von Sabine Planka

Jonas und Leander sind BLUX, eine der talentiertesten Graffiti-Sprayer-Gruppen Wiens. Ungehemmt gehen sie ihrem Hobby nach und sprayen illegal auf alles, was sich als Malgrund anbietet. Die Freundschaft der beiden wird jedoch auf eine Probe gestellt, als sich Leander verliebt. Als ein Unglück die beiden Freunde trifft, muss sich Leander entscheiden, was er wirklich will. Ein wunderbares Buch über die Leidenschaft zur Kunst und über das Erwachsenwerden.

Kramer, Irmgard: 17 Erkenntnisse über Leander Blum.
Loewe, Bindlach 2018.
349 Seiten, 17,95 €.
ISBN 978-3-7855-8911-3.
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Als Jonas und Leander im selben Krankenhaus am selben Tag zur Welt kommen, ist das der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Sie teilen alles miteinander, vor allem aber die Liebe zur Kunst und Malerei: Stundenlang hängen sie in Museen herum, um die Techniken der Alten Meister zu ergründen und um sich Inspirationen für ihre eigene Kunst zu holen, denn: Beide sind Sprayer. Gute Sprayer, die sich als BLUX in der Wiener Sprayer-Szene längst einen Namen gemacht haben – und gejagt werden von der Polizei, die den illegalen Aktivitäten von Sprayern ein Ende setzen wollen. Und weil ausgerechnet Leanders Vater der leitende Polizeibeamte in diesem Fahnderteam ist, müssen Leander und Jonas ihr Talent geheim halten.

Eines Tages beobachten die beiden die Konkurrenz – und Leander verliebt sich unsterblich in ein Mädchen, dass er aufgrund seiner langen blonden Zöpfe heimlich Rapunzel tauft. Mehrmals begegnet er ihr und fühlt sich immer stärker zu ihr hingezogen, was sich auch nicht ändert, als er sieht, dass sie mit Tristan zusammen ist, 'dem' Sprayer der Stadt, dessen Berühmtheit wie ein Magnet auf andere wirkt.

Eines Tages begegnet Leander – verkleidet – 'Rapunzel' und kriegt doch kein klares Wort heraus. Als er hört, dass es eine Geburtstagsparty geben wird, beschließen er und Jonas, dort aufzutauchen, mit ungeahnten Folgen…

In diese Erzählung wird ein zweiter Handlungsstrang eingewoben, der sich kapitelweise mit Leanders Erzählungen abwechselt. Lila erzählt, dass sie am ersten Tag nach den Ferien in der Schule auf Leander trifft, einen schweigsamen, blassen und schlaksigen Jungen, der sich komplett verschlossen hat und kaum etwas von der Welt wahrzunehmen scheint – und immerzu nach Farbe und Terpentin riecht. Sie fühlt sich zu ihm hingezogen, kann jedoch Leander überhaupt nicht einschätzen, so abweisend verhält er sich ihr gegenüber. Als ein Schulausflug zum Wandern ansteht, stehen beide plötzlich allein Wald, weil sie den Anschluss zu ihrer Klasse verloren haben. Beide irren durch den Wald und finden schließlich nach Anbruch der Dunkelheit Schutz in einer Hütte, wo sich Leander und Lila beinahe näher kommen, als ein Rettungstrupp die beiden findet. Es dauert eine Weile, bis sie miteinander reden und sowohl Lila Leander ihre Liebe gesteht als auch Leander zugibt, sich in Lila verliebt zu haben.

Doch Leander trägt ein dunkles Geheimnis mit sich herum, das ihn am Leben hindert. Er zieht sich von Lila zurück, verschwindet und hinterlässt einen Abschiedsbrief…

Kritik

Irmgard Kramer ist mit 17 Erkenntnisse über Leander Blum ein einfühlsamer Roman gelungen. Gekonnt gelingt es ihr, auf der einen Seite die brennende Leidenschaft für Kunst und für das, was man empfindet, wenn man Dinge liebt und gerne tut, zu zeigen. Auf der anderen Seite steht das Gefühl des Verlustes eines geliebten Menschen, das Kramer der Leidenschaft konträr gegenüber stellt.

Geschickt verknüpft Kramerzwei Handlungsstränge miteinander, und damit zwei homodiegetische Erzählperspektiven, die sich immer wieder überschneiden und ihren Berührungspunkt finden in Lila, die Leander Rapunzel getauft hat, bevor er ihren richtigen Namen erfährt. Dabei zeigt sich zunehmend, dass Leanders Schilderungen unaufhörlich auf die Katastrophe hinsteuern und zeitlich den Erzählungen Lilas vorgeschaltet sind, die Leander bewusst wahrnimmt, als er neu in ihre Klasse kommt.

Beide Erzählperspektiven – Lilas und Leanders – berichten vom eigenen Leben, geben aber auch den Blick auf den jeweils anderen frei, wobei es Kramer differenziert gelingt, die Unterschiede in Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit verbunden auch die Entwicklung der beiden Protagonisten zu zeigen, so dass auch dem Leser erst nach und nach durch gezielt eingestreute Hinweise klar wird, dass es sich bei Rapunzel um Lila handelt.

Die Leser dementsprechend lange Zeit im Unklaren lassend, baut Kramer ihren Spannungsbogen auf, bis sich ein komplexes Gefüge ergibt, dass mit mancher Überraschung und Wendung aufwartet. Gleichzeitig bindet sie eine dritte Erzählinstanz ein, die sich manifestiert in den den einzelnen Kapiteln vorgeschalteten Zitaten, die von Kunsthistorikern, Kunstkritikern und anderen Künstlern stammen. Als Leser mag man zunächst glauben, dass es sich um 'echte' Zitate von ‚echten‘Kritikern etc. handelt, bis sich schließlich zeigt, dass hier ebenfalls erdachte Figuren zitiert werden, die gegen Ende des Buches eine Rolle spielen, nämlich dann, als Leander Blums Kunst entdeckt und er seine erste Ausstellung, zusammen mit Lila und ihren und seinen Eltern, besuchen kann.

Die beiden Protagonisten überzeugen – maßgeblich bedingt durch die bereits erwähnten Perspektivwechsel – in ihrer Konzeption, ebenso wie die Nebenfiguren, die ebenfalls mit ihrem persönlichen Schicksal ausgestattet werden, das sich nach und nach in Kramers Roman entfaltet und gehalten wird von einem stabilen Erzählrahmen, der springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart und unaufhörlich voranstrebt, ohne ins Langatmige zu verfallen.

Überzeugend ist dementsprechend auch Irmgard Kramers Sprachstil, der sich mitunter frisch, fast frech der Kunst annimmt: Jonas' Oma bezeichnet Jackson Pollock, den Begründer des Action Paintings, der seine Bilder im Drip Painting-Verfahren 'gemalt' hat, respektlos als "Farbschleuderer", den sie rausgeworfen hätte (S. 64). Derartige Äußerungen werden relativiert durch die Leidenschaft für die Kunst, die durch Jonas und Leander vermittelt wird und deren technische Fortschritte der Leser begleiten darf. Kramer bindet das entsprechende kunstpraktische und -wissenschaftliche Vokabular ein und erzählt vor allem die Passagen aus Leanders Sicht rasant und zügig. So werden sowohl die Szenen der Flucht vor der Polizei als auch die Szenen, als sie ein Auftragsporträt anfertigen, glaubhaft, so dass man als Leser das Gefühl hat, 'dabei zu sein'.

Letztlich ist Kramers Buch ein Roman über Kunst und über die Leidenschaft, mit der Künstler 'ihre' Kunst praktizieren. Interessant ist der Blick, den Kramer gegen Ende des Romans auf den Kunstmarkt wirft und der nachdenklich macht, wenn Leander feststellt: "Ich hab mir von allen Seiten erklären lassen, was in meinen Bildern steckt und was ich mir dabei gedacht habe. Sehr interessant. Jeder wusste es besser." (S. 343) Deutlicher kann man Kritik an der Kritik wohl nicht zum Ausdruck bringen und zeigen, dass Kunst oft ‚nur‘ um der Freude am Schaffensprozess entsteht.

Fazit

17 Erkenntnisse über Leander Blum ist ein Roman für LeserInnen ab 14 Jahren, der die Verkettung und Verknüpfung von Situationen und Entscheidungen zweier überzeugend konstruierter Protagonisten und deren Freunde zeigt, die den Weg zum Erwachsenwerden pflastern. Vor allem ist Irmgard Kramers Roman aber auch ein Buch über Künstler und die Liebe zur Kunst, deren Wege manchmal unergründlich sind.


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