von Sabine Planka

Sophies Eltern lassen sich scheiden, während Pauls Mutter nach einem Fahrradunfall im Koma im Krankenhaus liegt. Ihre Sorgen und Probleme mit sich herumtragend – Sophie lernt den vier Jahre älteren Moritz kennen, Paul wiederum sieht Sophie und verguckt sich in sie –, treffen beide in einem Moment aufeinander, als sie dringend jemanden zum Reden brauchen. Ein Roman über Freundschaft, Verlust, aber auch über Hoffnung und Verlässlichkeit.

Jungwirth, Andreas: Schwebezustand.
cbt, München 2017.
320 Seiten. 9,99 €.
ISBN 978-3-570-31081-6.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Das Dreierteam der Freundinnen Vanessa, Sophie und Susa wird zerrissen, als Vanessa einen Freund hat. Vor allem die vierzehnjährige Sophie kommt sich überflüssig vor, wenn sie Vanessa und Jonas zusammen sieht. Vor einer Party, zu der die drei Mädchen mit Jonas wollen, kommt es zum Streit zwischen Vanessa auf der einen und Jonas und Sophie auf der anderen Seite, während sie auf Susa warten. Sophie und Jonas fahren allein zu der Party, wo Sophie auf den neunzehnjährigen Moritz trifft und mit ihm in seinem Porsche – ein Geschenk seines Vaters, der sich kaum um ihn kümmert – die ganze Nacht durch die Gegend fährt. Beide sehen sich von nun an häufiger und Sophie genießt diese neue Leichtigkeit fernab vom Streit mit Vanessa und vor allem fernab von ihren Eltern, die sich scheiden lassen werden. Doch ihre neue Freiheit bekommt Risse, als sie von Moritz, der sich zunächst sehr um sie bemüht, plötzlich versetzt wird. Er verhält sichabweisend und gibt vor, sie nicht zu kennen. Als sich beide aussprechen wollen, kommt es beinahe zur Katastrophe… Parallel dazu wird Paul eingeführt, der nach dem Unfall seiner Mutter zu seinem Großvater gezogen ist. Während sich Pauls Großvater abweisend verhält, knüpft Paul Kontakte zu Alfred, der im zehnten Stock des Hochhauses wohnt und ab und zu Pauls Großvater bekocht. Mit ihm redet Paul und findet heraus, dass sein Großvater und Alfred ein Paar sind, dies jedoch vor der Hausgemeinschaft verheimlichen wollten. Paul fällt bei seinen Streifzügen, die er seit seinem Umzug alleine macht, Sophie auf, die im selben Hochhaus im neunten Stock wohnt. Er beginnt, sie zu verfolgen, bis er sich schließlich traut, sie anzusprechen. Eine zarte Freundschaft entsteht, die sich bewähren muss, denn Sophie kann Moritz nicht vergessen. Aber dann ist Paul für Sophie da, als sie ihn dringend braucht.

Kritik

Andreas Jungwirth ist ein Roman gelungen, der sich in drei Teilen um Freundschaft, Verlust, Liebe, Hoffnung und Neuanfänge dreht und überzeugt durch zwei Protagonisten, deren Leben sich ändert und die sich in ihren neuen Lebenssituationen erst zurechtfinden müssen. Das Geschehen wird zunächst aus Sophies Sicht erzählt: Wie es zum Streit mit Vanessa und der Freundschaft zu dem älteren Moritz kommt, der sie beeindruckt, der sie aber auch zurückstößt und allein lässt. Pauls Leben wird den LeserInnen zunächst durch eingeschobene, und damit homodiegetische, Tagebucheinträge nahe gebracht, ein Kniff, der vor allem das Innenleben der Figur direkt erlebbar und seine neue Lebenssituation nachvollziehbar macht. Das ändert sich zu Beginn des dritten Teils, nachdem sich Sophie und Paul kennengelernt und er ihr sein Tagebuch zu lesen gegeben hat. Pauls Tagebucheinträge, vorher noch regelmäßig in der Narration enthalten, werden fortan bis auf zwei reduziert, die Paul Sophie schließlich auch vorliest. Eine heterodiegetische Erzählinstanz erzählt ab jetzt wechselseitig das Geschehen mal aus Sophies und mal aus Pauls Perspektive. Der dritte Teil des Romans ist es schließlich auch, der offenbart, was die LeserInnen vermuten, nämlich dass Alfred und Pauls Großvater ein Paar sind, dies aber nicht bekannt machen wollen, obwohl es im Grunde alle Mieter des Hochhauses wissen. Das Thema Homosexualität wird hier sensibel in die Handlung eingebettet, ohne plakativ im Vordergrund zu stehen und ohne die beiden Protagonisten aus den Augen zu verlieren, für die Homosexualität ohnehin kein Thema ist und die selbstverständlich damit umgehen. Im Gegenteil gelingt es Jungwirth zu zeigen, dass es eher die Älteren sind, die – selbst betroffen – ihre sexuelle Neigung verstecken wollen, obwohl dies für jüngere Generationen bereits völlig normal und alltäglich ist. Bedauerlich, dass diese Akzeptanz nicht Realität wird, wie es sich Paul in seinem letzten Tagebucheintrag wünscht. Das Thema des Mutes, zu seinen Taten, vor allem aber zu seinen Gefühlen zu stehen, durchzieht Jungwirths Roman konstant und manifestiert sich zum Beispiel, als Sophie herausfindet, dass ihr Vater nicht nur eine neue Freundin hat, sondern dass die beiden schon länger in Salzburg, dem neuen Arbeitsort des Vaters, zusammenleben und nicht erst seit ein paar Wochen, wie Sophies Vater vorgegeben hat. Sprachlich erzählt Jungwirth seinen Roman rasant im Präsens, was vor allem in den Szenen, in denen Sophie in Moritz‘ Porsche einen Adrenalinrausch erlebt, für Tempo sorgt, aber auch sonst das Geschehen unmittelbar anschaulich werden lässt.

Die Wucht der Beschleunigung presst Sophie in den Sitz, gleichzeitig stockt ihr der Atem und sie hält sich mit beiden Händen am Sitz fest. Konzentriert schaut sie durch die Windschutzscheibe auf den Asphalt, der immer schneller unter ihnen verschwindet. „Hundertfünfundsiebzig“, liest Moritz vom Tacho ab, „einhundertzeiundachtzig!“ Moritz lenkt den Wagen auf die Überholspur und sie rasen an mehreren Autos vorbei. […] „Zwei … hundert … sieben … und … siebzig! Mehr geht niiii … cht!“ Sophie stellt sich die Zahl in Ziffern vor: 2 7 7 . Und plötzlich abgefeuert. Über die Fahrbahn hinaus. Vom festen Grund katapultiert. Keine Bodenhaftung mehr. Sophie als Copilotin in einer Rakete, über eine Rampe ins Weltall geschossen. Und sie steigen, gewinnen rasch an Höhe, fliegen über die Landschaft hinweg. Die Straßen, die Felder, die Häuser, die Menschen, die Welt von oben. Die Luft peitscht ihr ins Gesicht. Sophie hat die Augen geschlossen, atmet gleichmäßig und tief. Ihre Arme liegen schwerelos neben ihr. In ihrem Bauch ein Kribbeln. Hunderte Insekten schwirren dort. Langsam sammeln sie sich. Ein Schwarm umkreist den Nabel. So soll es bleiben. Nie, nie wieder soll das aufhören … (S. 115/116)

Die zwiespältigen Gefühle und die Zerrissenheit sezierend zeigt Jungwirth, wie wichtig es ist, dass es jemanden gibt, dem man sich anvertrauen kann. Dementsprechend gelingt es Jungwirth auch, seine Protagonisten überzeugend zu porträtieren und Sophies Faszination für Moritz, den sie am Ende des Romans nicht so ganz vergessen kann, ebenso zu zeigen wie Pauls Gefühle für Sophie. Auch die Streitigkeiten zwischen Sophie und ihren Freundinnen werden nachvollziehbar, ebenso wie Pauls zerbrochene Freundschaft zum älteren Tim, der ihm erst Skateboard-Tricks beibringt, um ihn dann zu verleugnen und nicht mehr zu kennen, sobald er mit gleichaltrigen Freunden zusammen ist. Insofern haben beide Protagonisten eine große Schnittmenge an Erfahrungen, die sie teilen und die es ihnen ermöglichen, den jeweils anderen zu verstehen und ihn zu unterstützen.

Fazit

Andreas Jungwirth ist mit Schwebezustand ein Roman für LeserInnen ab 12 Jahren gelungen, der zwei Protagonisten in den Mittelpunkt stellt, deren Leben – geprägt von kleinen, darum aber für einen Teenager nicht weniger bedeutungsvollen Problemen, und großen Sorgen – sich plötzlich ändert und die sich mit neuen Lebensumständen konfrontiert sehen, die sie bewältigen müssen.


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