von Gerd Klingeberg

Jacks Großvater ist körperlich noch ausgesprochen fit, aber leider zunehmend dement. Der hochdekorierte Weltkriegsveteran der Royal Airforce wähnt sich noch immer in der Zeit des 2. Weltkriegs während der Luftschlacht um England. Alle sind der Meinung, dass es für ihn am besten sei, wenn er ab sofort im viel gepriesenen Altenheim "Twilight Towers" betreut würde. Doch der zwölfjährige Jack ist gänzlich anderer Meinung; er weiß, dass sein über alles geliebter Opa, mit dem er – zumindest in der Fantasie - schon so viele aufregende Abenteuer erlebt hat, im Altenheim zugrunde gehen würde. Das muss er verhindern. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln… Und bis hin zum überraschenden, fulminanten Finale…

Walliams, David: Propeller-Opa.
Illustriert von Tony Ross. Aus dem Englischen von Bettina Münch.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2017.
464 Seiten. 14,99 €
978-3-499-21785-2.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

"Eines Tages fing Opa an, Dinge zu vergessen."(S. 25) Und er vergaß auch, dass er inzwischen Pensionär war. Im 2. Weltkrieg war er der vielleicht beste Royal-Airforce-Pilot eines Spitfire-Kampfflugzeugs. Jetzt, im Jahr 1983, befindet er sich in seiner Wahrnehmung noch immer in dieser Zeit von 1940. Sein Sprachjargon ist durchweg militärisch ausgeprägt, sein Outfit – Uniformjacke mit polierten Goldknöpfen, tadellos gebundene Royal-Airforce-Krawatte, picobello gezwirbelter Pilotenschnauzbart und tipptopp gebügelte Hosen – ist ganz Gentleman, mal abgesehen davon, dass er immer in Pantoffeln unterwegs ist. Doch für seinen zwölfjährigen Enkel Jack ist das alles kein Problem; er versteht seinen Opa, der für ihn das Liebste auf der Welt ist, imitiert sogar dessen markanten Befehlston. Mit Begeisterung spielen beide Opas Kriegsabenteuer immer und immer wieder nach. Jack darf Opa sogar als Gast mit in die Schule nehmen, damit dieser vor der Klasse von seinen Kriegserlebnissen erzählt. Doch Opas Eskapaden – etwa, dass er nachts aus dem Haus verschwindet, auf den örtlichen Kirchturm klettert und von dort nur mit größter Mühe wieder heil heruntergeholt werden kann – werden für seine Umgebung zunehmend zum Problem. Nachdem Opa wieder einmal tagelang verschwunden ist, findet ihn Jack per Zufall im Londoner Kriegsmuseum, schlafend in einem originalen Spitfire-Kampfflugzeug. Natürlich sorgt dies für gehörigen Trubel. Opa muss sich gemeinsam mit Jack wegen Sachbeschädigung vor der Polizei verantworten. Doch bevor beide möglicherweise ins Gefängnis gesteckt werden, gelingt ihnen eine waghalsige Flucht aus dem Polizeipräsidium.

Jacks Eltern sehen sich indes zunehmend außerstande, den Opa weiterhin zu betreuen. Schweren Herzens und auf Empfehlung des ach so reizenden Pastors Eber entschließen sie sich, den alten Herrn ins Altenheim "Twilight Towers" zu geben. Dieses erst vor kurzem am Rande des Moors aufgemachte Domizil wird werbewirksam als "Disneyland für alte Leute" angepriesen. Doch als Jack seinen Opa besuchen möchte, muss er feststellen, dass es sich dabei tatsächlich um nichts anderes als eine umgewandelte viktorianische Irrenanstalt handelt: mit Wachtürmen, elektrischem Stacheldraht und ausgesprochen stämmig aussehenden ‚Pflegerinnen‘ mit Tätowierungen und haarigen Pranken. Dass zudem die Alten in großen Schlafsälen mit vergitterten Fenstern hausen, keinerlei Freiheiten haben und die meiste Zeit des Tages durch Pillen ruhiggestellt werden, verstärkt Jacks Vorhaben, Opa so schnell wie nur möglich aus diesem unheilvollen Haus wieder herauszuholen. Ein schier unmögliches Unterfangen, das von Jack, aber auch von seinem Opa jede Menge Mut und vollen Einsatz abverlangt und sich zu einem höchst gefährlichen, geradezu irrwitzigen Abenteuer auswächst…

Kritik

Ähnlich wie in seinem Roman Gangsta-Oma thematisiert der englische Bestseller-Autor David Walliams erneut das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln, erweitert es jedoch in Propeller-Opa um die Komponente Altersdemenz. Er beschreibt zunächst weitgehend realistisch und nahezu ohne Euphemismus, aber sehr einfühlsam und mit viel Witz die Verwirrtheit des in einer vergangenen Realität lebenden Opas und die entsprechenden Reaktionen der Menschen in seiner Umgebung, die – abgesehen von Jack – dessen Vergesslichkeit und fehlenden Gegenwartsbezug nur mit Mühe auszuhalten vermögen. Die daraus entstehenden verzwickten Situationen (die Nacht auf dem Kirchturm, ein folgenschwerer Besuch des Kriegsmuseums) werden indes immer skurriler und rasanter geschildert, die körperlichen Fähigkeiten des alten Mannes haben dabei fast schon Superman-Qualität. Vergleichbares gilt für die weiteren, zumeist karikaturesk überzeichneten Beteiligten – etwa die dürre, ständig auf "Fakten, Fakten, Fakten" beharrende Geschichtslehrerin Miss Veritas, den brüllenden, mit seiner extremen Größe und Statur an einen wilden Gorilla erinnernden Wachmann des Londoner Kriegsmuseums oder auch die brutalen Pflegerinnen der "Twilight Towers", die als "hässlichste Krankenschwestern der Welt" (S. 227) tituliert werden. Walliams fabuliert stets munter drauf los; die niemals nachlassende Lebhaftigkeit des Geschehens wird durch die zahlreichen sehr gelungenen, comic-artigen Illustrationen bestens unterstrichen. Zudem beleben Wechsel der Typologie, beispielsweise je nach Lautstärke größer oder kleiner dargestellte onomatopoetische Wortkonstrukte ("Zzz,Zzz, Zzz", "RA TA TA TAT!", "Knall, Wumms, Bamm") und aufgebrachte Dialoge, aber auch einzelne markante Hervorhebungen das Schriftbild. Als eine Art "Running Gag" fungiert Opas Parole "Auf, auf und davon…" mit geschwungener Schrift und bogig aufstrebender Grundlinie.

Die reichlich unfreundliche Charakterisierung des Pastors Eber (schwarz eingefärbte strähnige Haare, Schweinsaugen, Himmelfahrtsnase, diamantenbesetzte klobige Golduhr, Schlafanzug aus teurer Seide) und dessen protziger Habitus könnten zunächst als diskriminierend oder gar antikirchlich wahrgenommen werden; indes korrigiert der weitere Verlauf der Geschichte eindeutig jede derartige Einschätzung. Das wenig schmeichelhafte Bild der beiden einfältigen Polizeidetektive Beef und Bone in typischer Dick-und Doof-Manier wird allerdings kaum relativiert.

Vorsichtig und mit Bedacht geht Walliams auf den Tod ein, indem er diesen zwar nicht explizit beschreibt, aber in der Schilderung einer anrührenden, allerdings auch sehr denkwürdigen (weil manche Vorab-Geschehnisse erhellenden) Trauerfeier thematisiert.

Erwähnenswert ist ein Glossar, das anhand einiger Kernbegriffe den geschichtlichen Hintergrund der 1940er Jahre kurz und verständlich erläutert.

Fazit

Propeller-Opa erweitert Walliams‘ Kinderromane um ein weiteres, überaus unterhaltsames und spannendes Buch. Ungeachtet seiner teils urkomischen, bis ins Groteske gesteigerten Fantastereien überzeugt das Buch mit einem nachdenkenswerten, nach wie vor aktuellen und gewiss auch von Kindern gut nachvollziehbaren Blick auf das emotionale Miteinander der Generationen im Familienverbund, bei dem auch einem dementen Opa niemals die Menschenwürde abgesprochen wird. Gewiss mögen nicht alle (zeitgeschichtlichen) Anspielungen, Wortspielereien und Hintergründigkeiten für jugendliche Leser sofort verständlich sein; dennoch kann das Buch problemlos für Kinder ab 10 Jahren empfohlen werden. Und auch für Erwachsene bietet es ein echtes Lesevergnügen.

 

 

Erstveröffentlichung: 09.08.2018


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