von Nele Cichon

In seinem Klassiker Peter Pan lässt J.M. Barrie die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein verschmelzen. Barrie nimmt die Lesenden mit auf die Reise dreier Londoner Geschwister, die mit Peter Pan, dem Jungen, der nie erwachsen wird, viele Abenteuer erleben. Schnell wird jedoch deutlich, dass das Leben des Jungen und das der Verlorenen Jungs im Niemalsland von Verlust und Tod geprägt ist.

Barrie, James Matthew: Peter Pan. Zweisprachige Ausgabe.
Aus dem Englischen von Kim Landgraf.
Anaconda, Köln 2017.
352 Seiten. 4,99 €.
ISBN 3730604783.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Die junge Wendy Darling lebt mit ihren Eltern, ihren beiden jüngeren Brüdern John und Michael, dem Kindermädchen Nana und dem Hausmädchen Liza in einem Haus in England. Eines Abends, getrieben von seinem Anerkennungswahn, verbannt Mr Darling Hundedame Nana auf den Hof. Sie hat sonst im Kinderzimmer geschlafen. Ausgerechnet in dieser Nacht kommt Peter Pan, um Wendy, John und Michael mit ins Niemalsland (Neuübersetzung) oder Nimmerland (Neverland) zu nehmen. Mrs Darling hat ihrem Mann schon vorher von dem Jungen erzählt, nachdem sie ihn des Nachts beim Aufräumen in den Köpfen ihrer Kinder vernommen hat und Wendy ihr von Peter berichtet, doch Mr Darling ignoriert ihre Sorgen an diesem Abend.

Peter möchte, dass Wendy mit ins Niemalsland kommt, denn er will sie den anderen Jungen vorstellen, den Verlorenen Jungs, deren Anführer er ist. Wendy soll für die Waisenjungen die Mutterrolle übernehmen und ihnen Geschichten erzählen. Gleichzeitig betont Peter aber immer wieder, dass Mütter schlechte Personen sind und dass er seine nicht vermisst. Mithilfe des Feenstaubes von Peters Fee Tinker Bell fliegen er und Wendy, mit John und Michael im Schlepptau, in Richtung Niemalsland.

Auf der Insel angekommen sagt Tinker Bell den anderen Jungen, dass sie auf Peters Befehl Wendy erschießen sollen, denn sie ist sehr eifersüchtig auf das Mädchen. Wendy überlebt den Angriff mit Pfeil und Bogen und die Jungen beschließen, ein Haus um sie herum zu bauen, damit sie wieder gesund wird.

Von nun an spielt das Mädchen die Mutter der Jungen, John und Michael eingeschlossen. Auch für Peter übernimmt sie die Mutterrolle. Die Kinder erleben zusammen viele Abenteuer, außerdem hat Peter einen bösen Feind: Käpt’n Hook. Dieser will Peter umbringen und lauert ihm bei jeder Gelegenheit auf. Hook und die anderen Piraten nehmen alle Kinder gefangen, außer Peter, der sie im letzten Moment retten kann. Am Ende kehren Wendy und ihre Brüder wieder nach Hause zurück, wo ihre Mutter immer noch sehnsüchtig auf sie wartet. Mr und Mrs Darling nehmen auch die Verlorenen Jungs bei sich auf. Nur Peter fliegt wieder ins Niemalsland zurück.

Kritik

Die Figur Peter Pan erschien bereits in Barries Erwachsenenroman The Little White Bird (1902). Im Jahre 1904 verfasste Barrie das Theaterstück in drei Akten Peter Pan, or the Boy who Wouldn’t Grow Up. Zusätzlich probierte er sich an anderen Textsorten aus und schrieb die Novelle Peter Pan in Kensington Gardens (1906) und den einaktigen Epilog zu dem zuvor genannten Theaterstück mit dem Titel An After-Thought (1908). Das Theaterstück von 1904 schrieb er zu einem Prosatext um, und es entstand der Roman Peter and Wendy, später Peter Pan, den Barrie 1911 veröffentlichte.

Peter Pan ist sorglos, etwas durchtrieben und wird nicht erwachsen. Auf Wendys Frage, wie alt er sei, sagt er nur, dass er es nicht wisse. Dies ist unterstrichen von einem von Barries wohl berühmtesten Sätzen: "All children, except one, grow up" (Barrie S. 8). Dieses Zitat beschreibt Peter, der im Gegensatz zu allen anderen Kindern im Roman, nicht erwachsen werden wird. Er vergisst viele Dinge, was als Teil seiner Identität des Jungen, die nie erwachsen wird, gedeutet werden kann (vgl. Tatar S. 38). Nichtsdestotrotz weiß Peter, wie man einem Mädchen schmeichelt und ihm Komplimente macht. So sagt er zu Wendy: "[...] ein Mädchen ist mehr wert als zwanzig Jungs" (Barrie. S. 59). Mit diesem Satz erreicht Peter, genau was er will: Wendy lässt sich überreden, mit ins Niemalsland zu fliegen. Dies ist ein Ort, den die Darling-Kinder aus ihren Träumen kennen. Die Verlorenen Jungs, die mit Peter auf der Insel leben, sind nicht mehr am Leben (vgl. Tatar S. 44). Es heißt, "Peter Pan is, in some ways, a compensatory child for all the boys who have fallen out of perambulators. He was once a dead baby, but he is also a fantasy child […]. The term 'lost' is used frequently as a euphemism for 'dead', as in 'he lost his father' or 'she lost a child'" (ebd. S. 44). So hat Peter auch diese Jungen nach ihrem Tod begleitet und sie ins Niemalsland gebracht.

Dies führt zu einer von Peters Besonderheiten: Er kann fliegen. "What child has not imagined the pleasures of soaring through the air and feeling alive with kinetic energy? Flying allows you to leave behind the safety of that nest known as home, and suddenly, to be above it all" (ebd. S. xxxvi). Fliegen kann Peter, weil seine Fee Tinker Bell ihn mit Feenstaub ausstattet und die Tatsache, dass jemand eine Fee besitzt, ist für die Darling-Kinder etwas Neues. Sie interessieren sich sehr für Peter und sein Zuhause, unterscheidet es sich doch grundlegend von ihrer Londoner Heimat. In diesem Zusammenhang muss die Rolle der Feen in der Folklore kurz angeschnitten werden, denn es wird ihnen nachgesagt, dass sie menschliche Kinder gestohlen haben sollen (vgl. ebd. S. 43).

Der anfangs unschuldig wirkende Peter entpuppt sich in Barries Roman als ein zeitweise egoistischer Junge. Dies liegt jedoch an seinem fehlenden Zeitgefühl, denn an einigen Stellen des Romans vergisst er ganz einfach, dass er Wendy und ihre Brüder im Schlepptau hat. Er bringt die drei Geschwister in eine gefährliche Welt und zu den Gefahren gehört vor allem Käpt’n Hook, dem Peter einen Arm abgeschnitten hat und diesen einem Krokodil zum Fraß vorgeworfen hat. Aus diesem Grund schmiedet der Pirat durchgehend Pläne, wie er Peter umbringen kann. Hook sticht jedoch durch seine kindliche Art ins Auge: Er möchte Peter und die anderen Jungen mit einem saftigen und zuckrigen Kuchen töten. Außerdem ist er versessen auf Peters Manieren und wartet regelrecht darauf, dass der Junge schlechte Manieren zeigt. Selbst als der Pirat in den Tod stürzt, scheint es, dass er sich über Peters 'schlechtes' Benehmen freut: "Da gab ihm Peter einen Tritt, statt ihn zu erdolchen. Endlich bekam Hook, wonach er sich so sehr gesehnt hatte. 'Schlechte Manieren', rief er höhnisch und fiel zufrieden ins Krokodil" (Barrie S. 301).

Peter sieht in Wendy eine Mutterfigur, die seiner Meinung nach auf keinen Fall erwachsen werden darf. Er ist zutiefst entsetzt, als Wendy am Ende des Romans zu einer erwachsenen Frau geworden ist, die selbst eine Tochter hat. Schon bevor sie Peter kannte, wusste sie schon, dass sie erwachsen werden muss:

"Alle Kinder, außer einem, werden groß. Sie wissen es sehr früh, dass sie groß werden, und genauso war es auch bei Wendy. Eines Tages, sie war zwei Jahre alt, spielte sie im Garten, und sie pflückte eine Blume und rannte damit zu ihrer Mutter. Ich glaube, sie sah wunderbar aus, denn Mrs Darling legte sich die Hand ans Herz und rief: 'Ach, warum kannst du nicht immer so bleiben!' Das war alles, was zu diesem Thema gesagt wurde, doch fortan wusste Wendy, dass sie groß werden musste. Man weiß es immer, sobald man zwei ist. Zwei ist der Anfang vom Ende" (ebd. S. 9).

Viel Zeit ist nach dem letzten Treffen von Peter und Wendy vergangen, doch Peter, der kein Zeitempfinden hat, ist schwer schockiert über die Veränderung. Es liegt nahe, dass Peter so heftig auf Wendys Erwachsenwerden reagiert, weil er selber nie erwachsen werden kann und auch nicht möchte. Da die kindliche Wendy nun nicht mehr als seine Mutter zur Verfügung steht, beschließt er kurzerhand, Wendys Tochter und deren Tochter und alle Töchter, die noch folgen werden, als neue Mütter mit ins Niemalsland zu nehmen, wenn ihm danach ist. Dies wird ihm gelingen, "[...] solange Kinder fröhlich und unschuldig und herzlos sind" (ebd. S. 349). So herzlos, um ihre Eltern einfach im Ungewissen zurückzulassen und sich immer darauf verlassend, dass sie immer mit offenen Armen bei ihrer Rückkehr nach Hause empfangen werden.

Mit Bezug darauf schildert Peter den Jungen und Wendy nach einiger Zeit, dass seine Mutter ihn durch ein neues Kind ersetzt hat. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Peter sich eine Mutter wünscht. Gleichzeitig sieht er die Rolle der Mutter als überbewertet an. Daraus ergibt sich, dass der Junge erwachsenen Frauen höchstwahrscheinlich nicht und wünscht sich aus diesem Grund eine kindliche Mutter wünscht.

In Verbindung mit dem Erfolg des Theaterstücks in London, an welchen Barrie nicht glaubte, weil er bis kurz vor der verspäteten Premiere Änderungen an den Schlussszenen vornahm (vgl. Tatar S. lviii), stellten sich die Figuren rund um Peter Pan, und natürlich dieser selbst, als äußerst profitable Merchandise-Objekte heraus (vgl. Alton S. 12-13): Es gab Peter Pan Weihnachtskekse, Kostüme für Halloween, Actionfiguren, Tinker Bell Ballettschuhe und vieles mehr (vgl. ebd. S. 13). Im Jahr 1929 entschied Barrie, die Rechte an Peter Pan dem Great Ormond Street Hospital for Children zu vermachen, denn er wollte etwas Gutes tun (vgl. Tatar. S. 377).

Im Jahre 1921 veröffentlichte Barrie ein Drehbuch für den Stummfilm Peter Pan, nachdem er die Filmrechte an Famous Players verkaufte (vgl. Alton S. 12). "Barrie believed that 'film can do things for Peter Pan that the ordinary stage cannot do […]'" (Tatar S. 321). Paramount produzierte den Film 1924, nutze jedoch nicht Barries Drehbuch (vgl. ebd. S. 321). Im Jahre 1939 einigten sich Disney und das Great Ormond Street Hospital auf den Verkauf der Filmrechte. Die zahlreichen filmischen Adaptionen reichen u. a. von Disneys Peter Pan (1953), welcher sich stark am Theaterstück orientiert (vgl. ebd. 326), bis Steven Spielbergs Hook (1991), in welchem Peter Pan erwachsen geworden ist, das Niemalsland bereits verlassen und sich in eine Frau verliebt hat (vgl. ebd. 332). Der Film zeigt jedoch stark die negativen Seiten an Peters Dasein als Erwachsener, der das Niemalsland vergessen hat.

Der Klassikerstatus des Romans zeichnet sich dadurch aus, dass Peter Pan über all die Jahre seit seiner Veröffentlichung bis heute bekannt ist. Der Roman ist der Grundstein für Motive, die stets neu aufgegriffen und weiterverarbeitet werden: Auch Fee Tinker Bell wurde eine eigene Filmreihe gewidmet. Lesende und Zuschauende, die sich mit Peter Pan in der Kindheit vergnügten, können die Thematik im Erwachsenenalter unter anderen Aspekten erneut kennenlernen.

Fazit

Der Klassiker Peter Pan von 1911 ist heute auch durch seine multimediale Erscheinung weltberühmt. Der Junge, der nie erwachsen wird, befindet sich in einem Zwischenstadium zwischen Kindheit und Erwachsensein. Zwar kommt Peter alleine zurecht und ist der Anführer einer ganzen Truppe anderer Jungen, wünscht sich jedoch Wendy als Mutter für ihn und die Verlorenen Jungs. Barrie greift die Todesthematik stark auf, versteckt diese jedoch oft 'zwischen den Zeilen'. Empfehlenswert erscheint es, das Buch nicht vor dem zehnten Lebensjahr zu lesen.

Literatur

  • Peter Pan. Hrsg. von Anne Hiebert Alton. Peterborough: Broadview Press, 2011.
  • The Annotated Peter Pan. The Centennial Edition. Hrsg. von Maria Tatar. New York: Norton, 2011.

 

Erstveröffentlichung: 05.07.2018


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