigt die humorvolle und ehrliche Stimme des Ich-Erzählers. Zugleich ist The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian voll von Emotionen und schonungsloser Realität: Junior kann nichts tun, als sein Vater seinen totkranken Hund erschießt. Er ist so wutentbrannt, dass er seinen Vater schlagen möchte. Zeitweise ist der Junge so wütend oder traurig, dass er nicht weiß, was er tun soll. Dabei geht es um Umstände, die er nicht beeinflussen kann und an denen er keine Schuld trägt. Dies zeigt auch das folgende Beispiel.

"It sucks to be poor, and it sucks to feel that you somehow deserve to be poor. You start believing that you're poor because you're stupid and ugly. And then you start believing that you're stupid and ugly because you're Indian. And because you're Indian you start be-lieving you're destined to be poor" (Alexie S. 13).

Junior ist fest davon überzeugt, dass aus seinen Eltern und seiner Schwester etwas hätte werden können, dass sie Karriere hätten machen können, wären sie nicht auf dem Reservat aufgewachsen und dortgeblieben. Er schreibt vieles dem Alkohol zu und dementsprechend spielt das Motiv des 'betrunkenen Indianers' eine hervorgehobene Rolle in Alexies Roman. Der Alkohol zerstört in diesem Buch regelrecht Existenzen und der Alkoholmissbrauch vieler Menschen auf dem Reservat führt zu tragischen Ereignissen, die in Junior Trauer in auslösen, die sich seine neuen Klassenkammeraden in Reardan gar nicht vorstellen können. Des Weiteren setzt sich Alexie mit vielen anderen Stereotypen auseinander und hilft den Lesenden gleichzeitig, diese infrage zu stellen. Dies tut er teilweise auf sehr humorvolle Art, z. B. wenn Juniors weißer Lehrer sich über etwas ärgert und rot anläuft, fragt Junior sich selbst, warum Indianer 'redskins' genannt werden und nicht umgekehrt. Im Falle des Alkoholismus ist Junior sehr stolz darauf, dass seine Oma nie einen Schluck Alkohol getrunken hat. Es sind also nicht alle Indianer alkoholabhängig.

Junior durchläuft eine wahre Identitätskrise, die er nur schwer bewältigen kann. Außer von seiner Familie hat er keinerlei Rückhalt und die anderen Stammesmitglieder können kein Verständnis für den Schulwechsel aufbringen. Er wird als Verräter beschimpft und als Apfel beleidigt; außen rot und innen weiß. Neben seinen Stammesmitgliedern weiß auch er nicht mehr, wer er ist.

Dieser Text klärt besonders über Mobbing und unangemessene stereotypische Äußerungen auf. Er zeigt Juniors Alltag, genau wie er ist, ohne dabei die unschönen Dinge zu vernachlässigen oder zu verschönern. Vor allem das ist es, was zur Empathie für den Protagonisten aufruft. Alexie ignoriert aber auch nicht die anderen Figuren in Juniors Umfeld und schafft so ein Gesamtbild, das den großen Unterschied des Lebens als Indianer auf dem Reservat im Vergleich zu dem einer weißen Person in der reichen Farmersstadt verdeutlicht. Dies wird auch bei einem Basketballspiel der beiden Schulmannschaften sehr deutlich: Verlieren die weißen Schüler, ist es zwar traurig, aber kein Weltuntergang. Verliert aber das andere Team, wird den Jungen in den meisten Fällen ein essentieller Erfolgs- und Glücksmoment genommen, denn einige hatten kein Frühstück und die meisten von ihnen werden nie aufs College gehen.

Fazit

The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian ist humorvoll geschrieben, an vielen Stellen aber sehr traurig und dramatisch. Es ist regelrecht eine Achterbahnfahrt der Gefühle, vor allem für den jugendlichen Protagonisten. Sherman Alexie schafft es durch eine authentische Schreibweise, die Leserinnen und Leser in seinen Bann zu ziehen, vergisst dabei aber nicht, die Dramatik um Junior und seine Familie zu unterstreichen. Das Buch behandelt Themen wie Mobbing, Tod, Armut und Rassismus. Dabei nimmt Alexie kein Blatt vor den Mund. Aus diesem Grund wird eine Altersempfehlung von mindestens 12 Jahren ausgesprochen.

Literatur

 

Erstveröffentlichung: 13.03.2018


catchme refresh
Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

August 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2