von Gerd Klingeberg

"Dieses Kind lebt in einer Fantasiewelt." Sagt jedenfalls die Kinderfrau Mrs. Strawberry über die kleine Laurie Valentine, die ohne ihre Mutter, dafür mit einem dauernd beschäftigten Vater aufwachsen muss. Tatsächlich sind es die selbst erdachten fantastischen Geschichten, die nicht nur Laurie selbst helfen, sich mit ihrer wenig erfreulichen Lebenssituation zu arrangieren. Sie zieht damit auch einige schwer an Polio erkrankte Kinder - darunter auch ihren einzigen Freund Dickie - in ihren Bann und bewirkt erstaunliche Veränderungen…

Lawrence, Iain: Der Riesentöter.
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst .
Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017.
352 Seiten. 19 €.
ISBN 9783772527579.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Laurie ist ein einsames Kind. Ihre Mutter ist im Kindbett gestorben, ihr Vater widmet sich mit Geldsammlungen ganz dem Kampf gegen die in den 1950er-Jahren heftig grassierende Kinderlähmung und versucht mit allen Mitteln, seine Tochter vor dieser schrecklichen Erkrankung zu bewahren. Laurie malt über die Maßen gern und erfindet zudem immer neue fantasievolle, rätselhafte Geschichten. Ihr einziger Freund ist der wie ein Trapper gekleidete Dickie, der seine eigene kleine Welt mithilfe einer Spielzeugeisenbahn erstellt. Als Dickie unerwartet an Polio erkrankt, besucht Laurie ihn gegen den Willen ihres Vaters im Krankenhaus. Sie wird dort mit den schrecklichen Folgen dieser Kinderkrankheit konfrontiert: mit Kindern, von denen einige nur dank einer "Eisernen Lunge", in der sie Tag und Nacht nahezu regungslos liegend verharren müssen, am Leben erhalten werden und allenfalls kurze Phasen ohne diese Maschine durch mühsam erlernte Froschatmung überstehen können. Oder solchen, die mit schmerzhaften Hitzeanwendungen und Schienungen ihrer verunstalteten Gliedmaßen malträtiert werden, um die fatalen Folgen der Krankheit zu mindern. Als Dickie, der nur im Rhythmus der Maschine atmen und sprechen kann, seine Freundin um eine Geschichte bittet, erfindet Laurie eine fantastische, von allerlei erschreckenden Ungeheuern und Sagengestalten bevölkerte Welt, die vom brutalen Riesen Collosso grausam drangsaliert wird. Aber nur so lange, bis eines Tages der kleine Jimmy geboren und von der hässlichen Moorhexe zum Riesentöter auserkoren wird. Auf dem lebensgefährlichen Weg zu Collosso und bis hin zum fulminanten Showdown zwischen den beiden gänzlich unterschiedlichen Gestalten muss Jimmy unzählige Bedrohungen überstehen, doch er wird in seinem schier aussichtslosen Unterfangen auch immer wieder von neuen Freunden unterstützt. Und irgendwie scheint die Geschichte Parallelen mit der Situation der jungen Poliopatienten aufzuweisen.

Kritik

Der amerikanische Journalist und Jugendbuchautor Iain Lawrence verlegt die weitestgehend realistisch gehaltene Rahmenhandlung seines Romans als ersten Erzählstrang in die Jahre um 1955. Er orientiert sich dabei eng an medizinhistorischen Fakten um die einstmals gefürchtete Infektionskrankheit Poliomyelitis, die von vielen Kindern zwar durchaus schadlos oder sogar völlig unbemerkt überstanden wurde, andere dagegen zu Krüppeln werden ließ oder dauerhaft den Einsatz einer Eisernen Lunge erforderte, einem aus einem großen Metallzylinder bestehenden Beatmungsgerät, in dem die jungen Patienten teils monate- oder gar jahrelang nahezu unbeweglich liegen mussten. Die Entwicklung eines Polio-Impfserums und dessen, allerdings von fatalen Rückschlägen begleitete Einführung wird ebenfalls im Buch angesprochen. Lawrence schildert das Los der Kinder detailliert, gefühlvoll und anrührend, jedoch ohne Rührseligkeit. Depression und Verzweiflung werden nicht verschwiegen, stehen aber nicht im Vordergrund; vielmehr verdeutlicht der Autor ein bei Kindern nicht selten zu beobachtendes, von bewundernswertem Lebensmut und Hoffnung durchdrungenes Arrangieren mit den kaum zu ertragenden, aber bisweilen beinahe schon wie selbstverständlich akzeptierten Verhältnissen. Dabei hilft auch die Flucht in eine Fantasiewelt, die im zweiten, umfangreicheren Erzählstrang facettenreich und mit starken bildhaften Schilderungen generiert wird. Lawrence bedient sich darin unterschiedlichster Wesen aus diversen Sagen, aus der griechischen oder persischen Mythologie: Gnome, Hydren, Mantikore, Riesen, Einhörner und andere skurrile oder furchterregende Gestalten tauchen auf. Als eindrucksvolles Textbeispiel sei die Beschreibung der Moorhexe zitiert (S.61): "Sie war völlig verdreckt. Ihr Haar war lang, ihr Gesicht voller Falten. Sie hatte die Augen einer Echse und die Hände eines Frosches – zwischen den Fingern saßen Schwimmhäute, und an jeder Fingerspitze war ein fleischiger Knoten. Ihre Kehle blähte sich beim Atmen und ihre Stimme klang krächzend." Lawrence entwickelt einen raffiniert gestalteten, dramatischen Handlungsablauf, der indes durch kurze Einschübe zudem immer wieder mit der realistischen Ebene des Romans verzahnt wird. Die Verbindung der Charaktere aus beiden Strängen liegt zwar auf der Hand; jedoch vermeidet Lawrence allzu simple Vergleiche und Analogien, überlässt auch teils dem Leser die Wahl der Zuordnung. Die einzelnen Elemente – darunter auch der Sieg des vermeintlich Schwachen über das scheinbar unüberwindliche Böse – sind keineswegs neu in der Kinder- und Jugendliteratur, werden aber auf eine überaus gelungene, sehr ansprechende und spannende Weise angewendet. Die Polio-Thematik vermittelt eine durchaus schwierige Auseinandersetzung mit grausamer Krankheit und Tod, verhindert aber durch eine Distanzierung zum kaum noch bekannten Erscheinungsbild der Polio (die in Deutschland als praktisch ausgerottet gilt) eine allzu verstörende Identifikation der jungen Leser mit den angesprochenen Figuren. Ein aktueller Vergleich etwa mit jugendlichen Leukämie- oder Karzinompatienten würde sich indessen problemlos anbieten.

Fazit

Iain Lawrence hat mit Der Riesentöter eine großartig erzählte Geschichte vorgelegt, in der Realität und Fantasie auf packende Weise miteinander verknüpft werden. Bei aller Grausamkeit, die sowohl im Zusammenhang mit den Folgen der Kinderlähmung, aber auch beim Kampf zwischen Jimmy und Collosso beschrieben wird, ist dem Autor ein Mut machendes Buch gelungen, das den Wert von Freundschaft, Mitleid und Unterstützung markant unterstreicht, zugleich aber auch medizinischen Fortschritt unkompliziert fokussiert. Damit kann das Buch problemlos für Kinder ab 10 Jahren empfohlen werden - nicht nur, aber vielleicht gerade auch dann, wenn sie selbst oder in ihrem Umfeld mit schwerwiegenden Erkrankungen konfrontiert werden.

Weitere Rezensionen zu den Büchern, die für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert wurden, finden Sie hier.

 

Erstveröffentlichung: 12.08.2018


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