von Kirsten Kumschlies

Die 17jährige Amelie wächst wohlbehütet und materiell verwöhnt in einem der besten Stadtteile Oslos auf. Ihr Alltag besteht aus Partys, Shopping und vor allem aus Tanz. Ihren ganzen Ehrgeiz setzt sie ein, um später eine berühmte und erfolgreiche Tänzerin zu werden. Die Chancen stehen gut, denn Amelie hat Talent, bis sie plötzlich von heute auf morgen alles verliert und in eine schäbige, winzige Wohnung umziehen muss. Der spannend und dicht erzählte erste Jugendroman von Maja Lunde, der vor allem von dem Blick ins Innere der Hauptfigur lebt.

Lunde, Maja: Battle.
Aus dem Norwegischen von Antje Super-Cramer.
Freies Geistesleben, Stuttgart 2017.
221 Seiten. 17,00 €
ISBN 978-3-8251-5147-8
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Amelie, Ich-Erzählerin des Jugendromans Battle der norwegischen Autorin Maja Lunde, die durch den Roman Die Geschichte der Bienen internationale Popularität erlangt hat, wächst in einem privilegierten Stadtteil von Oslo auf. Ihr ganzes Leben hat sie dem Tanz verschrieben. Integriert in eine Clique wohlhabender Mädchen besucht sie die Schule "Valkyrie" und hier die Tanzklasse der renommierten Tänzerin Brigitta Jansson, die diese mit strengem Regiment führt. Amelie setzt alles daran, die Beste der Klasse zu werden und trainiert wie verrückt, körperliche Schmerzen krampfhaft ignorierend. Sie tritt damit in die Fußstapfen ihrer abwesenden Mutter, über deren Verbleib die Protagonistin die Leser im Dunklen lässt. Mehr erzählt sie über ihren attraktiven Vater, mit dem sie ein villenartiges Haus mit Swimming-Pool im Garten bewohnt, in das sie Schulkameradinnen gerne zu ausschweifenden Partys einlädt. Hinter vorgehaltener Hand nennen die Freundinnen Amelies Vater einen "DILF" (Dad, I‘d like to fuck), denn er erinnert äußerlich stark an George Clooney. Ausgerechnet an diesem Vater liegt es, dass Amelies Welt eines Tages komplett aus den Fugen gerät. Er hat das ganze Vermögen verspielt und landet von heute auf morgen im finanziellen Ruin. Für Amelie bricht alles zusammen, als die Gerichtsvollzieherin vor der Tür steht. Von Scham geplagt, verheimlicht sie ihren Freundinnen den Umzug in eine schäbige Wohnung im berüchtigten Osloer Problemstadtteil Stovner. Der Vater fällt in eine Depression und verbringt seine Zeit nur noch fast unbekleidet vor dem Fernseher, während Amelie aufhört, mit ihm zu sprechen und alles daran setzt, vor ihren Freundinnen den Schein aufrechtzuhalten. So verstrickt sie sich zunehmend in ein Netz aus Lügen, das sich kaum mehr entwirren lässt. Denn hinzu kommt, dass sie ausgerechnet in Stovner den Breakdancer Mikael kennenlernt, in den sie sich Hals über Kopf verliebt. Aber auch diese Beziehung ist Amelie hochgradig peinlich, weshalb sie im Kreise ihrer Clique an der Freundschaft zu dem smarten und allseits beliebten Axel festhält und an ihn sogar ihre Jungfräulichkeit verliert, obwohl sie sich gar nicht zu ihm hingezogen fühlt.

Am Ende muss Amelie sich entscheiden, denn das Lügennetz zieht sich langsam zu wie eine Schlinge um ihren Hals: Traut sie sich, die Wahrheit zu sagen, die Beziehung zu Mikael zu leben, sich von der gestrengen Tanzlehrerin zu emanzipieren und sich nicht nur der Gegenwart, sondern auch der Vergangenheit und damit dem Schicksal ihrer Mutter zu stellen? Die Frage stellt sich auf dem titelgebenden Tanz-Battle im berüchtigten Viertel Stovner, bei dem fast alle zentralen Figuren des Romans aufeinandertreffen....

 

Kritik

Maja Lunde hat mit ihrem jugendliterarischen Debüt einen äußerst spannenden, kurzweilig erzählten Roman vorgelegt, der sich auch durch seine relative Kürze von 221 Seiten gut in einem Zug weglesen lässt. Die Handlung beginnt in medias res und zieht den Leser sofort in ihren Bann. Durch die interne Fokalisierung bleibt man von Anfang an sehr nah an der Ich-Erzählerin Amelie und erlebt deren sozialen Abstieg hautnah und schmerzhaft mit, wobei deren Lügen teilweise schwer zu ertragen sind. Allzu offensichtlich ist doch, dass alles bald auffliegen wird und sie das Geld, das sie sich von ihrer Freundin Ida für eine Shopping-Tour leiht, nicht wird zurückzahlen können. Die story entwickelt sich rasant und ist getragen von schnellen Handlungsabläufen und den inneren Konflikten der Protagonistin. Jedoch sind die Figurenkonzeptionen nicht ganz frei von gewissen trivialen Erzählmustern, die auf Klischees und einer tendenziösen Schwarzweißmalerei basieren, etwa die Kontrastierung sympathischer Jugendlicher aus dem Problemviertel Stovner mit neureichen, oberflächlichen Teenagern aus dem Villenviertel, mit der auch die Raumdarstellung des Romans korrespondiert. So ist der soziale Abstieg nur vermeintlich der Untergang für Amelie, schnell wird klar, dass sie hier die wahren Freunde findet, die sich nicht über Geld, Shopping und Partys definieren. Der Problembezirk und seine Bewohner werden zur Entwicklungschance für die Protagonistin und helfen ihr beim Selbstfindungsprozess. Dazwischen steht allerdings ihre Freundin Ida, die im Kontext des sozialen Gefüges der Reichen-Clique eine Außenseiterposition einnimmt und durch einen Zufall sehr früh zur Mitwisserin von Amelies Lügenkonstruktionen wird. Sie deckt die Freundin, was sie im Verlaufe der Geschichte zu einer Bedrohung für Amelie macht und zu einem Bruch in der Freundschaft führt. Besonders klischeehaft erscheint dagegen die Konzeption der strengen Tanzlehrerin Brigitta, deren inszenierte Unnahbarkeit teilweise wenig authentisch wirkt:

 

"Dann begann sie wieder ihre perfekt inszenierte Wanderung durch den Raum, lange Linien, aufrechte Schultern, gerader Rücken.

'Dies ist kein Freizeitklub.' Sie hob die Arme, beinahe wie bei einem Port de bras. 'Die Technik MUSS sitzen.' Ein rascher Blick zu Ida. 'Aber mehr als das.' Nun sah sie wieder zu mir. 'Ihr müsst euch selbst in den Tanz legen. Wir müssen euch SEHEN.'

Sie war jetzt richtig in Gang, berauscht von ihren eigenen Worten.

'Tanzen ist eine Kunstform. Und echte Kunst entsteht durch die Seele...Dadurch, dass ihr eure Gefühle und...' Kunstpause. '...euren SCHMERZ in den Tanz legt.'

Die Konsonanten des Wortes wurden überdeutlich artikuliert – langgezogenes SCHM, rollendes R, scharfes Z." (S. 21-22)

 

Der Spannung aber tun solche Anleihen an Klischeevorstellungen keinen Abbruch. Und Amelies Geschichte ermutigt junge Leser auch dazu, den eigenen Weg zu suchen und sich von Cliquendruck und materiellen Statussymbolen zu emanzipieren.

Fazit

Ein rasant erzählter mitreißender Jugendroman, der sich einfach liest und vor allem Leserinnen ab 14 Jahren zur Identifikation mit der Protagonistin einlädt. Die Botschaft: Vertraue dir selbst und deinen Gefühlen und mache dich nicht abhängig vom Urteil anderer, und ganz klischeehaft: Liebe zählt mehr als Geld. Kein ungewöhnliches Thema für die Jugendliteratur, aber dennoch ein schönes und einnehmendes Leseerlebnis.


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