von Natalie Hagen (unter Mitarbeit von Kirsten Kumschlies)

Ein Fantasyroman im Selbstverlag – einer von vielen, der auf die Fantasywelle setzt und nichts Neues zu bieten hat? So mögen die ersten Assoziationen sein, wenn man Der Feuerrabe in den Händen hält. Doch die Oldenburger Autorin Vera Reh überrascht mit ihrem Debüt, dem die Referenz auf Harry Potter zwar deutlich eingeschrieben ist, doch ihr gelingt ein intertextuelles Spiel, das die fantastische Welt in der Nähe von Bremen ansiedelt und mit aktuell brisanten Themen wie Flüchtlingspolitik und Umweltschutz verbindet. Und die Spannung kommt dabei nicht abhanden!

Reh, Vera: Der Feuerrabe. Das verschollene Buch der Druiden.
Gedruckt von Amazon 2017.
431 Seiten. 13,97 €
ISBN 22454984R00256
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Der 14-jährige Eric Rüster wächst als Adoptivsohn mit zwei Brüdern bei seiner alleinerziehenden Mutter Nora auf, seit er ein Baby ist. Als die drei Kinder erfahren, dass sie womöglich magische Kräfte besitzen und auf dem Weg von Bremen in eine magische Stadt namens Balderwald sind, können sie zunächst nichts von alldem glauben. Aber schon bald nach der Ankunft erliegen sie dem Charme Balderwalds und seiner Bewohner, die vollkommen im Einklang mit der Natur leben. Die Stadt und der umliegende Wald beherbergen nicht nur Menschen und Bäume, sondern auch magische Wesen wie zum Beispiel Feen, sprechende Katzen und zwergenhafte Wesen namens Munkler.

Zu Beginn des Schuljahres werden alle Neuankömmlinge durch einen magischen Baum in verschiedene Klassen eingeteilt. Eric rechnet nicht damit, überhaupt magische Kräfte zu haben, doch zu seiner Überraschung wird er ein Spirito – ein Magier des Geistes. Er lernt, mit Tieren und Pflanzen zu kommunizieren. Sein ältester Bruder, William, wird zu einem Tarro – Magier des Kopfes – erklärt, als der er sein logisches Denken verbessern kann. Sein anderer Bruder, Franky, gehört zu den Corpus – Magier des Körpers – und lernt von nun an, seine Körperkraft auf magische Weise einzusetzen. Die vierte Magierart – Corazon – ist die der Emotionen.

Eric findet schnell zwei gute Freunde, – die Corazon Mona und den Spirito David - mit denen er in der Schule mehr über das symbiotische Zusammenleben der Balderwalder mit der Natur lernt. Im Unterricht behandelt werden neben nichtmagischen Fächern – Chemie, Mathe, Musik, Kunst und Sprachen - Fächer wie Magische Tierwesen, Kräuter- und Pflanzenkunde, Pflanzenkontrolle und keltische Baumkunde, in denen sie lernen, ihre magischen Kräfte zu verbessern und zu vervielfältigen.

Zu Erics menschlichen Freunden gesellen sich zwei sprechende Katzen. Zu fünft decken sie fast schon vergessene Geheimnisse über unterirdische Geheimgänge auf, die einige Herrenhäuser der Stadt miteinander verbinden. Dort erfahren sie etwas über ein verschollenes Buch der Druiden, welches angeblich Informationen über Erics nebulöse Herkunft enthält. Was sie anfangs nur als spannendes Abenteuer sehen, wird allmählich zu einer ernsthaften Gefahr, die für manche von ihnen sogar den Tod bedeuten könnte...

 

Kritik

Was bei Rehs Roman sofort auffällt, sind die deutlichen Analogien zu J. K. Rowlings magischer Welt aus Harry Potter: Kinder mit magischen Kräften gehen auf eine Schule der Magie, um dort ausgebildet zu werden. Sie werden in vier Klassen aufgeteilt, und nur wenige Minuten davor gibt es bereits erste Feindseligkeiten gegen die Hauptfigur, die ohne ihre Eltern aufgewachsen ist. Sogar ein magisches Spiel, das Schabaka (kurz für Schach-Ball-Kampf) findet alljährlich statt, bei dem die besten Schüler jeder Magierart mitspielen dürfen. Diese intertextuellen Bezüge dürfen jedoch nicht als Zeugen eines müden Abklatsches von etwas schon mal Dagewesenem gesehen werden. Wie Reh selbst kürzlich in einem Interview sagte: „Es gibt […] leichte Parallelen zu Harry Potter – aber im Endeffekt habe ich mein eigenes Ding gemacht." (https://www.nwzonline.de/oldenburg/kultur/oldenburg-oldenburgerin-schreibt-fantasy-roman-von-waldmagiern-und-anderen-magischen-wesen_a_50,0,1465195180.html)

Die "leichten" Parallelen sind wohl untertrieben, denn die Analogien sind nur allzu deutlich. Aber: Reh inszeniert ein gelungenes intertextuelles Spiel, das durch die explizite Referenz auf Harry Potter getragen und in sich stimmig ist. In dessen Rahmen ist es nur folgerichtig, dass Joanne K. Rowlings Erfolgsbuchserie als Lieblingsbuch der Figuren genannt wird. In erzählerischer Hinsicht bleibt Reh hierbei relativ klassisch: Der Roman ist intern fokalisiert durch die Perspektive Erics und folgt einer chronologischen Struktur.

Die Hommage an die Harry Potter-Welt ist hier auf einen deutschen Handlungsraum übertragen und nimmt aktuelle gesellschaftlich brisante Themen wie z.B. die Debatte um Inklusion und die Flüchtlingspolitik auf. In der magischen Stadt Balderwald, die die Figuren von Bremen aus erreichen, leben magische und nichtmagische Menschen zusammen. Für jeden kann eine Aufgabe gefunden werden. Allerdings sind jene nichtmagischen Menschen, sofern sie nicht mit den Magiern aus Balderwald verwandt sind, von dieser Stadt ausgeschlossen. Zentral ist der Umgang mit der Natur, die den Bewohnern Balderwalds heilig ist. So wird etwa an Weihnachten selbstverständlich auf einen Weihnachtsbaum verzichtet: "Einen Baum zu fällen, nur um ihn dann zu dekorieren und nach einigen Tagen auf dem Abfall zu entsorgen? Sowas gab es hier nicht!" (S. 137)

Eine Nebenhandlung des Romans stellt die in Balderwald herrschende Angst vor den Feuermagiern dar. Diese stammen aus dem Orient und haben alle, genau wie Eric, bernsteinfarbene Augen. Dies erklärt auch die Anfeindungen, die Eric von Zeit zu Zeit durch einige Balderwalder erfahren muss. Bei den Feuermagiern hat sich eine kämpferische Gruppe herausgebildet, die gemeinhin als Feuerkrieger bezeichnet wird. In der Vergangenheit sind den Feuermagiern einige Ungerechtigkeiten und Ausbeutungen widerfahren. Nun wollen sich die Feuerkrieger mit Gewalt rächen. Aus dem Orient kommen daher einige flüchtende Magier, die in fernen magischen Städten wie Balderwald Zuflucht suchen. Die Mutter von Ariana, ein Mädchen, mit dem Eric kurz zuvor ein Date hatte, drückt ihre Ängste folgendermaßen aus:

"Meine Schwester, sie war eine Tarro, ging in den Nahen Osten. […] Die ersten Wochen waren wohl noch gut, doch sie schrieb uns von Unruhen innerhalb der magischen Gemeinschaft. Von Extremisten, die sich Feuerkrieger nennen. Aber wenn du mich fragst, dann ist dieses ganze Pack da genau gleich. Feuerkrieger, Feuermagier, ich sehe da keinen großen Unterschied. Dann hörten wir nichts mehr von ihr, die Wochen vergingen, bis wir von einem Anschlag erfuhren, bei dem sie wohl getötet wurde […]. Die leben da doch alle wie die Wilden. Die Augen, die Augen verraten sie schon. Es sind Feueraugen." (S. 161)

Zwar wendet sich Ariana im Folgenden von der Idee ab, Eric zu "daten", doch seine Freunde stehen weiterhin voll und ganz hinter ihm. Zu diesem Zeitpunkt erkennt er, dass er seinen Freunden voll und ganz vertrauen kann. Diese Einsicht lässt ihn selbstbewusster werden und sich von seiner ruhigen Rolle als Beobachter zu einer Person entwickeln, die sich gemeinsam mit ihren Freunden von einem Abenteuer ins nächste stürzt.

Fazit

Vera Reh hat mit Der Feuerrabe – Das verschollene Buch der Druiden (welches im Übrigen bald als Hörbuch erscheinen wird) einen starken Fantasy-Roman verfasst, der aktuelle gesellschaftliche Debatten wie Krieg, Flucht und Vertreibung sowie Inklusion und ganz besonders Umweltschutz auf humorvolle, fantasiereiche und dennoch ernstzunehmende Art behandelt. Auch Themen wie Moral in Freundschaft und Familie kommen nicht zu kurz. Der zweite Band ist soeben erschienen. Somit können sich Leser ab 12 Jahren auf ein weiteres Buch voller Magie, Freundschaft und Abenteuer freuen. Dem ersten Band sind mehr Leser und höhere Aufmerksamkeit zu wünschen. 


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