von Kirsten Kumschlies

Die Geschichte von Sophie und Alex ist die Geschichte einer großen Liebe und von starken Gefühlen, begleitet von Selbstzweifeln. Nicht kitschig, sondern offen, ehrlich und ohne Tabus – ein leicht lesbarer Unterhaltungsroman, nicht frei von Klischees, aber ein einnehmendes Lesevergnügen.

Freytag, Anne: Den Mund voll ungesagter Dinge.
München, Heyne fliegt bei Random House 2017.
399 Seiten. 15,50 €
ISBN 978-3-453-27103-6
Empfohlen ab 14 Jahren.

Inhalt

Für die siebzehnjährige Sophie bricht eine Welt zusammen, als sie plötzlich mit ihrem alleinerziehenden Vater zu dessen neuer Freundin und deren Söhnen von Hamburg nach München ziehen muss. Von heute auf morgen soll sie bei einer neuen Familie leben, die ihr vollkommen fremd ist. Dabei muss sie zugeben: Das Haus ist wunderschön, geschmackvoll eingerichtet und riesengroß. Sowohl die neue Stiefmutter Lena als auch deren kleine Söhne begegnen Sophie uneingeschränkt herzlich und unvoreingenommen. Aber Sophie sperrt sich gegen die Zuwendung und das neue Heim. Ihr Vater, zu dem sie bis dato ein enges Verhältnis hatte, reagiert mit Unverständnis und Wut auf seine Tochter. Doch alles ändert sich, als Sophie das Nachbarmädchen Alex kennenlernt, das sie ebenso herzlich empfängt und auf sie zugeht wie die neue Patchwork-Familie. Alex nimmt Sophie buchstäblich an die Hand und stellt sie ihren Freunden vor. Zwischen den beiden Mädchen entwickelt sich schnell eine enge Freundschaft – für die eher spröde Sophie die erste dieser Art, bislang hatte sie sich nur ihrem Sandkastenfreund Lukas geöffnet, der inzwischen in Paris lebt und mit dem Sophie durch Skype und soziale Medien in engem Austausch steht. Doch eines Tages merkt sie, dass sie sich zu Alex noch viel stärker hingezogen fühlt als zu jedem anderen Menschen zuvor. Als es auf einer Party beim "Wahrheit oder Pflicht"- Spiel zu einem innigen Kuss zwischen den Mädchen kommt, geraten die bekannten Lebenswelten der beiden komplett aus den Fugen. Begleitet von Selbstzweifeln und inneren Konflikten der Protagonistin steht von nun an die Frage im Raum: Wird Alex sich von ihrem Freund Clemens trennen? Gibt es einen Weg, dass Sophie und Alex ihre Liebe leben können?

Kritik

Schon in ihrem Sick-Lit-Jugendroman Mein bester letzter Sommer hat Anne Freytag unter Beweis gestellt, dass sie Erzählungen mit hohem Unterhaltungswert, rasanter Handlung und hohem Erzähltempo schreiben kann, mit denen sie ihre jugendlichen Leser gekonnt in den Bann zieht. Dass das auch für Den Mund voll ungesagter Dinge gilt, belegt die Platzierung des Titels auf den Nominierungslisten der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018. Auch dieser Roman ist leicht erzählt und spannend geschrieben. Die Ich-Erzählerin Sophie mit ihren Ängsten, Zweifeln und Sorgen ist als Identifikationsfigur angelegt, die jugendliche Leserinnen sicher anzusprechen vermag, gerade weil sie nicht glatt und stereotyp konzipiert ist, sondern sehr mit sich und ihren Gefühlen hadert, was für die Leser durch die interne Fokalisierung sehr transparent ist. Die Spannung speist sich aus ebendiesem Zwiespalt und inneren Konflikten der Hauptfigur und wird getragen von der Frage, ob aus Sophie und Alex schlussendlich ein Paar wird und ob Alex ihren Freund Clemens verlässt.

Doch mehr als gute Unterhaltung hat der Titel leider nicht zu bieten. Seltsam eindimensional ist die Konzeption der erwachsenen Figuren. So muss sich der Leser ratlos fragen, wie ein solch egoistischer, unsensibler Vater sich jahrelang als Alleinerziehender hat bewähren können. Rücksichtlos und ohne jedes Verständnis für die Gefühle seiner Tochter verfrachtet er sie von Hamburg nach München und erwartet von ihr, dass sie sich sofort mit der ihr völlig fremden Familie arrangiert, die ihr vorher noch nicht einmal vorgestellt wurde. "Es geht nicht immer nur um dich, Sophie!" lautet seine herzlose Begründung. In München erscheint nun plötzlich Lena auf der Bildfläche, eine empathische, freundliche, herzliche, erfolgreiche Supermama, die alles richtig macht und sich schnell wünscht, Sophie wäre ihre eigene Tochter. Und dann sind da auch noch ihre Söhne im Grundschulalter, denen unterstellt wird, sie seien völlig unbefangen und unvoreingenommen allem gegenüber, nur weil sie Kinder sind:

""Dann bist du also unsere neue Schwester", stellt der kleinere fest und strahlt mich an. Als ob es so einfach wäre. Ich will gerade widersprechen und ihm sagen, dass ich niemals seine Schwester sein werde, aber seine großen Kinderaugen und dieser Blick lassen mich schweigen. "Mama, darf ich Sophie mein Zimmer zeigen?" (...) (S. 27)

Leon zieht mich zu den Stufen. "Komm ich zeig dir mein Zimmer." Er lächelt mich von unten an, dann flüstert er: "Ich hab eine Höhle, aber das darfst du keinem sagen, okay, Sophie?" (S. 28)

Bei dieser klischeehaften, unrealistischen Darstellung vom Zusammenleben einer Patchworkfamilie bleibt der Text leider stehen. Weil sich Sophie in Alex verliebt und von nun an nur noch das für sie zählt, ist sie gleichsam mit allem einverstanden, was ihr da innerfamiliär zugemutet und aufgezwungen wurde und geht fortan auf in dem Leben mit ihrem geliebten Vater, der Bilderbuch-Stiefmutter und den kleinen Brüdern in dem wunderbaren Haus. Vergessen und vergeben sind die Wutausbrüche des Vaters, die er bekam, nur weil Sophie das kleine Dachzimmer dem ihr zugeteilten Riesenzimmer vorzog und seine Unfähigkeit zum Dialog. Ihr Abitur schafft sie mit links, Probleme beim Schulwechsel nach den Osterferien (die es in Hamburg so gar nicht gibt, wie der Roman behauptet, dort sind es Frühjahrsferien) hat sie nicht, muss ja auch nicht, denn hier geht es nur um die erste große Liebe und das Coming-Out, – das aber ist freilich schön beschrieben, getragen von blumigen Überschriften wie Zwischen den Welten oder I pretend, die den kurzen und leicht lesbaren Kapiteln Namen geben. Sexualität wird offen und tabulos dargestellt, wodurch die Beziehungen der jugendlichen Figuren untereinander durchaus authentisch wirken. Gelungen ist auch stellenweise die Selbstreferenz, mit der der Text arbeitet, vor allem, als Alex Sophie attestiert, sie sei ein guter Buchcharakter und diese dann sinniert, aber gewiss kein Sympathieträger zu sein (obwohl sie selbstredend wunderschön ist und in der neuen Schule schnell zum Jungenschwarm wird). Der Figur muss widersprochen werden: Sie ist sowohl ein Sympathieträger als auch eine taugliche Identifikationsfigur für junge Leserinnen, die gerne schmökern und abtauchen in eine nett erzählte und leicht lesbare Geschichte, die von großen Gefühlen handelt.

Fazit

Ein schöner Unterhaltungsroman für Jugendliche ab 14 Jahren, die nach einer Schmökerlektüre suchen und einen Text mögen, der von homoerotischer Liebe erzählt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. 

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

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